Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 49 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mafle lir. IrflnüfiiriCT Ifmctitifiiien lamiMfatles, Bo« Freitag, de« 3V. Dezember ab befinde« sich unsere Büros Lsngrslrassr 7" Frankfurter Israel. Familienblatt. DieSchnlvorlage in der Reichsduma. Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, daß unter der jüd. Masse das Analphabetentum in geradezu erschreckender Weise zunimmt. Bor kurzem veröffentlichte offizielle statistische Daten bieten eine eklatante Bestätigung oieser Beobachtung. In den drei litauischen Gouvernements Wilna, Kvwno und Grodno macht ich ein rapider Niedergang derVvlkschulbildüng geltend, dem die profane BolkSchule ebenso gut wie die traditionelle Religionschule („Cheder") unterworfen sind. Im Lause »es letzten Jahrzehnts hat sich im Gouvernement Wilna allein die Zahl der „Chedorim" um nahezu 2V° mal verringert, während zu gleicher Zeit die Zahl der Schüler der sog. speziellen jüdischen Lehranstalten auf die Hälfte der -ursprünglichen Ziffer gesunken ist. Die Verarmung weiter Volksschichten hat es eben mit sich gebracht, daß unser Volk eine seiner schönsten und glorreichsten Traditionen: die liebevolle Fürsorge um die Erziehung des Heranwachsenden Geschlechts und die opferfreudige Pflege des Wissens aufgeben muß. Und man darf nicht glauben, daß Litauen hierin nur eine trMrige ÄMahme bildet. Bei der Gleichartigkeit derökonomischen Verhältnisse iyr gesamten Ansiedelungsrayon wird es wohl nirgends besser 'sein. Was für das geistig regsamere und durch seine jüdischen Traditionen und Kenntnisse ausgezeichnete Litauen gilt, gilt wohl noch in erhöhtem Maße für die andere Gebiete. Man geht daher wohl nicht fehl, wenn man in annähernder Schätzung annimmt, daß z. Z. ungefähr die Hälfte aller jüdischen Kinder .des AnsiedelungsrLyons ohne jeglichen Elementarunterricht bleibt. So wächst vor unfern Augen beim „Volke der S ch r i f t" eine erschreckend zahlreiche Analphabetenarmee heran, die das aUgemeine intellektuelle und moralische Niveau der Volksmassen tief herabdrückt. —. Und dies zu einer Zeit, wo wir mehr denn je der Stählung unserer geistigen Widerstandsfähigkeit bedürfen; wo wir mehr denn je auf den festen Rückhalt eines intensiven Kulturlebens angewiesen sind I Kein Wunder also, daß, die unter solchen Umständen in der Reichsdumä zur Beratung gestellt« Vorlage über den Elementarunterricht bei der russischen Judenheit große Aufmerksamkeit erwecken mußte. Entgegen allen Tendenzen unserer wohllöblichen Negierung und aller bisherigen Tätigkeit unserer Reichsduma haben wir es bei dieser Vorlage ausnahmsweise mit einem, vom Jnteressenstandpunkte deö russischen Volkes aus betrachtet, sympathischen Und bedeutungsvollen Gesetze zu tun. — Gewiß hatte der sozialdemokratische Abgeordnete Tschcheidse nicht unrecht, als er die Vorlage - scharf kritisierte und sie als neues Werkzeug für die nationale Knebelung hinstellte. — Es wäre aber mehr als naiv, wenn man von dieser Regierung ^rnd dieser Duma eine Berücksichtigung der Interessen der nichtrussischen ReichSLevölkerung erwarten wollte. Was man aber diesem Gesetze nicht nehmen kann, ist, daß es einen entscheidenden Schritt vorwärts nach der Richtung der allgemeinen Schulpflicht bedeutet. In der Erstrebunz dieses Zieles will der Staat der Selbsttitigkeit der Gesellschaft - entgegen« kommen