Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 22 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Frankfurter Israelitisches Famiüenbkatt. Nr. 22. von seiner Zeit ab gelehnten Dichter, auch lehne ich nicht Perez in diesem Sinne ab. Eine solche „absolute Ablehnung und Verwerfung," die in der Aberkennung des dichterischen Talents besteht, kann nur ans der Mystik und Kurzsichtigkeit heraus geschehen. Wie die Völker, so ihre Literaturkritiker. Warum befehdete Börne Goethe und Heine Hcrivegh? Börnes Temperament war grundverschieden von dem Tempcrmnent Goethes; das Gleiche gilt auch von Heine und Herwegh. Ferdinand Brnnetiörc und Jules Le Maitre verwerfen die gesamte französische Literatur des 18. Jahrhunderts und hebe» die des 17. auf den Schild. Nicht Voltaire, sagen sie, sondern Bössuct, nicht Roussean, sondern Pascal, nicht Diderot, sonder Fenölon. Warum? Anwort: Unterschied und Gegensätzlichkeit der Temperamente. Jnles Le Maitre und Ferdinand Brunctiäre (Letzterer ist vor kurzem gestorben) sind mystisch, schwärmerisch, „religiös" veranlagt. Voltaire aber schrieb in Bezug ans die Religion „Ecrosez l'infame." Die Männer des 18. Jahrhunderts waren Nationalisten, die des 17. waren Nationalisten, Gefühlsmenschen, Scntimentalistcn, nach dem Geschmack des Herrn Speier. Herr Speier schreibt: „Welche buntscheckige Narrengallcrie von Literaturbetrachtern müßte entstehen, wenn jeglicher von den tausend Kritikern deutscher Zunge nur unter dem Gesichtswinkel und aus ' der Eingebung des Temperaments Dichtungen beurteilen wollte. Jir Wirklichkeit ist cs gerade die erste und wichtigste Aufgabe des Kritikers, sich seines Temperaments zu cntäußern, ehe er ein Kunstwerk genießt: Er muß seine Persönlichkeit ausziehcn nsw." Finden Sie nicht, Herr Speier, daß Rock und Temperament, beziehungsweise Persönlichkeit zweierlei sind. Man kann seinen Rock ausziehen, nicht aber sein Temperament und seine Persönlichkeit. Sich seines Temperaments entäußcrn, ist soviel, wie sich entmannen oder Selbstmord begehen. Begreifen Sie nicht, daß das eine starke Zumutung an Kritiker ist? Kann der Kritiker aus seiner Haut springen? Kann ein Neger weiß werden? Ist Temperament etwas Selbstgemachtes und Selbstgegebenes, das' man nach Belieben vernichten oder an die Seite legen kann? Oder setzt sich nicht vielmehr Temperament aus unzähligen anonymen Kräften — wie Rasse, partikulare Vererbung, Milieu, Erziehung usw. — zusammen? Wenn Sie, Herr Speier, darüber Nachdenken, werden Sie schon selbst heraussinden, daß Sic einen lächerlichen Satz niedergeschrieben haben. Im letzten Grunde interessiert mich die Litcratnrphilosophie des Herrn Speier sehr wenig. Ich begreife auch gar nicht, wie ein Mann, der nur himmlische Luft atmet und dessen Herz vor religiöser Inbrunst bebt, sich mit solchen profanen Dingen wie Literatur und Aesthetik abgebcn kann. Finden Sie es selbst nicht lächerlich, Herr Speier, daß Sie, der Allerfrömmste, sich an dem Pantheisten und Griechling Goethe laben. Ich bewundere die Breite Ihres Gemütes, das für tiefe- Religiosität und Moralität und für Goethes allerliebste Dramen und Poesien glcichcrinaßcn Raum hat. Mehr schon als die Literatur des Herrn Speier interessiert mich sein Judentum. Herr Speier schreibt: Grund und Ziel unseres jüdischen Lebens ist unsere Beziehung zu Gott, und unser Hinstrebcir zu ihm ist unser Ursprung von ihm und unser Handeln in seinem Dienst. Obgleich ich den Sinn der letzten Hälfte des Satzes nicht verstehe, wie ihn hoffentlich Herr Speier selbst nicht versteht, muß ich doch Herrn Speier sagen, daß derselbe Satz vom heiligen Augustinus — und von dem