Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 50 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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p Ito, 50 M MnWtm WeWkm FamikMaM AdoinuMntsIir-rllllMil auf das „frankfurter Israelit, familienblatt" nehmen sämtliche Postänstalten des Jn- und Auslandes zu MK. 1,02 (jukl. Tieferim frei Ins lang) für das erste Vierteljahr 1911 entgegen. — Streifbandzusendung für Deutschland und Oesterreich- Ungarn Mark 1.50, für die übrigen Länder Mk. 2.— vierteljährlich. Dr. Hirsch Hildesheimer als Jude und Mensch. (Bon I. T u r o f f - Berlin.) „Mein Vater," sagte mir einst Tr. Hirsch Hildesheimer in traulicher Plauderstundc, „war ein Genie der Arbeit. Er brauchte kaum drei Stunden Schlaf und konnte so täglich 21 Stunden lang schaffen. Tabei verstand er es auch, intensiv zu arbeiten und in einer Stunde mehr zu leisten als >vir andere in vier. Als seinen Händen die Zügel entfielen, habeit wir, seine Söhne und Getreuen, sein Arbeitsfeld unter uns verteilt! Dennoch vermögen wir alle zusammen ihn, den Einen, nicht zu ersetzen." Was im Jahre 1899 beim Hinschciden des Rabbi Israel Hildesheimer eingetreten war, dürste sich jetzt, 11 Jahre später, beim Ableben seines großen Sohnes wiederholen. Denn auch Hirsch Hildesheimer wird auf gar manchem Gebiete kaum zu ersetzen sein! Tr. Hirsch Hildesheimer siel nach dem Tode seines Vaters die Sorge um das Rabbinerscminar, die Arbeiten für Palästina und der Kitmpf um die Schechita zu. Schon bei der Pflege des ersten Teils des geistigen Nachlasses, der Tätigkeit für das Rabbinersem in ar, zeigte Hirsch Hildesheimer, daß er keineswegs nur der Sohn seines großen Vaters lvar. Die Unterhaltung der großen Anstalt mit ihren 60 Hörern beanspruchte alljährlich große Beträge, die. zu beschaffen uni so schwerer lvar, als das deutsche Judentum sich noch den Luxus von drei weiteren Institutionen zur Heranbildung von Rabbinern leistet. Er niußte für seine Anstalt neue Quellen'eröffnen und zu diesem Zwecke alljährlich große Auslandsreisen machen, die ihn nach Paris und London, in früheren .Jahren auch nach Rußland und Skandinavien führten. Vielleicht ist es diesen alljährlichen Auslandsreisen zu verdanken, daß Dr. Hirsch Hildesheimer die Existenz eines einheitlichen, lvcnn auch einstweilen über alle Länder des Erdballs verstreuten jüdischen Volkes schon zu einer Zeit erkannt hat, da die meisten Juden Deutschlands noch in einem engherzigen, öden Nationalismus befangen waren. Bereits Ende der achtziger Jahre wußte er die,/Kolonisation Palästinas in ihrer vollen.Tragweite zu würdigen, und so sehen wir ihn im Jahre 1891 in Begleitung des unvergeßlichen Rahbi Samuel Mohilewer nach Paris reisen, um die Alliance für das große Kolonisationswerk zu gewinnen. Das Ergebnis der Verhandlungen liegt uns in einem Protokoll vor, in welchem das Zentralkomitee der .Alliance die grhßc; Bedeutung der jüdischen Kolonien in Palästina anerkennt, und sich verpflichtet, sic nach Kräften .zu fördern. Im Verlause der weiteren Jahre mußte Hirsch Hildesheimer noch öfter nach Paris reisen. Es handelte sich aber da nicht mehr um die Alliance, sondern um die I. C. A., deren Leiter' er mit solchem Erfolge im Interesse der Kolonien zu bearbeiten wußte, daß die Gesellschaft mehreren jüdischen Ansiedelungen große Darlehen gewährte, und schließlich sich zur Uebernähme ' der Rothschildschen Kolonien. verstand, trotzdem /die .englischen Mitglieder des Verwaltungsrates: sich, heftig, dagegen . sträubten. Nebst her praktischen Arbeit hat Hildesheimer auch auf theoretischem Gebiete fiir Palästina Bedeutendes geleistet. Als Dozent am Rabbinerseminar las er jüdische Geschichte und Geographie Palästinas. Von dem umfassenden Inhalt dieser Vorlesungen ist nur