Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 47 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 47. Frankfurter FsraelitisHes FaMirnblaü. G FeMM. 0 Aus der Zukunft. Don Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Das Gesicht des jungen Mannes war jetzt wie in Glut getaucht, seine funkelnden Blicke suchten de» Fußboden, der Doktor weidete sich an der sichtlichen Verlegenheit des Bescheidenen und fuhr lächelnd fort: Wer nun passen Sie auf, jetzt kommt des Pudels Kern. Also da Sie Ihr Reifezeugnis haben, so sind Sie berechtigt, jede beliebige Universität zu besuchen, wozu ich Ihnen die Mittel zur Verfügung stelle — selbstverständlich nur als Darlehen — ich schenke prinzipiell nichts, aber ich bin auch kein böser Gläubiger, ich lasse Ihnen Zeit, solange Sie wollen. — Und wen» Sie Ihre Studien beendet und Ihren Doktor gemacht haben, dann übergebe ich Ihnen mein Atelier nsw. usw." Jakobson erblaßte bis ans die Lippen, mit weit aufgerissenen Augen starrte er den Sprechenden an, er konnte das übergroße Glück nicht fassen, das jener ihm in Aussicht stellte. „Herr Doktor!" stammelte er. „Herr Doktor! — habe ich Sie recht verstanden? — und Sie treiben keinen Scherz mit mir?" „Unbesorgt, lieber Freund, Sic haben mich richtig verstanden, »nd ich treibe keinen Scherz mit Ihnen." „O mein Gott! mein Gott!" „Sie nehmen also meinen Vorschlag an?" „Mit tausend Freuden! — Nie werde ich Ihnen genügend dafür danken können." — Das heißt, ich darf Ihren Vorschlag doch nur daun annehmcn, wenn ich sicher wäre, daß Ihr Fräulein Tochter —" „Das dürfen Sie getrost mir überlassen, Irma ist ein gehorsames Kind, und wenn ich ihr sage, sie möge meinem Freunde die Hand reichen, so wird sie nicht zögern —" „Nein, um's Himmelswillcn, nein! aus Gehorsam darf Irma mir ihre Hand nicht reichen." „Sind Sie ein Kind!" lachte der Doktor, „so wenig Menschenkenntnis haben Sie, daß Sie glauben könnten, ich müßte einen Machtspruch tun, damit meine Tochter Ihnen ihre Hand reiche?" „Nein, das habe ich nicht geglaubt, — aber — ich weiß wahrhaftig nicht, was ich geglaubt habe, — ich bin ja wie trunken von der Aussicht, die Sie mir eröffnet haben. — Herr Doktor, wie kann ich Ihnen banken?" Er hatte bei diesen Worten die Hände des andern ergriffen und gegen seine Brust ' gedrückt, seine Tränen sielen darauf. „Fassen Sie sich, lieber Freund. Sobald Irma nach Hause kommt, möchte ich sie hercinrnsen, aber solange Sie dermaßen aus dem Häuschen sind, geht das doch nicht an. — Kommen Sie, setzen Sie sich, wir haben doch noch so manches zu überlegen. Das eilt zwar nicht, aber dergleichen zieht sich zuweilen sehr jn die Länge, darum wollen wir die Angelegenheit lieber schon demnächst in Angriff nehmen. Meinen Sic nicht auch?" Jakobson schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, Herr Doktor, was Sie meinen." „Das können Sie auch nicht! — Sie haben mich angesteckt mit Ihrer Aufregung, daß ich auch anfange, verständnisloses Zeug zu plaudern. Ich dachte nämlich soeben, daß Sie sich naturalisieren lassen müssen, Sic sind doch Russe?" „Allerdings, Rußland ist mein sogenanntes Vaterland." „Wie heißt Ihr Geburtsort?" Der junge Mann atmete schwer auf. „Mit Bestimmtheit wüßte ich das wirklich nicht anzugeben," erwiderte er gepreßt. „Das wissen Sie nicht? — Aber Sie wissen doch, wo Ihre Eltern zuletzt gewohnt haben?" „Genau weiß ich das auch nicht. — Ich erinnere mich meiner Eltern gar nicht, — man hat vermutet, daß sic im Jahre 1905 oder 1906 bei den Unruhen in Bjclostok oder in der Umgegend umgekonlinen sind, — mit Bestimmtheit konnte man aber auch darüber nichts erfahren." Der Doktor schüttelte den Kopf. „Wie alt waren Sic damals?" „Auch darüber weiß ich keine genaue Auskunft zu geben. Man vermutet, daß ich damals anderthalb bis zwei Jahre gewesen sein dürfte, denn ich konnte laufen, aber noch nicht zusammenhängend sprechen, — ich weiß daher nicht einmal, wie meine Eltern geheißen haben." Der Doktor verfärbte sich. „Wa — wa — was sagen Sie? — Sie kennen weder den Namen Ihres Geburtsortes noch den Ihrer Eltern? — Aber um's Himmelswillen, junger Mann, warum haben Sie mir das nicht längst gesagt?" „Sic haben mich bisher nicht danach