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Neue jüdische Presse · 1910-09-30 · Heft 38 (30.9.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 38 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mflge z» Nr. Z8 ckes FranKfurier ZsMMlkm FamikMatkr. AdonnemenIslieMungen auf das „frankfurter Israelit, familienblatt" nehmen sämtliche Po st an st alten des Jnu n d Auslandes zu MK. 1,08 (Ml. liefecttttq frei ins Laus) für das vierte Vierteljahr 1910 entgegen. — Streifüandzusendung für Deutschland und Oesterreich- Ungarn Mark 1.50, für die übrigen Länder Mk. 2.— vierteljährlich. Wir haben die hiuterlassenen Manuskripte unserer langjährigen Mitarbeiterin Frau Dr. Guggtznheimer (Friedrich Rott) erworben. Wir beginnen in den nächsten Nummern mit einem größeren Roman, „Aus Ser Zukunft", der wieder die spannende Erzählungskunst dieser beliebten Schriftstellerin erweist. Die heutige Nummer ist die letzte des laufenden Quartals. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. FranzRoeckle hatte mit der neuen Westend-Synagoge, deren Einweihung gestern Abend stattfand, eine schwierige Aufgabe zu lösen, denn der von verhältnismäßig schmalen Straßen begrenzte Platz und die Forderung zahlreicher Nebenräume gaben sehr ungünstige Bedingungen für ein machtvoll wirkendes Gotteshaus. Roeckle hat im Rahmen des Gegebenen das Mögliche geschaffen. Der graue Muschelkalk, die durchdachte organische Gliederung und die mächtige Knppclwölbung vereinen sich zu einem seiner Bestimmung treuen Gesamtbilde. Im Inneren war die Aufgabe leichter, und so ist der mächtige Synagogenraum — er hat in seiner Kuppel eine Höhe von 27 Metern und bietet Raum für 1200 Beter — künstlerisch geradezu ein Vollendetes. Wie genial hier der Uebergang von der Bogenzur Kuppelwölbung, wie unübertrefflich der Farben Harmonie, nur weihevolle Stimmung zu erwecken! Mer auch einen jüdischen Charakter — wenn man überhaupt von einem solchen reden kann — hat der Erbauer der Synagogenhalle zu geben verstanden: daß die christliche Orgel über dem Oraun-Hakaudesch gerade in diesem Raume ohne jeden Anklang an christliche Kirchenbauart umso störender empfunden wird, ist nicht Schuld des Baumeisters. Zur Einweihung war die von dem gewaltigen Kronleuchter und von den elektrischen Flammen der Wände lichtdurchströmte Halle bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Zuchörerraum war. in drei Bankreihen gekeilt. Rechts und in der Mitte die Herren in Zylinder und' links die Frauen in Federhüten. Zn der Mitte, auf der ersten Bankreihe die Spitzen der Staats- und städtischen Behörden. . Die Feier eröffnet« ein Orgelpräludium. Es folgte eine Ansprache Justizrats Blau, des Präsidenten der Gemeinde. Er begann mit den Psalmworten: „UM meiner Brüder und Genossen willen rufe ich Dir den Friedensgruß zu, um dieses Gotteshauses 'willen wünsche ich Dir ewiges Heil." Redner entbietet Gruß den Gästen nnd dankt dem Schöpfer des schwierigen Bauwerkes, Architekt Röckle, und all denen, die zur Errichtung des schönen Gotteshauses helfend beitrugen. Alsdann legt er die „Weltanschauung vom Glauben an die Zweckmäßigkeit alles Werdens und Geschehens und an ein einziges, ewiges Wesen als Zwecksetzer von Anbeginn" dar und fährt dann fort: Es herrscht bei Ms Juden über die Art oes