Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 35 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692665-2692700--05645-2700576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mage M lli. K des Icanlfiittet IsmckMm fammtaffes. „Bibttothekoh Gedauloh". Von Dr. N. Ich habe bereits an dieser Stelle kurz nach Entstehung der Bibliothekoh Gedauloh auf ihre Bedeutung für die Weiterentwickelung der hebräischen Literatur und deren Verbreitung in einen! längeren Artikel hingewiesen. So muß ich mich jetzt auf die Besprechung einiger Werke dieses großen Unternehmens beschränken; ich sage einige, denn alle Bücher derselben zu resümieren erübrigt sich, da ja ein großer Teil die alte Literatur umfaßt. Vor allem sei auf ein Werk hingewicsen, das sowohl des Themas, als auch des Autors wegen für jeden, der ose hebräische Literatur kennt, ungemein interessant ist; ich meine die literarischen Skizzen». „Boerew" von Dr. M. I. Berdytschewski. Diese literarischen Essays, in denen Berdytschewski eine Anzahl der bedeutendsten lebenden hebräischen Schriftsteller behandelt — u. a. Frischmann, Sokolow, Bernfeld, Hillel, Zeitlin, Dr. Klausner — sind deswegen von besonderer Bedeutung, weil wir gegenwärtig noch keine Literaturgeschichte der modernen hebräischen Literatur besitzen, sodaß man wohl hoffen konnte, daß Berdytschewski diese Lücke wenigstens teilweise aussnllen werde. Wer allerdings Berdytschewskis Wesen kennt, hat wohl von vorneherein starke Zweifel gehegt, ob gerade er die Fähigkeit besitzt, eine solche geben zu können. Denn ein Mann, der selbst ein fiihrendcr Dichter der modernen hebräischen Literatur ist, der dazu in all seinem Streben und Handeln so ungemein subjektiv ist, kann unmöglich jene Objektivität erlangen, über die jeder Literaturhistoriker bis zu einem gewissen Grade unbedingt verfiigen muß. Und so hat denn auch Berdytschewski in diesen Aufsätzen über die verschiedenen Schriftsteller kein mustergiltigcs literarhistorisch esWerkgeschaff^n, auf das man jeden, der diese Schriftsteller und ihre Werke kennen will, verweisen könnte. Wie es aber scheint, hat Berdytschewski überhaupt kein solches Werk schaffen wollen. So nennt er seine Essays Skizzen, Silhouetten, womit er wohl selbst sagen will, daß er eben bei den verschiedenen Schriftstellern nicht sowohl ihre Tätigkeit, ihre Schriften, ihre Bedeutung für die Literatur betrachten und untersuchen, als vielmehr einen gewissen Zug ihrer psychologischen Eigenart darstellen will. Und diese Methode handhabt Berdytschewski glänzend. Er ist eben kein Literaturhistoriker, sondern ein Literaturpsychologe. Er greift bei irgend einem Schriftsteller den seiner Ansicht nach hervorstechendsten Zug seines Charakters heraus, und nun sucht er diesen Zug zu illustrieren, zu zeichnen, sucht aus ihm die ganze Schaffensart des Schriftstellers zu erklären. Diese Methode der Betrachtung ist wohl für jeden Kenner der Literatur sehr interessant, ist für literarische Gourmands ein Leckerbissen, eine Delikatesse; aber sie besitzt auch jene Fehler, die gewöhnlich Delikatessen anhasten, vor allem sind sie zu scharf, und sodann sind sie den Durchschnittsmenschen nicht zugänglich. Dieser zwefte Fehler nun wäre noch hinnehmbar, denn schließlich muß es für den literarischen Feinschmecker auch literarische Leckerbissen geben. Doch die allzugroße S ch e ' f e, oder besser gesagt, allzugroße Uebertriebenheit und Ungerechtigkeit ist, wenn auch leicht verständlich, nur schwer verstehbar. Leicht verständlich, — denn es ist klar, daß man die Physignomie eines Schriftstellers entstellen wird, wenn man einzig und allein einen Zug derselben betrachtet; aber schwer verstehbar, — denn die Physignomie ist nun einmal entstellt, und besonders wenn der Zug ein unsympathischer ist, tut man dem betreffenden