Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 37 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Heitttfle M He. N des Icflnfefnctec Ifmetifififten #ttmitim6tattes. Ein Meisterwerk?) Von Ben Koheleth. Sagen wir's gleich heraus: ein l i t e r a r i s ch e s Ereignis. In irgend einer Druckerei Londons ist das Buch gedruckt worden, fast ganz unbemerkt ist es erschienen, im Selbstverlag des Autors, ohne Prospekte und Ankündigungen, ohne Annoncen und Reklame, — und doch ist es ein Meisterwerk,' allerdings eins, dessen meisterhafte Ausarbeitung nicht jeder verstehen wird, das überhaupt nur wenige lesen werden (sollten, sollten es alle), das die Tageskritik nicht stark beschäftigen wird, das nicht in vielen Auflagen' erscheinen wird, aber ein Meisterwerk. Es wird nicht verschwinden, wird bleiben, wird einen unbemerkten, aber starken Einfluß auf alle späteren Forscher auf diesem Gebiete ausüben. Aus jedem Satze spricht die beispiellose GrüMichkeit, der wissenschaftliche Ernst des Verfassers, jedes Wort zeugt von mühevoller Arbeit, von wissenschaftlichem Schaffen. Die Bedeutung des Werkes erstreckt sich nach zwei Seiten. Vor allem durch den Stoff, den es behandelt. „Torath awodath haadamah, Lehrbuch der Agronomie". Kennen Sie ein anderes Buch, das dieses Thema behandelt, können Sie ein zweites Werk Landwirtschaftlichen Inhalts in unserer Literatur aufzllweisen außer „Seroim"? Sie können es nicht, und erst wenn man merkt, daß man es nicht kann, wird man auf das Unglaubliche, Merkwürdige dieser Tatsache aufmerksam. In der Tat, ein Witz der Geschichte ist es — wie der Autor in seiner Vorrede bemerkt —, daß ein Volk, das den Ackerbau von Natur aus so sehr liebt, wie das jüdische, ein Volk, das sich seinen Jdealzustand nur so vorstellte, daß jeder unter seinem Weinstocke und jeder unter seinem Feigenbäume wohnen werde, das sich eine Zeit ausmalt, da man die Schwerter zu Pflügen umschmieden werde, daß dieses Volk vom Ackerbau vertrieben wurde und die Kunst des Ackerbaues verlernte.' Und da es keine Landwirtschaft trieb, brauchte es keine Lehrbücher dieser Kunst. Doch diese Zeiten sind vorbei, und im neuen Väterlande beginnt ein Geschlecht zu erstehen, das seine Nahrung unmittelbar dem Schoße der Mutter Erde entnimmt. Dieses Geschlecht bedarf eines solchen Werkes. Das vorliegende Buch war ein Zeitbedürfnis, und wir dürfen uns glücklich schätzen, daß es uns gleich in dieser meisterhaften Form geschenkt wurde. Und erst wenn man sich vor Augen hält, daß unser Volk 2000 Jahre den Ackerbau nicht pflegte, wird man verstehen, welche gewaltige Arbeit der Autor geleistet hat. Man bedenke: ein Buch zu schaffen über ein Gebiet, das seit 2000 Jahren in der' Literatur des Volkes nicht behandelt wurde, und damit gewissermaßen einen neuen Zweig in dieser Literatur zu schaffen. Und gerade das Gebiet der Landwirtschaft niit seinen unzähligen technischen Ausdrücken, die selbst in einer europäischen Sprache oft fehlen, bot ganz besondere Schwierigkeiten. Wenn man sich's recht überlegt, hält man ein solches Beginnen für unmöglich. Und doch ist's dem Autor gelungen, und zwar — und darin beruht die wichtigste Bedeutung des Werkes — fast, ohne neue Wörter zu schaffen. Man kann die Tatsache nur voll und ganz erkennen, wenn man weiß, welchen erschreckenden Umfang die S ch a f f - u n g von neuen Wörtern in der hebr. Literatur angenommen hat. Eine Notwendigkeit zur Schaffung neuer Ausdrücke lag ja für die hebräische Sprache vor, mit dem Momente, da sie aus einer Gebetssprache zu einer lebendigen, alle Gebiete des Lebens umfassenden werden wollte. Eine Behörde, die diese Arbeit hätte vollbringen können, gab es *) „Torath awodath haadamah" (Lehrbuch der Landwirtschaft) von Ingenieur-Agronom I. Einhorn. London 1910. 