Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 48 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Map M flc. 48 des ftanUfntfet IftMWm FamilimklattK. Eduard Cohen. „Geistesgröße offenbart sich gewöhnlich in großen, Herzensgröße in kleinen Taten" sagt ein tiefer französischer Psychologe. Kein Mann hat wohl diese wahre Regel überzeugender und unwiderleglicher bekräftigt als Eduard C v he n. Selten hatein Mensch seine Bruder inniger geliebt als Eduard Cohen, selten hat ein Mensch mehr für feine unglücklichen Mitmenschen getan und gesorgt wie er, und selten hat ein Philanthrop die laute Bewunderung und öffentliche Verehrung mehr gemieden als er. Eduard Cohen gehörte zu jenen seltenen Wohltätern, denen die Förderung und Unterstützung ihrer Mitmenschen nicht als höhere, idealere, sie hoch über die anderen erhebende Tätigkeit erscheint, die darin vielmehr .ihre einfache unerläßliche Pflicht erblicken. Bei Eduard Cohen entsprang die Philanthropie nicht einzelnen Anwandlungen von Großmut und Güte^ ihm war sie vielmehr zur zweiten Natur, zur zwingenden Notwendigkeit geworden. Dies will mehr sagen, als es scheinen mag. Denn wenn es wahr ist, wie so viele große Denker der Neuzeit sagen, daß der moralische Fortschritt in der Umwandlung des Triebes zum Guten aus der bewußten Msicht zum unbewußten Instinkte besteht, dann hat Eduard Cohen die höchste für uns heute erreichbare moralische Stufe erreicht. Es wäre mmötig und trocken, pedantisch und darum weihelos, wollten wir der Reihe nach alle die glänzenden Eigenschaften anfzählen, die den Menschen Eduard Cohen auszeichneten. Wir glauben das Andenken des Verstorbenen nicht mehr ehren zu können, als indem wir ihm den seltenen Ruhmestitel geben, als Mensch das Muster eines Juden gewesen zu sein. Diese Eigenschaft involviert alle anderen in sich, und es hieße das Bild eines ninstergiltigen jüdischen Menschen zeichne», wollte man ein Bild Eduard Cohens entwerfen. Zudem würde es doch unmöglich sein, dem, der ihn nicht kannte, die ganze Reinheit und Hoheit seiner Gestalt, all das Bezaubernde und Wunderbare seines Wesens voll und ganz erfaßbar zu machen; und Die, die ihn kannten, nun, man brainhte nur einige Worte mit ihm gewechselt, einmal seinen herrlichen Judenkopf gesehen zu haben, um dieses Edle und Große an ihm gleichsam instinktiv herausfühlen zu 'können; .instinktiv, denn nur Geistesgröße kann man verstehen, Herzensgröße kann nur empfunden werden. Es war ein Glück, ihn zu kennen; denn man wuchs selbst an seiner Größe und wurde selbst geläutert au seiner Reinheit. Wieviele» unglücklichen Volksgenossen Eduard Cohen geholfen, wie sehr er um sie gesorgt hat, wissen nur die, die mit ihm in Berührung standen. Er half jedeni; denn auch dies ist ein wunderbarer Charakterzug seines Wesens, daß er den Menschen als Menschen, nicht den Einzelnen als Individualität förderte und unterstützte. Ein jeder war ihm Mensch genug, um seiner Unterstützung würdig zu sein. Wir wüßten noch viel von Ednard Cohen zu sagen, viel an ihm zu bewundern und nun, da er uns genommen ist, zu beweinen, aber wir unterlassen es; der allzu laute Schmerz soll ihm nichts von seiner Tiefe und Größe nehmen: Nur Worte sind es ja, die wir ihm hier weihen, und dieser Mann, an dem alles heiligste Innerlichkeit war, der nichts an sich , von zerflatternder Aeußerlichkeit hatte, kann durch äußerliche Klagen nicht voll und