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Neue jüdische Presse · 1910-05-27 · Heft 20 (27.5.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 20 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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KMkM W Nr. 20 ckes Frankfurter Ismeliiisllim MMmklaiks. Kontra Perez und Genoffen. Ich notiere und konstatiere: 1. Daß Dr. S. M. Mslained mir zngesteht, Perez habe „gewiß anfechtbare Anschauungen über Liebe, Ehe, .Gcscllschaftsleben usw." 2. Daß Dr. Mslained über Nacht plötzlich Literatnrkaiser geworden ist und von seinem Usnrpatorthron ans mit der Miene der absoluten Unfehlbarkeit dekretiert, ein Kritiker habe einen Dichter ausschließlich vom Standpunkt des „Temperaments" aus zu betrachten. 3. Daß aus seinen Befehl Literatur und Religion so weit auseinander sind und zu sein haben wie Himmel und Erde. Wertvoll und bedeutsam ist mir das erste Bekenntnis, Spaß gemacht hat mir die zweite Entdeckung, für ernsthaft und bedauerlich irrig halte ich die dritte Meinung. Also Perez hat „gewiß anfechtbare Anschauungen über Liebe, Ehe, Gescllschaftsleben usw." Sehr erfreulich, daß ich das höre, denn das >var der Kernpunkt meiner Ablehnung. Und „man kann einen großen Dichter ablehnen; fragt sich nur, warum man ihn ablchnt. Ein phlegmatisches Tcniperainent muß einen „sanguinisch" veranlagten Dichter ablehnen und umgekehrt. Me Ablehnung kann nur „naturgeschichtlich" motiviert werden." Behüte uns der Himmel davor, daß das Gesetz und Recht würde! Welche buntscheckige Narrengallerie von Litcratnrbetrachtern müßte entstehen, Ivenn seglicher von den tausend Kritikern deutscher Zunge nur unter dem Gesichtswinkel und aus der Eingebung seines „Temperaments" Dichtungen beurteilen wollte! In Wirklichkeit ist es gerade die erste und wichtigste Aufgabe des Kritikers, sich seines Temperaments zu entänßcrn, ehe er ein Kunstwerk genießt. Er muß seine Persönlichkeit anSziehen, er muß leidenschaftslos, temperamentlos zu werden trachten, wenn er in die Seele eines Dichtwerks eindringcn will, wenn er die Absichten eines großen Poeten erfassen und seine Gestalten nachschafsen will. Sein Temperament zügeln, „sich objektivieren" heißt von altersher bis in die jüngste Zeit die hauptsächlichste Forderung für jemanden, der „literarische Prütcnsion hat", und urteilsfähig ist derjenige nicht, der einen Künstler ablehut oder preist, weil er seinem Temperament widerstrebt oder znsagt. Das mag sich Dr. Mslained ins Merkbuch schreiben, und dieses Merkbuch wird ihm dann bescheinigt und beglaubigt werden von den besten Literarhistorikern. Und nun, nach dieser nebensächlichen Abwehr, komme ich zur Hauptsache. Einer der berühmtesten und geschätztesten deutschen Acsthctiker, M o r i z C a r r i e r e, hat iil se'inem prächtigen Buche „Die sittliche Weltordnung" einmal die denkwürdigen Sätze ausgesprochen: „und der Dichter i st der Seher, der durch d i e B c r w i r r u n g d e r W i r k l i ch k e i t Hindu r ch d e n Grund und das Ziel des Lebens erkennt, u n d d c n Andern die Angen dafür eröffnet. Er stellt mit dem Seienden auch das Sei »sollen de dar, er spiegelt im Einzelgcschicke das Ganze. Ruft denn die gemeine Wirklich k e i t n i ch t u n s e r n s i t t l i ch e n M u t i n Waffen, um sie zu bekämpfen, zu derbes kern, nnd der Dichter sollte sich ihr gefangen geben, .statt ihr den Hohlspiegel der Satire vorznhalten oder dasJdeal gegen übe rzu stellen, dem sie nachzntrachteu hat, wenn sie picht vermodern oder z er sch eitern