Kirchenvater Lactatius verfochten wird. Im Buch 12, Kap. 3 der Inst. Divinarum schreibt der christliche Kirchenvater Lactatius in Uebereinstimmung mit Herrn Speier, daß Ziel und Zweck unseres Lebens unsere Beziehungen zu Gott sind und unser Hinstrcben zu ihm unser Ursprung von ihm ist. Augustin, der Begründer des Prinzips der Inquisition, wiederholte diesen Satz bis zum Ueberdruß, und um ihn zu beweisen, hat er ganze Kapitel in seiner Schrift De civ. Dei gewidmet. Neben De Civitatc Dei von Augustinus kann noch Herr Speier seinen Satz bestätigt finden in Jean Calvins Christianoe religionis Jnstitutio,inBossuets hi st oire universelle, in den Schriften der Jesuiten Bellarinin, Snarez und Buß. Damit wollte ich Herrn Speier sagen, daß der Satz 1 nicht neu und 2 nicht jüdisch ist. Wenn Herr Speier das für Judentum ausgiebt, so ist er alles andere — nur kein Jude. Nach jüdischer Lehre besteht der Sinn des Lebens in Streben nach Erkenntnis und in Uebung der Gerechtigkeit. Das lehren die Propheten und der Talmud. Die Propheten: In Jesajah 12 heißt es Umoloh Kol hoorez Deoh, und Amos ruft den Inden zu: Mensch, Gott hat Dir gesagt, was gut ist, und was anders verlangt er von Dir, als Gerechtigkeit üben, Wohlwollen und Gnade? Sie begreifen, daß meine Autoritäten Jesajah und Amos sind, mögen auch die Ihrigen die christlichen Kirchenväter sein. Nun habe ich nichts dagegen, resp. ich kann nichts dagegen tun, wenn Sie einen absoluten unjüdischen und ganz christlich-mystischen Weltanschauung huldigen, Sje dürsen aber nicht öffentlich christlichen Mystizismus als Judentum auÄgeben. Manche Frankfurter Juden mögen zwar zwischen Judentum und Christentum nicht unterscheiden können, aber noch gibt es Juden, die das Judentum im Original kennen und wissen, tvas es lehrt. Da Sic die elementarsten Grundzüge des Judentums nicht kennen, habe ich von Ihnen nicht zu erwarten, daß Sie noch die Juden kennen. Da ist es auch folgerichtig, wenn Sic pathetisch ausrusen: „O möchte doch auch uns Juden neue Klassiker entstehen." Kennen Sic unsere alten Klassiker, schätzen Sie sie, schenken Sie zu Bar Mizwoth Rabbi Jehuda Halevi, Jbn Gebirol oder Goethe und Schiller? Wenn Sie ein guter Jude wären, hätten Sie, statt sich an Goethe und Kleist zu laben, unsere Klassiker studiert, und wenn Sie kein »jüdischer Mystiker, sondern ein hebräischer Jude wären, hätten Sie statt, über Perez zu schimpfen, Bialik und Mendele gelesen. Aber wissen Sie etwas von Bialik, wissen Sie, daß seit Rabbi Jehnda Halevi die hebräische Literatur keine so goldene Tage mehr gesehen hat, wie heute durch Bialik, Mcndcle und Kahn! Gestatten Sic noch eine Frage: Wie kann ein frommer Jude Goethe akzeptieren und Perez ablehnen? Oder wollen Sie uns glauben machen, daß Goethe ein sittlicher Held war? Ich muß Ihnen sagen, daß wenn ein froiiimer Jude Goethe annimmt und Perez ablehnt, das entweder eine Uulogik oder eine Heuchelei oder ein Ignoranz ist. Fromme Juden mit literarischem Sinn lesen sowohl Goethe als Perez, nehmen von beiden das Gute und Schöne und ignorieren das Schlechte und Häßliche. Kein frommer russischer Rabbiner wird sich zu Ihrem Urteil über Perez, keiner aber auch zu Ihrer Anbetung der deutschen Klassiker verstehen. Fragen Sie einmal Rabbiner Reines odcv Rabbiner Klatzkin in Lublin über das Verhältnis von Religion zu Literatur, und Sie werden eine Antwort erhalten, aus der Sic ersehen werden, daß jene die Europäer und Juden/ Sie der «jüdische Mystiker und Asiat sind. Perez stellt die gemeine Wirklichkeit dar, klagen Sie. Was tat Maupassant, was taten Flaubert und Zola und Turgenieff? Doch waren diese Männer