Kultus Meinungsverschiedenheiten, und während die einen an allen seit alten Zeiten bestehenden Formen treulich festhalten und nichts geändert wissen wollen, sind die anderen für A e n d e - rungen im modernen Sinne. Die Gemeindeverwaltung als Vertreterin der Gesamtheit hat sich bloß neutral zu verhalten und dem gerecht zu werden. Sie hat deshalb bereits vor einem Jahrzehnt durch Erwerbung eines -Grundstücks vorgesorgt und so steht jetzt der Neubau im Westend da. In diesem neuen Gotteshause ist besonders für die deutsche Muttersprache Sorge getragen und die hebräischen Gebete sind entsprechend den Bedürfnissen der Zeit noch mehr beschränkt worden. Das neue Gebethaus steht als ein Wahrzeichen da, daß das Judentum den Anspruch erhebt, zu lebend ums der- Menschheit -zu dienen getreu der Parole: Treu-deutsch und jüdisch zugleich. ■ ES folgt darauf das Anzünden des ewigen Lichtes durch Rabbiner Dr.- Seligmann; daraus spricht Rabbiner Dr. Lazarus in eindrucksvoller Weise das Weihegebet, worauf das Ein- Kolen der Thora-Rollett geschieht, begleitet vom Chorgesang nnd Sologesang des Borbeters .Scheuermann. In der ihm eigenen meisterhaften, hinreißenden Weise hielt daraus Rabb. Dr. aeligmauu die Predigt. Diese gipfelte in zwei Grundgedanken. An den Satz „Seh eli weanwehu, elankei owi waaraumemenu" anknüpfend, wies der Redner auf den Gegensatz zwischen „Elankei owi", den: nationalen von ckitcrsher überlieferten Gotte, und den: „Eli", dem modernen persönlichen Gott des heutigen Juden, hin. In begeisternden Ausführungen charakterisierte der Redner den „Elaukei oivi", den Gott der Ahnen, nnd schilderte die sittliche Größe und ideale Erhabenheit des Judentums, wie es die Propheten nnd Psalmisten verkündet haben. Dieser Teil seiner Predigt, den der Redner dein „Elaukei oioi" widmete, riß durch die elementare Wucht des Vortrages, durch das feurige Gefühl, von dem er getragen wurde, die Zuhörer hin und versetzte sie in große Begeisterung. Dann zum „Eli", dein modernen individuellen Gotte übergehend, suchte der Redner durch lange Argumente die Berechtigung des modernen, reformierten Judentums zu beweisen, dem diese neue Synagoge zu dienen bestimmt sei. Er betont, in seinem neuen Gebetbuche alle wichtigen Gebete beibehalten und nur die nebensächlichen fortgelassen zu haben; als Gebetssprache sei das Deutsche dein Hebräischen vorgezogen worden, vor allein deshalb, iveil dies den Bedürfnissen der des Hebräischen unkundigen Beter, sodann aber dem deutschen Empfinden entspreche. Dieser Teil seiner Ausführungen klang im Gegensatz zu dem vorhergehenden etwas gezwungen und gekünstelt und wurde auch" von den Zuhörern etwas kälter ausgenommen; man konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß der Redner sich im gewissen .Sinne zu rechtfertigen suchte. In der anderen Hälfte seiner Rede trat der Redner den Behauptungen entgegen, die das Juden- :um als materialisti s ch hinstellen wollen. Das üdische Volk habe seit jeher und durch die ganze Zeit des Gvluth hindurch trotz furchtbarer Verfolgungen seinen Jdealisnius bis auf den heutigen Tag bewahrt; und wozu die anderen Völker Regierung, Heer nnd Flotte bedürfen, die Erhaltung der nationalen Güter, das brachten wir einzig und allein mit unserem Idealismus .fertig. Und auch dieser Synagogcnbau, zu den: so viele großherzig beigesteuert haben, ist ein beredtes Zeugnis dafür, daß auch heute noch unter den Juden der Idealismus nicht erloschen sei. Rach der Predigt tritt der Kantor Nanmow aufs Almemor, und vom Chor begleitet, trägt er verschiedene deutsche Gesänge und Sätze aus dem Keduschohgebet vor. Mit einem Gebet für Kaiser und Vaterland durch Rabbiner Dr. Salzberger und dem Chorgesang „Die Himmel rühnien des Ewigen Ehre" schloß die Feier. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Letzten SamStag verschied plötzlich — 58 Jahre alt — am Herzschlage Herr- Pin k. Kelsen, ein Mann, der es verdient, daß seiner in diesen Blättern gedacht wird. Denn er war nicht nur gewissenhaft in der Befolgung der unscheinbarsten Mizwah, sondern er benutzte auch jede freie Minute zur Vertiefung in den Born des Talmuds, damit er stets fortschreite in der Erkenntnis des Judentums. Dazu hatte er ein wahrhaft jüdisches Herz, das ihn seine höchste Freude in der geheimen Ausübung von Gemilus - Chessed erblicken ließ. Berlin. Geheimer Legattonsrat Dr. Wilhelm Cahn konnte sein ÜOjähriges Doktorjnbiläum begehen. j -t. Mannheim. Adolf Bensinger, Direktor der Rhein. Gummi- und Celluloidfabrik, wurde zum Kommerzienrat, Medizinalrat Dr. Lindemann, Chefarzt des jüd. Kranken- und Pfründner- Heims/ zum Geheimen Medizinalrat ernannt. Karlsruhe. Oberlandesgerichtsrat Dr. Nathan Stein, Sohn des Rabbiner i. P.. Dr. Stein, ist zum stellvertreteuden M.itgliehe des Disziplinarhofes für nichtrichterliche Beamte ernannt worden. — Elias Heim-Müllheim nnd Josef Zimmer n-Mannheim sind mit dem Ritterkreuz 2. Klasse uikd Hauptlehrer Bruchsaler-Salzburg mit dem Verdien st kreuz des Zähringer 'Löwenordens ausgezeichnet worden. Ferner haben Lehrer A. Geißmann-Konstanz und Lehrer Böttigheimer-Kehl die goldene Verdienstmedaille erhalten. Posen. Zu Notaren sind Iustizrat Landsberg-Posen und Rechtsanwalt Jsrael-Rawitsch ernannt worden. Zum Handelsrichter wurde Georg I a s f s - Posen ernannt. Nürnberg. Dr. Bacharach, Professor für Mathematik im hiesigen Technikum, ist zum Konrektor an dieser Anstalt befördert worden. — Am 27. dss. Mts. verschied im Mer von 68 Jahren Kommerzienrat Justin Ottenstein. (L.) Posen. In Tremessen wurde der KaufmannSalomon Zucker einstimmig zum Stadtrat gewählt. In W r o n k e verschied im Alter von 92 Jahren der Rentier ..I s ch a Cohen, ausgezeichnet durch Frömmigkeit und Wohltätigkeit. Basel. Der Verwalter des Schweiz. Israel. Waisenhauses, Haas, wurde von schwerer Doppel-Trauer betroffen. Vergangenen Donnerstag um 2 Uhr nachmittags starb in Straßburg seine Mutter und eine Stunde später hier die Mutter seiner Frau. Budapest. 'Dr. Ignatz v. Neuberger, Senatspräsident a. Dder Konigl. Kurie, ist im Alter von 67 Jahren verschieden. Schon als 28jähr. war er zum Richter ernannt worden. Sein tiefgründiges Wissen und hingebungsvoller Eifer, wie seine hervorragenden Qualitäten sicherten ihm, trotzdem er guter Jude war, ein rasches Avancement. Dem Ausschüsse der hiesigen israel. Kultusgemeinde gehörte Neuberger als Mitglied an. Zioni-, Paris. Schrameck, Generaldirektor der Strafanstalten, wurde zum C.hef der Delegierten ernannt, welche die französische Regierung auf dem Intern. Kongreß für Strafrecht in Washington