und übernimmt es, das Gehalt. des Lehrerpersonals in allen Elementarschulen zu bestreiten, die von den Munizipalitäten, Landschafts- Verwaltungen s,Zemstwo's"l, und Ständevertretungen eröffnet werden sollten. — Zu diesem Zwecke werden dem Bildungsressort spezielle Kredite zugewiesen, die alljährlich um die ansehnliche Summe von mindestens zehn Millionen Rubeln erhöht werden, chis der allgemeine Unterricht im Reiche erreicht ist." Es fragt sich inuz, was haben wir penn als Inden von dieser Gesetzesnovelle zu erwarten? Zunächst sei festgestellt, daß die Vorlage, ebenso wie die allgemeinen zur Zeit geltenden Gesetzesnormen, keine Beschränkungen für die Juden bei der Ausnahme in die Volksschule vorsieht. Die von der Vorlage angestrebte Vermehrung der allgemeinen Bildungsquellen würde also eo ipso auch der jüdischen Bevölkerung zugute kommen. Run braucht aber nicht erst gesagt zu werden, daß wir uns keineswegs ohne weiteres damit zufrieden geben können, daß uns' die rufst, sche VylkSschule -zugänglich gemacht wird. —. Es hieße ja daS Heranwachsende Geschlecht wissentlich von rWrnherein dem Molo ch der Assimilation HUM Opfer bringen, wenn wir unsere Kinder in der Zeit der reichsten Empfänglichkeit dem Einslnß der nationalrussischen Schule ausliefern wollten. — Die Frage ist daher die, ob und inwiefern das peue Gesetz sich für die jüdische Volks^chule^utiltsieren ließe. Oben war bereits He Rede davon, daß die Regierungsvorlage die Interessen der stammessremden Bevölkerung vernachlässigt. Die Beinühungen der Opposition, diesbezüglich Remedur zu schassen, scheiterten an dem Widerstande der Dumamehrheit. So wurde der Antrag der Arbeiterpartei, die Novelle an die zuständige Kommission zwecks neuer Umarbeitung zurückzuweisen, mit der Maßgabe, daß her Unterricht überaU in der Muttersprache der Schüler erteilt, und daß in Gegenden mit gemischter Bevölkerung auch den nationalen Mnoritäten der Unterricht in der Muttersprache gewährleistet werden sollte, mit großer Majorität abgelehnt. In gleicher Weise wurden die einzelnen, weniger radikalen Amendements nach dieser Richtung, die im Laufe der Debatte von Vertretern der Opposition eingcbracht wurden, abgelehnt. - Freilich verstand sich auch die Regierung zu einer Konzession an die. stammessremde Bevölkerung — im Interesse der russischen spräche. Um den nichtrussischen Kindern die Aneignung der russischen Sprache zu erleichtern, soll in denjenigen Elementar-Schulen, wo die Schüler zum größten Teil des Russischen «nkiindig sind, der Unterricht während der ersten zwei Jahre „mit Erlaubnis. des Schulrates" in der Muttersprache erteilt werden. Diese Bestimmung gilt für alle stammesfremde Völker Rußlands. Hier entdeckten nun die Oktobristen ihr liberales Herz und brachten ein Amendeinent ein, daß der Unterricht in der Muttersprache „auf besondere Bewerbung der Interessierten und bei spezieller Erlaubnis des Schulrates" während vier Jahre gestattet sein sollte. Nach oktobristtscher Gewohnheit aber, immer nach einem Schritte vorwärts, zwei rückwärts zu machen, forderte» sie jedoch, daß dieses „Privileg" nur an elf namhaft gemachte Völker verliehen werde, während den andern — darunter auch natürlich den Juden — das Recht des Unterrichts in der Muttersprache überhaupt versagt bleiben solle. Natürlich brachten die jüdischen Dumaabgeordneten ihrerseits die Ausdehnung dieses Rechts auch