209 S. Preis 5 Mk. (Mit Bildern.) Bestellungen ist die Redaktion dieses Blattes bereit, an den Verfasser zu übermitteln. nicht, und so schuf jeder Schriftsteller, wo ihm ein Ausdruck fehlte, einen neuen. Innerhalb gewisser Grenzen war dies ja gut, notwendig. Aber man ging oft übers Ziel hinaus, schuf neue Ausdrücke, wo man schon alte, bestehende anwenden konnte, setzte eine Ehre darin, möglichst viel neue Wörter zu schaffen, oft ohne Rücksicht auf den Geist der Sprache, der diese willkürlich geschaffenen Worte nur von Nachteil waren. Dabei vergaß man, daß wir ja eine alte Literatur haben, in der man viele Worte finden könnte, wenn man sie nur suchen würde. Wenn also jetzt ein neues Werk über die Agronomie erschien, so mußte man befürchten, eine Unmenge von neuen Termina darin zu finden. Doch nichts von dem! Mit Ausnahme von einigen wenigen unwesentlichen Ausdrücken hat Einhorn kein einziges Wort neu geschaffen. Er versenkte sich vielmehr in die alte Literatur, studierte Mischnä und Gemarah, Midraschim und Toseftah, Rachi und die anderen Kommentatoren, und — amtliche Ausdrücke, deren er zur Darstellung der modernsten Errungenschaften der Agronomie bedurfte, fand er da vor. (Dabei hat der Autor interessante, bisher unbekannte Tatsachen über die talmudische Literatur feststerllen können, wie z. B. die, daß die Sexualität der Pflanzen schon unseren alten Tanaim bekannt lvar, ferner haben fich ihm auch neue Erklärungen für talmudische Stellen ergeben, die bisher ganz dunckel und falsch verstanden waren.) Damit hat er nicht nur den Wert seines Werkes bedeutend erhöht, damit hat er eine literarische Ruhmestat vollbracht, hat damit all jenen leichtsinnigen Wortproduzenten die wirkungsvolle uird ernste Mahnung erteilt, sich in unsere Literatur mit ihren gewaltigen, zum großen Teil ungehobenen Schätzen zu vertiefen, um -diese Schätze wiederzugewinnen. So hat sich Einhorn durch sein Werk ein allgemeines literarisches Verdienst erworben, für das man ihm noch danken muß. Und Liesen Dank abzustatten, ist die Pflicht all jener Juden, die unsere hebräische Literatur fördern wollen, vor allem aber Pflicht der jüdischen literarischen Gesellschaften. Denn das Buch ist bei all seiner GrüMichkeit nicht nur für Fachleute bestimmt und geeignet, sondern kann und soll auch von Laien studiert werden — solche Werke kann man nicht lesen, sondern muß sie studieren —, die daraus viel, ungemein viel lernen können Ganz besonders aber eignet es sich als Schulbuch, denn die Darstellung ist leicht verständlich und berücksichtigt die neuesten Ergebnisse der Agronomie, und bisher hat es uns an einem mustergiltigen Lehrbuche der Landwirtschaft gefehlt. Wir erachten es daher als die Pflicht all jener jüdischen Gesellschaften, die Schulen im Orient unterhalten, dieses Werk in ihren Schulen einzuführen, wodurch sie nicht nur die landwirtschaftlichen, sondern in hohem Grade auch die hebräischen Kenntnisse der Schüler erhöhen würden. Dies würde zugleich die beste Dankesbezeugung sein, die man dem Autor erweisen könnte, der durch sein Werk unserer Literatur ein neues Gebiet eröffnet und sie um ein Meisterwerk bereichert hat. Offenes Schreibe« an Herrn Rabbiner Dr. Raphael Breuer in Aschaffenburg Von Rabbiner Dr. Sigmund Ja mp el in Schwedt a. O. (Fortsetzung.) Ihre vorgefaßte Meinung, daß jedes meiner Worte eine besondere Ketzerei enthalten müsse, gönnte Ihnen noch nicht einen Moment ruhiger Besinnung, sonst hätten Sie sich die maßlose Entrüstung über meinen „ungeheuerlichen Mangel an gesundem jüdischem Empfinden", den ich bei der Beurteilung der Purimfreude talmudischer Heroen bekundet haben soll, vollständig ersparen können. Daß Ihre donnernden Bannsprüche, die Sie in acht „Jsraelit"-Spalteu gegen mich