Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 44 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- Seite 5 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 44 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. „DaS fiiide ich begreiflich. Doch ich .muß um Erlaubnis Litten, meinen Ueberzieher ablegen zu dürfen, im warmen Zimmer — „Verzeihen Sie, daß wir Sie nicht dazu aufgefordert haben. — Ueberhaupt, wir nehmen Ihre Güte fv ohne weiteres in Anspruch, ohne auch nur zu wissen, wem wir uns so sehr verpflichten. Mein Name ist Doktor Blau, Zahnarzt." ,Mktor Jakobson, Zahntechniker bei dem Zahnarzt Doktor Adam." „Sieh', sieh', da wären wir ja beinahe Kollegen — Er ward durch ein Klopfen an der Zimmertür unterbrochen; der Hausarzt trat in das Zimmer. „Was Haben Sie denn gemacht, alter Freund, daß Sie da liegen wie ein gefesselter Stier?" „Es sieht ärger aus, als es ist, ich habe mir nur das linke Bein verstaucht und da meine Beine gehörig zu tragen haben, wäre ich schwerlich' allein nach Hause gekommen; glücklicherweise war Herr Jakvbson in der Nähe und ist mir beigestanden." „Ah, Herr Jakobson! ich habe Sie gar nicht bemerkt. Das war in Wirklichkeit ein glückliches Treffen, daß Sie in der Nähe waren. — Doch machen wir uns nun ans Werk. —■ Fürchten Sie sich nicht, Herr Kollege, ich mache Ihnen keine Schmerzen, da das Bein nur verstaucht ist, werde ich es nnr sanft massieren." Doktor Blau winkte seiner Tochter, sie neigte sich über ihn und berührte mit ihren Lippen seine bleiche Stirn, dann verließ sie leise iveinend das Zimmer. Jakobson drückte die Tür fest in's Schloß und schob den Nachriegel vor, dann machte sich der Arzt an "die Arbeit. Das Bein war in Wirklichkeit gebrochen. Mit Hilfe des jungen Mannes richtete der Urzt den Bruch ein, legte den Verband an and half den Patienten entkleiden und in's Bett bringen. Doktor Blau hatte sich als Stoiker gezeigt, kein Schmerzenslaut hatte sich seinen Lippen entrungen, doch bleich und sichtlich erschöpft lag er da. „Ihr Herr Vater ist ein Held," sagte Doktor Schmid, als Irma wieder in das Zimmer trat, Der Kranke warf den Kopf zurück. „Hat sich was mit meinem Heldentum, Ihr Massieren hat mir nicht einmal wehe getan, ich fühle mich sogar sehr behaglich und hoffe, girt zu schlafen. — Du solltest auch bald nachtmachen!" Jakobson hatte inzwischen mit dem Arzt einige Worte gewechselt, dieser nickte zustimmend. „Wenn Sie das wollten, das wäre allerdings das Beste, dann könnte Fräulein Irma doch gewiß ruhig sein, und Herr Doktor Blau ist sicherlich ejnverstarrden." „Mit was?" fragte dieser. „Herr Jakobson hat sich erboten, diese. Nacht bei Ihnen zu bleiben." „Aber nein, das wäre zu viel, das kann ich unmöglich annehmen." „Bitte sehr Herr Doktor, das können Sic unbedenklich annechnen, ich habe schon öfters bei Kranken gewacht." „Nein, nein, -ich schulde Ihnen ohnehin schon so vielen Dank—" „Nehmen Sie es' an, es geht dann aus eine Rechnung" sagte der Arzt lachend. „Ich will damit nicht behaupten, daß es notwendig ist> daß jeinand bei Ihnen wacht. Mer Fräulein Irma würde weit ruhiger sein, wenn sie Sie nicht allein wüßte." „Gewiß würde ich weit ruhiger sein" stimmte Irina bei „ich bin ja heute wie vor den Kopf gestoßen, und Herr Jakobson iveiß so gut zu raten." ,-,Also abgemacht, .es bleibt dabei?" Ter .Patient brummte einige unverständliche