Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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HMiW M 3lc. 6 des ftonlifatfec IfmeKfifto MMmkliltkes, Brief a«s Rußland. Wir Juden stehen am Vorabend eines bedeutungsvollen Ereignisses. Tenn die Behandlung der Frage der Abschaffung des An siedlungsrayons kommt — 'wahrscheinlich schon in wenigen Wochen — vor das russische „Parlament." Das Elend von K Millionen Menschen wird endlich vor aller Welt deutlich zum Vorschein kommen; die Frage, die die.Kulturwelt bisher ipenig .interessiert hatte, wird endlich aufgerollt werden und überall, wo kulturelles Leben pulsiert, einen Widerhall finden. Das jüdische Elend mutz auS seiner Verborgenheit heraus, mutz der Welt klar vor Auge», geführt werden! DaS ist ein Ziel, das das Einbringen des Projekts verfolgt, und das es erreichen muß, einerlei wie die Duma es aufnehmen wird, lind wie wird sie es ausnehmen? Es ist schwer, hierauf antworten. Die dritte Duma hat keine festen Ansichten, sondern löst eine Frage heute >o, morgen wieder anders, je nach ihrer Laune. Jni allgemeinen, daS möchte ich bemerken, ist das Verhalten der russischen Juden zur Annahme des Projekts ein höchst mißtrauisches, und das ganze Projekt wird vyn ihnen nur als Mittel zu einer Demonstration angesehen. Soviel über das Projekt, über das ich im voraus nicht weiter sprechen will. Jetzt aber will ich dem Leser die augenblickliche Lage der russischen Juden vor Augen führe». Es ist nämlich geradezu auffällig, wie . kurz vor der Behandlung des obenbesprochenen Projekts noch einmal eine Blütezeit der Ausweisungen auftriit, und wie das alte Lied von Rayon, Wohnrecht und Austreisungen wieder in unser Ohr klingt. Die Regierung, die doch die Abschaffung deS Rayons selbst wünschen soll, und die nach ihrer Pfeife tanzenden Administrationen der.. einzelnen Städte und Provinzen befinden sich wieder in einem schweren Zustand der Ausweisungskrankheit. Befürchten sie 'etwa' die Abschaffung des Rayons, vor welcher sie ihren beliebten Sport nych einmal treiben wollen? Aus der Fülle der Ausweisungen, die in letzter Zeit vorgekommen sind, seien hier nur einige Perlen herausgesischt: Aus Tscheljabinsk würden 10 jüdische Familien als wohnrechtslos ausgewiesen. Aus der Bemerkung einer Zeitung, unter den Ausgewiesenen seien auch „angesehene Kaufleute," mutz ich schließen, daßdie Ausweisung dem Handel der Stadt nur unerwünscht erscheinen kann. Aber das tut nichts. Die russische Regierung versetzt dem russischen Volke gelegentlich auch gerne einen Stich, wenn sie ohne diesen den Juden nichts antun kann. Das haben wir bei den berühmten Kiewer Aus- »veisungen gesehen, gegen welche' viele nichtjüdische Kreise aus rein materiellen Gründen protestiert hatten. Aus Perm wurden 27 jüdische Schauspieler ausgewiesen. Aus Moskau .soll eine Reihe jüdischer Kleinhändler ausgewiesen werden. Die Ausweisung der Apothekergehilsen aus Kiew soll npr bis zum 15. April verschoben werden. In Jekaterinoslaw wurde die Ausweisung von 20 Familien wegen „rauhen Frostes" ans kurze Zeit verschoben usw. Zuletzt noch zwei interessante Fälle: In Petersburg tagt jetzt der Kongreß der Handwerker Rußlands, unter dessen Teilnehmern sich gegen 80 jüdische Delegierte befinden. Run müssen aber diese Delegierten das Wohnrecht haben, um am Kongreß teilnehmen zu können. Diese Frage rief tatsächlich große Aufregung hervor: Zuerst hatte das Ministerium des Innern den Aufenthalt