ganz' geehrt werden: Man dankt und ehrt jeden Menschen nach seiner Wesensart; dem Dichter durch Lieder, den Helden' durch Siege, das Geistesgenie durch Ideen- und das Herzensgerne durch innige, dem Herzen entquillende Gefühle. Eduard Cohen, den großen, genialen Herzensmenschen, dankt man nur durch das unverlöschliche Bild seiner Hoheit, das man in die eigene Seele ausgenommen hat und durch das unvergängliche Gefühl des Dankes, der Verehrung und der Liebe, das im Busen ruht. Es ist zu selbstverständlich und zu sehr heiligste Pflicht, als daß es noch gesagt zu werden brauchte, das Gelöbnis, Eduard Cohens Andenken stets so zu ehren und zu lieben, wie zu fordern es seinheiligstes Recht ist. Von allen, die Ednard Cohen als edlen Menschen und immer hilfsbereiten Philanthropen! kannten, wußten wohl nur sehr wenige, daß dieser in stiller Zurückgezogenheit lebende Mann als Kunstmaler von Fach, berufsmäßig und ununterbrochen miteisernein gleiße tätig war und als solcher eine große Zahl ausgezeichneter Werke, namentlich aus dem Gebiete der Landschaftsmalerei, geschaffen hat. Und auch nur sehr wenigenseiner intimen Bekannten wird es vergönnt gewesen sein, einen Blick in sein einfaches Atelier zu tun und seine zahlreichen Bilder, Studien und Skizzen aus den verschiedensten Ländern zu bewundern. Ausgestellt hat der Künstler kaum jemals, und doch ist er auch ohne öffentliche Kritik in seiner Kunst bis I ganz zuletzt zu immer höheren Zielen sortge- I schritten, denn er hat sich immer wieder uner- | bittlich das Höchste abzuriugen versucht. Cohen hat als Maler eine selten vielseitige und gründliche, in der Dauer weit über das gewöhnliche Matz hinausgehende Ausbildung genossen. Seine ersten Malstudie» .absolvierte .er in seiner Vaterstadt Hannover unter Edmund Kokens sieben Jahre lang, dann zog er nach Wien zu dem koloristisch und zeichnerisch temperamentvollen Albert Zimmermann und schließlich zu Friedrich Preller nach Weimar, von dessen Persönlichkeit und Künstlerschaft er immer mit hoher Begeisterung und Achtung sprach und dessen Schüler er sich mit Stolz nannte. Das neicromantischc, landschaftliche Stimmungsbild dieser Meister hatte jedoch sein eigene Wege gehendes Talent nicht gänzlich in Fesseln geschlagen und schon damals machte sich an seinen Bildern ein weicheres, sonnigeres, ausgeglicheneres Kolorit bemerkbar, das, ohne die etwas härtere Durcharbeitung jener Zeit, nichts von der ausführlichen Darstellung der Einzelheiten' ausgab .und der Technik jener Jahre vorauszueilen schien. Nach Weimar wurden verschiedene Kunstzentre» Deutschlands, darunter München, besucht, und endlich- 1867 wurde des jungen Malers Sehnsucht znach einem längeren Aufenthalt in Italien er- - füllt. Dort blieb er unermüdlich an einer großen Zahl selbständiger Werke schaffend bis 1870. Mer als Cohen sich späterhin schon in Frankfurt niedergelassen 'hatte, ergriff ihn nochmals der für ihn charakteristische Drang weiter hinzu zu lernen, und so faßte er den Entschluß, iw der Städelschen!Kunstschule figürlichen Studien obzuliegen. Von -1889—1893 arbeitete er dort unter Frank Kirch- ' bachs Leitung. Der mehr als fünfzigjährige „Malschüler" erfreute sich der größten Achtung und Zuneigung seitens seiner meist mehr als drei Hahrzehnte jüngeren Mitschüler, die in staunen- '.der Bewunderung von dem jugendlichen Lerneifer und dem ernsten Streben des gereiften, welterfahrenen