Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 25 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mup M 11t. 28 tfes Frankfurter IfmMslkm lamitienfitutles. Ad0MM«tSWeü«IIM auf das „frankfurter Israelit. Lamilienblatt" nehmen sämtliche Postanstalten deS JnundA uslandes zu MK. 1,02 (inht. Lieferung frei ins Haus) für das dritte Viertellahr 1910 entgegen. — Streifbandzusendung für Deutschland und Oesterreich- Ungarn Mark 150, für die übrigen Länder Mk. 2.— vierteljährlich. Ein Wort über die neuhebraische Dichtung. Von vr. R. Selig mann. In den letzten Jahrzehnten hat die neuhebräische Literatilr einen erfreulichen Aufschwung genommen. Die hebräische Sprache entfaltet eine skulle von Leben und Bewegung, die bei diesem totgeglaubten Organismus ein eklatantes Zeugnis von der merkwürdigen kulturhistorischen Tatsache ablegen, daß diese Sprache mit den geheimsten Fäden der Volksseele Jahrhunderte lang inniglich verwoben blieb. Es werden da Töne von einer .Gewalt und einem Pathos angeschlagen, die bei deni etwas niatten Zustande der modernen europäischen Literatur geradezu erfrischend wirken. Allein, was wir trotzdem an der gesamten neuhebräischen Dichtung auszusetzen haben, das ist diese auf die Spitze getriebene Subjektivität, die nicht etwa mit einer allzu grellen persönlichen Färbung dieses oder jenes auftretendcn Dichters verwechselt werden darf, sondern die einen wesentlichen Zug in der Psyche der Diaspora-Juden bildet, und die darin besteht, daß die jüdische Diaspora-Psychik neben ihren Gefühlen auch die sehr deutliche Tendenz beher-. bergt, diese ihre Gefühle zu accentuieren, besonders hervorzuheben und zur Schau zu stellen. Und gerade die moderne hebräische Dichtung ist es, die den ergiebigsten Stoff für derartige Beobachtungen bietet, denn diese junge Dichtung kann mit viel größerer Berechtigung eine gewisse Widerspiegelung der nationalen Eigenart genannt werden, als die ältere biblische Periode der Lebensohn, Mapu, Gottlieber n. a., wo doch das Hauptgewicht auf die Pflege der Sprache gelegt wurde, und wo eine gelungene Nachahmung des biblischen Stils als eine literarische Leistung ersten Ranges zu gelten pflegte. Wer eine recht klare, anschauliche Vorstellung davon gewinnen will, was wir unter einer solchen nationalen Eigenart verstehen, der höre einmal aufmerksam zu, wie ein echter Diaspora^Jude eine Melodie wiedergibt. Solch' ein Diaspora-Mensch >vill sich ganz und gar nicht mit der bloßen Wiedergabe begnügen, sondern sucht zugleich durch verschiedene Modulationen seiner Stimme auch' den Grad einer subjektiven .Ergriffenheit zum Ausdruck zu bringen, er möchte dabei auch aller Welt zeigen, welche Wirkung die Schönheit der Melodie auf ihn ausgeübt hat, und auf diese Weise wird in die Melodie ein ihr fremdes, störendes und unangenehm wirkendes Element hineingebracht. Die moderne hebräische Dichtung hat sehr viel von einem solchen Singen an sich. Neben einem starken, ungeheuchelten Pathos, von dem diese Dichtung im großen und ganzen getragen wird, macht sich Fine rein subjektivistifche Note bemerkbar, die unaufhörlich daran erinnert, daß wir es mit .dieser oder jener Person zu tun haben, die von diesen! Pathos erschüttert wird. Es ist, im Grunde genommen, die Unfähigkeit, die der jüdischen Diaspora---Psychik anhaftet, in einem poetischen Gefühle restlos aufzngehen, sich in der Dichtung aufzulösen, sich ganz und gar zu vergessen, eine Unfähigkeit, deren tief verborgene Wurzeln sich in sehr verwickelten sozialpsychologischen Uniständen verlieren. Wenn wir das Verhältnis zur äußerenNatur nehmen, das. für die Echtheit dichterischen Empfindens von maßgebender Bedeutung ist,' so werden >vir in der hebräischen Dichtung vergebens I nach diesem innigen Verweben mit dem Naturleben suchen, wo die Grenzen zwischen der dichtenden Persönlichkeit und dem aufgenommenen Eindruck sich unmerklich