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Neue jüdische Presse · 1910-10-14 · Heft 40 (14.10.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 40 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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IteitftQB M fit. 40 des fmtififnttet IsmeliWM Familimklaties. [C Ht1 T|VTjiVTj[y TjTTfy Infolge dar Feiertage fällt die nächstwOchentliche Nummer aus. Die nächste Nummer erscheint also am Freitag, den 28. Oktober. IfTTTTTTTTv Die Verneinung des Golus. (Zu den Schriften von S. Jsch-Hur>vitz.)*) Es gibt Gedanken und Erkenntnisse, die uns so geläufig sind, daß wir sie nicht mehr innerlich erleben. Selbst grundlegende Anschauungen hören auf, wie Offenbarungen zu wirken, wenn sie zu S e l b st Verständlichkeiten geworden sind. Bis sie uns mit dichterischer Kraft von neuem verkündet werden. Sie erhalten dadurch eine neue Wirkungsmacht, und wirwerden nun ihrer ganzen Tragweite und tieferen Zusammenhänge bewußt. Und jene Erkenntnisse werden fiir uns zu neuen Erlebnissen, zu neuen Daseinsfaktoren und lebensbildenden Triebkräften. Uebcr achtzehn Jahrhunderte sind wir im Golus. Ohne die elementarsten Bedingungen eines normalen Volkslebens. Unsere nationale Existenz schwebt in der Luft. Den Schlechten ein Verfolgungsobjekt, von den anderen bemitleidet, uns selbst ein rätselhaftes Geheimnis. Ueber achtzehnhuudcrt Jahre! Wie lange noch? Wir ertragen es nicht länger. Es fehlt uns die Dulderkrast unserer Vorfahren. Wir wollen hinaus.. Wir müssen es. Wir sehnen uns nach eincni nationalen Halt. Wem von uns ist dieser Gedänkengang nicht ins Fleisch und Blut übergegangcn? Es sind für uns Erkenntnisse, über die wir uns völlig im klaren sind; die für uns nicht mehr diskutabel sind. Wir sind mit uns selbst vollständig einig — und marschieren nun unseren Weg weiter. Streben unserem klar erkannten Ziele zu. Ueber unseren Ausgangspunkt halten wir uns nicht mehr auf, — wir schauen unverwandt vorw ä r t s! Da erschallt Plötzlich ein Ruf: Halt! Geärgert horchen wir hin: Ihr seid im Golus! tönt cs entgegen. Und nun wird vor uns die gewaltige Golus-Tragödie mit all ihren Schauern und düsteren Abgründen aufgerollt. Die Tragödie der geistigen Zwiespältigkeit und des ewigen inneren Unfriedens, des vernichtenden ständigen Kampfes mit sich selbst, *' * * S. Jsch-Hurwitz — jener störende Rufer — hat das Verdienst, uns geärgert und aufgerüttclt zu haben zu einem „cheschbaun hanefesch". Es war uns alles zn sehr klar und selbstverständlich. Wir marschierten ohne Unterbrechung, ohne Verweilung. Dadurch drohte uns eine gewisse Verflachung. Die lebendige Wirkung der Motive unseres Strebens und Handelns trat vor diesen selbst in den Hintergrund. Hurwitz brachte uns diese Motive noch einmal in ihrer ganzen Schärfe zum Bewußtsein. Er rief in uns eine geistige Gährung hervor, die unserem Handeln und. Streben, neue Triebkräfte, neue innere Bewegungselemente zuführt. *) Obwohl wir mit verschiedenen Ansichten des Herrn Sch. Jsch-Hurwitz durchaus nicht einverstanden sind, dringen wir dennoch diesen Artikel, da die Verneinung des Goluth eine überaus wichttge und ganz neue Erscheinung im .modernen jüdischen Geistesleben ist, die in Herrn Sch. Jsch-Hurwitz -ihren konsequentesten Vertreter gefunden hat. Auf einzelne Ansichten desselben werden wir hei anderer. Gelegenheit nÄher zurückkommen. D. Red. Die intensive Wirkung der Hurwitz'schen Aeußerungen zeigte sich in der tiefen Erregung, die sie hervorgerufen haben. Selten hat in der hebräischen Welt eine literarische Produktion eine solche Aufrüttelung und Erregung verursacht, wie die Hurwitz'schen Hoschiloach - Artikel „Leschaaloth kijum Hajahaduth" und „Schtei Derachim". Sie wirkten wie Zeitereignisse, wie Manifestationen zu den Grundpfeilern unseres nationalen Seins. Der glühende nationale Schmerz; der unerbittliche Wahrheitswille, der vor der bittersten Erkenntnis nicht zurückschrcckt; die hinreißende Gewalt der Diktion, die sich