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Neue jüdische Presse · 1910-06-10 · Heft 22 (10.6.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 22 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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p fit. 22 fe fanfifntfec Iftaetiftffa MmilMklMes. Ueber das Werk: „Die Frankfurter Rabbiuen" von Ravb. Dr. M. Horovitz s. A. Vortrag, gehalten zur Eröffnung des Sommer-Halbjahrs des „Montefiore-Bereins" zu Frankfurt a. M. von vr. B. May. Mit dem heutigen Abend beginnen wir unsere neue Bereinstätigkeit. Sie einzuleiten, ist die Aufgabe dieser Stunde. Wem aber könnte, wem dürste diese erste Stunde anders gelten, als dem ehrenden Andenken des Mannes, dessen verwaiste Kinder nun hier in diesen Räumen versammelt sind, um znm ersten Male ohne ihn, ohne sein ermunterndes Wort, ohne seinen wegweisenden >Rat der verhüllten Zukunft entgegenznsteuern. Doch nicht trüber Klage sei diese Stunde geweiht. Vorüber sind die Tage der Trauer. Wie weiche Mutterhand besänfigend und trostspendcnd auf des Kindes Stirn sich legt, so wirkte der Feiertage befreiender Geist und auch der Werktage Sorgenruf aus unser niedergeschlagenes Gemüt und heißt uns mutig vorwärtsblickeu, heißt uns folgen dorthin, wohin uns führt, was ja nie sterben kann, dein Geist, deine Liebe, dein Vertrauen, du Großer, du Selbstloser, du Ideal deines Volkes, du, den wir mit kindlichem Empfinden nennen: Vater unseres Vereins, du unser Führer und Lehrer. Deiner Werke eines schlagen wir darum am heutigen Abend ans, wo du die verherrlichst, zu denen du gleich leuchtenden Vorbildern aufgeblickt, mit denen teils Bande des Blutes, imnier aber Verwandtschaft der Seele dich verband, die gleich dir als leuchtende Vorbilder der hiesigen Gemeinde, zugleich aber mich Gesamt - Israels gewirkt und deren Leben du uns gezeichnet, auf daß wir heute erkeimen, daß sich in dir, wie in einem Brennpunkte, all die edlen Tugenden verbanden, die aus dem Wescnsgrunde der Frankfurter Rabbinen deinem Hellen Geiste entgcgenstrahlteu. Nur Einzelzüge sind es, die zu zeichnen die Kürze der Zeit uns erlaubt, und nur wenige der Edlen durften gewürdigt werden, wollten wir wenigstens die erwähnen, die gleich unserm großen Meister den Namen „Horovitz" hier in dieser Gemeinde zur Ehre gebracht. Ein Jesaja Horovitz eröffnet die Reihe, der Mann, der in seinem Werke, „Schloh" betitelt, „das ganze Gebiet der schriftlichen und mündlichen Lehre in Verbindung mit allen Wahrheiten des sittlichen Bewußtseins und den Gedankenschatzen, die er aus den Tiefen der Kabbala gehoben, zusammenfassen wollte." Auf die Höhen seiner kabbalistischen Betrachtungen folgt dem großen Ahnherrn unentwegt der Meister, und Wonne durchzuckt sein Herz, wenn er .plötzlich die subtilen Definitionen weichen sieht den Worten des Verkünders der schlichten Moral, des 'Predigers der Gottesfurcht und Menschenliebe. Wer will die Gefühle schildern, mit denen da ein Marc. Horovitz von I c s. Horovitz niederschrieb: „Die Menschenliebe ist ihm eine Quelle der Liebe zu Gott. Die zehn Gebote fangen an mit den Worten: „Ich bin der Ewige dein Gott" und schließen mit dem Worte: was deinem Nächsten gehört." — „Dein Nächster" das ist also „der Fuß, ans dem die ganze Lehre steht." Bei eingehender!» Eindringen in den Geist der Lehre und der einzelnen Gebote wird cs klar, daß der größte Teil derselben auf Nächstenliebe beruht. Wer aber erst seinen Nächsten vollkommen wie sich selbst liebt, wie könnte er anders, als den Schöpfer lieben, der so groß ist in der Liebe und Gnade! Daraus folgt, daß die Nächstenliebe „der Fuß ist", auf dem die Welt steht, daß die Nächstenliebe zur Gottesliebe