schleudern, mich nicht im geringsten treffen, möchte ich hier auf etwas kürzerem Raum zeigen. „Meine Feder hätte sich mir sträuben müssen", „beim Kopf hätte ich mich greifen sollen", „ein impuljiver Schreck über meinen Wagemut hätte mich erfassen müssen" in dem Augenblick, wo ich im Begriffe war, talmudische Heroen für „im Dienste einer höheren Idee" „dem unverzeihlichsten Frönen von Genüssen, der sinnlosesten Trunkenheit und den leichrsinnigsten Freudenausbrüchen" sich hingebend zu bezeichnen. Ich habe also, wohl gemerkt, „das unverzeihlichste Frönen von Genüssen usw." seitens einiger talmudischer Heroen dadurch zu entschuldigen und zu rechtfertigen gesucht, daß ich behauptete, sie hätten dieses, als Mittel zu einem höheren Zwecke, „im Dienste einer höheren Idee" getan; diese „höhere Idee" aber erblickte ich in dem unablässigen Bestreben, den unreligiösen Charakter des Purimfestes zu dokumentieren. — Die Frage, inwiefern dies eine „höhere Idee" ist, haben Sie aus dieser Debatte ausgeschaltet, und es soll später davon gehandelt werden. Nun, verehrter Herr Doktor, worin besteht eigentlich mein Vergehen? Was tun Sie denn mit der sonderbaren Bestimmung, wonach man sich am Purim bis zur Bewußtlosigkeit berauschen muß, sowie mit den dortselbst genannten bösen Folgen derselben, so z. B., daß der eine Talmudweise im Zustande eines solchen Purimrausches dem andern den Hals durchschnitten habe, oder daß ein anderer ein alles Maß überschreitendes Quantum von Genüssen verzehrt habe usw.? Denken Sie sich etwa diese so unheimlich klingende talmudische Vorschrift ganz ohne jegliches höhere Mottv? Nun, dann verurteilen Sie ja diese talmudischen Heroen aufs allerschlimmste! Das tun Sie aber ganz bestimmt nicht, sondern Sic setzen hierbei irgend einen idealen Hintergrund voraus, nach welchem zu suchen Sie merkwürdiger Weise keine Lust haben. Wenn ich nun aber ja das Bedürfnis empfunden habe, für solche Momente, die, wie keine andern mehr, denTalmud zu diskreditieren geeignet sind, ein höheres Motiv zu finden, muß ich dafür in Bann gelegt werden? Sie sagen: „Kein Vollsinniger kann es für notwendig halten, um die Profanität eines Festes zu verewigen, sich selber bis zur Bewußtlosigkeit zu berauschen und ein Gleiches von der Gesamtjudenheit als religiöse Pflicht zu fordern." Aber, verehrter Herr Doktor, irgend einen idealen Beweggrund müssen doch auch Sie für solche talmudische Bestimmungen voraussetzen. Nehmen Sic hierfür nun das höchste Ideal der Welt als Unterlage, dann werden Sie mit ebendemselben Rechte Ihre obigen Worte wiederholen können und sagen, „kein Vollsinniger usw."; denn sich selber bis zur Bewußtlosigkeit berauschen und ein Gleiches der Gesamtjudenheit als religiöse Pflicht auferlegen, dafür wäre selbst der edelste und höchste Zweck zu teuer erkauft. Der heikle Punkt liegt, wie Sie sehen, nicht in dem oder in jenem Rechtferttgungsversuch, sondern in dieser eigenartigen Bestimmung, die, wie immer man sie legen mag, nicht gut liegt, während sie auf der von mir geschaffenen Unterlage doch noch den geeignetsten Platz findet; denn das charakteristischste Merkmal einer Volksfeier war zu allen Zeiten kein anderes, als sich im Essen und besonders im Trinken etwas zugut zu tun. Ich habe damit jenen Talmudweisen nicht „den gesunden Menschenverstand abgesprochen", wie Sie behaupten, sondern umgekehrt, ihre anstoßerregenden Aeußerungen und Handlungen plausibel zu machen, zu idealisieren gesucht. Das nicht ganz zu verscheuchende unheimliche Empfinden liegt, wie gesagt, in der Natur dieses ganzen Momentes. Eine Vorschrift, die ein Sichberauschen bis zur Bewußtlosigkeit zur religiösen Pflicht macht, wird, wenn man dieselbe, wie Sie es tun, als Gesetzesparagraph im buchstäblichen Sinne nimmt.