gefragt. Hätten Sic mich früher danach gefragt, so hätte ich's Ihnen früher gesagt. Daß ich ohne zwingende Notwendigkeit mich nicht veranlaßt gesehen habe, davon zu sprechen, das werden Sie begreifen." „Gewiß, baS finde ich begreiflich. — Aber — aber — mein lieber junger Freund, — wenn das so ist, — bann weiß ich nicht —" „Was wissen Sie nicht?" siel Jakobson hastig ein, „Ivas wissen Sie nicht?" „Ob ich die geplante Verbindung meiner Tochter mit Ihnen zngebcn könnte, zugeben dürfte —" „Um's Himmclswillen, Herr Doktor, seien Sie barmherzig! Eben schienen Sie mich emporzuheben bis zur Sonnenhöhe des Glückes, und gleich darauf wollen Sic mich in den Mgrund stürzen? — Seien Sie barmherzig!" „Reden Sie keinen Unsinn, das hängt doch nicht von mir, von meinem Belieben ab!" „Ich verstehe, ich bin ein Findling, der nach landläufigem Begriff ein Sproß der Sünde ist, ein lebender Zeuge der Niedertracht seiner Eltern. — Meine Eltern jedoch, ich habe sie nicht gekannt, ich kenne ihren Namen nicht; aber nach allem, ivas ich über jene grauenvolle Zeit gehört und gelesen habe, halte ich mich fest überzeugt, daß meine dahingemordeten Eltern zu jenen Märtyrern gehört haben, die freudigen Herzens ihr Leben hingcgcben haben für die Heiligung des göttlichen Namens, die leichter als Adler, stärker als Löwen waren, den Willen ihres Gottes zu vollbringen. — Ich habe sie nicht gekannt, aber ich bin dennoch stolz auf sie." „Das dürfeic Sie auch' sein, mit vollem Recht, aber —" „Aber Ihre Tochter einem namenlosen Menschen zu geben, dazu können Sie sich doch nicht entschließen? — O, mein Gott! mein Gott!" „Sie sind zu ungestüm, lieber Freund, ich' habe nicht gesagt, daß ich's nicht >vill, sondern daß ich nicht weiß, ob ich cs darf." „Ach du lieber Gott, das ist doch weit ärger, wenn man sich einredct, daß man etwas nicht darf. — Wer könnte Ihnen da etwas dreinreden oder gar verbieten wollen?" „Lieber guter Freund, ich iviederhole, Sie sind zu ungestüm." „Ach was, ich bin nicht ungestüm, aber Sie wollen mich Hinhalten mit schönen Redensarten und denken gar nicht mehr daran, mir Ihre Tochter zu geben. — Und das, trotzdem Sie wissen, wie sehr, wie unaussprechlich ich sie liebe." „Das weiß ich, sonst hätte ich sie Ihnen doch nicht quasi angctragen." „Und nachdem Sie das getan haben, toollen Sie Ihr Wort znrücknehmcn? — Das können Sic nicht! — das dürfen Sie nicht!" „Lieber Freund, was ich kann und was ich darf, daS zu beurteilen, ist meine Sache, nicht Ihre — verstanden?" „Verzeihen Sie!" murmelte der juugc Mann wie vernichtet in einen Sessel sinkend und das zuckende Antlitz in den Händen bergend. Mitleidig betrachtete ihn der Doktor „Wenn Sie wüßten, wie leib es mir tut —" „Das ist nicht wahr'!" brauste der andere arrf. „Sic kenne» kein Miileidcn, sonst könnten Sie nicht kalten Blutes —" „Aber so hören Sie mich doch nur ruhig an! — Ich habe durchaus noch nicht gesagt, baß ich Ihnen meine Tochter nicht geben will, sonder» nur, daß ich noch nicht Iveiß, ob ich es darf." „Ach, das ist doch einerlei," murmelte der junge Mann vcrzweiflungsvoll. „Das ist mit Nichten einerlei, und wenn Sic sich nur ausrassen wollten, mich ruhig anznhören, so würden Sie einschen, daß ich' unfern Plan noch keineswegs aufgcgcbcn habe. Im Gegenteil —" „Im Gegenteil? — das heißt? —" „Das heißt, daß ich zwar nicht, Ivic ich's beabsichtigt hatte, meine Tochter jetzt Hereinrufen werde, um die Sache noch heute zum Mschluß zu bringen, iveil, wie bereits erwähnt, nicht weiß, ob ich sie überhaupt zum Abschluß bringen darf; baß ich aber gleich morgen Schritte tun werde, um zu erfahren, ob ich es darf." Jakobson atmete schwer auf, zlvekselnd, blickte er auf den ihm gegenüber Sitzenden. „Sie trauen mir noch iminer nicht?" „Pardon! — aber ich verstehe nicht." „Ich dachte, daß mein Wort Ihnen genügen würde. — Doch ich will Ihren Zweifel durch Ihre berechtigte Erregung entschuldigen, und will Ihnen deshalb klaren Wein einschenken. Also vor allem die Versicherung, daß Ihre Persönlichkeit durch Ihre Mitteilungen in niejueu Augen keineswegs gesunken ist, und daß, wenn es sich uni meine leibliche Tochter handeln würde, ich mir keinen andern zum Schivicgersohn ivünschen würde als Sie." „Irma