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Neue jüdische Presse · 1910-06-17 · Heft 23 (17.6.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 23 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mftfle W Hi. 2Z des FrMfartm IsmeliWm MmilimkilaMz. Ueber das Werk: „Die Frankfurter Ravbinen" von Rabb. vr. M. Horovitz s. A. Vortrag, gehalten zur Eröffnung des Sommer-Halbjahrs des „Montefiore-Vereins" zu Frankfurt a. M. von vr. B. May. (Schluß.) Unvergeßlich lebt R. Jofua Falk's Name fort in seinem „P ne I e h an s ch u a," diesem Lieblingswerke aller Freunde einer klaren Älnffassung, wie es unser Rabbi benennt, der seinen Inhalt in der uns vorliegenden Schrift einer gebührenden, in hohem Maße lehrreichen Würdigung unterzogen hat und aus den trocken juridischen Erwägungen uns auch hier gerade solche Stellen anzuführen weiß, die eine tiefe, ethische Lehre in sich tragen, so zum Satze: Fürwahr, wen der Ewige liebt, den straft er" (Prov III 12), die Bemerkung R. Josuas: Das ist auffallend! Was für einen Zweck sollte 'Gott darin sehen, über die Gerechten unverschuldete Leiden zu verhängen, nur damit ihnen ein Lohn dafür könne gegeben werden? Das könnten wir ja selbst von einem Menschen nicht begreifen, das; er einen straft, um ihn dafür belohnen zu können! Er sucht daher xine andere Erklärung und findet sie darin: Wenn Schmerzen den Körper quälen, werde die Seele angeregt, Grundlagen zu finden, die vom Körper nicht angegriffen werden, wenn Leiden über den Menschen kommen, suche er sein Glück zu befreien ans der Abhängigkeit der .Verhältnisse, suche er seinen Geist gleichsam ans eigene Füße zu stellen, „wodurch der Geist sich so läutert, als wäre er vom Körper losgelöst" und vollen Gleichmut gegen die Verhältnisse gewinnt. „Eine eindringliche Lehre," schreibt R. M. Horovitz, „aus dem Munde des Mannes, der so viel gelitten," eine Lehre fügen wir heute hinzu, uns vorgelebt in dem Manne, der vor unfern Augen ein solcher Dulder war. Duldend war er in Leiden, duldend aber in des Wortes eigenster Bedeutung war er auch da, Ivo cs nicht nur galt, sich in des eigenen Geistes Tiefe zu versenken, um dadurch dem. was die Menschen „hart" nennen, den Stachel des Bittern zu nehmen, sondern vor allem dann, wenn es sich um die viel schwierigere Ausgabe handelte, von seinem eigenen Denken und Empfinden abzusehen und das Richtige und Gute an den Ansichten der Leute zu erkennen, die offenbar von ganz anderen Voraussetzungen ausgingen. Auch in dieser Richtung hat er ein großes Vorbild geschaut in einem Manne, den mit Stolz die hiesige Stadt zu ihren Rabbinen zählt, mit dem ihn Bande des Blutes und Bande des Geistes in gleicher Weise einten, in Rabbi Pinchas hallevi isch Horovitz, dem'Zeitgenossen Mendelsohns. Keiner von uns steht, wenn er den Namen Mendelsohn hört, jener Zeit geistig so ferne, uni nicht zu wissen, daß er eine Revolution, eine Aenderung aller innerhalb des Judentums bestehenden Anschauungen und Verhältnisse bedeutet. Als gar die „deutsche" Bibelübersetzung des Berliner Neueres erschien, da wirkte sie vielfach wie ein Funke im Pnlversasse. In Wilna wurden die einzelnen Teile öffentlich verbrannt. Die führenden Gemeinden Deutschlands, Altona und Fürth, erließen die schärfste Verurteilung. Auch in Frankfurt hielt am Vorabend des Rosch Chodesch Tamus 1782 R. Pinchas Horovitz eine Ermahnungsrede, die in flammenden Worten davon sprach, daß von der neuen Pentateuch-Ausgabe dem traditionellen Judentum Gefahr drohe. „Aber," bemerkt R. Marcus Horovitz, „diese Rede unterscheidet sich von dem, was man von ihr erwarten dürfte, in zwei für Form und Inhalt besonders wichtigen