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Neue jüdische Presse · 1911-01-27 · Heft 4 (27.1.1911) · page 12

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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M ilt. 4 des franftfatfet IsrkckWm FaMMMes. Das Sabbatproblem in Rußland. Von L. K. DaZ Sabbatproblem wird eigentlich erst jetzt in Rußland ausgerollt, da erst jetzt die Sonntagsruhe im Zarenreiche eingeführt werden soll. Bisher durften die Selbstverwaltungen der einzelnen Städte und Gegenden über das Recht des Handels an Sonn- und Feiertagen verfügen, und meistens wurde der Handel einige Stunden lang an diesen Tagen gestattet. Nun aber soll den Selbstverwaltungen dieses Recht genommen und die vollständige Sonntagsruhe im Reiche cingeführt werden. Die Duma hat die vollständige Sonntagsruhe schon im Mai 1910 angenommen. Damals brachten die Kadetten das Amendement ein, das den Inden und Muselmännern, die ihre Geschäfte am Samstag, resp. Freitag schließen, den Handel während einiger Stunden am Sonntag erlauben sollte. Wie bekannt, fiel das Amendement damals glänzend durch. Nun wurde das Projekt zur Einführung der Sonntagsruhe zum zweiten Male in der Duma behandelt; diesmal rief es eine ungewöhnliche Aufregung innerhalb der ganzen russischen Judenheit hervor. Daß die Orthodoxen empört wurden, ist mehr als selbstverständlich; und die Antireligiösen verdroß die Intoleranz der gesetzgebenden Körperschaft, die anscheinlich erstrebt, daß ein großer Teil unserer Brüder verarmen soll, oder daß die orthodoxen Juden ans materieller 'Not den Sabbat nicht mehr beobachten werden. Und darüber wird sich nicht einmal Herr Pereserkoivitsch freuen können, der bekanntlich eine Sonntagsgemcinde nach Berliner Art in Petersburg gründen wollte, dessen Plan aber scheiterte, da er nicht mehr als 2 Mitglieder ausbringen konnte. Die Nachricht von der Verhandlung der Duma über die Sonntagsruhe rief .besonders im Ansiedlnngsrayon und in Polen Aufregung hervor. Die jüdischen Tumadepntierten erhielten eine Menge Briese aus jüdischen Handelskreisen und von Rabbinern, in denen sie gebeten wurden, für die Annahme des Amendements, das den Inden, die Samstags nicht handeln, 5 Stunden Arbeit am Sonntag gestatten soll, alles Mögliche zu tun. Aehnlichc Briefe erhielten Vertreter verschiedener Parteien der Duma und selbst der .Handelsminister. Vertreter der Warschauer Kaufmannschaft kamen nach Petersburg, um über die Frage mit den Deputierten Friedmann und Nisselowitsch zu verhandeln. Denn tatsächlich können die jüdischen Kaufleute, die den Sabbat weiter beobachten werden, bei 'Ablehnung des Amendements 130 Tage i m I a h r ihre Geschäfte nicht treiben. Die Kommission, die das Projekt vor seiner Behandlung in der Duma durchznsehcn hatte, hatte das Amendement angenommen. Trotzdem befürchtete man sehr, daß es in der Duma, nicht durchgehen werde, und wie cs sich zeigte, .... niit Recht! Auf zweierlei Weise konnte der russischen Judenheit geholfen werben: entweder das obenbesprochene Amendement wird angenommen, oder anstatt der Einführung der vollständigen Sonntagsruhe soll es allen Geschäften gestattet werden, 1 bis 5 Stunden am Sonntag zu handeln. Zuerst entspann sich also in der Duma ein Kampf zwischen zwei Parteien: die eine war für. die andere gegen die Einführung der vollständigen Sonntagsruhe. Für die Sonntagsruhe war die Opposition, d. h. die Linke», und außerdem die Rechten; gegen das Projekt stimmte