ist nicht in Wirklichkeit Ihre Tochter?" Doktor Bla» schüttelte den Kopf. „Der Kindersegen war uns versagt, meine selige Frau hatte sich aber immer eine Tochter gewünscht, und darum haben wir, als damals durch die grauenvollen Verfolgungen der Juden in Rußland mehrere Tausend jüdischer Kinder der Eltern beraubt wurden, ein liebliches kleines Mädchen aus anständiger Familie in Bjclostok adoptiert. Wir hatten von Anfang an die Absicht, auch dem Kinde gegenüber aus ihrer Abstammung kein Geheimnis zu machen, und sobald sie das erforderliche Verständnis haben würde, ihr alles mitzuteileu, jch hatte sogar geglaubt, daß mein» Frau bereits mit ihr darüber gesprochen habe. Doch scheint dieses nicht geschehen zu sein, und seit die Kleine, nach dem Ableben derjenigen, die sie als Mutter betrachtet und' geliebt hatte, in solch maßlose Verzweiflung geriet, daß ich für ihre nie ganz feste Gesundheit fürchten mußte, seitdem hätte ich es als grausam betrachtet, ihr mitzuteilen, daß sie nicht nur keine Mutter mehr hat, sondern, auch keinen Vater." „Gewiß," stimmte Jakobson bei, „das iväre grausam gewesen, denn ich habe oft gestaunt, mit welcher, ich möchte beinahe sagen, leidenschaftlicher Zärtlichkeit Ihr Fräulein Tochter an Ihnen hängt. — Wer, daß die Tatsache, daß sie nicht in Wirklichkeit Ihre Tochter ist, ihrer Verbindung mit mir entgcgenstehen sollte, das —er schüttelte den Kopf, „begreife ich nicht." „Und doch ist es der Fall. Irma ist, wie bereits erivähnt, in Bjclostok geboren, ihre Eltern hatten drei Kinder, außer ihr zwei Söhne. Sie war damals ungefähr dreiviertel Jahr alt, ihr ältester Bruder im vierten Jahre ist gleichzeitig mit den Eltern erschlagen worden; was aus dem jünger», einem ungefähr zwei Jahre alten Kinde geworden ist, wußte man damals nicht. Seine Leiche ist nicht gefunden worden, — er selbst aber auch nicht. — Und nun erzählen Sie, daß Sie in jenen Tagen in jener Gegend als kleines Kind gefunden worden sind —" Ein Laut des Entsetzens entrang sich der Brust des jungen Mannes, sein Kopf sank ans seine Brust, mit gerungenen Händen saß er da. „Fassen Sie sich, lieber Freund, bedenken Sie, es ist doch sehr leicht möglich, daß das damals vermißte Kind sich 'später gefunden hat, oder daß sein Ableben konstatiert ivorden ist. Ich werde mich gleich morgen an einen Freund in jener Gegend wenden, die eingehendsten Erkundigungen einziehen zu lassen, ich hoffe immer noch, daß tvir unfern schönen Plan werden anssühren können. Aber Sie werden begreifen, bevor wir nicht vollständige Klarheit haben —" Jakobson nickte zustinlmend. „Selbstverständlich, Ivir niüssen vollständig klar sehen. Wer werden wir diese Klarheit erlangen? — .nach so vielen Jahren!" „Es ist ja möglich, daß die Sache sich längst aufgeklärt hat, wir haben später nicht iveiter danach gefragt, und nian hat es vielleicht nicht der Mühe wert gehalten, uns darüber zu berichten." „O mein Gott! mein Gott! — Das höchste Glück so nahe zu sehen, daß man es mit den Händen greifen git können meint, und dann —" „Geben Sie noch nicht alle Hoffnung auf, es kann sich noch alles zum Gilten ivenden. Nur Geduld müsse« >oir haben. Aber meine Tochter bars mit den ganzen Angelegenheiten nicht behelligt iverden." „Selbstverständlich nicht." „Sie iveiß von dcur Vorschläge, den ich Ihnen gemacht habe, das heißt, sie weiß nur, daß ich Ihnen die Mittel zur Verfügung stellen wollte, Ihre Studien wieder in Angriff zu nehmen, uni Ihnen nach Beendigung derselben meinen Kundenkreis zu übergeben. Weiter habe ich ihr nichts gesagt, doch wird sie sich wohl iveiteres gedacht haben, ich aber werde nichts weiter darüber reden. Sie wird mich allerdings fragen, tvie Sie meinen Vorschlag anfge,lommen haben, ich werde ihr sagen, daß Sic denselben angenommen haben und am Beginn des nächsten Semesters, das ist iir ungefähr drei Wochen, die Universität beziehen werden." Jakobson schüttelte trübe deir Kopf. -»Wenn ich auf Irma verzichten muß, dann ist mir alles gleichgiltig, weshalb sollte ich dann von Ihrer Güte Gebrauch machen?" '_(Fortsetzung folgt.)__ „Zu Geschenken eignen sich meine Overngläser, Feldstecher.Lorgnons, Barometer. 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