Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 46 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr 46. am sie za bewerben. Wer ich habe sie doch heute gesehen und habe mit ihr gesprochen, und ich werde sie morgen wieder sehen und werde wieder mit ihr sprechen, — und weißt Du, sie redet sich ein, sie wäre mir Dank schuldig und darum sieht sie mich zuweilen an, daß mir's ist, als würde ihr Blick mir das Herz sprengen. Du kannst Dir bas gar nicht Lenken." „Warum sollte ich mir das nicht denken können?" entgcgnete Egon heiter lachend, „meinst Tu, ich wüßte nicht, wie es ist, wenn der Blick der Geliebten uns in das Herz dringt?" „Freilich, Tu hast Las doch schon früher gewusst als ich. Deine Lili —" „Noch kann ich sie nicht mein nennen, denn noch nie ist ein derartiges Wort zwischen uns gefallen, trotzdem bin ich ihrer sicher, das haben mir ihre Augen längst verraten und unsere beiderseitigen Eltern haben sich gegeneinander längst darüber ausgesprochen. Das weiß ich jedoch erst seit heute morgen. Mama hat mir nämlich erzählt, Frau Meier habe sie gefragt, ob cs uns recht wäre, wenn bei der Vermählnngsseier ihrer ältesten Tochter die Verlobung der jüngsten proklamiert würde. 9hm, meine Eltern haben selbstverständlich nichts dagegen, und wie sehr ich mich darauf freue, kanntst Du Kir denken. Unsere Verinählung wird allerdings noch nicht so bald stattfinden, Lili ist noch sehr jung, aber ihre Mutter hofft, daß sie durch ihre Verlobung die Trennung von der Schwester leichter verwinden wird. Die Schwestern hängen sehr aneinander, nie sieht man -die eine ohne die andere." „Aha, da soll der Bräutigam ihr die Schivcster ersetzen." „So ist's, so lange wir nicht verlobt sind, können wir doch nicht einmal zusammen ausgehen. Ich freue mich königlich darauf, nur schade, daß es iwch so lange bis dahin ist, neun oder zehn Wochen. Am Ende verlobst Du Dich noch früher als ich." „Ach, sprich nicht so, zeige mir nicht ein Glück, das ich nie erringen werde." „Mer ich bitte Dich —" „Um was bittest Du mich? ich weiß cs, ich fühle es, daß ich das herrliche Mädchen nie in meine Arme schließen werde. Wer meine Wünsche verstcigen sich auch nicht zu dieser Höhe, ich bin glücklich, wenn ich sie nur sehen, nur mit ihr spreche» kann." „Ich glaube. Du bist nicht nur der beste und der treueste Mensch, sondern auch der bescheidenste. Das aber ist ein Fehler, weißt Dü nicht, nur die Lmnpe sind bescheiden." „So sagt man zwar, aber geschrieben steht, daß unser großer Lehrer Moses ‘ der Bescheidenste gewesen ist. Daraus folgt, daß die Luinpc die Bescheidenheit doch nicht für sich allein gepachtet haben." »Mt Dir wird jitnii nicht fertig, aber vielleicht hast Du recht, je weniger man erwartet, desto höher schätzt man das Errungene." Jakobson erwiderte nichts, ein träumerisches Lächeln umspielte seine Lippen, ob er in Wirklichkeit so bescheiden war in seinen Wünschen, in seinem Hoffen? —: darüber war er vermutlich sich selbst nicht klar. —. Der Abend und alle Wende dieser Woche trafen ihn im Hause des Doktor Blau, der großes Gefallen fand an dem jungen Manne, .dem er sich so .hoch verpflichtet fühlte, und der etwas so Ernstes, so Gediegenes in seinem Wesen hatte, wie er solches bei jungen Leuten selten gefunden. Aüch Irma freute sich den ganzen Tag auf den Abend, der ihr den neuen Freund, .den Retter ihres Malers, wie sie ihn für "sich nannte, bringen würde; noch mit keinein hatte sie sich so gern