das Zentrum, i>. h. die Oktobristen und die Nationalisten. Die Linken, die eine Besserung der Lage der Handelsangestelltcn erstreben, mußten natürlich ans sozialen Gründen für die Einführung der Sonntagsruhe sein. Die Rechten waren dafür aus rein religiösen Gründen. So kam cs, daß sich die beiden äußersten Flügel der Duma vereinigten, obwohl die Motive ihres Handelns verschieden waren. Das Zentrum war dagegen der Meinung, daß die Einführung der Sonntagsruhe eher die sozialen Forderrmgen der Opposition, die ihnen als höchst revolutionär erschienen, als die religiösen Forderungen der Rechten befriedigen werde. Es kämpfte daher gegen die Annahme des Projekts, und als Kampfmittel benutzte es .alle möglichen Angaben: der russische Handel und die russische Industrie werden bei einer vollständigen Sonntagsruhe schwer zu leiden haben, allerlei Vergnügungen, denen die Handelsangestellten nachgehen werden, seien für diese viel schädlicher als einige Stunden Arbeit, und zuletzt — o Wunder! — wird doch dadurch gleichzeitig die religiöse Frage der Inden und Muselmänner gelöst werden! Der Meinung des Zentrums schloß sich die Regierung an, und der Ministergehilfe Müller, der diese vertrat, gab ebenfalls das zuletzt erwähnte Motiv an. Tatsächlich wurde die Sonntagsruhe angenommen; denn die Linken und Rechten zusammen erschienen stärker als das Zentrum. Bemerkenswert ist, daß die jüdischen Deputierten gegen die Sonntagsruhe stimmten, da sie zunächst die jüdische Frage yus diese Weise zu lösen versuchten. Nun karn die Reihe an die Lösung der Frage durch das bekannte Amendement. Man hätte erwarten können, daß das Amcndement einstimmig angenommen werde, wenigstens dann, wenn das Zentrum und die Rechten logisch handeln wollten. Das Zentrum wollte doch schon vorher die religiöse Frage der Inden und Muselmänner lösen, und die Rechten haben ja eben gezeigt, daß sie die Verteidiger der Religion sind! Aber das Zentrum, das dii^Judcn nur als Mittel zum Zweck benutzt hatte, lief jetzt eilig weg von dem, was es selbst verteidigt hatte, aus dem einfachen Grunde, weil ihm die Inden nun nicht mehr als Kampfmittel dienen konnten. Und die Verteidiger der Religion, die Rechten, werden lieber die ärgsten Feinde der Religion, wenn cs sich um die jüdische Religion dreht. So kam es, daß das Amendement durch die Mehrheit der vereinigten Rechten und des Zentrums abgclehnt wurde. Dieser Beschluß der Duma fiel wie ein Hammerschlag auf das Haupt eines großen Teils der russischen Jndenheit. In ihrer Verzweiflung ivandtcn sich viele jüdische Kanflcnte und Rabbiner an de» Handelsministcr. Wie verlautet, will dieser die Forderungen der Inden bei der Behandlung des Projekts im Reichsrat verteidigen. Wird aber dieser ebenso wie die Duma das 'Amendement ablehnen, so sieht sich ein großer Teil der russischen Jndenheit vor der Frage: verarmen oder auf den Sabbat verzichten? . . . Was die traurige Folge davon sein wird, ist — nach westeuropäischem Muster — leicht zu erraten. . . . Personalien «. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Eine der Säulen jüdischer Gelehrsamkeit und Lebensbetätignng, die das Ansehen der altchrwürdigen Frankfurter Gemeinde erhalten, ist gefallen: L a s s a r M a i n z ist von der ^Stätte seines irdischen Wirkens abberufen worden. Ein reich gesegnetes jüdisches Leben hat seinen Abschluß gefunden. Es konnte zum Segen werden, weil cs, 'in den Tiefen des Judentums wohlbewandert, ans ihm reiche Goldbarren schürfte. Bereits als Sechsjähriger wurde L. Mainz von Rabbi Salomon-Posen s. 