Worte, der andere nahm dieselben als Zustimmung. „So, das ist gescheidt von Ihnen. Sluit schlafen Sie wohl,. morgen bei Zeiten werde ich wieder nach Ihnen sehen." Der Arzt empfahl sich und verließ unter Irmas Begleitung das Zimmer. Nach einigen Minuten kam das junge Mädchen noch einmal zurück. ,Ahr Herr Vater ist eiilgeschlafen" flüsterte Jakvbson „er schläft sehr ruhig. Sie sollten sich auch niederlegen, .Fräulein Blau." „Das will ich auch. — Doch wenn — Gott behüte! — in dem Befinden meines Vaters eine ungünstige Aenderung eintreten sollte, so benachrichtigen Sie mich sofort; klopfen Sie nur an die diesem Zimmer zunächst liegende Tür! Das versprechen Sie, nicht wahr?" ,Hch verspreche, es." „Ich. danke Ihnen und verlasse mich auf Sie. Gute Nacht Herr Jakobson!" „Gute .Nacht Fräulein Blau!" erwiderte er, indem er die.Hand, die sie ihm gereicht hatte, leise drückte. Sie sah ihn an mit einem dankerfüllten Blick, der ihm his tief in das Herz drang, dann ging sie leise hinaus. Der junge Mann, atmete tief auf, während . ein glückliches Lächeln seine Lippen umspielte. Ihm "war so seltsam zu Mute, als stünde er vor einem großen Ereignisse, als wolle das Glück bei ihm cinkehren. Da regte sich der Kranke, murmelte nur unverständliche Worte, seine jetzt gerötete Stirn war in tiefe Falten gezogen, sein Atem ging rasch und unregelmäßig, er schien im Fieber zu liegen. Jakobson tat, was der Arzt für diesen Fall verordnet hatte, achtete vor allem darauf, daß das verletzte Mein nicht bewegt werde. So verging die Nacht, das ^Befinden des Kranken tvechselte unablässig, bald schien er ruhig zu schlummern, bald lag er unruhig, wie in heftigem Fieber. Als 'es Tag wurde und Jakobson eben überlegte, daß es an der Zeit wäre, sich ans den Heimgang zu machen, ward die Tür leise geöffnet; Irma trat ein. „Guten Morgen!" sagte sie leise, ihm freundlich znnickend. „Wie geht es?" „Aticht schlecht" erwiderte er. „Ihr Herr Vater hat ziemlich viel geschlafen. Doch ich bcdaure, mich jetzt entfernen zu müssen; aber ich muß pünktlich bei der Arbeit sein." „Nur noch einen Augenblick! Sie dürfen bei dieser Kälte nicht hinaus, ohne etwas Marines getrunken zu haben, Lisette wird sofort den Kassee bringen," „Aber ich bitte sehr, das wäre nicht notwendig gewesen. Ich muß in Wirklichkeit jetzt gehen." „Nein, bitte, nein, da kommt schon der Kaffee; eine. Tasse müssen Sie trinken, mir zum Gefallen." „Ihnen zum Gefallen, mein Fräulein? — das ist ein moralischer Zwang, denn ich wüßte nicht, was ich nicht tun würde, um Ihnen eine Gefälligkeit zu erweisen." Er war bei diesen Worten dunkelrvt geworden, wie erschreckt über die eigene Kühnheit, denn noch nie hatte er derartige Worte zu einer jungen Dame gesprochen. Hastig griff er nach der Tasse, die das Mädchen auf den Tisch gestellt hatte, und leerte sie in einein Zuge. Dann atinete er tief auf. „Nun kann ich. es schon mit der Kälte aufnehmen! — Ich habe die Ehre, inein Fräulein. — Wenn Sie es gestatten, werde ich mir erlauben!, mich heute abend nach dem Befinden Ihres Herrn Vaters zu erkundigen." „Wenn ich es gestatte? — ich bitte sehr darum, denn ich weiß, wie sehr »rein Vater sich danach sehnen wird. Ihnen seineir Dank auszusprechen." Er machte eine ablehende Bewegung, dann reichte er ihr die Hand. „Also auf Wiedersehen heute Albend." „Auf Wiedersehen!" erividcrte sie, Wildem sie zu ihni