Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1910-07-22 · Heft 28 (22.7.1910) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 28 (22.7.1910)
Date
1910-07-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2692297-2692665-2692693--05550-2700474
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Irarrkfrtrter Jftirlififitra fanilirnlilatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis Pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HsdaKtion rrnd H>sfchaftsstekks: SrunKfurt 2. in., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße “gcref Ott 10507. -HSW- Herausgeber: Aalg r"--' — — 1 ■ "■! Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzrlle. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: .Preis nach Uebereinkunft. _ ' 8. Jahrgang. Freitag, den 15. Bunins 5670 (22. Juli 1910). Rr. 28. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Ganze Menschen. — Die Rabbiner- Hochschule in Jerusalem. — Die Halbjahreskonferenz der English Zionist-Federation. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Jules Huret über die Juden. — Wochen-Kalender. — Allgemeine Mitteilungen. — Spenden. — Verein s-K alender. — Familiennachrichten. — Briefkasten. Ganze Menschen. Ganze Menschen; — ein stolzes Wort! Ganze Menschen; — und meine Gedanken schweifen vom Titelblatt des Buches mit jenem stolzen Worte*) hin zum Buche der Bücher. „Tomim tijeh" leuchtet's dort entgegen. Dreieinhalb Jahrtausende vom Buche der Bücher bis zu Heinrich Wolgast's, eines der führenden Pädagogen Deutschlands, Rufe nach ganzen Menschen. Wo ein goldenes Wort von bleibendem Werte gesprochen wird, wo das Ringen nach Wahrheit sich frei macht vom Niederen zum Höhenflüge, — immer wieder kommt die Bibel zu Ehren. * Und dem ersten Worte des Titelblattes steht ein zweites angelehnt, und dieses zweite zeigt auch, daß die Wege nach dreieinhalb Jahrtausenden wieder zusammenführen. Als eine „sozialpädagogische" Ausgabe erfaßt Wolgast den Weg zum ganzen Menschen. Dreieinhalb Jahrtausende hat's bedurft, dafmit für die sozialpädagogische Erziehung des Menschen der Boden geebnet werde. Das Altertum mit seinen Herren und Sklaven, das Mittelalter mit seinem Adel- und Bürgerstand mußten schwinden, und die französische Revolution mußte erst wieder den Menschen als Menschen zu Ehren bringen. Doch das hätte noch nichts genützt. Den zum Bewußtsein seines Jchs gekommenen Menschen mußte erst die soziale Not packen, damit er erfahre, daß das Glück der Menschheit, daß sein Glück von der Wechselwirkung zwischem Geistigem und Materiellem abhängig ist. „Es scheint, als wenn alle modernen Verhältnisse und Errungenschaften unserer Zeit Zusammenwirken, um den Menschen Nein zu machen ... Die Dinge haben ihn, nicht er die Dinge (S. 18)." Doch: „Jetzt befinden wir uns einem fordernden und machtvollen, die Nation in ihrem Kern und Wesen berührenden Proletariat gegenüber, das die charitative Form der Humanität mehr oder weniger ablehnt (Seite 41)", also schildert'^ Wolgast. Und Hand in Hand mit der Normalisierung der sozialen Verhältnisse hat eine Umgestaltung der pädagogischen Grundsätze zu gehen. Vor allen Dingen muß die „Wissens- oder Lernschule" der „Erziehungsschule" den Platz räumen. Nicht auf die Menge des Wissensstoffes, sondern aus die *) Ganze Menschen. Ein sozialpädagogischer Versuch von Heinrich Wolgast. 140 Seiten. Karton. 2 M, geb. 3 JL Verlag der Hilfe, Berlin- Schoeneberg. Verarbeitung desselben und seine Bedeutung für die Erziehung ganzer Menschen kommt es an. Deshalb ist das sittliche Moment im Unterricht das wesentlichste. Und die sittliche Lebensführung hat im modernen Menschen die verschiedensten Antriebe; „Das Ehrgefühl, das Gewissen, die Religion, das Gefühl der sozialen Verpflichtung und das der nationalen — alles kann für die Entscheidung zu sittlichem Handeln ausschlaggebend sein (Seite 105)". Wenden wir uns nun zur Bibel! Was in unseren! Zeitalter des Fortschritts mühsam nach seinem Rechte ringt und häufig nur erst in den Köpfen der Edelsten als Ideal lebt, war dort bereits bindendes Gesetz der Gesamcheit, Aufbau des gesamten Staats- und Erzichungswesens des jüdischen Volkes. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen als Grundlage verbürgte die Gleichheit aller nicht nur vor dem Gesetze, sondern auch im Leben des Volkes. Und das Gesetz sicherte das soziale Sein des Volkes, so, daß nicht ein Entstehen von übermächtigen Schichten nach oben und proletarischen Schichten nach unten sich entwickeln konnte. Es sei da nur an die Einteilung des Bodenbesitzes, an Schmittah- und Jobeljahr erinnert. Das Bewußtsein von der Gottesebenbildlichkeit der Menschen gab aber auch der Erziehung des Volkes bestimmte Richtschnur. Das Ziel, Gott ähnlich zu werden durch Reinheit der Gesinnung und Tat, und die Förderung dieses Zieles durch gesetzliche Verordnungen, mußten das Schwergewicht der Erziehung auf die Charakterbildung legen. So finden wir denn im Mischen Volke von jeher die Erziehungsschule. Charaktervolle Menschen zu bilden, die ihre Rechte und ihre Pflichten gegen sich und gegen ihre Nebenmenschen, gegen die Gesamtheit kennen, war Aufgabe der Erziehung. Im Wandel der Zeiten ist es im Mischen Volke freilich allmählich anders geworden. Die Außerkraftsetzung der sozialen Gesetzgebung durch die Zerstörung der politischen Selbständigkeit vor zweitausend Jahren blieb solange unmerklich in ihrer Wirkung, als das jüdische Volk noch nicht in den engen Mauern des Ghetto eingezwängt war. Erst seitdem das Leben des Mischen Volkes immer mehr in anormale Bahnen gelenkt wurde, begann der Typus des „ganzen Menschen" nach und nach zu schwinden. Dieser Prozeß wurde durch den Eintritt der Emanzipation und die dadurch bedingte Entfremdung vom Judentum noch bedeutend beschleunigt, — und heute sind im jüdischen Volke „ganze Menschen" im Sinne der Bibel, Menschen, die wissen, was sie in dem fingen Erdendasein sollen und wollen, eine Seltenheit geworden. Möge das Volk der Bibel in einer Zeit, in der die Menschheit nach der Verwirklichung von Wahrheiten ringt, die Wahrheiten der Bibel sind, sich wieder zurückfinden zur Bibel, dem Buche Gottes, und den von ihr gewollten ganzen Menschen! Die Rabbiner-Hochschule in Jerusalem. Auch in dem „Frankfurter Israel. Famil.- Blatt" habe ich in einem „Eingesandt" vor Jahr und Tag auf eine Rabbiner-Hochschule in Jerusalem verwiesen. Ich machte damals den Misrachi auf die Hochschul-Frage aufmerksam. Später habe ich auch in der Zeitschrift „Palästina" für diese Idee gekämpft. Nunmehr hat Dr. Paul Nathan,- der geniale Leiter des Hilfsvereins der Deutschen Juden, die Grundlagen zu dieser Hochschule gelegt. Die Idee, auf die er vielleicht auch ohne die Lektüre meiner Aufsätze gekommen ist, schien ihm einleuchtend. Jerusalem, heute wie früher einmal, ein jüdisches Mileu pur excelleace, eignet sich wie kejne andere Stadt zum Sitz einer Rabbiner-Hochschule. Was für ein Unsinn ist es doch, daß die östlichen Juden nach Berlin kommen, um sich als Rabbiner auszubilden! Jerusalem, das die Tradition geheiligt hat, ist eine Stadt gerade des Talmud-Studiums, eine Stadt, in der der Jude ohne Ablenkung, ohne Assimilation sich ausbilden kann, eine Stadt, in der die hebräische Sprache — also die Sprache, in der der Raw denken und sprechen muß — wieder zur Umgangssprache geworden ist. Ich kann mir nicht denken, daß es denkende Juden geben kann, die gegen eine Rabbiner-Hochschule in Jerusalem sein können. Wohl aber dürste diese Rabbiner-Hochschule bald beliebt werden und sich allgemein einführen. Voraussetzung dafür ist aber, daß diese Hochschule eine erstklassige «Anstalt darstellt, die in jeder Weise mit den bestehenden konkurrieren kann. Und dies ist vorerst absolut nicht der Fall. Die Lehrkräfte, die Räumlichkeiten, kurz, alles entspricht der von mir gedachten Größe absolut nicht. Was noch nicht ist, kann ja werden. Dem will ich auch das Wort reden. Speziell möchte ich die orthodoxen Kreise und den Misrachi darauf Hinweisen, die Gelegenheit nicht zu versäumen, eine wirklich große Aufgabe zu unterstützen. Ich brauche heute, wo die Anstalt besteht, wohl kaum das Detail anzuführen, wie man sie machen soll. Das liegt doch klar auf der Hand! Soweit als möglich ausbauen. Tüchtige Lehrkräfte noch gewinnen, die Anstalt in schöner, hygienischer Lage erbauen usw. usw. Und das Geld hierfür? Nun, einen bedeutenden Posten trägt schon der Gründer, der Hilfsverein, bei. Etwas für den Grund und Boden wird man vom Nationalfonds erlangen, und einige weftere Unterstützung wird man, wie siir alle jüdische Sachen, gerade hierfür bekommen. Doch die Idee der Rabbiner-Hochschule in Jerusalem wird bald populärer sein, als die vieler anderer Gründungen. Das wird sich bald zeigen. Das Werk ist im Werden. Es braucht nur dw werktätige Hilfe. Vielleicht finden sich einige große

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.