in Petersburg nur den Juden gestattet, um bereu Teilnahme am Kongref die Gouverneure der Provinzen, in denen sie gewählt wurden, die Regierung ersuchen. Hieraus bat. der Präsident des Kongresses. die Vertreter der Regierung, diese'Einschränkung zu entfernen, was ihm auch versprochen wurde. Aber wenn Versprechen gegeben wird, mutz es doch nicht gehalten werden, und nach einigen Tagen erklärte ein Vertreter des Ministeriums des Innern dem Kongreßpräsidenten, das Wohnrecht könne nur den jüd. Delegierten verliehen werden, die von den einzelnen Gouverneuren empfohlen wurden. So wurden 10 jüdische Delegierte aus Petersburg ausgewiesen. Wenn man bedenkt, daß den Mitgliedern eines Kongresses, dessen Einberusung die Regierung selbst gewünscht hat, — der Kongretz wurde mit einer Rede des Handelsministers eröffnet — das Wohnrecht, d. h. die Teilnahme am Kongretz nicht gewährt wird, dann .kann mg» wirklich die Logik der russischen Regierung nicht enträtseln. Uebrigens haben die Sozialdemokraten in der Duma eine Interpellation wegen dieser Ausweisung eingebracht. Der zweite Fall, von dem ich sprechen wollte, ist folgender: Der Dumaabgeordnete Protopopow, der aüs England zurückgekehrt ist, erzählte einigen Jvunalisten, was ihm «in englischer Parlamentsdeputierter mitteilt«; Der Vizeminister des englischen Post- und Telegraphenwesens Samuel, ein Jube,^ wollte eine Krise. :MchRnMnd unternehmen) aber der Wunsch wurde ihm nicht gewährt. . . denn ein ausländischer Jude hat in Rußland kein Wohnrecht. Es wäre unnütz, diesen Fall zu erläutern: er ist auch so zu verstehen. . . . Uebrigens, wie wird sich die ausländische Presse zu diesem Falle verhalten? Wird sie auch hier die Stolypin'sche Regierung schonen und schweigen? . . . L. K. Persoualieu u Kleine Mitteilungen. -t Köln a.Rb. Referendar Edgar Ovpen- Helmer wurde zum Reserveleutnant der bayerischen Armee ernannt. Stuttgart. Geh. u mme zienr«t von Pflaum hat zum Andenken an seine Gattin zahlreichen Anstalten Zuwendungen im Gesamtbeträge von 50000 M. gemacht. (L.) Voten Die Rohr'sche Stiftung hatte im vergangenen Jahre in ihrer Krankenabteilung 500 Kranke mit 16171 Verpflegungstagen und in ihrer Siechenabteilung 7 Frauen und 1 Mann mit 2920 Verpflegungstagen. Die Ausgaben bezifferten sich auf 122 000 JL Justizrat Warschauer ist zum 18. Male zuin Stadtverordnetenvorsteher genählt woben. In den Vorstand der Handelskammer wurden Geh. Kommerzienrat Herz, Kommerzienrat Kantorowicz und Kaufmann I. Friedlaend er«Tiemessen gewählt. Bresiau In Wilsen bn> g ve, schied Justizrat Hermann Golinsky, langjähriger Stadtverordnetenvorsteher. Königsberg R.-M- N a t a n W o l f f, der langjährige Vorsteher der jüdischen Repräsentanten, ist verschieden. Budapest. Hier erschoß fich der Einjährig-Freiwillige Emmerich Stiller aus Kaschan, wie gesagt wird, wegen Maltraitierungen, die er als Jude zu erdulden hatte. Jaffa. In der jüngst abgebaltenen General» versainmlung der Bewohner des neuerbauten jüdischen Stadtviertels „Tel-Awiw" wurde beschlossen, die Straßen des neuen Viertels, wie folgt, zu benennen: Jehuda Halevy-, Lilienblum-, Achad Haam- und Ha - schachar-Straße. Rew-Aork. L o e b. der Steuerdirektor New- Borks und gewesene Sekretär Roosevelts, hat es verschiedentlich unangenehm empfinden müssen, daß sein Name einen Juden als Träger vermuten läßt. Er meldete deshalb seine Mitgliedschaft bei dem vornehmsten antisemitischen Klub „Union League Club", an; doch