einporblickte. Einen Moment ruhten ihre Hände ineinander, ihre Hände und ihre Augen; dann wandte er sich hastig und verließ das Zimmer, denn es war in der Tat hohe Zeit für ihn. Als er die Haustür öffnete, fuhr ihm der Nordwind schar; in das glühende Gesicht. Er achtete nicht darauf, raschen Schritts eilte er durch das Schneegestöber dahin. Trotz der durchwachten Nacht empfand er keine Müdigkeit, im Gegenteil, er fühlte sich so frisch, so froh, so leicht, ihm war, als könne er fliegen. Und wie das Herz ihm pochte, — vielleicht durch den aromatisch erregenden Mokka, den er getrunken hatte? — Er lachte hellauf, wollte er mit sich selbst verstecken spielen? — wußte er vielleicht nicht, weshalb sein Herz so rasch pochte? glaubte er denn nicht, noch den Druck der kleinen Hand zu fühlen, .die einen Moment in der seinen gelegen? — .und diese Alugen, diese wunderbaren lichtblauen Augen, die ihn angeschaut. — Wie war doch die Welt so schön, in der es ein Wesen .gab, das ihn mit solchen Alugen angcschaut! — - Alls Jakobson mittags von der Arbeit kam. hatte sich das Wetter aufgeklärt. Das Schneien hatte aufgehört, die schrägen Sonnenstrahlen fielen blendend auf die schneebedeckte Erde und brachen sich in den Eiszapfen, die an den Dächern hingen und in dem Eislaufplatz, den geschäftige Hände jetzt vorn Schnee befreiten, damit er in den Nachmittagsstunden der eislaufenden Jugend als Tummelplatz dienen könne. Dem jungen Manne zuckte es in den Gliedern, als er die schöne Eislanfbahn vor sich sah, gern hätte er sich, wenn auch nur ein halbes Stündchen, auf der spiegelglatten Fläche hin - und her gleiten lassen, aber die Natur fing doch bereits an, ihr Recht geltend zu machen, er mußte die versäumte Nachtruhe wenigstens teilweise uachholen, sonst hätte' er vielleicht Nachmittag bei der Arbeit nicht frisch sein können^ und auch nicht bei dem Besuch, den er abends zu machen gedachte. Wie das Blut ihm zum Herzen strömte, wenn er sich nur vergegenwärtigte, wie er das - holde Mädchen am Mend treffen würde. Ob sie ihn wieder so' ansehen würde, so — so — er wußte keinen Ausdruck dafür, er wußte nur, daß er sich nichts Wonnigeres denken konnte als den Blick ihrer Augen. Jetzt aber eilte er nach Hause, um gleich nach dem Essen sich, niederlegen zu können. Noch rascher als sonst nahm er das Mittagessen ein und ersuchte seine Hauslvirtin, ihn Seite 5. pünktlich wecken zu lassen. Dann suchte er sein Lager ans und schloß sofort die Augen. Wer ihm war'S, als wären sie gleich darauf wieder anfgegangen, weit auf, und starrten hinaus auf die schneebedeckten Dächer, wo der Schnee unter Einwirkung des Sonnenlichtes sich langsam ausznlösen begann — in Tränen. — Wie die Perlen eines zerrissenen Halsbandes schimmerten sie — wie hilflos auseinandergesprengt — in Verlassenheit zitternd — und er fragte bebend: weshalb denn alle diese Tränen? Da sah er. vor .sich das Bild jenes holden Mädchens, das ihm seit dem gestrigen Abend unablässig vor Augen schwebte. Holdselig lächelte sie ihm zu und streckte ihm die Arme entgegen. Doch wie auch er mit ausgebreiteten Armen jauchzeich ihr entgegeneilen wollte, da ward das holde Bild blasser und immer blasser and war dann plötzlich vollends verschwunden, und was er für ihr Bild gehalten hatte, war ein Lcichensteiu von weißem, glänzendem Marmor, der mit voller Wucht auf seiner Brust lastete. — Er wollte