auf die jüdische Bevölkerung in Vorschlag. Dieser Antrag wurde von M i l i n k o w warm befürwortet. In seiner Rede wies der illustte Kadettensührer daraus hin, 'daß es ja niemand einfallen könnte, den hohen kulturellen Wert der hebräischen Sprache, die gerade jetzt in neuem Aufblühen begriffen ist, irgendwie in Abrede stellen zu wollen, daß aber auch die jüdische Umgangssprache sich zur Zeit zu einer vollwertigen Kultarsprache entwickle. Und nun geschah etwas Merkwürdiges. Die Rechte, welcher der Oktobristenantrag geradezu „revolutionär" erschien, ergriff die Gelegenheit, um denselben ad absurdum zu führen. Sie schloß sich der Opposition an und stimmte für den Antrag Nisselowitsch, ebenso auch für ein weiteres Amendement, das das gleiche Recht auch den Burjaten und Kalmycken einräumt. Auf diese Weise vereinigten die betreffenden Anträge auf sich die Dumamehrheit, zum großen Aerger der Oktobristen. Somit ist die Möglichkeit geschafsen,, — vorausgesetzt, daß unser mehr als konservatives Oberhaus den „revolutionären" Beschluß gutheißt und der Zar ihm die höchste Sanktion verleiht —, daß in denjenigen Volksschulen, wo die jüdischen Schüler die Mehrheit bilden, alle Lehrfächer vier Jahre lang in jüdischer scher Sprache unterrichtet werden. Natürlich würde daneben auch jüdischer Religionsunterricht erteilt werden. Dadurch würden sich die jüdischen Volksschüler einen gewissen Zusammenhang mit ihrem Bolle, mit seinen Traditionen und Hoffnungen, mit seiner nationalen Kultur bewahren. Unsere jüdischen Anforderungen an die Schule würden somit, z. T. loenigstens, Berücksichtigung finden, wenn . . . wenn eben diese Konzession an die Stammesfremden für uns wirklich realen Wert hätte. Die Sache ist nämlich die, daß wir als „Stammesfremde"- auf die Unterstützung unserer eigenen Volksschulen durch.den Staat gesetzlich keinen Anspruch haben. In den Schulen der städtischen und landschaftlichen Selbstverwaltnngsorgane aber könnten wir zwar bisweilen die Mehrheit erlangen und somit die gesetzliche Basis für den jüdischen Unterricht, wir sind aber durchaus nicht in der Lage, tatsächlich die Herren der Schulen zu werden, oder auch nur unbestreitbaren Einfluß auf die Leitung derselben zu gewinnen, da,wir ja keine Vertretung in der Selbstverwaltung haben. Daß wir aber nicht imstande sind, auf eigene Rechnung Volksschulen in erforderlicher Anzahl zu eröffnen, ist, abgesehen von den enormen Schwierig« I ketten der Erlangung der nötigen Erlaubnis, Lei unserem chronischen wirtschaftlichen Notstände selbstverständlich. Und diese wirtschaftliche Misere wird sicherlich einen großen Teil unserer Bvlksmassen zwingen, ihre Kinder in die a l l g e m e i n e n nnentgeltlichen Volksschulen zu schicken. Wir st e h e n also vor ganz traurigen Perspektiven, somit a b e r a n ch v o r e n o r m w i ch t i g e n P s l i ch t e n ans dem Gebiete der jüdischen Erziehung. — Dr. G. Personalien tu Kleine Mitteilungen. Frankfurta. M. Landgerichtsral Dr.Rawitscher erhielt den Titel Geh. I n st i z r a t. Berlin. Der SchriftneUer Adolf Kohut erhielt die ungarische Ho f r a ts w ü r d e. Mannheim. Julius Bensveimer, Buchdruckereibesitzer, wurde zum stellvertrctend e n Obmann der Stadtverordneten gewählt. , Straßburg. Dos K r i e g s m i n i st e r i u m hat die Erlaubnis zur .Errichtung eines jüdischen S o l d a t e n h e i m s mit der Begründmig verweigert, daß