will?" Wenden wir diese Sähe einmal auf unfern Fall an. Wer wäre so kühn, die große „Bcrwirrung der Wirklichkeit" in jüdischen Kreisen in Abrede zu stellen? Das Erwerbsleben drängt und zwängt und macht religiös Abtrünnige. Das Großstadtleben lockt und berauscht und macht sittlich tzlbtrünnige. Naturwissenschaft und Philosophie entfalten immer machtvollere und prätensiöscre Kraft und sanktionieren und beschwichtigen praktischeAbtrünnigkeit. So ist „Verwirrung der Wirklichkeit" an allen Ecken und Enden. „Und der Dichter ist der Seher, der durch die Verwirrung der Wirklichkeit hindurch den Grund und das Ziel des' Lebens erkennt und den Andern ,die Augen dafür eröffnet." Grund und Ziel unseres jüdischen Lebens ist unsere .Beziehung zu Gott und unser Hinstreben zu Ihm, ist unser Ursprung von Ihm und unser Wandern in Seinem Dienst. Dieser einzige Grund und dieses 'einzige Ziel unsers Lebens sind in dem uns offenbarten Gesetz festgelegt und .anfgesteckt und Lauern in alle Ewigkeit. Mit dem „Seienden", niit dem unerfreulichen und bedrükkcnden „Seienden" soll, um wieder mit Carriere zu sprechen auch das „Seinsollende" dargestellt, der „gemeinen Wirklichkeit" soll das Ideal gegen übergestellt werden, dem sie nachzustreben hat. wenn sie nicht vermodern oder zerscheitern will! Stellt nun Perez und mit ihm eine ganze häßliche Gruppe russischer Schriftsteller nur das „Seiendes, nur „me gemeine Wirklichkeit" dar. ohne als Seher Grund und Ziel des Lebens zu erkennen und künstlerisch zn verdeutlichen, ohne ihr das „Seinsollende," das „Ideal" gegenüberzustellen, das Ideal eines Gottgeweihten, jedes Gottesgebot mit heiliger Ehrfurcht achtenden und verwirklichenden jüdischen Lebens, so ist er und s i n d m i t ihm f e i u e G e n o s s e n a l s D i ch - ter zu verp ö n e n und zu v e r w e r f e n, so sind sie durch die von ihnen ausgehende Wirkung Feinde im eigenen Lager, so darf man sie nicht aufs Schild erheben! Was uns sonst voir der Tragik des Mcnschengeschickes und der kraftvollen Erhebung über diese Tragik, von der Unterordnung des Einzelnen unter das Weltganze, von menschlichen Irrungen und Wirrungen, Leiden und Freuden mit sittlichem Pathos glühend und wuchtig aus unseren Klassikern entgegenschlägt: wir nehmen es gerne, froh und begeistert an und auf. Denn unsere Klassiker und ihre Nachkommen sind nicht in den Niederungen des Lebens, in den Fährnissen der Zeiten verkommen, sondern 'haben von hohen Bergen herab Leuchtfeuer angezündet, uni uns den Weg zu zeigen, aus diesen Niederungen emporznklimmcn, diese Fährnisse zu überwinden. O möchte» auch uns Inden bald neue Klassiker erstehen, die uns Stab und Stütze würden, aus den Niederungen und Fährnissen der jüdischen Gegenwart emporzuklimmen! Max Speier. Hanau» 23. Mai. Heute fand hier eine zionist. Versammlung statt, zu der auch einige Frankfurter Gesinnungsgenossen erschienen waren, in der Parteisekretär K. B l n m e n f e l d in überaus wirkungsvoller Weise über die „Zukunft des Judentums" sprach. Die temperamentvollen ^Ausführungen riesen eine lange Diskussion hervor, in der Rechtsanwalt Dr. N u ß b a u m und Oppencimet die bekannten Einwündc gegen die zionistische Idee vorbrachten. Dies gab neben Zahnarzt R u ß bau m dem Referenten Gelegenheit zu einer inhaltlich und stilistisch hervorragenden Erwiderung, die großen Eindruck machte. Daß die Veranstaltung ihre überzeugende Wirkung nicht verfehlte, geht aus der Erklärung hervor, die 'elbst die Gegner in der Diskussion am Schlüsse abgaben, daß sie zn einem