schreien, doch der Atem verging ihm, nur ein halblautes Wimmern entrang sich, dem gepreßten Herzen. Ta ward er durch einen lauten Krach erschüttert, erschreckt fuhr er empor und blickte angstvoll um sich. Der kleine Knabe seiner Wirtin stand neben seinem Bette und hämmerte mit dem Stiefelknecht gegen die Wand desselben, daß es weithin dröhnte. „Herr Jakobson, die Mutter hat gesagt. Sie müssen aufstehen, sonst kommen Sie zu spät zu dem Herrn Doktor." Er atmete erleichtert tief aus. Gottlob, es war nur ein Traum! Er nickte dem liebliche» Bübchen freundlich zu. „Dank Dir, Moritz, das hast Du gut gemacht." Rasch erhob er sich, tauchte vor allem den heißen Kopf in ein volles Waschbecken, als wolle ec in dem kühlen Naß die Erinnerung an den schauerlichen Traum versenken. Und es schien ihm gelungen, tvie neu belebt atmete er tief auf und ordnete dann seine Toilette, rasch und doch mit noch größerer Sorgfalt als gewöhnlich, denn er beabsichtigte gleich von seiner Arbeitsstelle aus sich dorthin zu begeben, wo er die vorige 'Nacht durchwacht, allzu spät durfte er doch keinen Krankenbesuch machen. — Aber ^handelte es ihiu denn uni den Kranken? — In der Nacht allerdings, aber heute — er hoffte mit Zuversicht, daß die Heilung desselben normal verlaufe» werde, an sorgfältigster Pflege würde es ihm nicht fehlen, dafür würde schon die Tochter gesorgt haben. — ■ Aber die Tochter, das liebreizende holde Mädchen, das war's, das den jungen Mann mit unsichtbaren Banden an sich zog. (Fortsetzung folgt.) „Zu Geschenken eignen sich meine Operngläser, Feldstecher.Lorgnons, Barometer. Thermometer. Brillen, Pincenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmittel" „I. W. Albert. Inh. Paul Wanderey, Haus Neptun, Ecke Nene Mamzerstr. und Weißfrauenstr. 11. Tel. 7254, Amt I." Halser Friedrich Quelle - Offen bacn tu M. - Gegen Gicht und Rheumatlamns bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stalilt Frankfurt a. W., Stallhnrgstr. 9, Tel. 259 n. 71. J. EMNIEL & SOHN Schillerstraaae 28» Spezlal-Gesehlft für lald Zelehen-Dtenslllen. Holzärand-,KerbsehniU',Tarso-a.Batik-ArlIkeL Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Imach.) Samstag, den 19. November i—17. Cheachwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 10 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 25 Min., in Berlin 4 Uhr 55 Min. Wochenabschnitt: Wajeiro. — Abrahams große Gastfreundschaft und edle Menschenliebe. Drei Engel, die er für fremor Menschen hält, bewirtet er in herzlichster Alrt. Dabei wird ihm die bald bevorstehende. Geburt Jsaks verkündet. Die Engel wenden sich von Abrahams Hütte Sodom und Almora zu. Beide Städte nebst deren Umgegend sollen wegen ihrer Sünden mit dem Untergänge bestraft werden. Auch hier zeigt sich die überaus große Herzensgute Albrahams. Unanfgcsordert betet er für die Sünder. Gott ist. gnädig, will verzeihen, wenn 50, 45, 40, 30, 20, ja nur 10 Gerechte sich dort finden. Sodom und Amora gehen durch Schwefel und Feuer unter. Lot wird aber gerettet. Er zieht mit seinen Töchtern ins Gebirge. Wimelcch, der Philisterkönig, raubt Sara. Aus Gottes nächtliche Mahnung aber gibt er sie wieder zurück, beteuert seine vollkommene Unschuld und überreicht Abraham Geschenke. — Die Geburt Jsaks. Seine Entwöhnung wird durch ein großes Gastmahl begangen. — Hagars Sohn Jsmael pslegt verführerischen Umgang mit