führt." Nicht minder treffende Würdigung, die sichtlich auf seelischem Gleichklang beruht, läßt iniser Rabbi den« Sohne und Nachfolger seines Vaters, dem 1632 pon der hiesigen Gemeinde erwählten R. SabbataiHaleviHorovitzzn teil werden. Auf die ethische Lebensanschauung dieses Mannes läßt seine Ueberzeügung schließen, daß die Lehre nur bmin würdig sei, den Bäu des- Glaubens zu tragen, wenn der Mensch ihr einen tiefen Grund in der Bescheidenheit errichte. Ebenso verlangt er auf Verständnis des Getanen dringenden Glauben, denn nur ein solcher erweckt wahre Andacht, erweckt jene .Freudigkeit des Glaubens, nrit der dieser Anhänger der Kabbala Gott gedient wissen will. Und wix er andern ein Wegweiser ist, so vergißt er auch nie, seine eigenen Wege zu prüfen. Ein Wort, das ihm ein Frankfurter Gelehrter einmal gesägt, führt er zustimmend an, daß nämlich der Hillel'sche Ausspruch: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich," der Wahlspruch eines jeden sein sollte, der wie Hillel berufen ist, andern ein Vorbild zu sein. Ein solcher Manu müsse sich immer sagen: Andern soll ich ein Vorbild sein, andere soll ich anregen zum Guten, andere soll ich überwachen, aber wer überwacht mich? Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich?! Brauchen wir uns zu wundern, wenn unser großer Lehrer, für' den solche Aussprüche nicht Lehre, sondern Leben, gleichsam vorausgesagte Worte des eigenen Denkens und Empfindens waren, auch die Gesamtanschauungsweise dieser Männer in einem ganz andern Lichte erblickte, als dies sogar einem Manne von der Bedeutung eines Grätz möglich war. Grätz nennt den „Schloh" ein Werk, das eine düstere, gespenstische Frömmigkeit empfiehlt, ein grauenerregendes Buch, das die lurjanische Kabbala mit rabbinischer Autorität bekleidet. Unser Lehrer meint, so sehr verschieden auch die Bedeutung der kabbalistischen Bewegung jener Zeit beurteilt werden kann, wird iminerhin der Richtung, die R. Jesaja und sein Sohn R. Sabbatai in ihr verfolgten, d i e Anerkennung nicht streitig gemacht werden können, daß sie, durch den Nack^ druck, den sie auf das ethische Moment und aus das Gemütsleben legte, das ganze religiöse Leben erfrischend anhauchte und neue Wege ebnete, auf denen die Quellen tief menschlicher Ernpfindungen mit der religiösen Uebung sich begegneten. Vornehm bescheiden, und zurückhaltend klingt dies Urteil über den Wert dieser heute noch so viel umstrittenen Disziplin, um so überzeugender deshalb, weil es "von einem Manne kommt, der aus eigenem Erleben hierüber urteilen konnte und dessen eigene Denkweise trotzdem, wie wir alle wissen, so klar und aller Mystik abhold war. Daher ist sein literar - kritisches Urteil stets zuverlässig, und daher kann er auch mit der gleichen Objektivität den ganz anders gearteten, seiner persönlichen Geistesrichtung sicherlich näherstehenden Freund R. Sab. Horovitz: R. Meier Schiff, den bekannten Merani Schiff, unmittelbar neben dem ersteren würdigen. Den „Größten uirtcr den Riesen haben ihn die Männer genannt, die es sich als Verdienst anrechneten, sein Lebenswerk, seinen tief eindringenden Kommentar znm Talmud und Schulchan Aruch verständlich zu machen. Nur ein Riesengeist, der ihn ganz zu umspannen vermochte, konnte es wagen, das methodisch neue, an dem Schaffen dieses Geistes Charakteristische uns aufzuzeigen." Aber schildert er denn nicht die Art seiner eigenen Lehrmethode, wenn R. Marcus Horovitz von Meram Schiff sagt, daß er den regen Geistern den Weg zeigte, auf denk das Studium des Talmud sich in seiner ganzen Beweglichkeit und Lebendigkeit entfaltet, auch ohne sich von der Wahrheit der Auffassung zu entfernen, daß er die Pilpulistik bekämpfte, indem er