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Neue jüdische Presse · 1910-05-06 · Heft 17 (6.5.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 17 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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z» üt. 17 des Frankfurter IsraMsM FamilimklaM. Baron Horaz v. Ginzburg. (Zur Jahresfrist nach seinem Tode.) Von Dr. B. Sülle r. Die Notlage der Juden in alten Zeiten und allen Ländern der Diaspora hat nicht bloßdie viel verbreitete traditionelle Wohltätigkeit unter den Juden hervorgcrnfen, sondern auch Männer hervorgebracht, die es sich zur Lebensaufgabe machten, mit Einsetzung ihrer ganzen Persönlichkeit und Vernlögens, nicht selten unter Selbstaufopferung chren armen, von den Schlägen des Schicksals betroffenen Brüdern zu Hilfe zu kommen, galt es der Gesamtheit oder deni einzelnen. Es sind 'die großen Herzenshelden — so möchte ich sie nennen — des Judentums, die jüdischen Philanthropen, in welchen der jüdische Wohltätigkeitssinn gleichsam sich verdichtet zu haben scheint, lichte Persönlichkeiten, die bei Lebzeiten von: Volke verehrt und auch nach ihren! Tode in seinem Bewußtsein fortleben und von ihm angebetet werden. So sind in neuerer Zeit die Namen Moses Montefiore, Baron Edmund v. Rothschild, Baron Hirsch zu nennen, deren Bildnisse in der ärmsten Hütte des Juden des Ostens zu finden sind. Zu dieser Schaar der Edlen des Volkes wird wohl mit Recht, namentlich von russisch-jüdischer Seite, Baron Horaz v. Ginzbnrg zugezählt werden dürfen, dessen „Jahrzeitstag" am 20. März (9. Adar 2) die Petersburger jüdische Gemeinde nebst vielen anderen jüdischen Gemeinden Rußlands bei öffentlichem Gottesdienst und Gedenkreden beging- Ein Jahr ist verflossen, seitdem dieses edle jüdische Herz zu schlagen aufhörte und die immer offene Hand sich für ewig schloß. Vor eineni Jahre hat sein Tod die allgemeine Trauer in sämtlichen jüdischen Gemeinden Rußlands, von Petersburg bis zu den kleinsten und entlegensten jüd. Städtchen Polens und Litthauens, in den zivilisiertesten wie in den obskursteil Kreisen, hervorgerufen, und geradezu selten waren die letzten Ehren, welche dem Verstorbenen seitens aller siidischen Gemeinden in Rußland zuteil wurden. Einzeldastehend — in bezug auf einen Juden — war auch die Teilnahme, welche dieser Tod in der russischen Gesellschaft hervorgerufen hat. Sämtliche Zeitungen, sogar die antisemitischen, widmeten dem Verewigten verehrungsvollc Nachrufe. Frau S t a ssoff, die Frau des bekannten russischen Kunstkritikers und Judenfeindes W. Stassoff, schrieb damals: „Güte und Liebe — das war die Devise seines Lebens. Tief vor ihm niedcrkniecn, sein Beispiel nicht vergessen und die lichte Persönkeit verehren — das ist das geistige Denkmal Ginzburgs." Und sogar Fürst M e st s ch e r s k i, der Herausgeber der bekannten antisemitischen Zeitung „Graschdanin", äußerte sich in seinem Nachrufe folgendermaßen: „Das ganze Leben des Verblichenen war ein Muster, nicht nur fiir jeden Inden, sondern auch für jeden Christen. Sein Haus und sein Herz waren offen und zugänglich fiir die Not des Juden, wie des Russen. Seine Geschäfte fiihrte der verstorbene Ginzbnrg immer bei voller Oeffentlichkeit und streng ehrlich.' Die Ehrlichkeit war ihm besonders teuer, wie die reine Lust zum Atmen. Er kam den Leuten zu Hilfe mit einem Zartsinn und einer Zuvorkommenheit, die nur feinfühlenden Naturen eigen ist. Besäße Rußland viel solcher Juden wie Horaz Ginzbnrg und tsiel russische Horazens Ginzburgs, dann wäre das Land glücklicher als jetzt." Seine ungemein große und allgemeine Popularität zeigte sich besonders bei seinenr Leichenbegängnisse, an deni neben auserwählten siidischen