zu vertreten haben. London. Lady Louisa de Rotschild, eine Enkelin Mayer Amschel Rothschilds, ist am 22. ds. Monats auf ihrem Landsitze zu Aston Clinton im Alter von 90 Jahren gestorben. Sie war eine Tochter 'Abraham Montesiores, des 'Großvaters -des Air. Claude Montesiore nnd Sir Francis Montefiore. Im Jahre 1840 heiratete sie Sir Anthony de Rothschild, der im Jahre 1876 starb. Lady de Rothschild hat fast alle jüdischen Gemeindeanstalten freigebig unterstützt. — Die Vollstrecker des Vermächtnisses der verrenen Louisa Sophia Lady Goldsmid haben jetzt wieder einen Teil ihres hinterlassenen Besitztums im Betrage von 400000 J& unter 70 Wohltätigkeits-Institutionen verteilt. Bon dieser Summe fallen 80 000 Jk jüdischen Wohltätigkeitsanstalten zu. — 'Adolph A h x ens; ein Manchester Kaufmann,; hat anläßlich seines 70jährigen Geburtstages Lstr.' 5000 jür verschiedene Atanchester Wohltätigkeits-Anstalten gestiftet, darunter für das Königliche Krankenhaus und das jüdische Mktoria-Gedächtnis- Hospital je Lstr. 1000. Petersburg. Baron David Ginsvurg veröffentlicht in den jüdischen Zeitungen einen Aufruf, in dem er die jüdische Presse und die jüdisch-literarischen Gesellschaften auffordert, den 75jährigen Geburtstag und das 50jährige Schriftstellerjubiläum des rühmlichst bekannten jüdischen Historikers nnd Philologen Abraham Harkavis am 22. Cheschwan zu feiern. Rew-Aork. Pauline Goldfaden, die Witwe des berühmten Jargon-Dramendichters Abraham Goldsaden's, ist.v e r s ch ied e ir.- Jerusalem. Baron Edmund von RoH.Hschild-Paris soll bei der osmanischen Regierung Schritte unternommen haben, die darauf abzieleu^ die Antorisierung zur Anstellung von Nachforschungen nach der Lage des Grabes Davids zu er» halten. 1;; Aus der Lehrerwett. Mosbach i. Bade«. Am 1. Oktober feiert Lehrer Hanauer sein' 50jähriges Amtsjubiläum. > Hüningen. Herr Wolfsohn-Freiburg (Schweiz) wurde zum Kantor unserer Gemeinde gewählt« Wiener-Neustadt. Rabbiner Ben jamin Weiß feierte sein 40jähriges Amtsjubiläumi Philadelphia. Rabb. Bernard Leventhäl hat den Ruf an die ,Ohob Schälom"-Gemeinde in Chicago angenommen. - Paris. Nach langem Leiden ist Rabbiner I. Lubetzki, das Haupt der hiesigen russischen Juden, im Alter von 60 Jahren, verschieden. Lida (Rußland). Die bttannte Jeschiwah des Herrn Rabbiner Reines wurde im letzten Jahre von 309 . Schülern aus allen Teilen Rußlands besucht, die neben allen Talmudfächern hebräisch und russisch in Wort und Schrift und die Elementarwissenschasten erlernen. Die Anstalt, die mit ihrer Hirsch'schen Devise „Tauroh im derech erez" anfangs viel Gegnerschaft hatte, gehört henke zu den bedeutendsten Jeschiwaus Rußlands und zählt jetzt u. a. den Brisker Raw zu ihren Freundeu. Die Einnahmen der Anstalt betrugen inr letzten Jahre 20000 Rubel. - New ■ Nork. Der bekannte jüdische Pädagog David B l a u st e i n ist plötzlich e r b l i n det. Aus der zionistische» Bewegung. Frankfurt a. M. Dienstag, den 27. September, abends 9 Uhr fand im allen.Kaufmännischen Bereinsgebäude die Gründungsversammlung der neuen zionistischen Jugendgruppe statt. Herr Perlmutter hiell das einleitende Referat über die Aufgabe der jüd. Jugend.- Darauf begrüßte Dr. Schwarzschild den Verein namens der

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