Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 26 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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üeiCttgB W fit. 26 des ftanftfmfet IsmMWm IflmiMtttftes. Kategorien des Bewußtseins.*) Vergleichende Völkerphysiologie und Ethiwgraphie von Dr. S. M. Melamed-London. Als moderner Mensch kann ich die Tendenz meines Zeitalters nicht ignorieren. Sie besteht in denl Streben nach Persönlichkeit, in der Feststellnng des Spezialcharakters und in der Suche nach der Individualität. Alles, was eigenen Schnitt und individuelle Prägnanz hat, wird verehrt und verhätschelt. Als treuer Bürger meiner Zeit füge ich niich in ihre launischen Imperativ« und jage nach Persönlichkeiten. Auf der Straße, im Theater, in der Synagoge, in der Versammlung und bei sonstigen „Zusammenkäufen" stelle ich mich abseits, um zu beobachten, zu forschen, sEigenheitcn gu entdecken und die Individualität aus dem Meer der Masse herauszufischen. Es ist, offen gesagt, kein angenehmer Beruf, insbesondere wenn der Polizeigenius versagt und die Fähigkeit zum Schnüffeln eine geringe ist. Aber, was tun? Man muß sich in die Tendenz der Zeit fügen. Seit längerer Zeit stelle ich Beobachtungen an, deren Resultate auch eine Ive.'te Ocfsentlichkeit interessieren dürsten. Während der englischen Parlamcntswahlen begegnete ich im Londoner Berditscheff einem konservativen Wahlagenten, der bei den dortigen Engländern für die Konservativen Stimmung machte. Er sprach zu seinen Leuten so überzeugend und eindringlich, daß man in ihm den Sohn eines herabgekommenen Lords verniuten konnte; allein sein Aeußeres, seine Händesprache fielen etwas auf. Ich erkundigte mich nach ihm und erfuhr folgendes: Mr. Hyam Theodor Plum ist Anglo-Amerikaner, aber mehr Engländer als Amerikaner und ein aufrichtiger englischer Patriot; sein Patriotismus geht so weit, daß er jeden Tag eine deutsche Invasion in England befürchtet, — er lebt in Furcht und Angst. Das gefiel mir! Ein Charakter! Auf meine weiteren Erkundigungen erfuhr ich manches Interessante über seine Vergangenheit. Sein Vater heißt Mr. James Plum (ehemals Jankel Pflaum) und seine Mutter Mrs. Plum, geborene Abrahamsohn. Mr. James Plum ist selbst in Bessigolc geboren, war später in Amsterdam als Diamantschleifer tätig und verheiratete sich in Deutschland mit Frl. Malke Abrahamsohn, einer geborenen Ungarin von galizischer Herkunft. Ihre Mitgift bestand in zwei Schiffskarten einer französischen Dampfergesellschast für die Ueberfahrt nach Amerika. Etwa ein Jahr nach der Hochzeit wunderten Mr. und Mrs. Plum nach Amerika aus. Als das französische Schifs sich auf neutraler See befand, gebar Mrs. Plum ihrem Gemahl einen Sohn, den Vater und Mutter nach ihrer Väter Namen Hyam Theodor (auf Esperanto: Chaim Todcres) benannten. Hyam Theodor ist in Newyork, d. h. in East-Broadway, groß geworden, d. h. er hat dort in Compagnie mit Mr. und Mrs. Plum gehungert, dort die Schule besucht, dort mit einem zerlöcherten Ball Football gespielt, dort bis zu seincni 20. Lebensjahre u ein russisch-holläudisch-ungarisch-ainerikanischcs Englisch ' gesprochen und fühlte sich ganz als Amerikaner, d'. h. irischenglisch - schottisch - italienisch - ungarisch - polnisch - deutsch Uuited States citizen. Er P 'Meister des Bluffs, ist noch heute ein Roosevelt-Schwärmer und ein Verehrer von Sherlock Holmes. Er spricht zwar Englisch, aber sobald er einen Schmerz empfindet oder in Begeisterung gerät, ruft er: „Ai weh!" Da Mr. Plum in Amerika „kein Leben machen konnte'", kam er nach England, um Millionär zu werden. Er ist hier ein Gclegcnheitskaufmann, d. h. Trödler, Agent, Kommissionär, Ballarrangeur usw. Der Sohn hingegen, Mr. Hyam Theodor Plum, ist zu Friedenszeiten ein jüdischer Zeitungskamelot und während der Wahlen ein konservativer WahlageM. Das Nationalbewußtscin