Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 41 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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S. A. Muromzew. Der Präsident der ersten Duma S. A. Muromzew ist verschieden. Nicht nur das liberale Rußland, »ein, die ganze liberale Welt betrauert den Mann, der die erste Volksvertretung des Zarenreiches geradezu verkörperte, dessen Namen eng mit dem Liege der freiheitlichen Bewegung in Rußland verknüpft ist, dem! Siege, der sich leider als ein nur scheinbarer Sieg erwies. Wir Inden müssen Aturomzew als einen Vorkämpfer des Fortschritts, der Freiheit,. der Kultur hochschätzen. - Wir müssen ihn als den Vertreter eines Parlaments, das anscheinend den besten Willen hatte, die unerhörte Lage der russischen Judenheit zu verbessern, achten. Wir müssen seinen Namen als den einer Persönlichkeit, die die ünichtigste Rolle in jener Zeit spielte, tvelche durch ihre allerdings 'trügerischen Versprechungen die Hoffnungen der unglücklichen Juden Rußlands wachrief und sie auf einen Augenblick aufatmen lieg, in das Buch der tragischen Geschichte unseres Volkes eintragen. Muromzew ist die Verkörperung jener Periode, die auf die Revolution folgte und eine Periode des Sieges, der Freiheit zu sein schien. Ein Parlaincut war zum ersten Male im Zarenreiche berufen worben, ein Parlament, das dem russischen Volke die Freiheit geben wollte. ... Wahrlich! Nie hegten die Juden Rußlands solch kühne Hoffnungen wie zur Zeit der ersten Duma,. nie schien eine Wendung zum Besseren der russischen Judenheit so nahe wie zur Zeit, als Muromzew als Der Präsident der im Tanrischen Palais Versammelten die Blicke der ganzen Welt auf sich ^og. ... Aber wie manches so blendend Schöne auf das Auge des.leichtgläubigen Menschen täuschend wirkt, so haben airch unsere Hoffnungen uns grausam und mitleidslos betrogen. Keine erste Duma mehr, kein Kampf für.die Freiheit, kein Streben, einem unglücklichen Stamme, dessen Lage mit jeder Stunde schrecklicher wird, zu helfen! Kein russisches Parlament (die jetzige Duma kann höchstens als ein Parlament in Anführungszeichen bezeichnet'werdcn), keine Aussichten auf Besserung unserer Läge, und zuletzt — kein Muromzew! Nur ein Märchen scheint cs uns jetzt zu sein, alles, was einst geschah! All die 'großen Tage, der erbitterte Kampf unr die Freiheit, die ersten Strahlen der Sonne, die für die russischen Juden aufzugehen schien, alles scheint jetzt —. ein Traum. Doch nicht der .Erfolg ist maßgebend für die Größe einer Persönlichkeit, der Wille und das! Streben nach Erfolg kennzeichnet den Helden! - Muromzews Kampf hat für uns Juden keine Früchte getragen, aber sein vornehmes Denken, sein unerschrockener Kampf, seine edlen Absichten sind cs, die uns Sichtung vor ihm einflößcu. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. In der Mitte seiner Lebensjahre dahingehen, che man zur vollen Entfaltung seiner inneren Kräfte gekommen ist, durch die schmutzige Alltagsnot des Lebens au der rastlosen Verfolgung seiner heiligsten Ideale verhindert werden, seine Kraft im kleinlichen Kampf mit dem Elend der Welt aufreioen und vergeuden, dies ist das tragische' Schicksal so vieler Söhne unseres Volkes, dies ist die furchtbarste Tragik unseres ganzen Volksdaseins im Goluth, dies war auch das Schicksal des Mannes, dem diese Zeilen des Nachrufes geweiht sind, das Schicksal