an den konzentrischen Stellen zu dichterischer Kraft und Höhe aufschwingt, — das alles verlieh jenen Aeußerungen eine fast elementare Wirkungsmacht. Und Hurwitz blieb sich in der Folge treu. Die absolute Negierung des Golus blieb der zentrale Punkt seines Schaffens und Wirkens. Seine großangelegten Essays im ersten und zweiten Band der literarisch-wisschenschaftlichen Sammelschrift „Hoatid" über „R. Jehuda Halevy" und den „Chassidismus und die Haskalah" sind von der gleichen Intention getragen. Die beiden Gegenstände dienen ihm vornehmlich als Entwürfe für die Beweisführung, daß die geistigen Golus-Jichalte mit ihrer mystischen Romantik keine Lösung des Judentums-Problems bieten. Hurlvitz ist nichts weniger als „Nur-Rationatist". Er räumt deni Gefühl- und Seelenleben seinen vollen Platz im individuellen und nationalen Dasein ein. Nur fordert er lebensvolle, gesunde, natürliche Empfindungen, aus denen normale, lelensveredelnde Anschauungsbildunzen hervorquellen. Solche können aber^ nicht in dem alle gesunden Instinkte verdrehenden und erstickenden Golus entstehen, sondern nur in einem die volle nationale Selbständigkeit mrd Frecheit genießcnoen, aus der eigenen Scholle lebenden jüdischen Volke. Jene Abirormitäten der Psyche und Denktveise im Golus deckt Hurwitz mit beispielloser Schärfe aus. Wir schauen sic in chrer ganzen furchtbaren Wirklichkeit und erleben dabei, den großen Schnierz unserer historisch-nationalen und individuelle» Tragik. Dieser Schmerz verleiht uns neue innere Machtmittel in unserem Sehnen und Streben nach nationaler Befreiung und seelischer Einheit. Scera Dechabraja. Ein jüdischer Künstler. „Seht, der Herr hat mit Namen berufen Bezalel . . . , er hat ihn mit dem Geiste Gottes erfüklt an Kunst, Erfindung, Einsicht und an aller Fertigkeit." Diese Worte der Schrift kamen mir in den Sinn, als! ich! vor einigen Tagen die hier erbaute und soeben eingeweihte neue Synagoge der israelitischen Gemeinde besichtigte und, voll der Bewunderung für das herrliche Werk des genialen Baumeisters Röckle, vor den mannigfachen Silber- und Broncewerken unseres heimischen Künstlers Leo Horovitz stand. — Wie lange ist es - her, da fanden wir auch in den größten Synagogen an den sogenannten K'lekaudesch stets die gleichen Embleme: Löwen, Säulen, Kronen und wiederuni Kronen, Löwen. Säulen, in eintöniger Wiederholung, höchstens in anderer Zusammenstellung stets das Gleiche, nichts sagend, nichts bedeutend und obendrein rohe Fabrikarbeit, ohne Kunst, ohne Schwung! Ohne Zweifel ist es das Verdienst unserer Jüngsten im Reiche des Schönen, wenn hierin Wandel geschaffen und wir heute auch-, in. der kleinsten „Jad" und im „Hawdoloh - Becher" ein Kunstwerk besitzen. Und ich glaube, das Hauptverdienst für diesen begrüßungswerten Fortschritt gehört Horovitz Wahrlich, der .Herr hat ihn imit Seinem Geiste erfüllt: „Sinnreiches zu ersinnen und zu arbeiten in Gold, Silber und Kupfer." Vier Garnituren für Thorarollen. stehen vor uns, jede einzelne einen Gedanken, einekr tiefen Sinn zum Ausdruck bringend. Eine Weltenkugel, im Strahlenglanz, ruhend auf drei Säulen. Wie plastisch bringt uns. dieses Bild das große Wort unseres Weisen .zum Ausdruck. Auf drei Dingen* stehet die Welt, auf Gotteslehre, Gottesdienst und Menschenliebe! Ein fein ziseliertes Brustbild, in allen Farben die 12 Stämme Israels darstellend, erinnert uns, das gleiche Motiv auch bei den anderen Teilen wiederholend, an vergangene, längst entschwundene Zeiten. In feinster Ausführung, dem ägyptischen Stil der Synagoge angepaßt. zeigen sich uns die beide» anderen Garnituren, wie auch die altbewährten Sinnbilder, individuell durchdacht, ihren Eindruck nicht verfehlen. „Das ist seine Frucht," so loben wir, mit dem unser Auge und Herz entzückenden Kidduschbecher, der mit dem Teller wie vom Weinstock gepflückt sich uns darstellt, ihn, den Schöpfer des Weinstocks, den Spender alles Segens. Ja, selbst das kleinste „Anfrufblättchen" ist unter Horovitz' Hand