des Herrn James Plum *) Dieses Feuilleton verdankt dem bekannten Oppenheuner'schen Artikel sein Entstehen. Dftz Redakt. ist ganz holländisch, Kenn er betet nach holländischen! Ritus, während sein Volksbewußtsein ein langlo-pmerikanisches ist, d. h. er liebt nur die Juden von Whitechapel und von East Broadway. Hingegen sein Kultnrbelvußtscin: „Gewalt, wo nimmt man Brot!" Anders Mrs. Plum. Sie ist ganz Ungarin. Für ungarischen Paprika schwärmt sie noch heute, wie ein russischer Deserteur für Sauerkraut. Da sie auch englischen Pudding nicht verschmäht und selbst für Warschauer Wurst eine Vorliebe hat, ist ihr Nationalbewußtsein etwas komplizierter. Ueber ihr Kulturbewußtfein hingegen ist schwer etwas Positives auszusagen. Diese Untersuchung empfehle ich deutsch-nationalen Soziologen mit jüdischem Stammesbewnßtsein und gernianischem Kulturbewußtsein. Ebenso würde ein solcher Soziologe die ethnographische, völkerphysiologische, nationalpolitische und nationalkulturelle Identität des Mr. Hyam Th. Plum mit Gewinn und Erfolg für die genannten Wissenschaften untersuchen. Lcbl der Kalte gehört zu meinen alten Freunden, obwohl ich ihn erst seit einigen Tagen kenne. Er spricht jeden mit „Du" an und ist, gleijch Mr. Th. Plum, ein jüdischer Zcitungskamelot. Trotz seiner Fünfundsiebzig wandert er von einem siidischen Restaurant zum andern und bietet jedem persönlich das Jüdische Journal an. Während der Käufer den Pemch aus der Westentasche zieht, lispelt Lebl Psalmen. Seine Popularität ist sehr groß, denn er ist sehr fromm, ein Anarchist und ein Feind der Reichen. Wenn es keine Psalmen gäbe, hätte er gewiß seine freie Zeit mit dein Lesen anarchistischer Lektüre verbracht. Wer kennt nicht Lebl den Kalten, den Freund Krapotkins? Aber wer ist Lebl? Dieser 75jährige Anarchist mti dem weißen Bart? Fragt man ihn nach seiner Herkunft, nach seiner Stammes- und Volkszugehörigkeit, nach seinem Stammes-, Volks- und Kulturbewnßtscin, dann seufzt er tief, greift zu seiner Tabakdose, macht ein wunderliches Gesicht pnü sagt: „Der Dalles ist international!" „G. s. D., daß es ein Tehilim gibt. Mer wollt ihr cs wissen? Ich bin iin Luftballon, oder aus dcni Schiff, oder während meine Mutter die Grenze geschmuggelt, geboren; Gott weiß es, — aber was ich weiß, ist nur, daß meine Mutter bei meiner Geburt anwesend war. — Wann es war, ob Winter oder Sommer, wo es war, ob hier ob dort, weiß nur Gott allein. Aber hoffentlich bringt ihr mich nicht in die Statistik; denn ihr wißt, ich bin ein Anarchist." So viel konnte ich von Lebl dem Kalten erfahren. Sein allgemeines und spezielles Volks-, Stammes- und Knlturbewnßtsein zu untersuchen und festzustellen, enlpfehle ich deutsch-nationalen Soziologen von germanischem Kultur- und jüdischem Stammesbewnßtfein. Es wird sicher damit dir Ethnographie und Bölkerphysiologie bereichert. Mein Freund Isaak Sauerheimer, jetzt Kgl. Preuß. Hoflieferant und seit jüngster Zeit Kommerzienrat, ist deutscher Patriot, ein Vollblutgermane aus lleberzeugung und stammt aus Posen. Der Herr Konimcrzienrat, persona grata in der jüdischen Gemeinde und bei der Regierung und wegen seines hohen Alters und seines Vermögens allseits verehrt, war einst der junge Sohn eines alten Chassid und später ein eifriger polnischer Sprachstudent; denn in Wronke war seiner Zeit Polnisch der Inbegriff aller Kultur. Als er später nach Breslau kam und sich dank seinem kaufmännischen Geschick ein Vermögen erworben hatte, entpolnisierte er sich und ward ein deutscher Patriot. Als echt „Deutscher" ist der Kommerzienrat Sauerheimer ein eifriger Antizionist, ein freikonservativer Wahlmann für die preußischen Landtagswahlen und ein Förderer aller interkonfessionellen und oft auch israelitischen Jnstitutionnen. In einer Stichwahl zwischen Sozialdemokraten und Antisemiten tritt er in „selbstloser" Weise für