seine Anmeldung wurde mit der Begründung zurückgewiesen, daß Bedenken bestehen, ob er nicht zumindest von Juden abstamme. Als Loeb vor einigen Jahren Nadage Doree einsperren ließ, weil sie Sonntags vor der Präsidialkapelle eine Flugschrift verteilte, die Roosevelt aufforderte, sich der verfolgten russischen Juden anzunehmen, bestand Fräulein Doree darauf, Loeb über seine Abstammung zu verhören, denn sie wollte. Nachweisen, daß Loeb Antisemit sei, „wie alle Juden, die ihren Glauben schnödeverlasse u." New-Bork. Der Philanthrop Abraham Slimmer in Waverly (Iowa), der bereits eine Million Dollars für Wohltätigkeitszwecke ohne Unterschied des Glaubens weggegeben hat, spendete dem Montefiore Kosher Hospital-Chicago 10000 Dollars, dem Orthod. Heim für alte Inden- Chicago 10 000 Dollars und dem Marks Nathans Waisenheim - Chicago 5000 Dollars. Abraham Slimmer ist ein 75 jähriger Junggeselle. In Peoria (Illinois) starb der 64 jährige Millionär Samuel W o o l n e r, bekannt durch seine Wohltätigkeit; New Aork. G-rson Rosenzweig, der bekannte hebräische Schriftsteller und Hmnvrist, feiert demnächst sein 25jähriges Schriftstellerjubiläum. Bor etwa 19 Jahren gründete Rosenzweig mit Hilfe des Rabbiners Kasriel Zewi Sara- ,'ohn s. A. die hebräische Wochenschrift „Haibri", die er trotz materieller Erfolglosigkeit Jahre lang hielt, bis seine geschwächten Augen ihn zum Ausgeben zwangen. Es hat sich ein Komitee gebildet, um Rosenzweig zu seinem Jubiläum eine Ehrengabe zu überreichen. __ AuS den Vereinen. Frankfurt a. M. Verein kür jüd. Geschichte und Literatur. — In seinem Bortrage „J^nnere Beziehungen der Schopenhauers chen Philosophie -um Judentum" behandelte Rabbiner Dr. Nobel die idealistische Grundanschauung der auf Kant und Platon fußenden Schopenhauerschen Philosophie, die Welt, Zeit und Kausalgesetz als nur in der Vorstellung vorhanden lehrt. Er zeigte, daß diese Anschauung von der Herrschaft des Geistes über die Materie bei Schopenhauer die Bahn strenger Wissenschaftlichkeit verläßt und eine Wendung ms Romantische, ins Pessimistische, ins Metaphysische und Willkürliche eins.chiägt, indem sie lehtt, daß diese Welt der Eiycheinung nur eine minderwertige ist, eine nichtige und wertlose Welt. Hier an diesem Punkte, an dem sich auch die Wissenschaft von Schopenhauer äbwenoet, tritt auch das Judentum zu ihm in Gegensatz. Demi der Grundgedanke der Schopenhauerschen, wie überhaupt der idealistisch e n P h i l o s o p h i e, die Idee von der Souve: äni> tät des Geistes, der sich erst die Welt erschafft, ist ein eminent jüdischer, ist geradezu ein Grundgedanke der jüdischen Weltanschauung, wie dies schon — nach der talmudischen Ueberlieferung — jener zum Judentum übergetretene Neffe des Kaisers Hadrian, Onkelos, auf seines Onkels Frage nach dem Grundgedanken seiner neuen Religion zu antworten wußte. Noch schöner und tresfender aber kommt der Gedanke von der Herrschaft des Geistes über die Materie in lener Ueberlieserung von den 72 Weisen zum Ausdruck, die von dem Ptolomäerkönig mit der griechischen Ueberfetzung der Bibel beauftragt wurden. Als diese — also erzählt die talmudische Ueberlieferung — zu der Stelle gelangten: „Und am siebenten Tage war die Welt vollendet," empfand ein jeder von ihnen in seiner Kammer, daß die Heiden diese Stelle nicht verstehen werden; heißt cs doch vorher, in „sechs Tagen schuf Gott die Welt", und so übersetzten sie „am sechsten Tage war die Welt vollendet." In dieser