unterhalten wie mit ihm. Doch anr Freitag sah sic mit einergewissen Unruhe seinem Besuche entgegen, ob er zur selben Zeit kommen würde wie an den vorigen Wenden? Doktor Blau war ein streng frommer Mann und hatte selbstverständlich seine Tochter in seinem Sinne erzogen. Unter Irmas Bekmrnten fanden sich jedoch nur wenige, die in religiöser Beziehung mit ihr und ihrem Vater übercinstiminten. „Da wird sich's entscheiden", flüsterte sie in sich hinein, „da lvird sich's entscheiden." Ob sie sich selbst klar tvar, über was sie eine Entscheidung erhoffte? Ms sie in Vertretung der Hausfrau, ihrer längst verstorbenen Mutter, die Sabbatlichtcr angezündet hatte, reichte sie ihrem Vater ein Gebetbuch und sprach auch selbst das für den Sabbatabend vorgeschriebene Abendgebet, dann neigte sic das liebliche Köpfchen dem Vater zu, der segnend seine Hände auf dasselbe legte, dann zog er sie an sich und küßte sie auf die Stirn. „Guten Sabbat, liebes Lind!" „Guten Sabbat, lieber Papa! — Ach, ich bin so froh, daß Du doch schon auf der Chaiselongue liegen darfst, sonst wäre es ein trauriger Sabbat gewesen." „Nun, nun, gar so arg wäre das auch nicht gewesen, aber froh bi» ich auch, daß ich Gottlob wilder so weit bin." „Gott sei Dank! — Wer das war eine traurme Woche." „Wenn der Jakobson nicht dazu gekommen wäre, wäre es vermutlich Ivcit schlimmer geworden. — Bin neugierig, ob er heute kommen wird." „Warum sollte er njcht kommen? Er ist doch die ganze Woche allabendlich gekominen. — Horch! — da klopft es an die Glastür — sollte er das sein?" Er war es in Wirklichkeit. Gleich darauf ein leichtes Klopfen an der Zimmertür, und auf das einladende „Herein" des Hausherrn trat Jakobson mit höflichem Guten Sabbatgruß in das Zimmer. Unter heiteren Gesprächen verging der Abend und Jakobson mußte auch zum Nachtessen bleiben. — Seitdem war er regelmäßig am Freitagabend und Sabbatmittag Gast am Tische des Doktors, aber auch im Laufe der Woche kam er oft abends, so oft es ihm seine Zeit erlaubte, denn er wußte, er war jederzeit willkommen. Doktor Blau war voil seinem Beinbruch bereits genesen, und wiederholt war Irma auf ihren Vorschlag zurückgekommen, er möge ihren gemeinschaftlichen Freund als Techniker engagieren, denn in wenigen Monaten wurde der bctresfende Posten bei ihm frei. Der Doktor hatte jedoch jedesmal ablehnend den Kopf geschüttelt. „Aber ich begreife Dich nicht, Papa, wir sind ihm doch so großen Dank schuldig." - „Eben deshalb, Kind." Sie schüttelte staunend den Kopf. „Das begreife ich nicht. — Aber wenn ich Dich sehr bitte, lieber Papa — er ist gewiß tüchtig in seinem Fach." „Daran zweifle ich nicht, aber grade deshalb uird iveil ich demjenigen, der mich verpflichtet hat, nicht nur in Worten meinen Dank ausdrücken möchte, darum kann ich inich nicht entschließen, gegenwärtig Deinem Vorschläge zu entsprechen. Ich möchte nämlich, daß Jakobson einige Jahre die Universität besuche, dann könnte er als Zahnarzt meine Klicntele übernehmen und ich könnte mich zurückziehen, bin ja doch schon ein alter Kerl." „Das ist nicht wahr!" fiel Irma lebhaft ein, indem sic ihre Arme um seinen Hals schlang, „ein alter Kerl bist Du nicht, aber Dü bist der Allerallerbeste ans der ganzen Welt, und ich habe Dich so, so lieb —" Er streichelte ihr lächelnd die rosigen Wangen. „Also bist Du einverstanden, daß ich nicht anf'Dcincn Vorschlag cingehe?" „Nun freilich, Dein Plan ist doch ungleich besser, hast Du ihm