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Neue jüdische Presse · 1911-01-06 · Heft 1 (6.1.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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i i vmtUftirfc* 3lrnrlitilil|fs fitiniliriililstt Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streisband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Lander Mk. 2.— KedaKtioir und Geschäftsstelle: SrankTurt a. ITC., XärtngeJlrrttJIe 7 Telefon 10507. - r-W-4 Herausgeber: Kali; Geis. Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4861. j 9. Jahrgang. Freitag, den 7. Tewes 5671 (6 Januar 1911). Nr. 1. i —' ■■ - - Inhalt des Hanptblattes. Artikel: Chaim Bialik und die hebräische Poesie — Eine würdige Tagung. — V Verbandstag der Jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reich. — Paris gibt nach! — Aus aller Welt. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Kunst und Literatur. — Wo ch en-Ka lend er. — Familiennachrichten- Chaim Bialik «nd die hebräische Poesie. Von M. W. Jabvtinsky. Deutsch oo» Cl. A. M a y e r - Frankfurt. Chaim Bialik, der beste zeitgenössische Dichter der modernen hebräischen Literatur, schildert selbst den Inhalt seines Schaffens in einem Gedicht, betitelt: „Wenn der Engel ruft". Auf den Anruf des Engels, der die heilige Pforte bewacht, erzählt ihm der Dichter die Geschichte seiner Seele: „Es war einst ein träumerisches Kind, das, am sonnigen Abhang einsam spielend, eine leichte weiße Wolke über den Himmel ziehen sah; und die Wolke sog die kleine Seele in sich ans und flog mit ihr dllrch den Aether. Aber ein Sonnenstrahl entführte sie und trug sie ans goldenen Schtvingen durch tveitc, unbekannte Welten. Und einmal siel der Sonnenstrahl auf die Träne eines Kindes; dort schlug die Seele des Poeten ihren i » Wohnsitz ans, und mit dieser Träne fiel sie j eines Tages auf das vergilbte Pergament eines großen, heiligen Buches. Und nun sang die Seele des Dichters, sang von allem, was sie gesehen hatte, von der weißen Wolke, vom goldnen Sonnenstrahl, von der fallenden Träne und von dem alten Buch mit den i heiligen Schriftzeichen."; Wirklich ist dies fast der ganze Inhalt von , Bialiks - Werken: Tie Liebe zur Sonne, zur j Natur mit ihren Freuden, die Liebe -zur heiligen ' , Schrift, und dann die Tränen — vor allem die j Tränen.. Mit ihr begann Bialik. Bei seinem ersten Debüt vor mehr als 15 Jahren war das russische Ghetto im trostlosesten Zustande. Man muß das symbolische Gemälde lesen, das er im! „Verwaisten Sang" entrollt. Bleischwere Wolken am grauen Himmel, ein rauher Wind, der fast bis in die Seele dringt, der schweigende Wald, der voni Tode träunit und längst ansgehört hat, auf einen Frühling zu hoffen. Und mitten in diese Trostlosigkeit einer Nachtigall unzeitgemäßer, - unerhörter Sang — „verwaist" in der herrschenden Traurigkeit. 1 In einem anderen Gedicht „Schirathi" (Mein Lied) gibt Bialik ein deutlicheres Bild des! Ghetto. Er hat das Lied von der Grille gelernt, | dem Sänger des Elends, deren Zirpen die zitj terndc Stimme des Vaters begleitete, locnn er am Sabbat niit seiner hungernden Familie das Loblied anstimmte, er lernte es von der Mutter, die, Witwe geworden, unter schmerzlichen Seufzern strickte, um ihre Kinder zu ernähren. Ebenso trostlos wie die Kindheit war auch des Dichters Jugend. Im „Einsamen Stern", einem Rückblick auf' die Vergangenheit, schreibt er: „O Leben ohne Licht und Hoffen, erstickt in der lastenden Dämmerung, o Leben eines Hundes, der an der Kette verschmachtet — verflucht seist du!" — In dem düsteren Dasein des Ghetto findet er nur einen Lichtblick, es ist das Beth Hamidrasch, die Talmudschule, wo Greise und Jünglinge, Arm und Reich, im Studium versenkt das Elend draußen vergessen. Bialik dichtet einen Hymnus der Verehrung ans diesen Zufluchtsort: „Wenn du die Quellen erkennen lvillst, ans der deine gepeinigten Brüder die Kraft schöpften, freudigen Herzens ans dem Scheiterhaufen .zu sterben, ivenn du den Schoß kennen willst, der alte Träne» deines Volkes getrunken hat, ivenn du die Mutter kennen willst, alt und treu, voller Liebe und Mitleid, deren schützende Fittige inimer bereit sind, ihre Kinder zu bergen, dann gehe zuin Beth Hamidrasch." Ter Dichter selbst glaubt seine moralische Kraft, seinen geistigen Reichtum der Schrift zu verdanken. „O mein altes Beth Hamidrasch," sagt er, „du ließest mich nicht allein und mit leeren Händen aus deinem glücklichen Schatten ziehen. Du gabst mir