Abweichung der Uebe.setzung vom Original dokumentiert sich am treffendsten der Gedanke von der Souveränität des Geistes über den Stoff. Dem Juden, der diese Anschauung hatte, war die Welt erst am siebenten Tage, da der Sabbatgedanke, da die Idee der Welt gegeben wurde, vollendet, dem Griechen, dem Heiden, dem die Materie alles war, mußte die Welt schon als am sechsten Tage vollendet erscheinen. Mit dem Appell, in unserem Leben die richtige jüdische Auffassung zu vertreten, die richtige Ueberfetzung zu betätigen, die nur durch die Beherrschung der Origiualsprache der Bibel möglich ist, schloß der ehrwürdige Redner seinen formvollendeten, geistreichen Bortrag, der mit viel Beifall ausgenommen wurde. Frankfurt a. M. Verein „Nachlaß Zw"r". Vergangenen Donnerstag sprach Rabbiner Dr. B a mberger-Hanau über „Die Prophetie im Judentum". Redner betrachtete die gewaltigen Prophctengestalten, ihre Gedanken und ihre Bedenhing vom rein religiösen Standpunkt aus. So erfahren wir von den allgemein nationalen Ideen und von der allgemeinen weltgeschichtlichen kulturellen Bedeutung der Prophetie weniger. Hauptsächlich suchte Redner nachzuweisen, daß durch die Propheten die Einheit des Judentums nicht zerrissen, sondern im Gegenteil nur fester geschmiedet werden könne. Hierdurch polemisiert Redner gegen das liberale Judentum, das von-einer Entwickelung im Judentum spricht und die Propheten als den Höhepunkt in ihr betrachtet. So erklärt Redner die oft behaupteten Widersprüche gegen die religiöse Gleichheit des Gesetzes in einer für die Einheit des Judentums befriedigenden Weise. Er verwirft vor allein, im Gegensatz zur linken Strömung, die Behauptung, daß die Propheten Gebete, Opferdienst und Zeremoniell für minder wichtig denn bas Sittengesetz gehalten hätten. Sonach bilden die Propheten nur eine Verstärkung der Einheit des Judentums, die gleichbedeutend ist mit der strengen Einheit des Gesetzes. F. Vf. Breslau. Am 24. Januar fand die erste ordentliche Mitgliederversammlung des Jüd. Jugendvereins statt. Nach Vorlegung des Geschäfts- und Kassenberichts erhielt der bisherige provisorisch gewählte Vorstand Entlastung. Aus dem Geschäftsbericht möchten wir hervorheben, daß der Verein in der kurzen Zeit seines Bestehens bereits eine Chanukkahfcier und drei Vortragsabende veranstaltet und regelmässige Freitag-Abende eingerichtet hat, und daß er 248 ordentliche, 67 außerordentliche und 3 immerwährende Mitglieder zählt. Die Versammlung trat darauf in die Beratung der Statuten ein. Als einschneidende Aendernng erwähnen wir, daß die Versammlung beschloß, von nun an auch Damen in den Verein aufzunehmen. In der daraus folgenden Vorstands wähl wurde Rechtsanwalt Samuel Nothmann durch Zuruf zum ersten Vorsitzenden wiedergewählt. Zum zweiten Vorsitzenden wurde Eugen Mittwoch gewählt und in zwei weiteren Mahlgängen noch 12 Herren zu Vorstandsmitgliedern. Posen. De« Posener Turner.Bund blickt auf eine siebenjährige Tätigkeft zurück. Wie bisher, war er auch in dem verflossenen Jahre bemüht, seinen Zweck, die körperliche Ausbildung der Juden der Stadt Posen, zu erfüllen. Die Turnstunden fanden zweimal wöchentlich in der Turnhalle des Friedrich Wilhelm-Gymnasiums statt. Im Berichtsjahr wurde an 94 Abenden geturnt. In einem Preis-Wett-Turnen, das gelegentlich des Sommerfestes stattfand, legten die Turner von ihren guten Leistungen Zeugnis ab. Auch die DamenturntiSJL« wrist eine stattliche Unzahl von Mitgliedern