Persönlichkeiten und Deputationen von den größeren jüdischen Gemeinde,! auch dfe Spitzen der russischen Burcankratie wje Durnowo, Witte u. a. teilnahmen. Neben einem Kranz „Bon den armen ausgeplünderten Juden von Homel" fand an seiner Bahre auch ein Kranz von Prinz Peter von Oldenburg Platz. Daß bei seinem Tode Beileidsdepeschen auch von den Rabbinern des Auslands, so aus London, Wien, Paris und Frankfurt, eingelaufen sind, zeigt, daß der Name des Baron Ginzbnrg auch den ivesteuropäischen Inden bekannt ist. Kaum ist aber in Deutschland die ganze Größe dieses Mannes und seine Bedeutung für die russischen Juden gut verstanden und voll gewürdigt worden, denn in Deutschland kennt man doch nicht genau die Verhältnisse des russisch-jüdischen Lebens. Aufgabe dieser Zeilen soll es sein, eine knappe Biographie und Charakteristik der Tätigkeit dieses Mannes zu geben, loclchec unbedingt zu den merkwürdigsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen Judcntunks gehörte. * Baron Horaz v. Ginzbnrg erblickte das Licht der Welt am 23. Januar 1833 im kleinen südrussischen Städtchen Swenigorodka (Gouv. Kiew). Die Familie Ginzbnrg zählt zu den ältesten und aristokratischsten unter den Juden, sie trügt den Namen der Stadt Günzburg in Bayern, ans welchem Orte die Vorfahren des Baron G. ini 17. Jahrhundert nach Rußland auswanderten. Sein Vater, Josef G., war Lieferant der russischen Armee in der Krimkanipagne, später Pächter der Branntweinsteuer und Großbankier in St. Petersburg und hatte ein großes Vernlögen erworben. Im Jahre 1871, als General-Konsul des Großherzogtums Hessen in Rußland, bekam er den Adelstitel „Baron" von der hessischen Regierung, und so wurde die Familie G. die einzige geadelte jüdische Familie in Rußland, als Ivelche sie bis auf den heutigen Tag verblieb. Der junge Horaz genoß im Hause seines orthodoxen Vaters eine streng jüdische Erziehung nach der damaligen Zeit, wie auch eine allgemeine und kommerzielle Bildung in Paris. Diese jüdische Erziehung, das hebräische Wissen, das Leben in einer rein jüdischen Umgebung und die Kenntnis des jüdischen Lebens in allen Einzelheiten haben wohl den Grundstein zu seiner Liebe zum jüdischen Volke gelegt. Nach denr Tode seines Vaters setzte Baron Horaz besten Geschäfte mit Erfolg fort und vergrößerte das Bankhaus G., welches unter seiner Leftung einst eine große Rolle in der Entwickelung der Geldgeschäfte und finanziellen Unternehmungen, sowie bei auswärtigen Staatsanleihen spielte. Die Filiale seines Hauses in Paris ebnete die Bahn zur finanziellen Annäherung zwischen Rußland und Frankreich. Diese Rolle als eine Art Hofbankier öffnete vor ihm die Türen der höchsten und allerhöchsten russischen Gesellschaft. Es war eine Zeit, wo aN seine Tür Großfürsten und Minister klopften, Ivo bei Besetzung des wichtigen Postens des Finanzministcrs auch sein Rat von Bedeutung war. Trotz seines Reichtums und seiner Nähe zum Hose ist er aber, entgegengesetzt vielen anderen jüdischen Hofbankiers, durch und durch Jude geblieben, ein treuer Sohn seines Glaubens und seines Volkes, deni er diente. Er lebte immer in vollen! Einklänge mit seinem Volke, freute sich seiner Freuden und litt mit seinen Leiden, befolgte streng alle Vorschriften und scheute sich nicht, auch in der höchsten Gesellschaft sein Judentum stark zu betonen. Seine Beziehungen zu den höfischen und hohen Bcamtenkreisen nützte er immer im Interesse der Juden aus. Er stand immer auf der Warte und sah mit großer Spannung allen Regungen in der Werkstätte der gesetzgebenden Mächte in Bezug auf dfe Juden zu und griff dort ein, wo er durch seine Verwendung einer drohenden Gefahr Vorbeugen oder wenigstens das Schlimme lindern konnte, daß