denselben schon mitgeteilt?" „Noch nicht, denn ivcn» ich ihn ausfordere, die Universität zu besuchen, wozu ihm vermutlich die Mittel fehlen, so muß ich ihm doch gleichzeitig Mitteilen, daß ich bereit wäre, ihm dieselben vorzustreckeii, und ich weiß nicht, ob ihm das in Deiner Gegenwart angenehm wäre." „Lieber, lieber Papa, wie bist Du so gut, so überaus gut! — Also wenn er heute Abend kommt, so gehe ich hinaus, dann wirst Du mit ihm sprechen. Nicht wahr? — Aber mir scheint, da ist er schon. — Guten Abend Herr Jakobscu, wie geht es Ihnen? — Heute muß ich Ihnen auch gleich Adian sagen, eine Freundin hat nlkch gebeten, den Abend bei ihr zuzubringen, Adieu Papa! Adieu Lcrr Jakobson! Auf Wiedersehn!" Sie nickte den Znrückbleibcnden grüßend zu und ging hinaus. Jakobson hatteihren Gruß höflich erwidert, doch in seinen ausdrucksvollen Zügen malte sich eine Art Enttäuschung, hatte er doch während des .ganzen Tages sich nach dem Abend gesehnt, den er in der Nähe der Geliebten zuznbringcn gedachte, und nun — Der alte Herr las dem jungen Manne lächelnd die unmutigen Gedanken von der Stirne ab, ein wenig wollte er ihn doch zappeln lassen, darum begann er die neuesten politischen Ereignisse zu erörtern. Erst nach einer Weile ging er auf sein eigentliches Thema über. „Sagten Sic nicht neulich, Herr Jakobson, daß Sie das hiesige Gymnasium besucht hätten?" „Allerdings, das habe ich gesagt." „Haben Sie das Gymnasium ganz durchgeniacht? 'Auch das Reifezeugnis erhalten?" „Gewiß, ich wollte doch Medizi» studieren." „Und warum haben Sie diese Absicht nicht ausgesührt?" „Weil ich's nicht konnte, mir fehlte» die Mittel. Wenige Wochen, nachdem ich die Reifeprüfung bestanden hatte, erlag mein Wohltäter, der bisher für mich gesorgt hatte, einem Herzschlag, ohne ein Testament zu hinterlassen. Er ist'nicht alt geworden, und da er nie zuvor krank gewesen ist, hat er vermutlich nicht daran gedacht, daß er so plötzlich abberufen iverden könnte." „Und seine Erben haben sich gar nicht um Sie gekümmert?" Jakobson zuckte die Achseln. „Ich war ihnen fremd, und überdies glaube ich nicht, daß die Erbschaft besonders groß gewesen ist. Herr David Hellinanu dürfte Ihnen bekannt gewesen sein —" „Nur oberflächlich, aber er galt für vermögend, und da er unverheiratet war —" „So hat er, wie ich glaube, den größten Teil seines Einkommens für wohltätige Zwecke verlvendet. Er hat überaus viel Gutes getan und dadurch dürfte sein Vermögen überschätzt worden sein. Die Erben sollen sehr enttäuscht gewesen sein." „Und haben sich vermutlich deshalb nicht um die bisherigen Schützlinge des Verstorbenen gekümmert. war doch ein Unrecht von dem Hellmann, keine letztwilligen Bestimmungen zu hintcrlassen." „Ich kann mich nicht beklagen, im Gegenteil, so lange ich lebe, werde ich mit innigem Danke des ebeln Mannes gedenken. Wenn ich auch nicht weiter studieren konnte, so konnte ich mir doch bereits mein Brot verdienen. Man empfahl mich dem Doktor Main, der einen Hauslehrer für seine Kinder suchte. Zwei Jahre habe ich dieselben unterrichtet gegen Logis und freie Verpflegung und habe mich dabei in der Zahntechnik ausgebildet und beziehe schon seit mehreren Jahren ein nicht unbedeutendes Gehalt." „Das war gewiß richtig. Heute liegen die Verhältnisse jedoch anders, ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen. Sehen Sic, ich bin ein alter Mann, sehne mich nach Ruhe, habe auch mein Schäfchen bereits ins Trockene gebracht. Wenn