Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1910-06-17 · Heft 23 (17.6.1910) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 23 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2692297-2692665-2692688--05488-2700401
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10. F«mkfuicktt JfraEWsss FsmtÜeMatt. Nr. 23. der Gerechtigkeit und Friede herrsche». Am Ende des Kapitels motiviert der Prophet die Herrschaft der Sittlichkeit mit der Existenz der Erkenntnis und der Gottcserkcnntnis. — Weil ich, aus die Erkenntnis schlechthin hinweisend und nicht den ganzen Satz anführend, mich auf das Jesajahnische „SH moloh hoorez Deo" berief, glaubt Herr Speier, niir ein falsches Zitat zum Vorwurf machen zu dürfen. Den von mir angeführten Satz „Mensch, Gott hat Dir gesagt, was gut ist, und was anders verlangt er von Dir als Gerechtigkeit üben, Wohlwollen und Gnade"? wird von Speier überhaupt bezweifelt, denn es paßt natürlich nicht in seinen Mystizismus. Nun wohl: der Satz lautet im Text: „Higid lecho odom ma tow, umo hafchem dorcsch mimcho ki im assoth mischpot weahawath chessed, wehoznca leches im clokecho. 2. Ich wollte kein Dogma prägen, sondern eine jüdische Anschauung entwickeln. 3. Ich bedauere, Herrn Speier sagen zu müssen, daß sein Carricre und speziell dessen fünfbändige Kunstgeschichte, die sehr lexikalisch gehalten ist, seit 30 Jahren zum Kellergut der Bibliotheken gehört, und das; Carriercs Anschauung über die „Ausgabe" der Literatur ebenso als bescheidene Privatmeinnng anzusehen ist, wie seine Kunstanschauungen schon längst veraltet sind. Es muß schon eine traurige Literaturphilosophic sein, die sich auf einen zweifelhaften Satz eines antiquiricrten Gelehrten aufbaut. Ich kann Speiers allgemeinen Respekt vor Professoren nicht teilen. Es lväre traurig, wenn jeder Professor eine Autorität beansprucht hätte. 4. Herr Speier glaubt, mit seinem Percz-Urteil ins Schwarze getroffen zu haben. Ich glaube eher, daß Herr Speier uns einen schwarzen Punkt gezeigt hat, aber nicht Pcrez, sondern ajüdischen Mystizismus. - Dr. S. M. M c l a in c d. Aus der Lehrerwelt. Basel. Der allgemein hochgeschätzte Rabbiner Dr. Cohn feiert dieser Tage sein 25jährigcs Amtsjnbiläu m. New-Aork. Rabbiner Dr. Juda L. Magnes wird nach seiner Rückkehr von Palästina in New- Uork bleiben. Wie er sagt, hat er noch keine festen Pläne für die Zukunft gefaßt. Er hat zahlreiche Sympathiekundgebungen und Briefe erhalten, und es ist sicher, daß ihm, wenn er die in seiner so schnell berühmt gewordenen Pesach-Predigt vorgezeichneten Bahnen verfolgen will, tausende zur Seite stehen werden! New-Aork. Dr. S. Sch echt er, der Direktor des Jüd. - Thcolog. Seminars von Amerika, tritt nach sechsjähriger Amtszeit kontraktgeinäß einen einjährigen Urlaub an, während dessen er ti. a. Palästina zu besuchen gedenkt. — Das Jüd.- Th eolog. Seminar von Amerika erhielt von L o u i s M a r s h a l l eine Spende von 20 000 Dollars. Spende«. Bei dem Frkf. Ist. Familienbl. gingen ein: S. D. gesammelt für den Oppeiiheimer'schcn Siedclungsfonds 4,— ,1k Familie Dr. Weinberg und Saly Geis 1 Oelbanin ans Leon Hcilbronn 6,—i „ 10,— Jk Bei der Nationalfonds - Koinmission gingen eiil: Adolf Stern-Bender zum Andenken an seine scl. Frau Lilli Stern geb. Bender, 20,— Jk P. k 1 - „ A n s B ü ch s e n: Frau Jda Weil, Friedberger Anlage 2,21 „ B. B., Friedbcrgcr Anlage —,60 „ Dr. Schapira 3,05! „ W. L. Waldschmidtstraße —>,20 „ Jacob Kowinski, Waldschmidtstraßc 2,06 „ Max Grünebaum 2,50 „ Frau Dr. F. —,65 „ Michael Mainz, Ostendstr. 