ein kleines Kunstwerk geworden. —, Und mm erst der 21/-> m hohe Chanukkah- Lcnchtcr. Verläßt der Künstler hier auch —- durch Meister Röckle angeregt und nach seinem Entwurf — die altbewährten Bahnen — können wir uns doch kaum einen solchen Leuchter anders als nach dem Bilde des Titusbogens vorstellen! —> so müssen wir doch voll Bewunderung vor diesem gewaltigen, so mächtig aus der Hand getriebenen Bronzeleuchter stehen bleiben und staunen ob der technischen Fertigkeit der Kleinarbeit des Künstlers, der auch das kleinste Blatt jedes Palmzweiges mit Liebe gebildet und auch die kräftigen Rohre und Lichthalter so massig und doch gefällig gehämmert. —i Machtvoll und weiheerfüllt wirkt in seiner Einfachheit das „ewige Licht", die ewig -gleiche allgütige Vorsehung, das Auge Gottes im Heiligtum Gottes. Eigenartig und schön sind auch die silbernen Kandelaber, die ihre 12 Lampen lichtspendend über den Mmemor erstrecken. Mles, «auch vier in Bronze gearbeitete Sammelbüchsen, 2 Votiv-, 2 Bekanntmachungstafeln, entworfen vom genannten Baumeister, durchgeführt und ziseliert in dem kunstgewerblichen Atelier der Firma Felix Hör ovitz in Frankfurt a. M. und gänzlich aus der Künstlerhand Leo Horovitz hervorgegangen, gibt ein beredtes Zeugnis' für die -Kunstfertigkeit des denkenden Bildners, wie auch für die Leistungsfähigkeit der aufstrebenden Firma. Beiden rufen wir ein begeistertes: „Z-lach ur'chaw gl d'war emeß" zu. —. Mögen sie - auf diesem schönen Gebiete noch viele Früchte zeitigen, Früchte aus dem Geiste des Judentums und der jüdischen Lehre. I. B. L. Personalien n. Kleine Mitteilungen. Berlin. Der bekannte Nationalökonom Prof. Tr. Ignaz Jastrow beging sein 2öjähriges Jubiläum als lkniversitätslehrer. .—> Geh. Kommerzienrat Emil Jacob erhielt den Roten Adlerorden 2. Klasse. I—i Professor Dr. Ludwig Stein, früher in Bern, und Dr. F. Borchardt sind in den Lehrkörper der Humboldt-Akademie cingetreten. — In Blcicherode a. Harz wurde Stadtverordnetenvorsteher Samuel Rothenberg zum unbesoldeten Stadtrat gewählt. Breslau. Am 9. Oktober beging Geh. Medizmalrat Dr. Hermann Kornfeld, ein Sohn des Breslauer Talmudisten Rabbi Samuel Kornfeld s. A. und mütterlicherseits ein Enkel von Rabbi Akiba Eger s. A., seinen 70. Geburtstag. Von Kornfelds zahlreichen Schriften behandeln jüdische Themata: „Hygienische Gesetze der Bibel", „War König Saul geisteskrank?", „Moses und unsere zukünftige soziale Gesetzgebung", letztere Schrift unter dem Pseudonym Sanmelo. (Ich Schneiüemühl. In der Stadtverordnetensitzung wurde Stadtrat Samuelsohn zum Kreistagsabgeordneten gewählt. Lftrowo. Oekonomierat David Goldstein. Stahtältester von Ostrowo und Königl. Spezialkommissar a. T., ist im 78. Lebensjahre verschieden. Mit Oekonomierat Goldstein ist ein Mitglied unserer jüdischen Gemeinde dahingegangen, auf das wir stolz sein durften. Lange Jahre war Oekonomierat Golbstein der Präsident unserer Gemeinde und bis zuletzt Präsident der Cbewra Kadischa, der Chewra Gemillus Chassidim und des Holzvereins für Arme. Wien. Markus M. Russo, Seniorchef der türkischen Großhandlungsfirma M. Russo, verschied infolge eines Unfalls im 73. Lebensjahre. Russo, der durch viele Jahre an der Spitze der hiesigen türkischen Gemeinde stand, war eine stadtbekannte Erscheinung. Budapest. Die am s. d. Mts. verstorbene Wwe. Josephine Brei tuer hat ihr ganzes, über eine Million betragendes Privatvermögen fast ausschließlich jüdischen Wohltätigkeitsanstalten testiert. Die Verwaltung und Verwendung ist der Leituung der Budapester Kultusgemeinde überlassen. Zioni. Paris. Im 72. Lebensjahre verschied Maurice L e v y, Generalinspektor des Brücken- und Wegebaues, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Kommandeur der Ehrenlegion. Amsterdam. Die weltberühmte Diamantschleiferei I. I. -Ascher empfing den Besuch der Königin Wilhelmine, des Prinzen Heinrich und der belgischen Königsfamilie. Herr Ascher hob seinen

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