Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 29 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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M 3lt. Z9 des Frankfurter MmMMkl» FamikMaM. Offenes Schreiben an Herr« Rabbiner Dr. Raphael Breuer in Aschaffenbnrg Von Dr. Sigmund Ja in pel, Karlsruhe i. B. (Fortsetzung.) Jensens assyriologischc Hypothese, welche sämtliche Eigennamen des Estherbuches in der keilschristlichen babylonischen Mythologie Nachweisen und so die Megillah zu cincm personifizierten Göttcrniythns machen will, hält, durch ihr frappierendes Aussehen, die ganze moderne Estherforschung in ihreni Banne. Ich habe zu allererst diese allbeherrschende Hypothese auf ihre Echtheit geprüft und ihre absolut falschp Grundlage unter Zustimmung der größten Assyriologen nachgewiesen. Daß ich in einer solchen Untersuchung, bei der es sich hauptsächlich um richtige oder unrichtige Lesearten handelt, jedem Namen, den Jcnsen auf vielen Seiten behandelt, wenigstens einige Zeilen widmen mußte, ist Ihnen, wie jedem anderen, selbstverständlich, Sic vereinigen es aber dennoch! mit Ihrem Gewissen, über den „andächtigen Tiefsinn, mit welchem sich nieine Etymologie in den Namen der Seres versenkt" zu spötteln, und, den apologetischen Zweck jener verlachten Etymologie geflissentlich verschweigend, die Sache so darzustcllen, als hätte ich dies lediglich! aus Interesse für Madame Haman getan. Oder verdient meine ganz gelegentliche Bemerkung, daß die talmudische Etymologie: Esther- Stern: im Syrischen und Mandäischen ihre Bestätigung findet, als eine „Wissenschaft" mit Anführungszeichen ' genannt zu werden? Und welche sind ferner die „geistvollen Marduk-Hypothcsen" meiner „Wissenschaft", an denen „sich zu delektieren" Sie dem Leser empfehlen? Die etymologische Verwandtschaft des Namens Mordchai mit dem Gottesnamen Marduk ist ebenso sicher, wie die des von Esther mit Jstar, welch' letzteres auch im Talmud mitgeteilt wird. Nun behaupten aber selbst konservative Excgcten, seit fast einem Jahrhundert, cs nicht als Zufall ansehen zu können, daß die beiden Helden der Megillah mit Namen der zwei Hauptgötter des alten Orients versehen sind. Daran aber knüpft sich unwillkürlich auch die andere Frage, wieso gesetzestreue Eltern ihren Kindern Flamen oon Göttern, deren Kulte noch dazu damals florierten, beigclegt haben sollen. Gehören ja die biblischen, mit dem Gvttesnamen Baal zusammengesetzten Namen, zumal bei den Nachkommen Sauls und Davids, zu den schlversten rcligionsgeschichtlichen Problenien, aus denen die radikalste Kritik den größten Nutzen zieht. ■— Ich habe diese in. E. sehr wichtigen Fragen durch den kurzen Hinweis auf das von den Assyriologen wenig beachtete Moment, daß nämlich unter den vielen tausenden in der keilschriftlichen Kontraktliteratur aus der Regier ungszeit des Ilhasveros, wie seiner Vorgänger genannten Personen fast jeder 3.-4. Mann Marduk heißt, und daß auch der Name Jstar dort alles eher als selten ist, endgültig erledigt und somit alles für die Geschichtlichkeit Mordchais und Esthers, wie die Reinheit des biblischen Gottcsbegriffes ihrer Zeit Störende für immer aus deni Wege geschasst. Weshalb nun diese Darlegung Gegenstand Ihres Spottes werden niußtc, ist mir nicht begreiflich. Wenn die Kritik auf die bei Herodoth mitgeteilte, ihrer Genauigkeit wegen sehr berühnitc Stcuernlistr des Ahasveros, wie auf sonstige zeitgenössische Dokumente, nach denen Zlhasveros über ungefähr 20 Länder geherrscht habe, hinweisend, von jeher gefragt hat, wieso die Megillah von 127 Ländern sprechen kann, so verdient diese Frage umsomehr Beachtung, als doch die in der Megillah genannte Ländcrzahl schon von rein geographischem Standpunkte aus als eine maßlose llebertreibung erscheint. Wenn ich nun demgegenüber benierkte, daß die Bezeichnung „Medinah" wie im Talmud (Baba bathra 21, 1. u. ä.) so auch im Aramäischen und im Arabischen als Gerichtsbezirk, von „Din", zu fassen sei, muß man da