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Neue jüdische Presse · 1910-12-02 · Heft 46 (2.12.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 46 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ftttlto. 46 des Imnfifnrfet IsMkWm laintfaötatfes. Progressiver Antisemitismus. Ein Ereignis, von dem schon mitgcteilt worden ist, hat viel Staub aufgewirbelt uud großes Aufsehen erregt; es ist der Beschluß der Konferenz der polnischen R a t i o n a l d e m o k r a t e u u n d Rea - l i st e n, bei der Verhandlung der Duma über die Einführung der Selbstverwaltung in den polnischen Städten für die E i n s ch r ä u k u u g der Jude n im W ah lrech t zu stimmen. Uud das Motiv lautete: Die jüdischen Wähler werden andernfalls in den meisten Städten Polens in der Mehrzahl sei». Die russisch-progressive und die russisch-jüdische Presse protestierte in scharfen Worten gegen dieses Vorgehen der polnischen Progressisten. Selbst das Ausland inischte sich hinein: Bebel, der Führer der deutschen Sozialdemokraten, warnte die polnische Jugend davor, daß sic sich de» Reihen der Antisemiten anschlicße. ■ Da wurde die Lage der polnischen Progressisten etwas unangenehm. Sie schämten sich und suchte» sich zu entschuldigen. So schreibt ein Organ der polnischen Realisten, diese hätten noch keinen festen Beschluß bezüglich des Wahlrechts der Juden gefaßt und wollten die Einschränkung der Juden in ihren Rechten durchaus nicht unterstützen; doch halten sic cs für gesährlich, wenn die Juden in der Selbstverwaltung in der Majorität sein werden, und müssen daher dem entgegenarbeiten. — Das Organ der Nationaldemokraten teilt mit, daß diese Partei nicht für die Einschränkung der Rechte der Juden feij daß man aber in diesem Falle die Interessen des polnischen Volkes verteidigen müsse. Die Ausreden sind natürlich künstlich uud nichtssagend, zeigen aber, daß die polnischen Progressisten sich bei ihrer antisemitischen .Gesinnung doch ein wenig schämen und sich durch irgendwelche Ausreden ans ihrer unangenehmen Lage heransringen möchten. * Was ihnen durch diese Ausreden nicht gelingen konnte, das verhalf ihnen ein Verbündeter, dem sie für sein eifriges Werk dankbar sein müssen. Der Leser wird vielleicht nicht glauben wollen, wenn ich ihm sage, daß dieser Verbündete — ein Jude ist. Aber es geschieht so viel Unglaubliches, und in der Geschichte unseres Volkes ist das Unglaubliche schon ettvas ganz Gewöhnliches geworden. Man höre, was einer der Führer der polnischen Assimilanten, Dr. H e i n r i ch N u tz b a n m , einer russischprogressiven Zeitung, die sich gegen den Beschluß der polnischen Realisten und Nationaldemokraten wandte, antwortete: „Wenn ihr die Juden verteidigen ivollt, so tut es bei euch in Rußland. Was aber die Einschränkung der polnischen Juden in ihren Rechten anbetrisft, so tut man uns allerdings ein Unrecht an, doch verstehen wir unsere christlichen Mitbürger sehr gut und wissen, daß der Grund ihres Handelns nicht die Absicht war, uns zu beleidigen oder uns unserer Rechte zn berauben, sondern ein gelungener oder mißlungener Versuch, die polnischen kulturellen Interessen zu verteidigen." Dr. Rußbanm hat die polnisch-antisemitischen Progressisten aus ihrer unbequemen Lage befreit. Denn wenn ein Jude es „sehr gut versteht", daß man ihn bedrängt und mißhandelt, wozu sollen da noch die Nichtjnden protestieren? L. K. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M., 1. Dez. Die gestrige, sehr gut besuchte Versammlung der beiden hiesigen zionistischen Ortsgruppen erösfnete Prof. A. Wehl als Vorsitzender der Misrachi - Gruppe mit einem warmen, formvollendeten Nachruf auf das am selben Tage zur letzten Ruhe gebrachte Vorstandsmitglied Joseph W. Hackenbroch, einen der besten und tätigsten Zionisten am Platze. Mit beredten Worten gab Redner dem tiefen Schmerze Ausdruck, diesen tüchtigen Vorkämpfer, der an allen zionistischen Institutionen, insbesondere an der hebräischen Mittelschule Tachkemoni in Jaffa, als eifriger Mitarbeiter regsten Anteil nahm, im besten Alter verloren z» haben. Alsdann sprach Rechtsanwalt Dr. Siegfried S ch w a r z s ch i l d, der Vorsitzende der Z i o n i st i - scheu Ortsgruppe, uni in deren Namen in herzlicher Weise den schweren Verlust zu beklagen. Er schilderte den Verstorbenen als den stets bereiten Mitarbeiter, der