Samuel Ber - l o w i tz'. Er war einer jener jungen russischen Juden, die im engen, schmutzigen, aller modernen Kultur baren Ghetto' Rußlands geboren, mit der ganzen Gewalt ihres inneren Feuers danach streben, aus diesem Ghetto heraus zu kommen, ihre Wissensbegierde an der modernen Geisteskultur zu stillen, die unter großen Leiden und Entbehrungen auch ihr Ziel erreichen, in diesem Kampf um die Erreichung ihres Zieles aber ihre besten Kräfte verbrauchen und die Befriedigung ihrer geistigen Bedürfnisse mit der Schwächung ihres Körpers, mit frühem Tode bezahlen müssen. Was für die Jugend anderer Völker schon fertig vorhanden ist, die ugsere muß., es sich zum großen Teile mit Aufwendung ihrer letzten Kräfte erringen. Dies ist eben Judenschicksal, Goluthschicksal..... Samuel. Berlowitz loar zu Poirewjesh (Litauen) im Jahre 1870 geboren. Nach einer durch fleißiges Studium von Bibel und Talmud verbrachten Jugend ging er nach Prag, wo er die Elementargründe der Wissenschaft erlernte. Nach eineni kurzen Aufenthalte machte er sich nach der Universität Marburg auf, dort jahrelangzu den Füßen Hermann Cohens sitzend, um sich dann nach Bern zu begeben, wo er bis zu seinem Hingange verblieb. Und in diesen Studien hatte sich der Verstorbene ein reiches und tiefes Wissen angeeignet, vornehmlich in der Philosophie. Mit besonderem Eifer widmete er sich, oer jüdischen Religions- Philosophie, die er meisterhaft beherrschte und in einem größeren Werke darznstellen unternahm. Mit aller Arbeit an der eigenen Ausbildung verband der Verstorbene noch eine andere Tätigkeit: die Arbeit für das Volk. Die glühende Liebe-znm jüdischen Volke war die Eigen- 'rfjrtft, die nebst dem Streben nach Geistesbildung Berlowitz' Wesen beherrschte, die ihm den idealen Zug verlieh, den jeder, der ihn kannte, an ihm wahrnehmen konnte. Sein ganzes Leben hindurch dem zionistischen Ideale treu ergeben, hat er rastlos fiir seine Verbreitung und 'Anerkennung gearbeitet; und wie cs bei seiner Begeisterung und Glut natürlich war, hatte er reiche Erfolge aufzuweiscn. Nicht wenige Anhänger hat er der zionistischen Bewegung gewonnen, und seine langjährige Tätigkeit in der Zionistischen Bereinigung Berns, deren Vorsitzender er zuletzt gewesen, waren von nachhaltiger Bedeutung. 'Auch schriftstellerisch wirkte er für die zionistische Idee, und unsere-Leser werden noch gewiß der Aufsätze gedenken, die der Verblichene in den ersten Jahrgängen unserer Zeitung veröffentlicht hatte, und die sich durch logische Konsequenz und feurige Diktton auszcichneten. Noch viel größeres hätte Samuel Berlowitz geleistet, wäre es ihm vergönnt gewesen, durch all die Widrigkeiten und Hindernisse, die sich^ ihm entgcgenstcllien, hindurch in einen ruhigen Hafen sorglosen Lebens zu gelangen. Leider war ihm dieses nicht beschert. Dies aber kann sein Bild, wie cs vor uns steht, nicht trüben. So wird Samuel Berlowitz als ein sein ganzes Leben hindurch nach dem Höchsten alles Erdendaseins, nach der Erkenntnis strebender Mensch, als ein glühender, sein Volk mit allen Fasern seiner reichen Seele liebender Jude bei allen, die ihn kannten, stets in ehrendem Andenken bleiben! Frankfurt a. M. Baron Albert von Rothschild - G o l d s ch m i d t, deutscher Botschaftsattache in London, hat sich mit seiner Cousine M i r j a m von Rothschild, Tochter des Barons Edmund von Rothschild in Paris, verlobt. Frankfurt