verwischen, sodaß Dichter und Umgebung gleichsam in Eins verschmelzen, und wo das schöne Wort des englischen Dichters mit vollem Recht gelten kann: „Die hohen Berge sind ineine Gefilde." F ü r d e n n e u hebräischen Dichter ist die Natur meistens ein Hintergrund, der ihm diegünstige Gelegenheit bietet, seine Gefühle recht deutlich in den Bord ergründ rücken zu können. Was aber einem unbefangenen Leser besonders auffallen muß, das ist die fast durchgängige Versubjektivierung der Naturvorgänge, eine Versubjektivierung, und Verpersönlichung, die auch in der Dichtung anderer Literaturen geübt wird, die aber in der hebräischen eine fast unumschränkte Herrschaft behauptet. Gewittcrschlvere Wolken sind dem hebräischen Dichter unruhige Gedanken, die eine arme Menschenseele mit ihrer Last erdrücken, der heulende Herbflwind erinnert ihn an das Wimmern eines Kindes, hervorbrechende Sonnenstrahlen an das Lächeln eines schönen Weibes , — kurz, fast jede Naturerscheinung wird durch irgend eine Manifestation der menschlichen Psyche gedeutet, so sehr ist der neuhebräische Dichter in den Grenzen des Subjektiven befangen, so wenig ist er befähigt, sein Selbst in das All der Natur zu versenken. Auch wird einem aufmerksamen Leser der Umstand schwerlich entgehen können, wie wenig Vorliebe u n d N e i g u n g der hebräische Dichter für das stille Weben im Innern der Natur zeigt, für die bescheidene Landschaft mit ihrem rührenden Reiz, für alles, was in der Natur keusch, in sich gekehrt, verschwiegen und zurückgezogen ist. Es ist mehr die dekorative, theatralische, schreiende Seite der Natur, die seine Aufmerksamkeit fesselt, die himmelhohen Berge, die grausgen Wolkenmassen, die ohrenbetäubenden Wasserfälle, die alles versengenden Sonnenstrahlen — kurz alles, was die Natur an Pose, großer Gebärde und Zudringlichkeit besitzt. Diese lebhafte Vorliebe für die glänzende Seite der Natur ließe sich andererseits vielleicht auch aus dem Umstande erklären, daß der Diaspora-Jude als ein Stadtbewohner bisher nur äußerst selten die Möglichkeit hatte, in eine in- .time Berührung mit der Natur zu gelangen, sodaß auch der junge jüdische Dichter nur von außen an die Natur herantreten konnte, und was Wunder, wenn ihn vorzugsweise ihre markanten, hervorstechenden, in die Augen springenden Züge zu packen vermochten. Dies und noch anderes ließe sich leicht auf rein äußere Umstände zurückführen. Wir aber meinen, daß die Wurzeln dieser Erscheinung viel tiefer reichen, daß dfce allzu scharfe Betonung seines reagierenden Jchs die gesamte neuhebräische Lyrik wie ein roter Faden durchzieht, daß sie die Art und Weise charakterisiert, wie der Diaspora-Jude überhaupt seine Seele ausschüttet, wie der Jude einer älteren Generation seine Andacht verrichtet. Das Gebet des Diaspora-Juden ist nicht diese stille, feierliche Sammlung, wo nach ' einem wunderbaren biblischen Wort Gott nicht im Sturm, sondern in einem leisen Wispern weilt; dieses Gebet ist eine anfflackernde Inbrunst, eine lärmende Begeisterung, ein lautes Klagen und Flehen, wo alles schließlich dahin lossteuert, seinem Gott die Aufmerksamkeit mit Gewalt abzuringen, sein leitendes Ich durch recht lebhafte äußere Zeichen um jeden Preis bemerkbar zu machen. Wir erblicken darin eine gewisse subjektive Ueberreizung, eine gewisse psychische Hast, einen gewissen Mangel an männlicher Ueberwindungskraft, wo die sich aussprechende Seele zugleich mit ihrer Sprache auch das nebenherlaufende zudringliche Verlangen, sie recht laut sprechen zu lassen, nicht unterdrücken will und kann. Zugleich aber mit dieser subjektiven Ueberreizung tritt uns in der neuhebräischen Lyrik ein kräfttger pathetischer Zug entgegen, der an die Wirklichkeit fordernd heranstürmt, statt sie beschaulicherweise in sich aufzunehmen und in dem wir nicht umhin können, einen gedämpften Nachhall jenes grandiosen ethischen Pathos zu sehen, das den