Beziehungen: Einmal komnit in der ganzen Rede das Wort „Cherem" Bann nicht vor; andererseits tadelt die Rede mit keinem einzigen Worte das Prinzip, die heil. Schrift in ein gediegenes Deutsch zu übertragen. In dieser Rede steht dem Philosophen nicht eine bildnngsfeindliche Leidenschaft, sondern der Scharfblick und die Uebcrzeugungsstreue eines großen Mannes gegenüber, der wohl scharfe Worte ausspricht, aber die schärfsten unterdrückt, der das, was er für einen Angriff auf das Heiligste hält, schonungslos geißelt, dabei aber es vermeidet, an dem Werke, bas er tadelt, auch das einen Fehler zu nennen, was kein Fehler ist. Er wendet sich in dieser Rede einzig und allein gegen die A u f f a s,s u n g, die das Bibelwort bei Mendelssohn gefunden, so wenn Mendelssohn zur Stelle „Du kannst deinem Nächsten Verweise erteilen" im Tone einzig möglicher Uebersetzung hinzusügt: „Wenn er dich beleidigt hat nämlich." — Er fügte also etwas hinzu, was wohl üvahr sein könnte, ja was, wie unser all-, erfahrener Rabbi bemerkt, auch Nachmanides zur Stelle erklärend ausgesprochen, was aber durchaus nicht im Texte steht. Er schränkte das Wort der Schrift ein, ohne einen Beweis aus derselben zu haben und auf Kosten einer Auffassung, die die allgemeine war und den liebgewordenen Gedanken der Solidarität im jüdischen Volke zum Ausdruck brachte. llnd nur darüber erregte sich R. Pinchas Horovitz, der selbst einen umfangreichen Kommentar zur Bibel geschrieben und in seinen Erklärungen oft gar wesentlich von der allgemeinen Auffassung abwich, der die Erläuterungen und deutsche Uebersetzung -der Festgebcte von Wolf Heidenheim in warmen Worten empfahl, obwohl darin auch mit der Liturgie ^verbundene Ab- Abschnitte der Heiligen Schrift übersetzt sind. Gibt doch seine eigene Erklärung zur Stelle seine Gesinnung am deutlichsten kund und zeigt klar, wie weit er von jeder persönlichen Voreingenommenheit fern war: Bei Zurechtweisungen, betont R. Pinchas Horovitz, müsse man sich davor hüten, daß in dieselbe irgendwie eine Mischung von Sündhaftem, von dem Bestreben, den Zurechtgewiesenen zu beschämen, zu verkleinern komme, daher wiederhole die Schrift: „Zurechtweisen, zurcchtweisen, sollst Du deinen Bruder," sonst nichts. i Oder sollte etwa ein Marcus Horovitz, der ja die ganze Lebensauffassung eines Pinchas Horovitz nicht nur ans dem Durchdenken seiner Schriften in sich aufgesogen, der auch diese Gedanken nachgefühlt und nachgelebt hat, sich geirrt haben in seiner eigenen Lebensanschanung, wenn er erklärt, was durch Mendelssohns kleine Einschränkung gefährdet wurde, das war der Gedanke der Solidarität, der für R. Pinchas Horovitz die Grundlage nicht allein des religiösen, sondern auch des sittlich humane» Strebens bildete. Denn diese» beiden Horovitz, so dürfen wir wohl ruhig sagen, waren nicht nur die Inden, sondern auch die Menschen als Menschen für einander verantwortlich: Wenn es in der Heiligen Schrift heißt: „So dein Bruder verarmt und seine Hand in i t dir wankt, unterstütze ihn," so sehen sie darin eine Bekräftigung der aus ihrer ganze» Weltanschauung fließenden Ansicht, daß Reiche und Arme eine Seelenverbindung mit einander haben, daß ans der Armut des Dürftigen eine Zugehörigkeit zum Reichen sich ergebe und die Trostlosigkeit des Armen einen Schmerz, eine Wunde und zugleich eine Anklage für den Reichen bedeute. Wenn dein Bruder verarmt, da wankt seine Hand mit Dir, dann bist du mitbedroht, denn ihr gehört zusammen. Und der Bruder, der Arme er ist für beide derselbe, jeder Arme, jeder Hilfsbedürftige ist der Bruder. Und so brauchen wir es gar nicht auffällig finden, wenn uns unser Rabbi in seinem