erst ein „Wanken seiner religiösen Uebcrzeugung verspüren"? Nun, verehrter Herr Doktor, welcher hohe Zweck hat Ihnen Ihre Mittel geheiligt? Ms „Ausdruck Ihrer Mißstimmung", wie Sie es — Israelit Nr. 27 — trennen, wäre dies ja, selbst von .Ihrem Standpunkte aus, nur gegen die Punkte meines Buches, die Sie als „zerstörende" bezeichnen, einigermaßen erklärlich, doch keinesfalls aber gegen meine „bauenden" Argumente, die Sie selbst akzeptieren. Was trieb Sie dazu, mein Vertcidigungswcrk mit Kot zubcwerfcn, während Sie sich doch andererseits nicht scheuten, demselben so unzählige Bausteine zu entnehmen und sie Ihrem Baue einzuverleiben? Wieso erschien Ihnen meine verlachte „Wissenschaft" andererseits gut genug, um mit ihren Ergebnissen Ihr Buch zu schmücken? Kann man in Ihrem Verfahren — selbst beim aufrichtigsten Bestreben, Sie „dan lekaf sechus" zu sein — andere Motive, als solche, die man am liebsten ungenannt läßt, finden? Und zu "solch edlen Zwecken benützten Sie Ihren Kommentar zu einem biblischen Buche? (Fortsetzung folgt.) Personalien «. Kleine Mitteilungen. Berlin. Prof. Dr. Hugo Münsterberg von der Harvard-Universität, der als Austauschprofessor in der hiesigen Universität lesen wird, ist hier e i» g c t r o f f e n. Er wird gleichzeitig das neue Berliner Amerikanische Institut einrichten und leiten, zu dessen Gründung James Speyer 500 000 Jt. und Jakob H. Schiff 250 000 M. beigesteuert haben. Leipzig. Kammergerichtsrat Lilienthal und Landgerichtsdirektor Rosenberg, beide in Berlin, wurden zu Hilfsrichtern beim Reichsgericht ernannt. — Prof. ,Henoch in Dresden erhielt anläßlich seines 90. Geburtstages den Stern zum Roten A d l e r o r d e n 2. Klasse mit Krone und Eichenlaub. Nürnberg. Im Alter von 70 Jahren verstarb Martin L e b r e ch t, der im jüdischen Bereinsleben eine führende Rolle spielte. Er war besonders auf dem Gebiete des Wanderarmenwesens bekannt. Hohensalza. Fabrikbesitzer Dr. jur. Leopold Levy ist die Rote Kreuz medaille dritter Klasse verliehen worden. Znin. Die älteste Person der hiesigen Synagogengenieinde, die Kaufmannswitwe Fuchs Ist dieser Tage im Mter von 106 Jahren verstorben. Sie war erst in letzter Zeit bettlägerig und erfreute sich bis zu ihrem Tode einer geistigen Frische. Namentlich verstand sie es sehr gut, Einzelheiten aus dem Kriege gegen Napoleon I. zu erzählen. In der Gemeinde galt sie als lebender Familienkalender, da sie ganz getreu Geburten, Verheiratungen und Todesfälle im Gedächtnisse bewahrte. Wien. Regierungsrat Wilh. Neumann, Redakteur des „Fremden - Blatt", und der Maler Prof. Wilh. Löwith - München erhielten den Orden der Eisernen Krone 3. Klasse. In B i e l i tz wurde kaiserl. Rat S a l o m o n Pollak, der Präsident der dortigen jüd. Gemeinde, zum Ehrenbürger ernannt. Wien. Wie die „Jüd. Ztg." berichtet, hat der vor zwei Wochen in den Lemberger Kultusrat gewählt Dr. Adolf Lilien vorigen Samstag zum ersten Mal seit.Jahren ein Gotteshaus ausgesucht. Freilich ging er nicht zum Tempel, sondern — fuhr im offenen Wagen zur Trauung seiner Tochter mit einem Christen in die Kirche. Budapest. Fabrikdirektor Richard War wurde in den Adelsstand erhoben und Sektionsrat Karl Neumann de Gardony zum Ministerialrat ernannt. London. Louis L. Cohen, der ehemalige Bürgermeister von Liverpool, stiftete 1000 Pfund zur Errichtung eines König Eduard- Denkmals. London. Die Jewish Historical Society wählte LucienWols zu ihrem Präsidenten. In der begründenden Sitzung der Gesellschaft am 3. Juni 1893 war Wolf der Vorsitzende gewesen. — Die Tate-Gallerie eröffnete diese Woche einen neuen Flügel, dessen Bau ihr ■ durch die 20 000 Pfund-Gabe des inzwischen verstorbenen Sir Joseph Duveen ermöglicht wurde. Der neue Flügel ist speziell für die Bilder Turner's, des größten Landschaftsmalers Englands, bestimmt. Odessa. In einer hiesigen Synagoge traten ein 78jähriger Mann und seine 70jährige Frau zum Judentum über und ließen sich nach jüdischem Rechte trauen. Der Mann war