ebenso an der kleinen Tagcsarbeit, wie an der großzügigen Tätigkeit sich beteiligte und der im Stillen seine» großen Einfluß auf leitende Persönlichkeiten stets zum Besten der Bewegung ansznübcn verstand. M. L c v i g a r 8 rief dem Heimgegangenen Bruder tiefgefühlte Worte der Trauer nach und zeichnete ein Bild von der Wirksamkeit des Verstorbenen außerhalb Frankfurts, trat er doch überall auf seinen weiten Reise» mannhaft für seine Ideen ein. Die Versammlung erhob sich zum Zeichen der Trauer und Verehrung von ihren Plätzen. — Man trat nunmehr in die Besprechung eines Berichtes der Berliner Parteileitung ein, über den Rechtsanwalt Dr. S. 2 ch w a r z s ch i l d referierte und an den sich eine ausgedehnte und sehr lebhafte Debatte anschloß. Man gab von allen Seiten der Freude über die energische Arbeit der Berliner Zentrale 'Ausdruck und begrüßte insbesondere die Einrichtung einer Zentralstelle für 'Apologetik. Dr. G o t t l i c b mahnte in eindringlichen Worten zur Vertiefung ins jüdische Wissen, Levigard fordert begeistert zum energischen Kampfe gegen rechts - und links ohne Scheu vor der sozialen und sonstigen Stellung von Personen ans, und da in der Debatte einzelne Bemerkungen fielen, die zn Mißdeutungen Anlaß geben konnten, griff Prof. W e y l ein, um auf die Bedeutung der Autorität im Judentum hinzuweisen. Sekretär Braun fordert die Arbeit der Zionisten an sich selber und verlveist auf die Bedeutung der P ersönlichkcit im Zionismus, die über der materiellen Beisteuer stehe. Ten eindrucksvollen Abend, der auf einem hohen Niveau stand, schloß der Vorsitzende mit der Mitteilung, daß man 'darangehe, Herrn Joseph W. Hackenbroch ins goldene Buch einzntragen. Frankfurt a. M. Die 4. Veranstaltung der Zion. Jugendgrnppe war der sozialen Lage der Juden der Gegenwart gewidmet. An Stelle des durch Erkrankung leider in letzter Stunde verhinderten Dr. W. Hanauer, referierte Dr. Gottlieb über dieses Thema. Nach einführenden Worten über die Bedeutung, die Schwierigkeit und die Besonderheiten der jüdischen Statistik sowie einer Uebersicht über die Verteilung der Judenheit in den verschiedenen Ländern behandelte Redner einzelne Sonderprobleme eingehender an Hand statistischer Daten (Bevölkerungsbewegung, Emigration, Assimilation, Taufen und Mischehen). Rechtsanwalt Dr. S. .S ch w a r z s ch i l d berichtete hierauf iu anschaulicher Weise über die sozialen Verhältnisse der Juden in Palästina auf Grund eigener Beobachtungen. Es folgte eine kurze Diskussion, an der sich noch Herr Rapp beteiligte, und die Wahl des geschäftsführenden Ausschusses, dem nunmehr außer den Vertretern der beiden Ortsgruppen (Dr. Gottlieb und Lehrer B. Stern) L. Perlmutter, Bollag-Feuchtwan g e r und Frau Bamberger angehören. Frankfurt a. M. Zion. Jugendgruppe. Montag, abends 8% Uhr, findet in der Loge zum Adler, Seilerstr. 22, ein zwangloser Diskussionsabend über das Thema „Z i o n i s m u s und g e s e tz e s - treues Judentum" statt, zu dem auch Gegner eingeladen sind. Lehrer B a r u ch Ster n wird das einleitende Referat halten. Berlin. In einem kleinen Heftchen — Z i o n i st. Merkblatt"*) genannt sind die tatsächlichen Ergebnisse der bisherigen zionistischen Tätigkeit in Palästina zusammen g e stellt. Es geht daraus hervor, daß die Zionisten über drei Bankinstitute verfügen, die sich in das Arbeitsgebiet teilen. Ihr Gesamtkapital beträgt ca. 7*/s Millionen Mark. Bankstellen und Filialen bestehen in London und Konstantinopel, in Jaffa, Jerusalem Beirut, Haifa, Hebron und Safed. Der größere Teil des Kapitals arbeitet noch in Europa, doch sind die iu Palästina erzielten Resultate derart, daß bereits eine allmähliche Transferierung des Gesamtkapitals nacki dem Orient beschlossen wurde. Das Hauptinstitut ist die in London domilizierte „Jüdische Kolonialbank." Neben den Bankinstituten besteht ein auf freiwilligen Spenden beruhender Landkaufsfonds, der „N a t i o n a l f o n d s" der bereits über zwei Millionen Mark aufweist. Bon dieser Summe ist die Hälfte bereits in Palästina investiert. Die Tätigkeit dieses Fonds besteht in der Hauptsache in der Beschaffung von Grund und Boden für *) Zionistisches Merkblatt. 5671. 2. Auflage. 