a. M. Mit Selig mann Mosbach er ist ein Mann per schieden, der ein Gedenken in diesen Blättern verdient. Denn er lebte ein streng jüdisches Leben und verstand es, seine 'Anschauungen auf seine Kinder zu übertragen, sodaß seine Familie zu den bekanntesten der Frankfurter Orthodoxie gehört. An den Interessen der Israel. Rcligionsgcsellschaft nahm er regen und tätigen Anteil. Das Andenken des in hohem Greifenalter Verschiedenen wird bei allen, die ihn kannten, ein dauerndes sein! Frankfurt a. M. Justizrat Dr. Julius Bläu lvurde mit dem Roten Adlerorden 4. Klasse und Samuel C o l l i n in Offenbach mit der Roten K r e u z in e d a i l l e 3. Klasse ausgezeichnet. — In seiner Villa zu Cronberg verschied — 67 Jahre nlt — Wilhel m Bernhard Bonn, Ritter des Roten Adlerordens 4. und deS Kronenordens 3. Klasse und Ehrenbürger der Stadt Cronbcrg. In ihm hat die Frankfurter Judenheit einen Mann von großzügigem Wohltätigkeitssinn verloren. Seine Beisetzung, in deren Gefolge wir u. a. Oberbürgermeister A dickes und den Ersten Staatsanwalt v. Reden sahen und bei der all die sozialen und Humanitären Institutionen, deren Leitung Wilhelm Bonn angehörte, vertreten waren, war ein beredtes Zeugnis für das Wirken des Dahingeschiedenen. Frankfurt a. M. Nächsten Donnerstag findet in der Synagoge am Börneplatz die Nekrutenvereidignng statt. Berlin. Anläßlich des Jubiläums der Universität sind James Simon, Vorsitzender des Hilfsvereins der deutschen Inden, und Gehcimrat Emil R a t h e n a u 511 Ehrendoktoren der Philosoph. Fakultät ernannt lvorden. —■. Die Repräsentanten der jüd. Gemeinde wählten Geh. Regierungsrat a. D. Dr. Pieck zum Aeltesten-Stellvertreter. Berlin. Geheimrat Senator wurde anläßlich der Jubelfeier der Medizinischen Gesellschaft zu deren Ehrenpräsidenten ernannt. Dem Justizrat M e n d a C i t r 0 n zu Wilmersdorf wurde der Rote Adlerorden 4. Klasse und dem 'Arzte Dr. Karl Cohn der Titel Sauitätsrat verliehen. Berlin. Professor Dr. Jacob Barth, Dozent am Rabbinerseminar, ist zum Geheimen Regieruugsrat ernannt worden. B. wurde am 3. März 1851 in Flehingen (Baden) geboren. Er genießt ein bedeutendes Ansehen als jüdischer Gelehrter.' Stuttgart. Dr. med. Karl Ries erbielt die Kark-Olga-Medaille in Silber, Berta Hellmaun -Ulm den Olga-Orden und Hermann Goldfisch-Ulm die Karl-Olga- Medaille in Bronze. Mainftockheim (Unterfranken). Hier verschied der langjährige Kultusvorstand der israelitischen Ge- Gemeinde, Gerson Kahn. Er ragte an Bildung und Wissen weit über den sogen. Durchschnitt" hinaus'. Hatte er doch Gymnasium und Universität besucht, um Rabbiner zu werden! In 'seiner Jugend wirkte er als Lehrer im Rheinland ünd dami am hiesigen Lehrinstitut, das später nach Burgpreppach übersiedelte und die jetzige Präparandenschule bildet. Erst dami widmete er sich dein Geschäfte, dem Weinhandel. Das Vertraue» seiner Mitbürger rief ihn in die politische Gemeindeverwaltung. Mehr als 20 Jahre war er Kultusvorstand dahier. Bei der Beerdigung sprachen Rabb. Bumber g e r - Würzburg, Rabb. Adler--Kitzingen, der Schwager des Heimgegangenen, Dr. chem. Schulh ö f e r - Würzburg als Mitlogenbruder und S ter u- Mainstockheinr für die jüd. Geineinde daselbst. M. (L.) Posen. Der kürzlich in Breslau verstorbene Rentter Sigesmund Mamelok hat der jüd. Gemeinde O st r 0 w 0 10 000 M. vermacht. —■ In Witk 0 w 0 verschied im 04. Lebensjahre Rentter