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Neue jüdische Presse · 1910-09-23 · Heft 37 (23.9.1910) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 37 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 37. die nichtjüdischen Antisemiten. Herr Reinach hat ein wahres Wort gesprochen. „Der schrecklichste der Schrecken Das ist der Jud' in feinem Wahn!" Hoffentlich hat er darunter nur solche Gestalten wie sich selbst verstanden!. Aus der Lehrerwett. Augsburg. Unser neuer Distriktsrabbiner, Dr. Richard Grünfeld, wurde 1863 inKrcmsier (Mähren) geboren, studierte in Breslau und war 20 Jahre lang Rabbiner in Bingen. Helüenbergen. Lehrer W e r t h e i NI e r, Vorsitzender des hessischen jüdischen Lehrervereins, feierte am 22. September seinen 75. Geburtstag. Bromberg. Die jüdischen Volksschulen im Regierungsbezirk Bromberg dürfen nur diejenigen Bücher für ihre Bibliothek anschaffen, welche in einem von der Königl. Regierung aufgestellten, für alle Schulen des Bezirks maßgebenden Verzeichnis namhaft gemacht sind. Unter diesen Büchern befindet sich kein einziges jüdischen Inhalts. Von Seiten eines Lehrers ist nun die Genehmigung nachgcsucht worden, die von Lehrer I. Herzberg, Bromberg herausgegebenen Jugendschriften .Moses Mendelssohn" und „Hermon" (Neue isr. Jugendbücherei Saron. Verlag M. W. Kaufmann, Leipzig) für die Schulbibliothck anschaffen zu dürfen. Die Regierung hat das Ersuchen genehinigt. Barel. Lehrer Bernheim feiert am 25. September sein 25jähriges Jubiläum als Lehrer unserer Gemeinde. Czernowitz. Die Kultusgemeinde hat die Einführung dreier hebräischer Kurse mit hebräischer Unterrichtssprache beschloffen. Der Unterricht hat am 20. September begonnen Aus de« Vereine«. Frankfurt a. M. Die Räume des Vereins „Mekor-Chajim befinden sich von nächsten Sonntag ab Langestraße 18. Die neuen Lokalitäten, die mit elektrischer Beleuchtung und Zentralheizung ausgcstattet sind, haben den Verein in die Lage gesetzt, die Lese- und Bibliotheksräume mehr wie seither seinen Mitgliedern zugänglich zu machen und des ferneren einen Restaurationsbetrieb (Kaffee und andere Erfrischungen) einzurichten. Nächsten Sonntag Nachmittag 6 Uhr wird zum ersten Male in den Räumen Vortrag gehalten, vr. Joseph Breuer wird über die„Piutim aus dem Machsor von Rausch-Haschonoh" sprechen. Frankfurta. M. Donnerstag, den 29. September abends findet die Gründungsvers a m in l u n g der I w r i a h statt, die sich als Ortsgruppe der Organisation für hebräische Sprache und Kultur konstituieren wird. Die Versammlung wird sich niit der Organisierung des Vereins und den Vorstandswahlen beschäftigen. Die genauere Tagesordnung, sowie das Versammlungslokal werden noch näher bekannt gegeben werden. Wiesbaden. Am Dienstag den 13. September fand in der Loge „Plato" in Wiesbaden eine von der „Organisation für hebräische Sprache und Kultur" veranstaltete Versammlung statt, die gut besucht war. Den Vorsitz führte S. H. G o l d m a nn - Frankfurt a. M. Dr. I. Klatzk i n - Köln hielt einen inhaltsreichen, geistvollen Vortrag über die hebräische Kultur und insbesondere über die Aufgaben und Ziele der Histadrus. Auf Wunsch der Bersammlung hielt er sodann eine hebräische formvollendete Rede über die Bedeutung der hebräischen Sprache für das jüdische Volk, die großen Beifall fand. Ferner sprach Frl. Sch. Slatopolska- Kiew hebräisch. Der Ertrag der Versammlung wurde an die „Histadrus" in Berlin abgeführt. -t. Stratzburg. Im Jüd. Jugendbund sprach vr. meä. Weiß über „Das Rassenproblem", dabei besonders die Frage berücksichtigend, ob