Werke einen Brief mitteilt, der am 19. Februar 1783. von einem prote st a n t i s ch e n Geistlichen aus Rödelheim an R. Pinchas Löwe Horovitz den insonders hochzuverehrenden, hochehrwürdigen Herrn Oberrabbiner gerichtet wird, den er zwar nicht persönlich kenne, von dem er aber habe sprechen hören als einen rechtschaffenen und seinem Amte wahre Ehre machenden Mann, der dabei ein menschenfreundliches und gefühlvolles Herz habe und sich gerne der Notleidenden aller Religionen erbarme, und den auch er in seiner Notlage anzugehen wage. Braucht man zu fragen, mit welchem Erfolg? Er handelte, wie ein Marcus Horovitz gehandelt hätte und gehandelt hat, der von ihm schreibt: „Seine Wohltätigkeit kannte nur die Grenzen, die sein Können und Vermögen ihr setzte. Sein Gehalt, der wöchentlich gezahlt wurde, war regelniäßig schon mitten in der Woche zu Ende. Die Vertrauten, in seinen; Hanse verkehrenden Vorsteher, merkten der Frau Oberrabbiner die Not an, in der sie sich oft befand und beschlossendas Geld ihr zu geben, was R. Pinchas in der Ueberzeugung zugab, daß seine Frau ihm alles, was irgendwie entbehrlich war, zur Verfügung stelle, da sie wohl wußte, wie tief er darunter litt, wenn er die Not, die er bei Armen sah, nicht lindern konnte." Möchte man nicht ansrufen: Ja, so war er! wer?! — Marcus Horovitz! — er litt, wenn andere litten, er trauerte, wenn andere betrübt waren, wie er sich freute mit den Glücklichen. Wäre nicht der Verfasser hes „Mathe Levi" in seiner geistigen Richtung, in dieser geraden Methode, die er bei seinen Forschungen anwandte,• dem geistreichen Verfasser des Hafloh. R. Pinch Halevi Horovitz ganz und gar ähnlich, hier in humaner Richtung wäre die Verwandtschaft unleugbar. lind daß diese Verwandtschaft nicht nur in einzelnen Ziigen, daß sie in dem ganzen Lebensgang dieser beiden Ädelsmenschen sich ausgeprägtdafür zeugen in geradezu auffallender Weise die Schlußworte >eines kleinen Schriftchens, das dem Andenken R. Pinch. Horovitz gewidmet war. „Er bekleidete," heißt es da, „diese erste und ehrwürdigste Stelle Deutschlands mit ebenso allgemeinev Bewunderung und Verehrung als Zufriedenheit 33 volle Jahre. Seine Schriften bezeichnen ihn hinlänglich als das größte talmudische Genie, und seine Lebensweise zeigt ihn als den Frömmsten und Gläubigsten seiner Nation. Er verließ am 1. Juli 1805 im 74. Lebensjahre seines ruhmvollen Lebens diese Zeitlichkeit und zwar an den Folgen einer Entkräftung. Sein Tod ward von der ganzen jüdischen Gemeinde ohne Unterschied des Alters und Geschlechts laut beklagt, und eine zahllose Menge, welche seinen Leichnam nach der Grabstätte begleitete, trauerte am Grabe über den fast unersetzlichen Verlust dieses in Absicht auf Studium und Religiosität unersetzlichen Mannes." Brauchte man mehr denn einige Zahlen zu verändern, — und die Worte könnten heute auf Marcus Horovitz geschrieben sein. .Gellt nicht einem jeden von;ms in den Ohren der Ruf, die Frage, die an seinen; Grabe die Größten unserer Zeit zerrissen von inner»; schmerz in die wehklagende Menge tiefen: „Wer wird in diesen Riß eintreten, wo ist dieser zn ersetzen." Ach! Verstummt sind die Lippe» des Priesters mit dem der Herr seinen Bund geschlossen, und der ihn fürchtete und voll Scheu war, vor feinem Rainen, in dessen Munde wahrhaftige Weissagung und auf dessen Lippen kein Falsch, der in Ilnsträflichkeit und Geradheit wandelte vor seinem Gotte. Doch nur sein Werk, nicht seine überragende Gestalt wagten wir ja zun; Gegenstand einer Betrachtung am heutigen Abend zu machen. Mit dem Bekenntnisse des Hohenpriesters, wenn er zu feierlicher Stunde seine Volesunrg beendet, müssen wir