den antisemitischen Kandidaten ein I und rechnet cs sich selbst als einen Akt der Toleranz an. Als Parneß der Gemeinde verbot er dem Rabbiner nach den Pogromen jede Protestäußerung in der Sabbatpredigt gegen die Werke russisch-christlicher Nächstenliebe, mit der Begründung: „Wir Deutsche haben kein Recht, uns in die Angelegenheiten eines befreundeten Nachbarstaates cinzumischen." Kurz, Herr Kommerzienrat Sauerheimer war ein Patriot, wie cs in der Kreuzzeitung geschrieben steht. Ws aber eines chöncn Tages die Polizei einen seiner Reisenden, einen „Ungar", auswies und er den Ausweisungsbefehl zu unterschreiben hatte, entschlüpfte ihm unwillkürlich, als er seinen Namen unter das Schriftstück setzte, das Wort: „A Goi is a Rosche." Herr Kommerzienrat Sauerheimer, ein Germane ans lleberzeugung und aus Posen, hat ein deutsches Volks- und Kultnrbewußtsein und ein israelitisch-kommcrzienrätliches Stannncsbewußtsein. Herr Jmannel Vierfuß, jetzt als englischer Politiker Jackie Brown, kam vor dreißig Jahren direkt aus dein Elsaß nach London mit acht Silbergroschen in bar und einem schlechten Volksschulzeugnis mr Sack. Handelsfähig und arbeitslustig, erhandelte er sich einen reichen Kompagnon, eine große Mitgift und eine Frau dazu, letztere vielleicht gegen seinen Willen, und heute fährt er nur im Automobil aus und macht sich schwere Sorge um die Zukunft der englischen Nation. Englisch hat er nie richtig erlernt und Deutsch fast vergessen, er verflucht jeden Tag den Erfinder der Granimatik. Er steht bei Christen int hohen Ansehen, weil er als jüdischer Philanthrop gilt, und die Juden achten ihn, verleihen chm die höchsten Ehrenänltcr, weil er bei den Engländern etwas gilt. — Sie sehen, Jackie Brown ist mit Recht ein berühmter Mann. Seine intimen Freunde wissen von ihm zu erzählen, daß seine höchste Freude ist, sich inkognito in ein im deutschen Viertel gelegenes elsässisch-jüdisches Restaurant zu begeben, wo er mit „der olden Fra von Stroßburg" ein paar Augenblicke elsäfsisch mauscheln kann. — Was ist Mr. Browns Stammesbewußtsein. was sein Volks- und Kulturbcwußtsein? Er sagt: „Kultur ist Erfolg, und wer nix hat, der zählt net niit!" Auch ein interessantes Objekt für Völkcrphysiologen und Ethnographen. Eines Tages fand ich auf dem Pult des abwesenden Redakteurs einer jüdischen Zeitung folgendes Kärtchen: „Wollen Sie mir bitte Ihre Zeitung so eingepackt schicken, daß weder der Postbote noch meine Dienstboten den Namen der Zeitung lesen können. Sie wissen, daß ich gern Ihre Zeitung lese." Sein Stammes-, Volks- und Kulturbewußtsein muß ein Ethnograph feststellen, ich stelle fest, daß er kein Ehrbewußtsein hat. Monsieur Reichnach, Mitglied der französischen Abgeordnetenkammer aus Frankfurt a. M. und Vorsteher der philhellenistischen Gesellschaft in Frankreich, sagte gelegentlich in einem Vortrag über die Juden: „Les juifs sont ni peuple, ni race, ni religion", worauf ein Hörer des Vortrags bemerkte: „Herr Reinach hat wahrscheinlich ein deutsch-gernranisches Stammesbewußtsein, ein französisches Volksbewußtsein und ein anti-klerikales Kulturbewußtsekn." Mir sagte jüngst ein hebräischer Schulmeister in Whitechapel: „Was Sie da alles reden von Stammes-, Kultur- und Bolksbewußtsein, ist alles nur eine Büchersprache. Ein Jud' ist ein Jud' und ein Goi ist ein Goi, das ist der Wahrheit letzter Schluß. Mein Neffe, im wirklichen Rußland aufgewachsen, wo er nichts vom Judentum erfahren hatte, hielt sich immer für einen echten, guten Russen und liebte Rußland. Aber was hilft's? Man betrachtet ihn doch als Juden und als Fremden, das ärgerte ihn. Heute ist er ein einfacher Jud'. Ich sage Ihnen, ein Bauer, koch' ihnr süß und sauer, bleibt doch Bauer. Kultur sind keine Bücher, sondern Blut und Ueberlieferung. Ein Jud' ist ein Jud' und ein Goi ist ein Goi." ' ' Und so bleibt's auch, Herr Professor.