Abraham Wilczinski. — In Gl 0 ga u feierte Stadtverordneter und Kreistagsmitglied Dr. med. Gabriel seinen 80. Geburtstag. Am 1. Januar sind es 50 Jahre, daß er Repräsentant der jüd. Gemeinde ist. —. In Schri m m erhielt Justizrat C i 1 r 011 den Roten A d l e r 0 r d c u 4. Klasse. (L) Posen. Magistratsmitalted Herrmann Schlome in Janowitz erhielt den Kronenorden 4. Klasse. —1 Ziegeleibesitzer M annheim in Janowitz wurde zum Kreistags abgeorduetcn gewählt. Hagenau. Die hiesige Judenheit bat einen schweren Verlust erlitten. Arthur Moch, eines ihrer angesehensten und in lüdischen Angelegenheiten tätigsten Mitglieder, ist — 65 Jahre alt — plötzlich einem Herzschlage erlegen. Moch war u. a. Stadtrat, Präsident des israelit. Knabenwaisenhauses und des israelit. Zufluchtshauses und gehörte lange Jahre dem israelit. Konsistorium' des Unter-Elsaß a». Wen. In Brünn, dem österreichischen Manchester, ernannte der Geineinderat den Fabrikbesitzer Jonas Löw-Beer, der jüngst der Stadt ein mustergültiges Asyl für Obdachlose sttstete, einsttmmig zum Ehrenbürger. — In Reinheim, früher eine Hochburg -es Antisemitismus, wurde Simon Neu m a u u in den Stadt rat gewählt. Budapest. Ein seltenes Jubiläum konnte dieser Tage der berühmte Gekehrte und, Forschungsreisende Hermann Vambery begehen, nämlich das 50jährige Jubiläum als Mitglied der Ungar. Akademie der Wissenschaft. Drohobycz lGalizien). A. H. Zuvnik, Herausgeber der „Drohobyczer Zeitung," wurde vom Obersthofmarschallamt verständigt, daß die Nummer dieser Zeitung vonr 18. August 1910, enthaltend den Leitartikel: „Zum 80. Geburtstage unseres Kaisers" der Sammlung der Familien - Fideikominisbibliothek einverleibt und Dem Verfasser der kaiserliche Dank ausgesprochen lvurde. Paris. Im 73. Lebensjahr verschied Fernand Alphandöry, Oberstaatsanwalt am Kassativnshofe. . London. Edward Dumoulin in Hüll ist zum Sheriff der Stadt Hüll ernannt worden. Petersburg. Der Redakteur der Petersburger jüdischen Wochenschrift „Nowhi Wosschod" S y r k i n wurde vom Stadthauptmann mit einer Strafe von 300 Rubel belegt. Als Mottv wird angegeben, daß das Blatt vor etwa 3 Monaten einen Artikel, betitelt „Der neueste Befehl Tolmatschows," brachte. —. Ebenso wurde die letzte Nummer des zionistischen „Rasswjet" mit Arrest belegt. Der Redakteur Gepstein wird sich vor Gericht zu veranworten haben. —. In die Petersburger Universität wurden dieses Jahr 1820 Christen und 54 Juden ausgenommen. L. K. Warschau. Bon der Tageszeitung „H azesirah" sind die ersten Nummern erschienen. —. In zahlreichen jüd. Gemeinden wurden Feiern zu Ehren von vier Jubilaren — Dr. A. H. Arkavy, dem Bibliothekar der kaiserl. Bibliothek in Petersburg und einem der hervorragendsten Orientalisten der Gegenwart, Elieser Ben Jehuda, dem Verfasser der hebräischen Konkordanz, I. L. Lewin, dem unter dem Pseudonym „Jehulel" bekannten Schriftsteller und Dichter, A. I. Papirno, gleichfalls einem der bekanntesten jüdischen Schriftsteller — gefeiert. Konftautiuopel. Samuel Essendi, ftüher Richter am Berufungsgerichtshos in Kvustautinopel, ist zum Polizeiches für die Küstenbezirke der türkischen Metropole ernannt worden, übernimmt somit einen sehr verantwortungsvollen Posten. Bor kurzem wurde er anläßlich des Besuches des Prinzen Eitel Friedrich von Preußen, den er nach Jerusalem begleitete, durch die Verleihung des roten Adlerordeus ausg^eichnet. 4785