'A. in den Talmud cingeführt. und er blieb sein Schüler bis zum Hochzeitstage, und so erwarb er sich ein jüdisches Wissen, »nt das ihn viele Rabbiner beneiden durften. Doch auch seine profane Bildung war eine vorzügliche; nach dem Abitnrinm bezog er die Universität, um Chemie zu studieren. Zum Erwerbszweig machte er jedoch auch seine profane Bildung nicht, sondern wählte den Bankierberuf. Lassar Mainz', Wirken läßt sich dahin charakterisieren, daß er wenig sprach und viel tat. Er war cs, der, als sich 1876 die Verhältnisse der Orthodoxen in der Gemeinde neu gestalteten, bestimmenden Einfluß übte — die Berufung Rabbiners Dr. Horvvitz s. A. nach hier war ihm zuzuschreiben — und er hat als Mitglied der Ritnnlkommission viel zu dem mustergültigen Stand der Gemeinde - itaschrus - Institutionen beigetragcn. Das hiesige israelitische Waisenhaus und das in Diez verdanken seiner Initiative ihr Entstehen. Im Kuratorium deS Berliner Rabbiner- Seminars und der hiesigen Religionsschule saß er seit Jahren. Er war auch Mitglied der hiesigen zionistischen Ortsgruppe. Ein Mann, der wie er auf dem Boden der Einheit Israels stand, das unverfälschte Judentum aus den Quellen kannte und selbständig dachte, mußte die Bedeutung der zionistischen Bewegung einsehen und seiner Einsicht gemäß handeln. An der Seite seiner Gattin, einer Tochter Rabbi Mosche Mainz' s. A.» hat er seine Kinder in seinem Geiste erzogen, und es war ihm vergönnt, sogar das dritte Geschlecht zu schauen. Wie er lebte, starb er. Kein Nachruf durste an seiner Bahre gehalten werden. Doch eins geschah an seiner Bahre: das Frankfurter Rabbinat vcrlieh ihm die „Maurenn"-Würde, welche Verleihung Rabb. Dr. Nobel in begründenden Worten kundtat. Fraukfurt a. M. Das Theodor Mehler'sche Ehepaar, Querstraße 18, feiert am 27. d. M. die goldene Hochzeit. Der Polizeipräsident hat Rabb. Dr. Lazarus beauftragt, dem Jubelpaar die vom Kaiser verliehene Ehejubiläums- Medaille zu überreichen. Frankfurt a. M. Justizrat Dr. Hermann Baer erhielt den Noten Adlerorden 4. Kl. Berlin. Dr. Rathen au, Generaldirektorder Allg. Elektrizitäts-Gesellschaft, erhielt den Roten A d l e r v r d e n 2. Klasse mit Eichenlaub. Berlin. Den Roten Adlerorden 4. Klasse erhielten Justizrat Dr. Alexander K a tz, Justizrat Dr. Engen F u ch s - Berlin und Verlagsbuchhändler G o l d s ch m i d t - Charlottenbnrg, Amtsgerichtsrat K e m p n e r - Brandenburg und Amtsgcrichtsrat Kali sch er -Berlin. — Im 72. Lebensjahre verschied Vcrlagsbnchhändler A l b e r t G o l d s ch m i d t, Vorsteher der Korporation Berliner Buchhändler. Bingen. Julius Landau wurde zum stellvertretenden Vorsitzenden der H andclska m m e r gewählt. Reichelsheim. Das hiesige Gemeindemitglied Hermann David vermachte den Armen der jüd. Gemeinde 6000 Mark. Hohensalza. Fadriibefltzec Affefsor a. D. Dr. Leopold L e v y ist vom Prinzregent von Bayern znm Rittmeister de r R e s c r v e befördert worden. Colmar. H. Bodenheimer, Felix Ginsburger , M. W e i l und Joseph M e tz g e r wurden in die H a n d c l s k a m m e r gewählt. Miltenberg. Durch eine Spende des früheren Religionslehrers W. Klingen st ein in London hat unsere Gemeinde eine komfortable Mikwoh erbauen können. Heilbronn. Isidor Flegenheimer wurde von der Handelskammer, deren Mitglied er ist, als E i s e n b a h n b e i r a t gewählt. — In B u ch a u a. F. ist Bankier Max