ein ganz kleiner Teil unter dem Titel „Beiträge zur Geographie Palästinas" im Jahresberichte des Seminars pro 1886 erschienen. Die kleine aber inhaltsreiche Arbeit wurde von Männern wie Socin (Bädecker) und Ternbonrg sehr gefeiert. Ich selber vermag als Laie darüber kein Urteil abzugcben; allein ich glaube schon, daß ein Hirsch Hildesheimer auch auf wissenschaftlichem Gebiete ganz Hervorragendes zu leisten vermocht hat. War er doch ein Lieblingsschüler Mommsens, und setzte doch der berühmte Historiker große Hoffnung aus ihn! Eine Professur an der Berliner Universität war ihm sicher. Sie winkte und lockte. Aber Hirsch Hildesheimer widerstand mühlvs der Verlockung. Statt sich für die „Menschheit" abzuplagen, zog er cs vor, in den Dienst seines eigenen Volkes zu treten, seines schwer mißhandelten, vielgeschmähten Volkes, dessen begabten Söhne es im Stich lassen, um ihr ganzes Sein der Wissenschaft zu widmen und mit ihreni besten Schweiße einen andern Boden zu tränken. Zwei Jahre nach Absolvierung seines Universitätsstudiunis sehen wir Hirsch Hildesheimer die Redaktion der „I ü d i s ch e n Press e" übernehmen, eines von seinem Vater begründeten, bis dahin jedoch wenig beachteten Blattes, das er in wenigen Jahren zur furchtbaren Waffe ini Kampfe gegen unsere Bedränger zu gestalien wußte. In dieser Wochenschrift, welche ungeachtet ihrer streng orthodoxen Richtung sich zeitweilig zum führenden Organ des gesamten deutschen Judentums emporzuschwingen vermochte, rief er die Juden Deutschlands zum Kampfe wider den gemeinsamen Feind auf und drückte ihnen gleichzeitig scharfe und ritterliche Waffen in die Hand. Statt auf den schimpfenden Gegner wieder zu schimpfen, ging er unnachsichtig seinen' „Gründen" nach und stellte sie vor der ganzen Welt als das bloß, was sie wirklich waren: als Fälschungen, Schwindel und Betrug! So gelang es Hirsch Hildesheimer allmählich, den Antisemitismus wenigstens in seiner rohesten nno gemeinsten Abart in den Augen aller Männer von besserem Geschmack derart zu diskreditieren, daß selbst das Wort „Antisemit" jetzt als Schimpfwort empfunden zu werden beginnt. Freilich, den Judenhaß auszurotten, konnte selbst einem Hirsch Hildesheimer nicht gelingen; dazu müßten unsere äußeren Verhältnisse, müßte das ganze Milieu, in ivclchem wir leben und atmen, total anders werden. Aber den Radauantisemitismus sind wir doch los geworden! Und diesen Erfolg hat das deutsche Judentum zum ganz erheblichen Teil seinem eben Heimgegangenen großen Kämpen zu verdanken! Äegentoärtig suchen und finden die von der Friedrichstraße zu Berlin vertriebenen Radauantisemiten eine Zufluchtsstätte bei den Tierschutzvereinen. Hirsch Hitdesheimer erkannte frühzeitig, daß es Selbsttäuschung wäre, wollte man in den Gegnern des rituellen Schächtens etwas mehr als den Rest der flüchtigen Scharen des Radauantisemitismus erblicken. Wäre es den Tierschützlern wirklich nur um das Wohl der armen Tiere zu tun, sie hätten sich in erster Reihe, gegen den grausamen Pferdehatz auf den Rennplätzen, sowie gegen die Jagd wenden müssen! Daher rief Hirsch Hildesheimer schon im Jahre 1886 alle Juden zum Kampf gegen die Schächtgegner auf. Gleichzeitig schuf er;in seinen Gutachtensammlungen ein gewaltiges ' 'Arsenal gegen sie und bekämpfte sie mit so schärfen Waffen, daß der Sieg unausbleiblich lvar. Den endlichen Triumph der Wahrheit und des Rechtes sollte er aber nicht mehr erleben! Die Aufhebung des S ch cch itaverhots in S achsen, die doch gänzlich sein Werk war, ist gerade an seinem Sterbetage erfolgt! Hirsch Hildesheimer war eine vollendete Schöpfung Gottes. Zu einer scharfen Auffaffungsgabe, eineni wunderbaren Gedächtnis und einer talentvollen Feder gesellte sich bei ihm eine glänzende, alles und alle bezwingende