ich einen Sohn hätte, hätte ich mich vielleicht schon längst vom Geschäft zurückgezogen und ihm das Ganze übergeben, da ich aber nur eine Tochter habe, so habe ich mir immer gedacht, die müßte einmal einen Zahnarzt heiraten, den würde ich wie meinen Sohn betrachten und würde ihm alles übergeben." Er hielt einen Augenblick inne, der junge Manu atmete schwer ans, während sein Gesicht bleicher und bleicher wurde. „Jetzt komme ich zu meinem Vorschlag," fuhr der Doktor fort. „Sic haben mir unlängst einen großen Dienst erwiesen, wir, meine Tochter und ich, haben von Anfang an häufig überlegt, wie wir Ihnen denselben vergelten könnten —" „Aber ich bitte sehr —" „Unterbrechen Sie mich nicht, sonst komme ich aus dem Konzept. Also, wie gesagt, von Anfang an haben wir überlegt, wie Ivir uns Ihnen gegenüber revanchieren könnte». — Inzwischen haben wir Sie aber näher kennen gelernt, und — na, ich will Ihnen keine Komplimente machen, aber sagen muß ich Ihnen doch, daß Sic uns gefallen, in jeder Beziehung gefallen." (Fortsetzung folgt.) „Zu Geschenken eignen sich meine Opemgläser. Feldstecher.Lorgnons, Barometer. Thermometer, Brillen, Pincenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmittel" „I. W. Albert, Inh. Paul Wanüerey, Haus Neptun, Ecke Neue Mainzerstr. und Weißftauenstr. 11. Tel. 7254, Anit I." Kunst und Literatur. Maximilian Harden: Köpfe. Berlin. Verlag Erich Meiß. 1910. 465 S. Brosch. 5 Jk Eine Sammlung von literarischen Porträts von Maximilian Harden, wem wird das Buch nicht interessant erscheinen? Eine Sammlung srchjektiv gehaltener Bilder von Zeitgenossen Maximilian Hardens, wer wird darin nicht Fehler, Uebertreibnngcn. Paradoxe vermuten? Und in der Tat: dies sind die zwei vornehnisten Eigenschaften des Buches: cs ist interessant und enthält dabei gar manches F a l s ch e. Beides ist bei Harden notwendig. Er wäre nicht der glänzende Stilist, der geistessprühende Kritiker, wenn nicht alles, was er schreibt, den Reiz des Interessanten, oft Pikanten, an sich hätte. Er müßte aber auch nicht der gefürchtete, gehaßte, oft unsympathische Journalist sein, würde er nicht viel Falsches schriebe, zumal, wo es sich um Zeitgenossen handelt, um Männer, die er zum Teil selbst gekannt hat. So enthalten denn auch verschiedene Aussätze, wie die über Bismarck, S t o e ck c r, vor allem aber der über Zola, viel Falsches. Aber bei Harden fällt dieser Mangel nicht allzuschwer in die Wagschale. Man ist dies von ihm gewohnt, man rechnet gar nicht anders, man weiß es schon voraus, und so schadet es nicht viel. Ich werde natürlich keinein dieses Buch empfehlen,. der'von den Männern, die Harden behandelt (ich nenne nur: Der alte Wilhelm, Bismarck, Kaiserin Friedrich, Holstein, Stoecker, Ibsen, Böcklin, Menzel, Zola, Makowsky) noch nichts weiß und sie nun aus Hardens Schilderungen kennen lernen wollte. Er würde da oft ein gar falsches Bild erhalten. Aber wem sie nicht unbekannt sind, wer die Grnndzüge ihres Wesens schon kennt und noch nach Details, nach weitere» Ausführungen, nach persönlichen Anekdoten und eigenartig geschriebenen Stimmungsbildern von ihnen sucht, der greife getrost zu diesem Buche: er wird aus ihm manches lernen, uud vor allem: es wird einige Stunden angenehmen Genusses und künstlerischer Freude bereiten. vr. N. FRANKFURTER KOMÖDIENHAUS Direktor Karlheinz Martin Nene Zell 80 — Telephon 1201 spielt bis auf weiteres Taifun Melchior“ Lengyel. ■' __Anfang 8 IThr_. _