Prophetismus beseelte. Der hebräische Dichter liebt es, einen harten, leidenschaftlichen, protestierenq den Ton anzusch lagen, wir sehen ihn in einen herausfordernden Kampf mit der Wirklichkeit verwickelt, er beschuldigt und klagt an, was uns als eine Bürgschaft für die unverwüstliche Frische der jüdischen Seele erscheint, die keineswegs gesinnt ist, sich zu ducken, zu resignieren, mit der Wirklichkeit zu paktteren. Wfr wiederholen, daß wir darin ein Zeichen großer innerer Freiheit sehen, müssen aber konstatteren, daß die neuhebräisch: Dichtung an echtem lyrischem Schmelz, an musikalischer Stimmung viel dabei verliert. Die neuhcbräische Lyrik birgt in ihrem Schoße herrliche Lebenskeime, die nur einer günstigen Auslösung harren, um sich üppig zu entfalten. Die subjektive Ueberreizung, die eine direkte Folge verkehrtes Lebensbedingungen ist, schwindet zugleich mit diesen; der positive Kern aber überlebt. Die Deutsche Palästina-Bank. Eine Erwiderung von Davis Trietsch. Soeben koinmt mir die letzte Nummer der ,Melt" mit der Antwort von Jacobus Kann auf meinen Artikel über die .Deutsche Palästina-Bank" zu Gesicht. Von der früheren Veröffentlichung dieser Replik hatte ich keine Kenntnis; — hieraus erklärt sich, weshalb ich „bisher keine Antwort darauf gefunden habe". Ich hatte den Geschäftsbericht der Deutschen Palästina-Bank pro 1909 in meinem Artikel behandelt. Herr Kann setzt meinen Ausführungen „Tatsachen" entgegen, die sich auf die Zeit vor 1906 (eine vorübergehende Verringerung des Kapitals) und auf die Zeit nach 1909 (die im Früh, fahr 1910 erfolgte Beteiligung an deutschen Bergwerken) beziehen. Weiter beruft er sich darauf, daß ein deutsches Blatt irgend etwas in dem Bericht als „nicht klar" bezeichnet, und daß chm etwas „s ch e i n t". Vielleicht haben diese Vermutungen des betreffenden Blattes für Herrn Kann ebenfalls die Bedeutung von „Tatsachen". Wenigstens spricht er ausdrücklich von solchen und hat doch nichts anderes aufzuweisen! Dann gibt mir Herr Kann die gute Lehre, wenn ich wieder über die zurzeit von ihm geleitete Bank schreiben wolle, mich doch erst mit der Leitung dieses Instituts in Verbindung zu setzen, um Oberflächlichkeiten zu vermeiden. Herr Kann, der mir empfiehlt, bevor ich über etwas schreibe, erst Erkundigungen einzuziehen, antwortet ja gar nicht für die Anglo-Palästina-Bank, für die er glaubt, kompetent zu sein, sondern g.e g en bke Deutsche Palästina-Bank, bei der er ebenfalls nicht vorher anfragt. Wäre es anders, so hätte er nicht nötig gehabt, sich auf Vermutungen und Zweifel dritter Instanzen statt auf wirkliche Tatsachen zu berufen. Uebrigens ist ja Herr Kann uns nicht nur für die Anglo-Palästina-Bank» sondern auch für die -jüdische Kolonialbank" mitverantwortlich, die als z ionist i s ch - koloniales Finanzinstitut schon durch ihren Namen sich ebenso als in der Hauptsache palästinische Bant dokumentiert wie die Deutsche Palästina-Bank. Soll uns Herr Kann doch zeigen, daß die Gesamtheit der zionistischen Bänkinstittite auch nur annähernd das finanzielle Resultat der Deutschen Palästina-Bank zeigt. Hier sind doch die beiden Fälle sicherlich parallel genug. In beiden Fällen besteht die Möglichkeit, in Palästina und anderwärts zu arbeiten, und wenn wir den Vergleich so fassen, haben unsere Finanzinstitute sogar mehr Kapital als die Deutsche Palästina-Bank. Die Erklärung, die Herr Kann für unser geringeres finanzielles Resultat zn geben sucht, ist also in jeder Hinsicht verfehlt. Unsere Banken sind mit der Idee der kolonisatorischen Tätigkeit in Palästina gekündet worden, doch ließ man ihnen statuarisch die Möglichkeit,; auch anderwärts Geschäfte zu machen. Ich könnte es' nun verstehen, wenn man — um mehr in Palästina arbeiten zu können — sich mit geringerem Nutzen zufrieden gibt. Ich könnte es auch verstehen, wenn man — bei schlechten Geschäftsschancen in Palästina und