ernstere» Nachdenken über die jüdische Frage angeregt worden seien. L. P. Aus der zionistische» Bewegung. Frankfurt a. M. Trotz der drückenden Hitze hatte die Zion. Ortsgruppe es gewagt, zu einem Vortrage des Parteisekretärs B l u m e n f c l d - über das jüdischeWirtschaftsproblem einzuladcn, — und das Wagnis gelang glänzend, denn an 200 Personen waren dem Rufe gefolgt. In dem. ersten Teile seines Vortrages zeigte Redner, daß ein brennendes jüdisches Wirtschafts- Problem heute vorhanden ist. Es nahm seinen Anfang mit der großen Judenauswandernng ans Rußland im Jahre 1880. Zwei Millionen Inden sind seit dieser Zeit nach dem Westen, besonders nach Newhork, welche Stadt heute fast eine Million Inden zählt, gewandert. Während die Inden im Osten bei aller Schwere der Ernährung aber immerhin noch existenzfähig sind, stehen sic im Westen den Großbetrieben gegenüber und werden psychisch und Physisch ruiniert. UeberdieS erschweren Anierika und England, die bisherigen Einwandernngsländer, den osteuropäischen jüdischen Massen ständig die Einwanderungsmöglichkeit. So hat denn die jüdische Sozialpolitik, die in erster Linie die Organisation der Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Amerika verfolgte, heute ad acta gelegt werden müssen. Aber auch ein zweiter großer Versuch ist heute als gescheitert zn betrachten, nämlich: das Baron Hirsch'schc Kolonisationswerk in Argentinien. Die Baron Hirschstiftnng f,,Jca") hatte kein Verständnis für die durchaus individualistische Wesensart des Juden und für sein Bedürfnis nach Knlturnühe, und so ist sie trotz ihres Kapitals von einer viertel Milliarde Franken in fast zwei Jahrzehnten nicht über die Ansiedlung von etwa 10 000 Menschen — ein Nichts gegenüber der Judenfrage — hinausgekommen. So ist denn die wirtschaftliche Lage der jüdischen Masse heute eine verzweifelte, eine gewaltige Tragödie besonders im Hinblick darauf, daß wir Inden eine Macht sind, die eine Großmacht sein könnte, wenn wir zusannnenhalten würden. Redner ging nun zu dem zweiten Teile seines Vortrages über, in dem er an deni, ivas heute bereits Palästina geschaffen ist, zeigte, daß Palästina einzig und allein imstande ist, das jüdische Wirtchaftsproblcin zn lösen. Dem jüd. Kolvnisations wesen in Palästina steht Professor Marburg vor, der Mann, der seit 10 Jahren Berater der deutschen Regierung ist und dem ein gut Anteil an der heute von allen Parteien anerkannten deutschen Kolonial Politik znzuschreiben ist. Die zionistische Bank Anglo Palestine Company hat bei einer Million Mark bereits 7 Millionen Mark Depositen. Ueberall in Palästina sind deutliche Zeichen einer normalen, gesunden Entwicklung der jüdischen Bevölkerung zu seihen; selbst das deutsche Auswärtige Amt in Berlin hat in einer offiziellen Veröffentlichung dem jüd. Bauern in Palästina das höchste Lob gespendet. In der Diskussion wies Herr L. P e r l m u t t e r unter allgemeiner Zustimmung an Hand der jüd Tagesereignisse nach, daß die tieferen Ursachen des Jndifferentismns noch großer Massen dem zion. Gedanken gegenüber mit den einem jeden Idealismus feindlichen Mächten übereinstimmten, und betonte energisch die Pflicht für jeden, der ini Jndentnme sterben wolle, auch für es zu leben. Zum Schluß gedachte Parteisekretär Blumen selb des 50. Geburtstages Theodor Herzls s. A. Frankfurt a. M. Der zion. Stammtisch kommt während des Sommers jeden Donnerstag Slbend .von 914—11 Uhr im Kurs aal Milan zusammen^ Persoualie» u. Kleine Mitteilunge«. Frankfurt a. M. Der Lehrling Heinrich Reiß aus