6 2,—, „ Leo Janzen —,80 „ Rote Radler, Stiststr. —,83 „ Frau Demuth> Theobaldstr. 3,05 „ Rosenheimcr, Feststr. 2,86 „ Restauration Falk, Stiftstr. 2,65 „ Siegfried Salonion, Gr. Eschenheimerstr. —,37 „ 45,73 Jk Wir .Bitten hiermit alle diejenigen Jnhabev von Nationalfondsbüchsen, bei denen innerhalb der letzten sechs Monate nicht entleert worden ist, um gesl. Angabe ihrer Adresse bei dem Unterzeichneten. Ferner bitten wir bei Umzug um gesl. Mitteilung der neuen Adresse. Die Nationalfonds - Konimission, i. A.: Joseph L. Oppenheimer, , Seilerstraße 37. Kunst und Literatur. Ein Anto-da-fs im XVIII. I ahrhundert in Rußland. Der unlängst in St. Petersburg erschienene 2. Band des Sammelbuches für jüdische Geschichte in Rußland „Pereshitoje" (Vergangenes, Erlebtes) enthält einen interessanten eigenartigen Prozeß „Ueber die Verbrennung des Flottekapitäns a. D. Alexander Wosnizyn, wegen Abfalls zum jüdischen Glauben und Boroch Leibow wegen seiner „Bekehrung". Dieser Prozeß ist bis jetzt fast unbekannt geblieben. Herr I. Markon- St. Petersburg veröffentlicht jetzt zum ersten Mal alle Dokumente dieses merkwürdigen Prozesses, nach den Originalen des kaiserlichen Synodalarchives in St. Petersburg, welche die ganze Entivicklung der „Affaire" beleuchten und, reich an tragischen psychologischen Momenten und Zeitschilderungen, historisch sehr wertvoll sind. Wir skizzieren hier den Inhalt. Am 4. Mai 1737 zeigte die Frau des Flottekapitäns Wosnizyn aus Moskau ihren Mann schriftlich bei der Moskauer Synodalverwaltung an, daß er auf einer Reise nach Polen, von welcher er unlängst zurückgekehrt war, und zwar int Städtchen Dubrowno „vom heiligen christlichen griechischorthodoxen Glauben abgesallen ist und den jüdischen (shidowsky) angenommen hat", wobei sie sich hauptsächlich auf Aussagen zweier seiner Leibeigenen stützte, die ihn nach Polen begleitet hatten. Die Bekehrung sollte, durch den Inden Boroch Leibow geschehen sein. Wosnizyn wurde verhaftet und einem strengen Verhör unterworfen. Die Beschuldigungen waren hauptsächlich folgende: er trug kein Kreuz, betete nach jüdischem Ritus mit dem Gesicht zur Wand, wobei er einen Talis anhatte — interessant ist die Schilderung dieses Kleidungsstückes und seiner Anwendung, sowie der jüdischen Gebräuche im allgemeinen —, er beobachtete Sabbat, aß a>n Pcsach Mazott, schächtete Geflügel nach jüdischem Ritus und war beschnitten. Dazu vernichtete er die Heiligenbilder ans den Kapellen seiner Dörfer und verübte Gotteslästerung. Auf Befehl der allerheiligen Synode blieb Wosnizyn in strenger Einzelhaft in Ketten, mit größter Vorsicht bewacht, damit er mit Hilfe der Juden durch Bestechung der Wärter oder auf andere Weise nicht flüchten könnte, und niemand wnrde zn ihm zngelassen. Der Jude Boroch Leibow (oder Gljeboiv) wurde auch ausfindig gemacht und in Einzelhaft gebracht. Derselbe, 64 Jahre alt, hatte schon früher einen Prozeß wegen Lästerung der christlichen-russischen Religion, angeklagt durch russische Kausleute. — Nach mehreren Verhören, bei Boroch ohne Anwendung der Folter, bei Wosnizyn aber nntcr grausamen Folterqualen, wurde die Sachlage der Kaiserin Anna Joamiowna borgelegt. Diese befahl dem Senat, kurz und schnell die Sache zu