Schriftsteller eine Ungerechtigkeit an. Dies ist der Fall bei der Behandlung Klausners. Der Zug seines Wesens, den Berdytschewski tzerausgreift, ist gewiß für Klausner charakteristisch. Aber in der Art und Weise, wie er ihn ausbeutet und lächerlich macht, in den grellen Farben, mit denen er aufträgt, hat er stark übertrieben und — sagen wir es heraus — an ihm eine Ungerechtigkeit, ja fast eine literarische Verleumdung begangen. Andererseits geht er in der Verherrlichung anderer Schriftsteller, wie Frischmann und Bernfeld,' zu weit, sodaß von allen, die er behandelt, wohl Sokolow und Zeitlin allein im allgemeinen wahrheitsgetreu dargestellt sind. Doch ebenso, wie bei Delikatessen gerade die schärfsten oft die feinsten sind, so sind auch, vom rein künstlerischen Standpunkt aus betrachtet, die in ihren Behauptungen ungerechtesten Aufsätze die besten. Gerade das Essay über Klausner ist das künstlerisch weitaus beste, ist überhaupt ein Meisterwerk in seiner Art. Ueberhaupt, wie sehr man auch die Ansichten Berdytschewskis über die einzelnen Schriftsteller verurteilen mag, in k ü n st l e r i s ch e r u u d stilistischer Hinsicht wird man ihnen Lob und Bewunderung nicht versagen können. Speziell die Sprache ist meisterhaft und ganz und gar der Behandlungsweise angepaßt. Berdytschewski hat damit, wenn auch nicht dem Anfänger, so doch dem Kenner der hebräischen Literatur psychologische Studien geschenkt, die er mit höchstem Genuß und köstlicher Befriedigung lesen wird. Eine genauere Besprechung sei nun noch zwei Bänden (die Bücher 11—13' und 18—20) gewidmet, die schon ihrer literarischen Bedeutung toegen wohl eine solche verdienen, die ich aber hie» deshalb ausführlicher behandeln will, um dem Namen ihres Autors, der in der westeuropäischen Judenheit nur wenig bekannt ist, zu einer größeren Verbreitung zu verhelsen. Die zwei Bände enthalten: die „Letzte Schriften" von I. Berschadski, zum Teil schon zu res Autors Lebzeiten Gedrucktes und zum Teil Nachgelassenes. Gerade Berschadski verdient es, unter den westeuropäischen Juden gekannt zu sein, denn durch seine Schaffungsart steht er ihnen näher als die meisten anderen hebräischen Dichter. Ist er doch — und darin beruht seine hauptsächliche Bedeutung — derSchöpfer des oblcktivrealistischcn Romans in der hebräischen Literatur gewesen. Der hebräische Roman vor Berschadski war fast durchioegs tendenziös, war oft ein literarisches Kampfmittel gewesen. Diese Tatsache hing mit dem Umstande zusaminen, daß sich ja die moderne hebräische Literatur bei ihrer Entstehung und längere Zeit nachher in einem scharfen Gegensätze zu den geistigen und weltlichen Führern der russischen Judenheit befauo. Wem die größere Schuld an diesen! höchst ungesunden Zustande zufällt, sei hier nicht untersucht. Jedenfalls aber war die notwendige Folge dieser Verhältnisse die, daß die hebräischen Schriftsteller — wie alle Juden von Natur aus zur Polemik neigend — ihre Aufgabe nicht nur in der Schaffung dichterischer Werke, sondern gleichzeitig in der Verteidigung der Literatur gegen die orthodoxen Gegner, ja im Angriffe auf diese sahen. So kam es, daß man allen Werken dieser Kampfeszeit ihre Tendenz wohl anmcrkt, und von M. A. Ginsburgs „Mieser" bis auf Lilienblums „Chatas neurim" und Smolenskis „Hatoeh bedarke hachaim" tragen alle hebräischen Romane einen stark polemischen,, tendenziösen Zug. Diesem Zustande hat nun Berschadski ein Ende gemacht, nachdem ihm allerdings andere hebräische Schriftsteller schon darin vorangegangen waren. Er schuf den modernen, objektiven, auf psychologischer Beobachtung und realistischer Schilderung beruhenden Roman. Berschadski verfolgt in seinen Werken keinen anderen Zweck, als die Wirklichkeit oarzustellen. Er steht nüchtern, kalt verachtend, ohne innere Leidenschaft