Mörfelden, der jüngst seine Gesellenprüfung gut bestand, wurde für seine in derLehrlingsirüsnngsausstellnng ausgestellten Stiefel diplomiert; ferner erhielt er von der Schuhmacher-Jnnnng einen Ehrenpreis und 5 JL Es ist das der zweite Lehrling des Schnhmachenneisters Max B e h r, der prämiiert wurde. Berlin. Der Privatgelehrte Dr. phil. Soberne i m erhielt den Titel Professor. (L.) Hohensalza. Hierselbst verstarb Frau Charlotte Salomo» geb. Licht im 83. Lebensjahre. Die Verstorbene stammte aus patriarchalischem rommen Hause und hat Zeit ihres Lebens echt religiösen Sinn und Wohltätigkeitsgefühl gezeigt. BreSlau. An die im Oktober zu eröffnende Technische Hochschule wurden als Assistenten folgende Dipl.-Jngenieure berufen: Dr. Pick, Dr. B l n m e n t h a l, S ch 0 ß b c r g e r und Dr. He-rtz. Metz. Die jüngst über die Pesachfeier für die in Metz garnisonierenden jüdischen Soldaten gebrachte Notiz verdient eine Ergänzung in dem Sinne, daß nicht nur an den Sederabendcn der üdischcn M a n n s ch a f t e n gedacht worden, sondern daß während der ganzen Dauer des Festes für rituelle Verpfleg» n g gesorgt war, die den Unbemittelten ausnahmslos diesmal bewilligt werden konnte. ES ist dies nicht zum wenigsten das Verdienst des Herrn L e v i s 0 h n aus Frankmrt a. M„ der in hochherziger Weise cS unternommen hatte, dem Herrn Obcrrabbiner in Metz von Frankfurt aus die nötigen Mittel zn beschaffen, die es ermöglichten, die früher nur einzelnen bewilligten Vergünstigungen diesmal auf alle auszndehnen. Es ist dies ein wahrhaft edles Werk gewesen, das alle Anerkennung verdient. Möge es von Jahr zn Jahr von edlen Herzen erneuert werden! Hagenau. Lag Beomer feiern dte Eheleute Schmhtt die goldene Hochzeit. Lrtcnberg (Hessen). 2t. Mai. Unter großer Beteiligung der jüdischen und christlichen Bevölkerung fand heute die Beerdigung der nach langem Leiden im 75. Lebensjahre verstorbenen Frau Fanny Heß W w e. statt. Lehrer Hetz-Düdelsheim schilderte in seinem Nachrufe die Dahingefchiedenc als eine echte „Esches chajil", fromm, fleißig und gottvertrauend. Früh verwitwet, hat sie mutig den Lebenskampf ausgenommen. Das Andenken der prächtigen Frau wird hier für alle Zeiten bewahrt werden. Strehlen. Im 72. Lebensjahre verschied Jacob F e i b u s ch, Vorstandsmitglied der Synagogcn-Gemeinde. Hamburg. In dem im 62. Lebensjahre verschiedenen Herrn Dr. I. G 0 t t h 0 l d verliert unsere Stadt einen ihrer ältesten und beliebtesten Aerzte. Er stand an der. Spitze des Delegiertenkollegiums des Deutsch-Israelitischen Synagogenverbandes, gehörte dem Vorstand der Theresienstiftnng zur Unterstützung knrbedürftigev Israeliten, der Israelitischen höheren Töchterschule (Biebcrstraße), der Sternstiftung, der „Alten und Neuen Klaus" an. Hannover. Dr. med. Nathan Bergmann. Begründer und 1. Präsident der hiesigen Zions- Loge, ist verschiede n. Reichensachsen. Ein Blitzstrahl traf die Kuppel der nenerbanten Synagoge und vernichtete die Kuppel und einen Teil des Gebäudes. Wien. Karl Goldmark ist durch die Verleihung des Ehrenzeichens für Kunstu n d Wissenschaft ausgezeichnet worden. Der berühmte Komponist ist der einzige lebende Musiker, welcher sich dieser Auszeichnimg erfreut. — Dr. Josef Grünseld. Privatdozent, Abteilungsvorstand der Poliklinik und hervorragender medizinischer Schriftsteller, ist im Wer von 7V Jahren verschieden. Er war einige Jahre Vorstandsmitglied der israelit. Kultnsgemeinde, Präsident der Oesterr.-Jsraelit. Union w.

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