schließen! Weit, weit mehr, als wir nur audeuten konnten, steht in diesen; Buche geschrieben. Nur Einzelzüge waren es, die wir ans dem großen Werke des Meisters in das Bild des Meisters so, wie er selbst vor nnserm geistige;; 'Auge steht, znrückgedeutet haben. Rehme ein jeder etwas von diesem Bilde in sich auf, und es ist erlangt, was wir erstreben: Wir wollen 'Marcus Horovitz nie vergessen! Wir dürfen ihn nse vergessen, so wenig er uns vergessen hat. Noch wenige Stunden vor seinem Hinscheiden sprach;n;ser Vater zu seinen leiblichen Kindern: „Habet wohl acht auf den Montefiore Verein!" Kommilitonen: Marcus Horovitz hat diesen Montefiore Verein gegründet, als Verein zur Förderung idealer Interessen junger jüdischer Leute, als Gemeinschaft, die ihre Mitglieder zur Selbstachtung, zum Selbstbcwußtsein, zur Sittlichkeit, zur Gegenseitigkeit und Nächstenliebe heranbilden soll. Der Verein als solcher kann dem einzelnen nur den Weg zeigen, der zu diesen Idealen führt, viel sind der mannigfachen Schwierigkeiten und Verlockungen, die von ihm ablenken, aber jedem von uns steht heute ein Wegzeiger am Scheidewege: Habe wohl acht auf den Willen deines Ehrenpräsidenten! heißt seine Devise, achte auf ihn, wie er auf uns geachtet, tue nichts, was du vor ihn; nicht hättest verantworten können, und dann wirst du, wird jeder von;ms sein Andenken ehren, indem er sich selbst ehrt, wird unser Verein von sich sprechen können: Das Andenken dieses Gerechten, es gereicht uns zun; Segen! Zum „Perez"-Streit. Berichtigung. Herr Max Spcier bezweifelt, daß nach jüdischer Lehre der Sinn des Lebens darin besteht, nach Erkenntnis zu streben, Gutes zu tun und Gerechtigkeit zn üben, und wirft inir vor, daß daß ich unvollständig und daher falsch zitiert habe. Es sei mir gestattet, einige Feststellungen zu machen. 1. Der von ihm angefochtenc, resp. „korrigierte" Satz lautet in Jesajah XI. folgendermaßen: „Lo joreu welo jaschchisu bechol ar Kodschi, ki moloh hoorez deo es Haschen; kamaim lajom mechassim." Wenn ich den ganzen Satz angeführt, die Wörtchen „es Haschen;" weggelassen hätte, dann würde mir Herr Speier mit Recht den Vorwurf machen können, daß ich unvollständig und falsch zitiere. Jeder vernünftige Leser, der meinen Ausführungen folgte, konnte ersehen, daß es mir nur darum zu tun war, zu beweisen, daß Erkenntnis und Sittlichkeit die Ideale des jüdischen Lebens sind und daß die Propheten schon diese zwei Ideale als Inhalt des jüdischen Lebens postuliert haben. Ich mußte darauf Hinweisen, daß schon Jesajah die Erkenntnis als Ziel und Sinn des Lebens hinstellte. Es ist nur logisch, wenn Jesajah noch hinzufügt „es Haschern", er wäre sonst nicht der große jüdische Prophet. Aber selbst Gotteserkenntnis ist Erkenntnis, und nach jüdischer Lehre kann man nur dann Gott lieben, wenn man ihn erkennt. „Das es elokei owicho wechabdehu." Erkenntnis, natürlich auch Gotteserkenntnis ist das erste, worauf die jüdische Weltanschauung den Juden verweist. Erkenntnis ist aber der Gegensatz zu Mystizismus. Wer aber glaubt, daß die von Jesajah gelehrte und gepredigte Erkenntnis nur auf Gott Bezug hat, der hat Jesajah nie ernstlich gelesen oder bemüht sich, den großen -Propheten nicht zu verstehen. Von den Eigenschaften des Messias, sagt Jesajah im selben Kapitel aus: „Es wird aus ihn; ruhen der Geist Gottes, der Geist der Weisheit und der Vernunft, der Geist des Rates.und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der FnrchtGotte s." Also zuerst Erkenntnis und dann Furcht Gottes. Jesajah entwirft bekanntlich in diesem Kapitel das Bild einer Znkunftswelt, in

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