gute Engel zum Geleite mit: den fruchtbaren Gedanken, die klare Logik und ein ganzes Herz voll Hoffnung." Doch auch unendlich traurig ist zu gleicher Zeit dieser einzige Lichtpunkt des Ghetto. Im „Hamathmid", seinem autobiographischen Gedicht, zeigt er uns den Jüngling, der die Freuden der Jugend dem Ehrgeiz geopfert hat, ein „Mathmio" zu iverden, - ein Gelehrter, eine Leuchte des Talmud. Beim Morgengrauen sitzt er schon im Winkel, die Angen aufs Buch geheftet. Tie Morgenröte, der Wind, die Sonne, die Gespielen, alle die Lockungen der Natur und des Lebens rufen ihn; der kleine Asket aber bleibt siihtlos, er sieht nichts und hört nichts; das Leben gleitet am Fenster vorbei, ohne daß er je kennen lernt, ivas Freude und Glück ist. Und doch verschließt in dieseni Leben der Entbehrungen das Herz des Dichters einen unnennbaren Durst nach Glück, Schönheit, Sonne, vor allem nach Sonne. Man findet bei keinem Poeten aller Zeiten eine solche Anbetung, eine solche Vergötterung des Lichts. Es ist unmöglich — man müßte denn ein gleich großer Dichter sein —, einen klaren Begriff von dem Gedicht „Zoar" (Das Licht) zu geben, diesem wundervollen Poem, in welchem Bialik die Sonnenstrahlen in kleine, lebende Wesen verwandelt. Einen unglaublichen Reichtum der Farben und Nuancen weiß er darin aus dein Schatz der hebräischen Sprache zu ziehen. Oder man lese: Bassade (Im Feld), um zu sehen, wie dieser Jude, der Sohn und Enkel von Händlern, aufgeivachsen im Schmutz der Sackgasse eines Dörfchens, den fruchtbringenden Boden liebt, ivie er die Schönheit der Arbeit des Landmanns empfindet, lvie er Iveinend einen Gruß nach der Ferne schickt, zu' den Brüdern, die den Boden Palästinas bebauen. Doch neben den Reizen der Natur bietet das Leben noch tiefere und mächtigere Freuden, Trüunce der Jugend, Leidenschaft und Liebe. Das alte Ghetto kennt sie nicht, und Bialik ist nur ein Sohn dieses Ghettos. Trotzdem hat er Liebeslieder gedichtet, und es befinden sich einige sehr schöne darunter; ich erwähne nur das rührende Idyll: „Zipporeth", der Schmetterling. Doch ist dies alles nur reine Phantasie, und der Dichter gesteht es in einer kurzen, schwerinütigen Beichte, die hier vollständig wiedergegeben sei: „Birg mich unter deine Flügel, ich will, daß du mir Mutter und Schwester seist. Tein Schoß sei der Ruheplatz meines Hauptes und das schützende Nest meiner betrogenen Wünsche. — Wenn die Stunde des Mitleids kommt, die Tüinmerung, dann neige dich über mich, und ich enthülle dir das Geheimnis meiner Schmerzen. Man sagt, daß da Jugend sei in der Welt, — wo ist meine Jugend? Und noch ein anderes werde ich dir vertrauen: In meiner Seele ist eine Flamme, die brennt. Man sagt, daß da Liebe sei in der Welt, — ivas ist das — Liebe? Tie Sterne haben mir gelogen. Ich hatte einst einen Traum; auch er ist vergangen. Nun bleibt mir nichts mehr auf der Welt, nichts bleibt mir mehr. Atta en li dabar haolam, en li dabar —" Ties ist das Leben des Ghetto in den Augen seines genialsten Sohnes. In der Hölle, in die das Exil die Nachkonmien eines großen Volkes hinabgestoßen hat, gibt es nichts Wirkliches als Träume — und die Schrift. Was nran unter den: eriveiterten Begriff Sonne versteht — Lebensfreude, Jugend, Glück —, das ist im Ghetto unbekannt. Aber immer stärker und unbezähmbarer wurde dort der Durst nach Licht und Glück," und er hat sich kristallisiert in dem glühenden Wunsch nach einen: anderen Leben, in heftigem Aufruhr gegen das Ghetto. Dieser rebellische Geist war es, der die jüdische Jugend Rußlands in die ersten Reihen der Revolution gestellt hat. Auch Bialik ist ein Revolutionär, aber seine Auflehnung ist anderer Art, ist innerlicher, tiefer, vielleicht auch stärker. Nicht gegen den äußeren Feind führt er die Waffen, er vergißt ihn fast, mißachtet ihn, nur nur zu sehen, daß sein Volk allein schuldig ist, weil esleiden will. Es ist die Auflehnung des empörten Juden gegen seine eigenen nnterwürfigen Stammesgenossen. Sie bricht mit unerhörter. Gewalt ans in einer Kategorie seiner Lieder, in denen er sich ganz als Nachfolger und Erbe der alten Propheten enthüllt, als Dichter des Anfrnttelns und heiligen Zürnens. (Schluß folgt.) Eine würdige Tagung. Z n in V. V e r b a n d s t a g der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reich. Eine würdige Tagung! Würdig, wie es Männern von eineni Stande, wie es der der Lehrer ist, geziemt, gingen die Beratungen des

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