ent-, scheiden und nach aller Strenge zu urteilen. Beide Angeklagten Ivurden zur öffentlichen Verbrcnnnng verurteilt. Der Jude Schmerl, Schwiegersohn Bvroch's, der mitangeklagt war, ivurde wegen Bcweismangel in Freiheit gesetzt. . Im allerhöchsten Befehl der Kaiserin voni 3. Juli 1738 heißt es ,u. a.: „Beide sollen mit dem Verbrennnngstode bestraft werden, damit, dies sehend, andere Unwissende oder Gotteslästerer vom christlichen Glauben nicht abfallen, und solche Verführer wie der Shid Boroch Niemanden zum Abfall zn bewegen ivagcn." Die Verbrennung wnrde bis zur tzlbreise der Kaiserin nach Pcterhof verschoben, da sic nicht wollte, daß die Exekution bei ihrer Anwesenheit in St. Petersburg geschehe. Nach einigen Tagen machte dann das JnstizkollegiiMi öffentlich bekannt, daß die Exekution am 15. Juli '1738 um 8 Uhr morgens auf der Admiralitätsinsel geschehen werde, und forderte alle Leute jeden Standes zum Zuschauen bei der Exekution auf. Zur Belohnnng für ihre Anzeige erhielt die Frau Wosnizyiis ans Befehl der Kaiserin 100 Leibeigene, außer einem Teil des Eigentums ihres Mannes, welches sie mit der Schwester desselben teilte. Interessant ist, daß auch die Frage anfgeivorfcn wurde, die Leibeigenen Wosnizyiis, die wahrheitsgemäß gegen ihren Herrn ausgesagt haben, zur Belohnnng von der Leibeigenschaft zu befreien. Der Senat entschied aber, daß sie befreit zn werden nicht verdienen, da sie ihren Herrn nicht selbst angezeigt haben, sondern erst nach der Anzeige seiner Frau. Sie wurden deshalb nicht sreigelassen, sind aber der Frau Wosnizyiis, nicht seiner Schwester, znerteilt iverdcn, damit letztere an ihnen den Tod ihres Bruders nicht räche. Der Prozeß Wosnizyn hat sicher die spätere antijüdische Politik der Regierung beeinflußt, und e3: steht außer Zweifel, daß dieser Prozeß und die Tatsache, daß ein Adliger und Offizier zum Judentum bekehrt wurde, in den darauffolgenden Repressalien gegen die Juden eine Rolle gespielt haben. Die Befehle vom Jahre 1739, die Juden aus Kleinrußland auszuwcisen, und von 1741, der Kaiserin Elisabeth Petrowna „alle Juden jedes Standes ans Klein- und Großrutzland, aus Städten und Dörfern ausznweisen", sind vielleicht noch Nachklänge dieses Prozesses. In der rabbinischen Literatur des XVIII. Jahrhwiderts wird dieser tragische Prozeß nirgends erwähnt, was sich auch dadurch erklären läßt, daß dieser Prozeß bei der jüdischen Bevölkerung gewisse Befürchtungen Hervorrufen mußte. Nur nach General-Vertretung: H. Kölsch Nchf. , ln 1EBST0CI. I Telefon 914 und 7841. I I ■!'!!K5ER MSNERALBRUN^ , h ‘'ohic.ssiL'HLIU blieilsek Frankfurt a. M, Mainzer Landstrasse 51 (Ecke Moselstr.) —-=— Telephon 12862 :.. ...—.... (frQher 8 Jahre bei Hofrat Friedr. Hessing in Goeggingen-Augsburg). Heilgymnastik nnd Massage, Bontgennntersnchnngen, Badiolhermbäder, Elektr.Thermopenetration u. Anfertigung v.Korsetten, Geh-n.Stfitzapparaten. _ Reich assortiertes Lager in Belencb.tnng'skörpern für Gasnnd elektr. Licht, elektr. Heiznnd Koch-Apparate, Glühlampen, Schwachstrom-Artikel etc. Umändern und Aufarbeiten von Lüstern. ffeyer 6 £orenz, elektrisches 3nsta[(ations-8eschäft, Tel. 7089. Kronprinzenstrasse 8. Tel. 7089. Blomenhandlnng Wilhelm Krüppel 7 Neue Zeü 7 empfiehlt sieh in allen modernen Blumen-Arbeiten unter Garantie guter Ausführung. —- Versand nach auswärts. —— -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.