Dreifuß wiederum zum Q b m a n n des Bürgera u s s ch u s s e s gewählt morden. -t. Metz. Die zu Mitgliedern des i s r a e l. Konsistoriums gewählten Justizrat Dr. E r n st M ü l l e r, tadtrat Felix Tut» r und Simon L> a lom o n-C a h e n imirC>eii von der Regierung bestätigt. Wien. Friedrich Mandel, Oberst und Kommandant des 34. Landwehr-Infanterieregiments, v e r s ch i e d im 54. Lebensjahre. — Der Historiker D. Heinrich F r i e d j n n g feierte seinen 60. W e buttst a g. Wien. Dr. Horaee Landau übergab der Akademie der Wissenschaften zum Zwecke der Teilnahme an dem Wettkampfe der Staaten und Völker, die alten, v e c s ch ü t t c t e n Kulturstätte n anfzndecken und die älteste Geschichte der Menschheit zu erforschen, den Betrag von 350 000 Krone n. Von diesen sollen 100 000 Kronen znm Ankauf und zur Veröfsentlichniig des wissenschaftlichen Nachlasses des Arcibienforschers Ed. Glaser und 250 000 Kronen für die Ausgrabungen in Babylon, Syrien und Aegypten und in späterer Zeit in Südarabien verwendet werden. Budapest. Baron Josef Herzog wurdezunr At a g n a t e n h a n s m i t g l i e d, Dr. Karl G o l d z i e h c r znm Professor am Polyt e ch n i kn mm und Dr. Aladar Elfer zum P r o f e s s o r an de r K lausenburger H o ch - s chule ernannt. — In Löcsc wurde die S y n ag o g e auägc» raubt. — In Be kes verschied der angesehene Gastwirt S a m u e l S ch w a r z, der bereits vor fünf Jahren als Scheintoter ins Grabe gelegt und durch das Dröhnen der anfpolternden Schollen zum Leben geweckt wurde. — Im 84. Lebensjahre verschied hier Frau S i m o n B a ch e r geb. Tedesco, Mutter des Seminardirektors Prof. Dr. Wilh. Bacher. Zioni. Budapest. In Kistalya verschied der 78 jährige jüdische Greis David Ehrlich. Sämtliche Geistliche des Ortes folgten der Bahre des überaus wohltätigen und frommen Mannes und sämtliche K i r ch c n g l o ck e n läutete n. — Bei dem Wettbewerb des Königin Elisab e t h d e n k m a l s wurden die jüdische» Architekten B a l i r t und I a i n b o r mit dem e r st e n P r e i s von 10 000 K r o n e n guSgezeichnct und ihnen die Ans führ nn g des M il l i o n en d en km als i't vertrage n. Zioni. Petersburg. Heilperin, seit drei Iah»zehnten Gehilfe des Justizministers, hat demissioniert. Der geniale Mann, der auf Kosten Alexanders lll. studierte und nur, weil er Jude war, nicht Minister wurde, wird wabrfcheinlich an Stelle des jüngst verschiedenen Baron David Ginsburgs, Präsident der hiesigen jüdischen Gemeinde werden. Paris. Baron Gustav v. Rothschild hat das von ihm über 50 Jahre bekleidete Ehrenamt als Präsident des Pariser jüd. K o n s i st o r i u m s aus 'Altersrücksichten n i e berge l e g t. Paris. Brigadegeneral Hey mann ist zum Kommandeur der Ehrenlegion und Uri, Sekretär der philosophischen Fakultät, Hauptmann Hauser, Hauptmann Adam Salomon, Graveur Georges Weil und Adolphe Maurice Wolf, Mitglied der Marineverwaltung, zu Rittern der Ehrenlegion ernannt worden. Konstantinopel. Das tüikifche Amtsb att verzeichnet u. a. folgende Ernennungen: Zum Dragoman des Gcneraldepots der Gendarmerie in Salonichi, M o i s c I e s s u a, ein Bruder des Sektionschefs im Kriegsnlinisterium Jsaac Jessua, znm Schulinspektor der mitylenischen Inseln I acnes D e v i d a s aus Smyrna. Konstantinopel. Die Regieiung beabsichtigt, in der ^nächsten Zeit zur Stärkung^ ihres Einflusses im Senat eine Anzahl neuer --Senatoren er- 48

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