es eine abgeschloffene jüdische Raffe gibt. Redner bejaht diese Frage. Aus der zionistische« Bewegung. Frankfurt a. M. Die hiesige Zion. Vereinigung erhielt von dem Zentralbüro der Zion. Vereinigung für Deutschland folgendes Dankschreiben: „Heute, wo wir die Ergebnisse des Delegiertentages schon voll übersehen können, drängt es uns. Ihnen, die zum erfolgreichen Gelingen so viel beigetragen haben, unseren herzlichsten Dank auszusprechen. Ihre energische Tätigkeit vor dem Delegiertentage hat es unS möglich gemacht, vor allem eine große demonstrative Wirkung zu erreichen. Wir hoffen, daß Ihre Arbeit auch Ihrer Ortsgruppe und dem Gruppenverbande zugute kommen wird und daß Sie die Propaganda für unsere große Sache mit neuem Mut ausnehmen werden. Wir bitten Sie, allen Damen und Herren, AranIfurLer JfraelSifches FamMenNatL die sich an den technischen Borbereitungen des Delegiertentages mit so großer Opferwilligkeit beteiligt haben, insbesondere aber den Herren Perlmutter und Lewisohn. die Herr Dr. Bodenheimer in seiner Schlußrede nicht besonders erwähnt hat, unseren herzlichsten Dank zu übermitteln. .. Es wird Ihnen eine besondere Freude sein, zu erfahren, daß der Frankfurter Delegiertentag nach außen hin eine ungeahnte Wirkung ausgeübt hat. Zum erstenmale hat die gesamte deutsche Presse, wie wir mit Genugtuung feststellen konnten, über die Tagung in durchweg wohlwollender Weise berichtet. Wir danken Ihnen nochmals herzlichst für Ihre opferwillige Tätigkeit und hoffen, daß der Gruppenverband und Ihre Ortsgruppe durch den Delegiertentag in ihrer Arbeit in reichem Maße unterstützt werden wird." Frankfurt a. M. Die imposanten Veranstaltungen des 12. Delegiertentages haben hier der zionistischen Sache eine große Anzahl neuer Anhänger, worunter viele junge Leute, zugeführt. Diese jungen Kräfte zu einer wirksamen Macht für das zionistische Ideal heranzubilden, soll eine Jugendgruppe dienen, die in Form zwangloser regelmäßiger Zusammenkünfte gedacht ist, mit Referaten, Kursen für jüdische Geschichte, hebräischer Sprache, Zeitungsschau rc. Das vorbereitende Konnte beruft auf Dienstag &3li Uhr (im Saale des ehemaligen Kaufmännischen Vereins Langestraße 26) eine Versammlung ein, zu der auch ältere Anhänger und Freunde der Bewegung cingeladen werden. Es ist eine sehr starke Beteiligung zu erwarten, da sich sehr viele junge Leute bereits zur .Jugendgruppe" gemeldet haben. Frankfurt a. M. Die Aeußerungen der hiesigen Presse über den Delegierten tag waren sämtlich günstig. Einen sehr sympathischen Artikel über den Zionismus brachte die „K l e i n e Presse". Auf eine unrichtige Bemerkung in diesem Artikel bezügl. der jüd. Turnbewegung sandte der Ausschuß der Jüd. Turnerschaft an die „Kleine Presse" folgendes Schreiben: „In dem „Der Zionismus" betitelten Auffatz in No. 214 Ihres geschätzten Blattes befindet sich der Passus, daß die national-jüdische Turnerschast „in gesellschaftlicher Beziehung eine Absonderung des Judentums von der Allgemeinheit der Staatsbürger" bezwecke. Diese Auffassung ist durchaus irrig, und ein auch nur ähnliches Programm der Jüdischen Turnerschaft wäre so absurd, daß man einem Verbände, der ernste Bestrebungen verfolgt, derartige kleinliche und verwerfliche Zwecke negativer Natur nicht zutrauen sollte. Die Jüdische Turnerschaft hat höhere und positive Ziele, sie will die Juden körperlich ertüchtigen und bewußte Liebe zum alten Volksstamm in ihnen wach halten. Dem Einzelnen bleibt es unbenommen, seinen persönlichen Verkehr nach Belieben zu gestalten, und die Jüdische Turnerschast hat weder