mitten im Leben drin, und was er sieht, schildert er nun. , lind wenn man bedenkt, daß seine Romane fast die ersten großen objektiv-realistischen Romane ch der hebräischen Literatur sind, so wird mau ihnen Lob und Bewunderung nicht versagen können. Besonders die psychologische Seite und die Milieuschilderung ch Berschadskis Romanen ist meisterhast und würden ihnen selbst in echer fteinden Literatur eine Ehrenftellung anweisen. Auch die Sprache ist ganz und gar der objektiv-realistischen Schilderung anzepaßt; sie entbehrt a," lenes Ueberschwanges und jenes Redeflusses, der immer das Erkennungszeichen einer gewissen literarischen Rückständigkeit ist, und der man in den Romanen der älteren hebräischen Schriftsteller so oft begegnet, für die die literarische Terminologie die Bezeichnung „Melizoh" geschaffen hat. Berschadskis Sprache ist knapp, beschränkt sich nur auf das Notwendige, so auch in dieser Beziehung ganz modern seiend. So müßte denn, wie gesagt, gerade Berschadski unter den westeuropäischen Juden gekannt und gelesen sein; daß dies nicht der Fall ist, ist wohl hauptsächlich auf den Mangel einer llebersetzung seiner Werke, hauptsächlich seiner zivei großen Romane „Been Matoroh" (Ohne Ziel) und „Neged haserem" (Gegen den Strom) zurückzuführen. Es wäre daher ein großes Verdienst, wenn ein jüdischer Verleger eine solche llebersetzung herausgeben würde. Was nun Berschadskis .Letzte Schriften" betrifft, die in der „Bibliothekoh gedauloh" erschienen sind, so wird man sie, mit seinen Romanen verglichen, weit hinter sie stellen müssen. Diese kleinen Novellen und Skizzen — denn aus solchen setzen sich diese .Letzte Schriften" zusammen, — zeigen allerdings die Hauptstärke . des Berschadskischen Talents, oie meisterhafte Psychologische Beobachtung; jedoch ist die Milieuschilderung vernachlässigt und, was noch wesentlicher: es mangelt ihnen an wirklicher Ausarbeitung, an künstlerischer Abrundung, an harmonischer Ganzheit. Sie bestehen oft nur aus flüchtig hingesetzten Strichen, den einzelnen Teilen fehlt oft die Verbindung, und so machen sie oft den Eindruck von Bildern, bei denen Farbe neben Farbe gesetzt ist, ohne daß die Zwischenräume ausgefüllt sind. Der Grund dieses erheblichen Mangels liegt wohl in der geringen Sorgfalt, die Berschadski auf seine Novellen und Skizzen verwandt hat. Ihn interessierten vornehmlich seine Romane, 'und diese kleinen Skizzen schrieb er in Stunden der Not für Zeitungen, deren Honorar er bedurfte. Trotzdem darf man „Tuschijah" dankbar sein, diese „Letzte Schriften" herausgegeben zu haben; denn sie bilden eine wertvolle Ergänzung zu dem Gesaiutbilde des Berschadskischen Schaffens; sie zeugen mehr noch als seine Romane von seiner glänzenden Fähigkeit tiefster psychologischer Beobachtung. * Außer diesen zivei Werken sind ini verflossenen Vierteljahr noch folgende Werke in der „Bibliothekoh gedauloh" erschienen: Band 17: Alle Schriften von D r. S. R u - bin. I. Teil: „Sefer hamidaus", mit einer Einleitung von Dr. I. Klausner. In diesem Werke hat der ausgezeichnete Gelehrte über die verschiedensten ethischen Fragen eine große Anzahl zum Teil glänzender Sentenzen und Älphorismen gesammelt. Dem Werke voran geht eine inhaltsreiche, über das Leben und Wirken Dr. S. Rubins Aufschluß gebende Einleitung von Dr. I. Klausner. Band 15—17: Der Raw vonLodiund die Sekte per Chabadisten, von M. Teitelbaum. I. Teil: Leben des Raw, ein Buch, das einen wertvollen Beitrag zur modernen Geschichte des Judentums in Rußland bildet und besonders die Literatur über den Chassidismus um ein wertvolles Werk bereichert.*) Band 21—23, „Min hachaiin mehamow e s" (Vom Leben und Tode), Skizzen und Erzählungen von S. Schneiur, dem bekannten *) Das Werk wird an anderer Stelle ausführlicher behandelt werden. D. Red.