RednergcchL Um diesen Mann vollends harmonisch zu gestalten, ward ihm noch ein gütiges, goldiges Herz verliehen. Er konnte keine Not seines Mitmenschen sehen, ohne sofort helfend eingreifen zu müssen. Dabei umfaßte sein Herz alle Menschen mit gleicher warmer jüdischer Nächstenliebe. Mir sind Fälle bekannt, wo Dr. Hirsch Hildesheimer für arme kranke Christen Hunderte von Mark zu Badereisen aufgebracht hat. Auch die Zeitungsfrau vor dem Eingang zum Cafs Bauer zu Berlin, der er, nur um ihr was zukommen zu lassen, täglich mehrere Mittagsblätter adWkaufen pflegte, hat ihm bei der Kunde vonsei-, nein Tode heiße Tränen nachgeweint. Seine große Herzensgüte kam freilich kr erster Reihe seinen eigenen Glaubensgenosse» zugute. Mcht nur gab er weit mehr,: ÄS er konnte, er suchte für sie zu sammeln und entwickelte dabei eine Beredsamkeit, die unwiderstehlich war. Daher war sein Haus stets von bedürftigen Glaubensbrüdern umlagert. Diesen Arnicn, sowie den zahllosen Flüchtlingen aus Rußland, Galizien und Rumänien, d>eiL er stets ein Helfer in der Not war, wird ’Sfc - Hirsch Hildesheimer fortan sehr fehlen. Weit meh» aber noch wird ihn das deutsche Judentum, wer-- den die Juden aller Länder den Mann schmerzlich' vermissen, der ihnen drei Jahrzehnte lang Vampgeschritten ist und den Weg zum Kampf wM Sieg gewiesen hak. Ter Tod hat dem JudrüAv eine Wunde geschlagen, die kaum in JahrzeHÄyrvernarben wird. Ein großer Jude, ein guter, edler Mensch ist heimgegangen! „Chawal al din welo mischtakchin." - - -.'-Hs Die Beerdigung Baron David Petersburgs 26. / Die Beerdigung des verblichenen Barons Wär grabezu imposant und legt beredtes Zeugnis von der großen allseitigen Verehrung und Beliebtheit des Verewigten ab. Schon 8 Uhr morgens war. das Haus des Verschiedenen von Tausenden umlpgett. 9 Uhr fuhr der Leichenwagen, mit 16 Pferden bespannt, ans Haus und der Sarg würde hinaus« - getragen. Vorher jedoch hatte der Kantor noch ' eine „Haskoroh" gemacht, und Rabbiner Dr. Eiferest a d t dem Verstorbenen ein „letztes Wort" nach-' gerufen. Den Sarg trugen Mitglieder der Phtvchburger Gemeindeverwaltung hinaus. Hinter^ Hem Wagen gingen die Mitglieder der Familie, sodann die Zöglinge des jüdischen Waisenhauses uiiSt des jüdischen Gymnasiums, sodann die 38 Deputatbrntn von sämtlichen großen Gemeinden Rußlands Uyb jüdischen Gesellschaften, dahinter Tausende von'Bvgleitenden. Während der Sarg hinausgeführt würde, fuhr der Stadthauptmann von Petersburg Drats ch e w s k i heran und legte einen Kranz auf' den Wagen. . ' 2 Uhr war der Zug beim Friedhof angehaugt. Die vornehmsten Mitglieder der Gemeinde trugen ihn an das Grab. Nachdem der Sarg eingesenM war, begannen am offenen Grabe die Trauerrede». - Es sprachen der bekannte jüb. Rechts anv«At S chlo.ßb er g, der Rabbiner von Moskau M«rf», der Advokat und Deputierte der ersten Duma Schote! (namens der „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den russ. Juden"), W ar sch ewtzki (namens der „Jca"), h e b r-ä i s ch sprachen dann der Schüler der jüd. Akademie C h a u r i n, HillÄ Slatopolski-Kiew, der Rabbiner von-MM» R übinst ein und. namens der jüd. Stadentyyshep Stubent Rabbinowitz- '; Die Trauerreden machten einen erschütternde» Eindruck, Tausende schluchzten bitterlich. — «'' m t$iSr && M "•„TlM 'Mck - : ’s L--JI Ueberaus charakteristisch für die Seelengröße d«S Verstorbenen sind seine letzten An ordnun^gen. ' Obwohl das Familiengrab der- Ginsburg in Paris ist — dort ist sein Großvater und Vater begrabe» —, wollte er in Petersburg begraben seinum «qter seinen jüdischen Brüdern in Rußland zu liegen. wünschte; ohne alle Feierlichkeit beerdigt zu weÄyi» besonders möge man nicht seine Leiche in die Symä» goge führen, da dies ein unjüdischer BranH..Mi ■■t s: ->} 4785