den Wunsch, noch den Willen, hierbei in irgend einer Richtung einzuwirken Sie ist bestrebt, mit anderen Turnorganisationen in guten und freundschaftlichen Beziehungen zu stehen und Differenzen zu vermeiden, geschweige denn sie herbeizuführen. So ist es verständlich, daß jüdische Angehöre der deutschen Turnerschaft, welche der jung-jüdischen Bewegung sympathisch gegenüberstehen, auch in die Reihen der Jüdischen Turnerschaft eintreten, ohne die gleichzeitige Zugehörigkeit zu beiden Organisationen als inneres Dilemma zu empfinden. Die Jüdische Turnerschast, welche — gleich der Deutschen — über Oesterreich und Deutschland räumlich hinausreicht, will auch ausländische Juden der Segnungen körperlicher Kultur teilhaftig werden lassen. Diese Kreise würden den Weg zur Deutschen Turnerschast in Magen jedenfalls nicht finden; sie würden dort in sprachlicher, wie in turnerischer Beziehung als schwerfällig und beschwerlich erscheinen; als gleichgeschätzte, liebe Kameraden würden z. B. die russischen und galizischen Juden ebenso wenig gelten, wie sich die fremden Gäste in deutschen Vereinen wohl fühlen könnten. Das ist psychologisch ohne weiteres verständlich. Dagegen wird man in jüdischen Turnerkreisen die Eigenart fremdländischer Juden verstehen und — statt sie zu hänseln oder zu höhnen — ihre Unbeholfenheit mit besonderer Rücksicht und Schonung behandeln. Es gibt bei uns sogar besondere Riegen, die eigens der turnerischeu Ausbildung von Ausländern unter Berücksichtigung ihrer Individualität dienen. Hier hat sich die Jüdische Turnerschast eine Aufgabe gestellt, die völlig außerhalb des Rahmens der Deutschen Turnerschaft liegt, eine Aufgabe, die auch von dieser beim besten Willen nicht geleistet werden könnte. Schon hieraus ergibt sich die Existenzberechtigung der Jüdischen Turnerschast. Sie ist unabhängig von irgendwelchen antisemitischen Strömungen, der Deutschen Turnerschast, vielmehr verdankt unser Verband sein Entstehen und seinen Bestand einer inneren Notwendigkeit. Wenn manche Juden lieber in jüdischen, als in deutschen Turnvereinen turnen, so erklärt sich dies psychologisch daraus, daß diese Juden sich bei uns freier und wohler fühlen. Solche Gefühle lassen sich nicht näher begründen. Sie sind vorhanden'und müffen respektiert werden. Aber das mag gesagt sein: Schon die Anwesenheit eines einzigen ausgesprochenen Antisemiten in einem Vereine von 100 Mitgliedern kann ausreichen, um einem feinfühligen Juden die Zugehörigkeit zu seiner Turngemeinschast vollständig zu verleiden," Seite 11. München. Den Reigen der Vorträge in der hies. z i o n. Ortsgruppe für die Saison 1910/11 eröffnete am 15. Sept. Dr. Fr anz Oppenheim er mit einem solchen über „Die Siedlungsgenossenschaft in Palästina". Den Lesern ds. Bl. ist dieser Plan in Palästina eine große jüdische Anfiedlung in Form einer Produktivgenoffenschaft zu begründen, bekannt, und es erübrigt uns daher ein näheres Eingehen auf den Inhalt der Rede. Erwähnenswert dürste jedoch fein, daß seine Schilderungen einzelne der zahlreich anwesenden Nichtzionisten zu Zeichnungen für den Fonds veranlaßten, und daß sich neben einigen auswärtigen Rabbinern auch Herr Rabb. Dr. Werner von hier unter den Zuhörern befand. Es ist doppelt zu begrüßen, daß man von dieser nichtzionistischen Seite dem Projekt Oppenheimers, das ja der allgemeinen jüdischen Sache dient, mit Vorurteilslosigkeit entgegentritt. Hoffentlich ist auch die Zeit nicht fern, in welcher die weitesten jüdischen Kreise einsehen, welch großen Nutzen dies Unternehmen in sich birgt, und ihm dann auch ihre