als siebenjähriger Junge gewaltsam zum Militärdienste genommen und getauft worden — wie es damals bei Mdischen Kindern tausendfach vorkam, — und erst als vor vier Jahren das kaiserliche Manifest über die Glaubensfreiheit erschien, konnte er bei der Regierung ein Gesuch, zum Judentum zurückkehren zu dürfen, machen, welches Gesuch nun nach vier Jahren genehmigt wurde. Kiew. Die Agitation des Verbandes des russischen Volkes hat es erreicht, daß der wirkliche Staatsrat A b r a h a m s o h n, Chef des Kommunikationsbetriebs der Südwesteisenbahn, sein Amt hat n i e d e r l e g c n müssen, weil er Jude ist. Sein Rücktritt bedeutet für die Eisenbahnverwaltung einen schweren Verlust. Rom. Die juristische Fakultät der Edinburger Universität verlieh Ministerpräsidenten L a z a t t i das Ehrendoktorat. Aus -er zionistische« Bewegung. Frankfurt a. M. Der hiesige Share-Club nimmt die jetzt fälligen Coupons Nr. 6 der Jüd. Kolonialbank-Akt ien mit JL —,50 zur Verrechnung in Zahlung. Köln a. Rh. Der Jüd. Nationalfonds vereinnahmte im 1. Halbjahr 1910 Jt 177198,87. New-Nork. Wie .The Jewisch Nation" berichtet ist es Dr. A b r a h a m s o h n, dem Beauftragten des Misrach-Büro in Frankfurt a. M., gelungen, die hervorragendsten jüdischen Philanthropen 'Amerikas für die materielle Unterstützung der Misrachi-Mittelschule in Jaffa zu gewinnen. Ans de» Vereinen. Kempen i. Pos. Um eine Annäherung der jüdischen Jugendvereiue Kempen und Ostrowo herbeizuführen, veranstaltete der „Verein zur Förderung der idealen Interessen jüd. junger Leute" Zu Kempen am 10. d. M. einen Ausflug nach dem zwischen Kempen und Ostrowo liegenden Städtchen Schildberg, zu dem auch der Jsr. Fortbilduugsverein Ostrowo eiiigeladen wurde. Infolge des Regenwetters mußten sich die Ausflügler auf den Aufenthalt im Saale beschränken. Dort wurde gemeinschaftliche Kaffeetafel eingenommen, an der sich auch die Schildbcrger männliche und weibliche Jugend beteiligte, und die durch mehrere anregende Tischreden, sowie durch ein vom Jsr. Jungfrauenverein Schildberg dem Veranstalter geinidmetes Tafellied angenehm gewürzt wurde. Nach der Tafel blieben die Erschienenen noch bis gegen 12 Uhr zum Tanze beisammen, der von verschiedenen Ueberraschungcu begleitet war. Die beabsichtigte Wirkung des Ausfluges dürfte nicht verfehlt sein. — Voraussichtlich wird sich auch die Schildbcrger männliche Jugend einem der beiden Vereine apschließen, da sie selbst eine zu kleine Anzahl ist, um einen eigenen Jngendverein zu bilden. Ans der Lehrerwelt. Köln. Laut Erlaß vom 21. Juli bat der Kultns m i n i st er dem hiesigen Jüd. Lehrseminar die Berechtigung zur Abhaltung der staatlichen Entlassnngsprüfungen erteilt: Mit dieser ehrenvollen Anerkennung ist der Schlußstein eingesetzt im umfassenden Umbau, den Seminardirektor Dr. (Plat) Carlebach mit seinem wackeren Lehrerkollegium in fünfjähriger, unausgesetzter und mühevoller Tätigkeit aii der unvergänglichen Schöpfung D r. Plato s s. A. vornahm. Blicken wir nach Vollendung des großen Werkes musternd zurück, dann gebührt neben dem zielbewußten, verständnisvollen Wirken des Seminardirektors besonderer Dank dem Kuratorium, dcch weder Zeit, noch Mühe und Mittel scheute, den Anregungen des Direktors auch in den ungünstigste» Zeiten nach besten Kräften nachzukommen, besonderer Dank dem Lehrerkollegium, das in unverdrossener Pflichttreue gewissenhaft bemüht war, das Seminar mit seiner Uebungsschule den neuen Bestimmungen von 1901 und den Anforderungen der hohen Behörde so anzupassen, daß das Seminar mit den staatlichen Lehrerbildungsanstalten heute wetteifert. Wie wir vernehmen, soll der Wendepunkt in der Geschichte des Seminars durch eine im September stattflndcnde größere Festlichkeit gefeiert werden. Hamburg. Die Oberrabbinerfrage schreitet nicht vorwärts. Die Verhandlungen mit Rabbiner Lipschütz in Kalisch haben sich zerschlagen. Ragy-Magyar (Ungarn). Rabbiner Josua Buchsbaum aus S.-A.-Aujhely wurde hier zum Rabbiner gewählt. 4785