Ersatz dafür bot. Und daß er den Weg in die Tiefe so anziehend zeigte, wodurch er ganze Scharen den schwindligen Höhen entzog! Und ist es nicht eine Charakteristik seiner eigenen Art zu reden, wenn unser Raw von Meram Schiff's populären Vorträgen und Predigten sagt, daß er es verstanden, in warmen Worten seinen Hörern zu Herzen zu reden und bald mit liebenswürdigem Humor, bald mit weniger schonendem Witz die Schwächen 'der Menschen zu geißeln. Wie war sie unserm Lehrer aus der Seele gesprochen die Erklärung der Psalmstelle: Falschheit reden sie, mit Herz und Herz reden sie, das sind, diejenigen Menschen, die eine eigene Sprache haben und sagen: Wisse, mein Bruder, daß ich mit ganzem Herzen von dir rede, daß mein Herz es gut mit dir meint," — eine solche Sprache sei euch ein sicheres Zeichen, daß ein trügerischer Mund zu euch redet. Wer sich falsch fühlt, will in seiner Furcht, man könnte ihn durchschauen, durch Worte sich schützen. Und daran eben erkennet ihn; wer das „Herz" immer im Munde führt, mit „Herz und Herz" redet, der ist es! Und wie. diese, so war im Sinne beider die Auffassung des Satzes' aus Kohelet: „Genieße das Leben ncit dem Weibe, das du liebst," den die alten Ausleger auf das' Handwerk, auf die Arbeit beziehen. Wo ist, fragt Meram Schiff in diesem Satze, von dem Handwerk, von der Arbeit die Rede? Ein Satz, antwortet er, der mit den Worten: „Genieße das Leben" beginnt, der kann nur die Arbeit im Sinne haben! Denn Arbeit-' allein ist Leben! Denn Arbeit allein. war das Leben unseres großen Meisters, ein .gewaltiges Aufbieten aller Kräfte, wie dies besonders Zeiten erfordern, die gleich der unsrigen. das Parteiinteresse stark hervortreten lassen und des Keltkundigen, überlegenen Führers bedürfen. Auch nach dieser Richtung hat sich unser großer Kehrer seine großen Vorbilder gewissermaßen selbst entworfen; hat viel Eigenes einzeichnen müssen in die Lebensskizze des Mannes, den seine Zeitgenossen, „den Unvergleichlichen, den Einzigen der Zeit," „einen Fürsten der Lehre" genannt haben, des 1741 zum Oberrabbiner der hiesigen Gemeinde berufenen R Josua Falk. Seine Lebensgeschichte führt uns nicht nur in jene Zeit, wo Parteiungen chie Gemeinde in sich scharf einander bekämpfende Lager teilte, wo .zwei rivalisierende Familien, die i>er Ku(p und die der Kann, innerhalb des einheimischen Gemeindelebens die Stellung des Rabbiners immer mehr erschwerten. Sie bringt.uns vielmehr auch jene Jahre wieder, wo die Kerson des Schwärmers pon Smyrna, wo das Auftreten Sabbatai Zewis imch nach seinem jämmerlichen Ende die Köpfe erhitzte, dieJudenheit spaltete, um schließlich in .der Fehde zwischen Jonathan Eibeschütz, dem Oberräbbiner .der vereinigten Gemeinden Hamburg, Mona, Lübeck, dem Verfertiger kabbalistischer Amulette und seinem Todfeinde Jakob Emden ihren Höhepunkt zu erreichen. Und wie bis zum Hinscheiden unseres großen Führers keine die Gesamtjudenheit betreffende Entscheidung getroffen wurde, ohne daß man vorher seine gewichtige Meinung eiugeholt, so blickten auch in jener furchtbar erregten Zeit aller Augen, beide Parteien, nach Frankfurt, um von R. Josua das entscheidende, das erlösende Wort zu hören. Wem die Bescheidenheit' eigen ist, wer .selbst sich nie hervorgedrängt, nie an die Spitze der Parteien gestellt hat, sondern immer seiner persönlichen .Bedeutung halber zum Hervortreten in die Oeffentlichkeit erst gedrängt werden mußte, der weiß die Antwort eines R. Josua Falk auf die Frage eines Gelehrten wohl zu würdigen: ,,98« kann man zu solche» Dingen schweigen?" fragte der Gelehrte den greisen Rabbiner. Worauf er die Antwort erhielt: „Warum schweigen Andere?!" Wahrlich, wenn solche Männer sprechen, wenn