die Soldatenheime keinen religiösen Charakter tragen, sondern lediglich der Hebung des patriotischen und kameradschaftlichen Sinnes dienen und einen zwanglosen Aufenthalt, sowie billige Nahrungsmittel und Getränke bieten sollen. Köln. Aus dem Rein Überschuß des Kölner B l u m e n tage s wurden auch den W o h l t ä t i g k e i t s a n st a l t e n der j ü d. Gemeinde 4900 Jk überwiese n. Hagenau. Die Kinver des unvergeßlichen Arthur Mach, Leon M o ch hier und Frau Dr. S. Bernheim-Paris, haben zum ehrenden Andenken an ihren verewigten Vater dem Knabenwaisenhaus, dessen Präsident der Verstorbene war, die Summe von 10 000 Jk überwiesen; die städtische Armenkasse erhält 400 ~J&, die israelitische Gewerbeschule in Straßburg 800 Jfe (L.) Schroüt. Die Stadtverordnetenversammlung wählte Kaufmackn Hermann Barnch zum Beigeordneten. Neustadt a. W. Die älteste Frau in hiesiger stabt, Frau Bertha Haase, starb im Alter von 105 Jahren. Die Verstorbene war bis vor kurzem noch geistig und körperlich rüsttg. Ihr Gedächtnis war stadtbekannt. Gern lauschten Leute, wemr sie vom ersten französischen Kriege erzählte, wie z. B. die Franzosen nach Moskau zogen, und wie elend biejc wieder zurückkehrten. Durch die guten Eigenschaften des Wohltuens und wahrer Frömmigkeit zeichnete sich die Dahingeschiedene aus. Niederzissen bei Ariüennch Das Simon Kahn'sche Ehepaar feierte die diamantene Hochzeit. Der Jubilar zählt 90, die Jubilarin 84 Jahre. Wien. Der hier im 70. Lebensjahr verschiedene Schriftsteller Fritz Singer (Pseudonym: S. Fritz) hat eine Anzahl anmnttger Plaudereien und Lustspiele verfaßt. —: Landtagsabg. Josef Save, Vizebürgermeister von Krakan, wurde zum H o f r a t ernannt. KiSmarton (Eisenstadt». Vom Tode unseres großen Sohnes Dr. H. Hildesheimer erfuhren wir erst durch die Zeitungen, so daß die Gemeinde sich am Leichenbegängnisse nicht mehr ver« treten lassen konnte. Sobald unsere Rabbinerstelle besetzt ist, soll ein Trauergottesdienff für den Verewigten ftattfinden. Budapest. Ein neuer Philanthrop ist am hiesigen gesellschaftlichen Himmel anfgetaucht. Isidor Haimos, der im Geheimen auch bisher viel Schönes geleistet, hat sich nun bewogen gefühlt, zwecks anspornenden Beispiels, auch vor die Oesfentlichkeit zu treten. Nachdem er vor zwei Wochen durch seine große Spende an das ,sthaus der Liebe" der Bndapester Chewra kadischa Aufsehen erregt, will er jetzt eine große Bewegung zur Retttcng von Selbstmordskandidaten ins Leben rufen, denen nach genauer Prüfung ihrer Verhältnisse mit Rat und Tat an die Hand gegangen werden soll. Halmos hat für seinen Plan bisher schon mehrere Spitzen der ung. Gesellschaft gewonnen. st. Paris. Jbre Divlome als Architekten erhielten die aus Rußland stamnienden Fräulein Bernstein und Jssakowitsch. — Zn Offizieren der Ehrenlegion wurden ernannt: Eduard Petit, Generalinspettor des össenttichen Unterrichts und Professor Sein» heim in Nancy und zum Ritter der Ehrenlegion: Professor Hadamard am College de France. London. Im neuen Parlament werden folgende Jtü>en sitzen: Herbert Samuel, Sir Ruf ns Jsaacs, Sir Maurice Levy, Sir Alfred Mond, C. S. Henrh, H. H. Raphael,Stuart M. S amuel, E. A. Strauß, E. S. Montagu, sämtlich liberal, und Sir Philip Magnus, Sir Harry S. Samuel, Sir Edward Sassoon- A. Strauß, Frank Goldsmith, Lionel de Rothschild und Hauptmann H. M. I e s s e l / sämtlich konservativ.