64 Seiten, 10 Pfg. Berlin, Zion. Vereinigung für Teutschlaiü». Zwecke der jüdischen landwirtschaftlichen und städtischen Kolonisation und von Bauplätzen und Beihülfen für jüdische Institute, z. B. das im Bau begriffene Technikum in Haifa, für das „Hebräische Gymnasium" in Jaffa, für die Knnstgewcrbeschule „Bezalel" in Jerusalem — Institute, Die zum Teil wieder über nicht unbeträchtliche eigene Mittel verfügen. Der Nationalfonds läßt auch Olivenplantagen anlegen, unterstützt die Entstehung jüdischer Viertel in den Städten usw. Von kleineren Fonds, Instituten und Gesellschaften besteht eine sehr große 'Anzahl. Die Anfang der achtziger Jahre ins Leben getretene Kolonisationsicnd Einwandernngsbcwegung hat die Zahl der Juden im Lande von etwa 30 000 aus ca. 100 000 gebracht. Seit 1882 sind 35 landwirtschaftliche Kolonien mit einem Besitz von 40 000 Hektar Land und einer Bewohnerzahl von 7500 Seelen entstanden. Berlin. Am 22., 23. und 24. November fand hier eine Sitzung des 'Aktionskomitees der Z i o n i st i s ch e n Organisation statt. Der Sitzung lag ein Entwurf für das neue Statut der Zionistischen Organisation vor, der einer erweiterten Kommission zur endgültigen Redakiton überwiesen wurde. Da sich herausgcstellt hatte, daß von den jährlich bedeutend wachsenden Einnahme» ei» verhältnismäßig zn großer Teil direkt verschiedenen sonderzwecken zugeführt wird, wodurch die Zentralorganisation nicht über genügend Mittel für die allgemeinen Zwecke der Bewegung verfügt, wurde die Gründung eines Zentralfonds zur Beseitigung dieses Nebelstandes beschlossen. Es wurde ferner beschlossen, den Zehnten Z i o n i st e n k o n g r e st im Monat 'A u g u st 1911 in Basel abzuhalten und mit demselben womöglich eine 'Ausstellung, die die jüdisch - nationale Arbeit in Palästina und in der Diaspora veranschaulichen soll, zu verbinden. Es zeigte sich int Laufe der Beratungen, daß in allen Hauptfragen zwischen den Vertretern der verschiedenen Landsmannschaften nuuinehr völlige Ucbereinstimmung herrscht. Fulda. Am 16. November hielt König!. Bibliothekar Dr. Heinr. Löwe aus Berlip hier seiner in des Wortes wahrster Bedeutung "„lichtvollen" Vortrag, der alle Hörer begeisterte. 'An Lichtbildern erläuterte der geschätzte Redner seine trefflichen Ausführungen. In großen Zügen entrollte er ein Bild des Werdegangs des jüdischer! Volkes und versetzte uns im Geiste in das Land unserer Väter, das die Sehnsucht aller Zionisten bildet. Dr. Löwe verstand es, das Interesse des jüdischen Lebens zu wecken und die Vorurteile zu zerstören, die gegen die zionistischen Bestrebungen bestehen. Dem Vorstände der hiesigen Zionistengruppe gebührt Dank und 'Anerkennung für die Berufung des Herrn Dr. Lörve, dem am Schlüsse seines Vortrags reicher Beifall gespendet wurde. Das Mahnwort des verehrten Redners, sich um das Banner Zions zu scharen und unbeirrt um die Anfeindungen der Gegner treu zur zionistischen Sache zu halten, fiel auf fruchtbaren Boden. Berlin. 22. Nov. Dem Bericht, den das Engere Aktionskomitee dem Großen Aktionskomitee in dessen heutigen Sitzung vorlegt, entnehmen wir folgendes: Die Repressalien der russischen Regierung gegen alle jüdischen Bestrebungen dauern an. Es find in der letzten Zeit wieder mehrere Verhaftungen und Hmrsdurchsuchungen erfolgt. Aus den Mitteln des von den Zionisten zur Zeit der großen Pogrome gesammelten Fonds werden jetzt insgesamt 4 Knaben und 14 Mädchen in verschiedenen Anstalten in Palästina erhalten. Die von Dr. Franz Oppenheimer auf dem Hamburger Kongreß vorgeschlagene Siedlungsgenossenschaft ist nunmehr als Erez-Jsrael- Siedlungs-Gesellschaft m. b. H. konstituiert worden. Ein großes Landstück in Galiläa, auf denr sie mit der Arbeit beginnen wird, ist.'von dem zionistischen Palästinaamt erworben worden. Der Ban von Arbeiterhäusern in den jüdischen Kolonien schreitet vorwärts. Solche Wohnungen sind in den Kolonien Mischon-le-Zion. Rechoboth, Pethach-Tikwah und Chedera bereits errichtet. Budapest. Ende Dezember wird hier unter der Redaktion von Dr. Josef Patai ein jungjüdischer Almanach erscheinen, welcher als erstes Werk der jüdischen Renaissance in ungarischer Sprache von großer Bedeutung sein wird. Dr. Patai genießt in Ungarn einen ausgezeichneten Ruf als jüdischer Dichter und Schriftsteller. Er hat sich für den Wmanach die Mitarbeiterschaft hervorragender literarischer und künstlerischer Kräfte gesichert. 48

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