Moralisten. Man kann eben ex analogia lehren, man kann das Gute lehren, indem man auf das Böse hinwcist. Dr. S. M. M e l a m e d, London. II. Dr. Melamed schreibt: „Nach jüdischer Lehre besteht der Sinn des Lebens' im Streben nach Erkenntnis und in Uebung der Gerechtigkeit. Das lehren die Propheten und der Talmud. Die Propheten: Ju Jesajah 12 heißt cs Umoloh Kol hoorez Deoh, und Amos ruft den Juden zu: Mensch, Gott hat dir gesagt, was gut .ist, und was anders verlangt er von dir, als Gerechtigkeit üben, Wohlwollen und Gnade? Sie begreifen, daß meine Autoritäten Jesajah und Amos sind, mögen auch die Ihrigen die christlichen Kirchenväter sein." Dr. Melamed zitiert unvollständig und daher falsch. Das Zitat aus Jesajah — ich habe nicht die Kirchenväter, wohl aber die Propheten im Urtext studiert — lautet: „Ki moloh hoorez deoh es Adauschem". Denn die ganze Erde wird voll sein der G o t t c s e r k e n n t u i s, nicht also der Erkenntnis schlechtweg, wie Melamed als Lehre des Judentums predigt, sondern der Gotteserkcnntnis. .— Damit bricht der ganze so stolz gefügte und .mit so stolzem Prang der Welt gezeigte Bau der jüdischen Weltanschauung Melanrcds zusammen. Den Vers aus Amos habe ich überhaupt nicht entdecken können. Ob die Zitate aus den Kirchenvätern stimmen, entzieht sich meiner Kontrolle. Aber wenn auch gar, so ist es mir ein .herzliches Vergnügen, zu erfahren, daß.auch die Kirchenväter in manchen Grundaiischauungcii im Bann und unter dem Einfluß jüdischer Lehren standen. Meine Autorität, die nur unbedingt zuverlässig ist, sagt nämlich in Dworiin, Kapitel 10, Vers 12/13: „Und nun, Israel, was fordert Gott dein Gott von dir? Nichts als Gott deinen Gott zu fürchten, in allen seinen Wegen zu tvandeln und ihn zu lieben, und Gott deinem Gotte zu dienen mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele. Die Gebote Gottes und seine Gesetze zu hüten, die ich dir heute gebe." In r c l i g i ö s c r Beziehung vermag also Melamed noch kein Dogma zu prägcil. Und in ästhetischer? Meine Anführung der seinen Worte von M o r i z Carricre hat Dr. Melamed nicht in den Kram gepaßt, er verkündet also mit vollendeter Seelenruhe: „Ein Aesthctiker, der ein Buch über die sittliche Wcltordnung schreibt, kann keinen Zeugen in einem Literaturstreit abgcben. Aus diesem Grunde muß auch, die Meinung Carriere's nur als bescheidene Privatmeinung gelten." Es tut mir leid, cs wiederholen zu müssen, aber Melamed gebärdet sich weiter als Literaturkaiscr. Mit. Bezug auf meine natürlich im Vergleich zu Carriere höchst unbedeutende Persönlichkeit hat er gesagt: ,)so hat dieser Mann jeden Anspruch auf literarische Urteilsfähigkeit verloren." Und das Urteil von Mo r.iz Carriere'nennt er „bescheidene Privatmcinung", obgleich Carriere über 40 Jahre Professor der Philosophie und Aesthetik an der Universität München war, obgleich er eine in der ganzen Gclchrtenwelt hostgeschätztc „Aesthetik" in 2 starken Bänden, ein nicht minder berühmtes Werk in 5 Bänden „Die Kunst im. Zusammenhang mit der Kulturentwicklung" und eine ebenfalls herrliche Darstelllung „Die Poesie. Ihr Wesen und ihre Formen" veröffentlicht hat. Auf wessen Seite Wahrheit, auf wessen Falschheit, auf wessen Bescheidenheit und auf wessen Anmaßung ist, wer der Jude und Europäer Und andererseits wer der Antijude und Asiat ist, das mag nun das.Publikum entscheiden. Ich meinerseits habe die Perezfehde nun satt und' entnehme aus de» erbitterten Zuschriften der russischen Juden, die nicht mehr über Talmudfvliantcn gebückt sitzen, »nr mit Befriedigung, daß ich iu's Schwarze getroffen habe. Max Speier. Personalien u. Kleine