solche Männer schließlich in den Kampf eintreten, dann sind es nicht mehr kleinliche, persönliche Rücksichten, die sie feiten, sondern der Wahrheit und dem Recht gilt ihr Wort, und sie gürten ihre Lenden,' wie R. Josua Falk an den Metzer Rabbiner schreibt, um für den Herrn der Heerscharen zu eisern. „Und dann," ruft er, „werde ich keines Menschen schonen, dann bin ich da, bin da mit meinem ganzen Herzen und mit meiner ganzen Seele, um den Glauben wiederherznstellen und Gott wird uns beistehen!" (Schluß folgt.) Zwei letzte Worte znm Perez-Streit. i. Ich bin eigentlich gegen Perez, aber auch gegen Speier. Als Talmudjude und ergo als Rationalist habe ich eine unwiderstehliche Abneigung gegen Mystizismus. Perez ist z u m Teil Mystiker, Herr Speier Ist nur Mystiker. Das ist unser eigentliche Streitpunkt. Denn ich habe offen erklärt, daß ich den ganzen Perez ablehne und daß die Anschauung des Warschauer Dichters über Ehe, Liebe und Gesellschaftsleben anfechtbar find. Herr Speier dürfte auch wissen, daß ich Perezcns Soziologie nicht vertrete. Wenn mich Herr Speier trotzdem als.Genosse Perezens bezeichnet, so muß ich in dieser Unterschiebung ein bischen Jesuitismus sehen, dessen ich Herrn Speier nicht für fähig gehalten habe. Herr Speier will herausgefunden haben, daß ich über Nacht Literaturkaiser geworden bin. Herr Speier ist gewiß der Einzige, der das aus meinen ziemlich nüchternen Erörterungen entnommen hat. Ich bin nicht einmal Literatnrsoldet, denn Literaturgeschichte und Literaturkritik sind nicht meine schriftstellerischen Betätigungsgebiete. Ich verstehe von Literatur nicht mehr, wie jeder gebildete Europäer, aber mindestens soviel wie Herr Speier, denn mein literarischer Blick ist nicht mystisch getrübt. Herr Speier beruft sich auf Moriz Carriere. Ein Aesthetiker, der ein Brich über die sittliche Weltordnung schreibt, kann keinen Zeugen in einem Literaturstreit abgeben. Ueber sittliche Wcltordnung schreiben Ethiker und Metaphysiker, nicht Aesthetiker. Aus diesem Grunde muß auch die Meinung Carrieres nur als bescheidene Privatmeinung gelten. Jetzt zur Sache: Ich habe behauptet und behaupte noch jetzt, daß man die Ablehnung eines Dichters nur naturgeschichtlich motivieren kann. Orientieren wir uns rasch in der Literaturgeschichte. Warum lehnen die Engländer ihren Byron ab? Warum die Deutschen ihren Heine? Warum die Franzosen ihren Baudelaire? 'Warum lehnen die Italiener Leopardi und die Amerikaner Edgar Poe ab?. Die Engländer wissen, daß Byron die größte englische Dichtergestalt des 19. Jahrhunderts' toar, in allen deutschen Literaturgeschichten kehrt her Satz wieder: „Heine ist der gröKe deutsche Lyriker nach Goethe", und die Franzosen sind nicht minder von dem Dichtergenie ihres Baudelaire, wie die Italiener von dem des Leopardi überzeugt. Also warum? Die Engländer motivieren ihre Ablehnung Byrons mit dem Hinweis auf sein „kontinentales Temperament", die Deutschen lehnen Heine ab, weil er ein jüdisches Temperament hatte, und von Leopardi sagte ein berühmter italienischer Literaturkritiker, er wär seinem Temperament nach ein „Angnstinolos," d. h. ein kleiner Augustin. So kommt es oft vor, daß ein ganzes Volk seinen großen und vielleicht größten Dichter wegen des Unterschiedes des Temperaments ablehnen muß. Wie der Abstand zwischen Temperament der Nation und Temperament des Dichters entsteht, ist eine wohl zu beantwortende Frage, die uns aber an dieser Stelle weiter nicht interessieren kann. Die ernste Literaturgeschichte und die „voraussetzungslose" Literaturkritik predigen natürlich keinen Kreuzzug gegen einen solchen, von seiner Nation oder 48

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