Unterstützung nicht versagen. V»«1e Chronik. Die Jude« l« Tripolis. In einem Feuilleton in der „Voss. Ztg." schreibt Hesse-Wartegg: „Unter den 80 000 Einwohnern von Tripolis sind mindestens y10 Juden. Nicht nur Abkömmlinge jener, die zu Torquemada's Zeit aus Spanien vertrieben worden sind und sich wie überall üm Mittelmeere, auch hierher flüchteten, sondern auch die Nachkommen der egyptischen und römischen Juden. Im alten Oca und den anderen Römerstädten Tripolitaniens gab es blühende Judenkolonien, selbst Carthago besitzt eine solche, wie der dortige Judenfriedhof beweist, und sind auch die Römer verschwunden, die Juden haben sich mit den Ureinwohnern des Landes, den Berbern, erhalten und sitzen heute nicht nur in allen Städten, sie weilen auch draußen im Gebirge unter den Berbern und sind unter den Troglodyten der Dschubel Choriaw und Nesrussa selbst Troglodyten geworden. Daß die Höhlenbewohner dort schon lange ansässig sind, sah ich selbst aus alten Grabsteinen ans dem 11. und 12. Jahrhundert. In manchen Oasen bewohnen sie ganze Dörfer. So z. B. fand ich sogar in der die Stadt Tripolis umgebenden ungeheuren Oase, mitten im Palmendickicht verborgen und einige Kilometer von der Stadt entfernt, das Dorf Amruß mit über tausend Einwohnern, die fast durchwegs Inden sind. Sie haben ihre eigenen Synagogen, Rabbiner, Talmudschulen und beobachten ihre alten religiösen Sitten und Gebräuche unverfälscht bis auf den heutigen Tag. Ja, sie halten eifersüchtig jeden fremden Einstuß fern, wollen von Europa, von Reisen, von modernen Sprachen und Schulen nichts wissen und vegetieren lieber in Schmutz, Werglauben und Elend weiter. Auch in der Hara, dem großen Judenviertel von Tripolis, sind die Verhältnisse nicht viel besser. Nur ein kleiner Teil der dortigen Juden hat sich emanzipiert und ist dadurch zu großem Wohlstand und Einfluß gelangt. Handel. Industrie und Gewerbe liegen in Tripolis ganz in ihren Händen, sogar der Kärawanenverkehr nach dem Sudan wird fast ausschließlich von jüdischen Häusern geleitet. Von der Verachtung, welche die Marokkaner und Algerier den Juden zeigen, ist in Tripolis nichts zu bemerken. Sie werden hier sogar zu Beamtenposten zugelaffen, sind Konsule und Dragomane, ja selbst der mächtige Generalsekretär des Mali ist ein Jude. Während sie in Marokko in ummauerten Ghettos zusammengepfercht wohnen, ist diese Msperrung hier längst gefallen." Kunst ««d Literatur. Gesund und frohen Mutes. Eine Auswahl aus den Werken von Otto Ernst. Im Aufträge der Hamburger Lehrervereinignng zur Pflege der künstlerischen Bildung berausgegeben von Guido H ö l l e r. 144 Seiten. Mk. 1,80. Leipzig. L- Staackmann. Ich liebe Otto Ernst, denn er hat eine Reinheit der Gesinnung und eine Frohheit des Gemütes, die sich anlehnen den sittlichen Anschauungen und dem nie schwindenden Optimismus unseres jüdischen Volkes. Und so mußte mir diese Sammlung aus seinen Werken unter der Parole „Gesund und frohen Mutes" eine besondere Freude gewähren, denn sie ist ganz von hem Sonnenschein frohen Mutes verklärt. Allgemeine Mitteilungen. Margueritentag und Säuglingsfürsorge. Am 11. Oftober findet im Gebiet von Groß-Frankfurt eine neue und eigenartige Wohltätigkeitsveranstaltung statt. Frauen und Mädchen werden allenthalben Margaretenblüten, die Blumen der Barmherzigkeit, feilbieten zu niedrigem Preis, so daß jedermann sich mit ihnen schmücken kann und so sein Scherflein beittagen zum so bedeutungsvollen Werk der Sänglingsfürsorge, denn ihr soll der Erttag zufließe».

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