Mitteilnngen. e. Berlin. Für Otto Lilienthal, dem Begründer der Fliegekunst, wurde an seinem Geburtstage in A » k l a m eine von der Stadt gestiftete Gedenktafel vor einigen Tagen enthüllt. Die Tafel trägt folgende schlichte Widmung: „Hier wurde am 23. Mai 1848 der Ingenieur Karl Wilhelm Otto Lilienthal, der Altmeister der Flugtechnik, geboren. Leipzig. Siegmund Kohlt, Dir.ktor der Krystall - Palast A. - G., wurde zum Konim i s s i o n s r a t ernannt. Demmin. Stadtverordneter David Davidsohn erhielt den K r o n e n o r d e n 4. Klasse. Bamberg. Hosbankier Angela Wassermann, Seniorchef des Hauses A. E. Wassermann, wurde in den erblichen Adelsstand erhöben. Hamborn. Isaak Aron wurde zum königl. Eichmeister ernannt. LI. -t. Metz, 4. Juni. Gestern verschied nach kurzer Krankheit der frühere Kaufmann Jonas Fürst im Alter von 84 Jahren. Sein .Name ist mit der Enttvicklung des geschäftlichen Lebens in Metz seit 1870 eng verbunden. Schon während des Krieges kam Fürst als einer der allercrsteiqdentschcn Kanfleute aus dem Rheinland. nach Metz. ' -t. Metz, 6 Juni. ' Heute erlag den Folgen einer Blinddarmentzündung die Gemahlin des angesehenen Augenarztes Dr. med. Bielefeld. Wien. Anläßlich des Ablebens Emil Z u ck e r k a n d l' s, der am 28. Mai im Alter von 61 Jahren einem Herzleiden erlag, richtete der U n t c r r i ch t s m i n i st e r au den Rektor der Universität folgendes Schreiben: „Durch das soeben zu incincr Kenntnis gelangte Ableben des Herr» Universitätsprofcssors HvfrateS Dr. Emil Zuckerkandl hat die Wiener medizinische Fakultät eine ihrer vortrefflichsten Kräfte, die Universität einen ihrer hervorragendsten Lehrer, die Wissenschaft einen ihrer crsolgreichstcn Forscher verloren. War durch den Altmeister Hyrtl die Anatomie die dauernd gefestigte Grundlage der naturwissenschaftlich-ärztlichen Erkenntnis und Forschung geworden, so war es seinem rcichbcgabten und unermüdlichen Schüler Zuckerkandl beschicden, durch sein seltenes Lehrtalent und durch seine von künstlerischer Auffassung getragener Art der Darstellung zahlreichen jüngeren Naturforschern und Aerzten eine gediegene Ausbildung in der Anatomie zu bieten und durch seine eigenen Arbeiten die Kenntnis von dem menschlichen und tierischen Körper bis in den kleinsten Teil seiner Organe zu erweitern. Wie ihm die Freundschaft und die Wertschätzung seiner Fachgcnosscii, die Verehrung seiner Schüler über das Grab hinaus treu bleiben wird, so wird sein Name unter den Hervorragendsten seines Faches unvergeßlich sein . , ." Prag. Ordentl. Professor Dr. Philipp Josef Pick, ein hervorragender Dermatologe, ist im Alter von 76 Jahren verschieden. Budapest. Im Spital der Israel. Gemeinde wurden im vcrgaiigeucn Jahre 2606 Kranke verpflegt, darunter 768 Katholiken, und in der Polyklinil wurden 25 201 Personen behandelt, darunter 16 008 Katholiken. Ans -er zionistische« Bewegung. Hamburg. Ein freies Komitee aus den Kreisen unsrer zion. Ortsgruppe veranstaltete mit Martin Subcr und Emil Mila.u einen literarischen Abend, der der Jüdischen Mystik gewidmet war. Die Veranstaltung bot dem Publikum einen hervorragenden Genuß. Dffenbach a. M. Trotz der drückenden Hitze war die Versammlung, die die Zion. Osrtsgruppe aus letzten Sonntag nachmittag einbcrufeu hatte, glänzend besucht. Auf der Tagesordnung stand das Thema „Die Kultnraufgaben des Zionismus." Das einleitende Referat hielt Redakteur .Saly Geis-Frankfurt, und sodann entspann sich eine zweistündige Diskussion, in der auch Rabbiner Dr. G o l d s ch in i d t das Wort ergriff. Ans den Vereinen. Frankfurt a. M. Der Verein «M ekiz'e Nirdamim" (Vorsitzender: Pros. D. Simonsen-Kopen-