und hochgebildeten Mannes mit sortiertsten wurden. In jenen Jahren hatte auch 'der Schreiber dieser kurzen Erinnerungsworte, damals ebenfalls Schüler der Städelschen Kunstschule, -das Glück, Eduard Cohen kennen zu lernen. Es war damals nicht die schlechteste Generation von Schülern, die dieser Kunstschule angehörten; Böhle. Llltheim, Gies, Kalb, Kilb, Graetz, Beithän feien' unter anderen genannt. Sie alle hatten ihren an Jahren so viel älteren Mitschüler, der an Pünnlichkeit und künstlerischem Ernste allen ein Vorbild war, in ihr Herz geschlossen. Auch der greise Meister .Hasselhorst hat rückhaltlos .seine Bewunderung für das künstlerische Streben und Können Cohens ausgesprochen. Bon diesen Studien der 90er Jahre ausgehend, nahm Cohen dann späterhin nochmals einen Anlauf zu einer Malweise in modern gemäßigtem Simre. Namentlich Studienköpfe der letzten Zeit zeigten eine breite klare Technik, ein sattes blühendes Kolorit mit einer unfehlbar sicheren Zeichnung, die man eher einem jüngeren Manne, denn der alternden Hand des Greifes zugetraut hätte. Wenn Cohen im Melier vor seinen eignen Studien einmal über seine künstlerischen Absichten, seine Technik und Auffafsturg sprach, und nur ganz wenig Anserwählten dürfte, er so sein Künsklerherz geöffnet haben, so hatte man das Gefühl, einen jungen vorwärtsstürmenden Künstler zu hören. Die wenigen Fachkollegen, die von seinen Werken von Zeit zu Zeit etwas sahen, waren überzeugt, daß Cohen, wenn er seine Gemälde ausgestellt hätte und diese somit weiteren Kreisen bekannt geworden wären, als ein hervorragendes Mitglied der Frankfurter Künstlerschaft namentlich als Landschafter mit an erster Stell« genannt worden wäre. Mer künstlerisch an die OeffeNtkichkeik zu treten, war nicht nach seinem Empfinden. Ihm kam es vor allem auf die innere Wahrhaftigkeit des künstlerischen Schaffens an; kernen Pinselstrrch konnte er hinsetzen, der nicht seinem volles Ausdruckswert besaß, und Zufälligkeitstechniken und äußerliche, blenden sollende Bravourleisftrngen wies er zurück. Er besaß die seltene Fähigkeit, vor einem Bilde irgend etwas, das vielleicht nicht recht stimmen wollte, über dessen Wesen man nur schwer sich klar werden konnte, mit unfehlbarer Sicherheit sofort herauszufinden, eine Folge von einer gesteigerten inneren Konzentration und der überaus scharfen Selbstkritik, die er an seinen eigenen Werken zu üben pflegte. Beim Msuche .des Kunstvereins konnte man in dieser Beziehung bei Cohen auf dem Gebiet der feinfühligen', gerechten Kritik viel Wichtiges lernen, und mau hatte dann immer das Gefühls als würdegerade dieser Mann mit seinein Schatz von Bildung^ Erfahrung und Können, mit seinem! schlichten, aufrechten Sichgeben, der geborene Lehrer der Kunst gewesen fein.! Ms ein Beispiel hierzu mages" dem-Schreiber dieser Zeilen gestattet sein, aus seine»' vielen Erinnerungen an Eduard Cohen eine einzige Herauszugreisen: Bor etwa zwei Jahren besuchte .-er mein Atelier, um ein säst vollendetes, größeres 'eigenartig aufgefaßtes HerrenbilbrW zü' besichtigen. Er freute sich an der Durchführungmancher schwieriger Partieen, machte .aber alsbald gegen -die Linienführung, einiger Falten des einen' Aermels seine Bedenken geltend und hatte, wie ich einsah, darin auch vollkommen recht- Es' war nUr eilte Kleinigkeit, die, wie er selbst sagte, kaum je- 'mand sehen würde. Aber mit diesen erklärende» Eduard Cohen