cs nicht allzuschlimm werde. (Schluß folgt.) Die versagende Logik. Eine Erwiderung. In Nr. 16 dieser Zeitung hat Herr Max Speier einen kurzen Artikel über Perez veröffentlicht, der charakteristisch ist für die Auffassung, mit der man in zahlreichen jüdisch - orthodoxen Kreisen Westeuropas der nenhebräischen und silbischen Literatur entgegentritt, und der deswegen wohl einiger Worte der Erwiderung wert ist. Nach einer durchaus nicht erschöpfenden Betrachtung über Perez — der Verfasser nennt sie ec'itic literarische Silhouette — kommt Herr „ Speier zu dem Schluß, daß die im Jüdischen Verlag erschienene Auswahl seiner Schriften — und da diese Auswahl für die anderen Schriften Perez charakteristisch ist, der ganze Perez überhaupt — abznlehnen ist, weil der Dichter sich zuweilen hat dazu hiureißen lassen, gegen die religiösen Webrä uch c der russische n Inden a n f z u t r e t e n.' Betrachten wir vorerst die spezielle Frage, ob Perez i n der Tat einer der religio ns feindlichen jüd. Dichter in Rußland ist. Sogar wenn man es nicht wüßte, >yas jeder nur einigermaßen in der jüd. Literatur Bewanderte wissen muß, daß Perez gerade init wenigen anderen zu denjenigen gehört, die dem echten jüd. Leben, besonders deni chassidischen, gerecht werden wollen, so kann man von Hr. Max Speier selbst erfahren, daß Perez keinegswegs eine religionsfeindliche Tendenz in seinen Schriften bekundet. Sagt er doch selbst, daß Perez n b e r seinen Gebilden thront und sie ohne nähere innere Anteilnahme führt und betrachtet. Wenn also Perez über seinen Figuren "steht, d. h. wenn er objektiv ist — denn das will doch der Satz sagen —, sv ka»n er doch nicht gleichzeitig r e l i gi o n sf e i n d l i ch, also tendenziös sein. Wie verträgt es sich aber mit — wird Herr Max speier fragen — Perez' Objektivität, daß man bei ihm d e n n o ch m a n ch e u n sympathisch geschilderten f r o m in e n Juden findet. Nim, wenn Herr Max Speier solche Typen gefunden hat — und Perez hat solche geschildert —. dann hätte er oarans nicht schließen dürfen, daß Perez doch religionsfeindlich fei, vielmehr hätte er daraus lerrien sollen, daß es im Leben der russischen I u d e n h e i t auch häßliche Ge - st alten gibt, die dabei äußerlich streng orthodox sind. Oder hält Herr Max Speier solche Erscheinungen für unmöglich? Möglich wäre es schon, denn man findet gar oft in deutschen orthodoxjüdischen Kreisen die Ansicht vertreten, als ob alle frommen russischen Inden Engel seien. Und die Konsequenz dieser lächerlichen Meinung ist die, daß man all jene jüd Dichter für r e l i g i o n s - feindlich erklärt, die solche häßliche Erscheinungen d a r st e l l e n. Man beachtet dabei nicht, daß gerade diese die Nachtseiten des jüd. Lebens im Osten schildernden Dichter a m nr e ist e n in sittlicher Beziehung wirken können, weil gerade durch Darstellung des Schlechten im menschlichen Leben die höchste erzieherische Wirkung erzielt werden kann. In der Tat wird es Herrn Max Speier auch nie einfallen, Maupassant etwa deswegen als sittenlosen Dichter hinzustellcn. Was er aber, weil er auch verworfene Naturen schildert, bei Maupassant, einein französischen Dichter, nicht wagen würde, hält er beim jüdischen Dichter Perez fürgestattet! Doch der Nachweis, daß Perez ein durchaus objektiver Dichter sei, ist nicht der Hauptzweck meiner Erwiderung. Vielmehr wollte ich noch die Frage behandeln, ob Perez abznlehnen sei, wenn er wirklich ein wenig tendenziös wäre, wenn er also gegen manche Sitten und Anschauungen der russischen Inden Front machen würde. Herr Max Speier wird mich bei der Beantwortung dieser Frage aus seinen Satz Hinweisen, „daß es aller Kunst letztes und reinstes Endziel sei, sittlich befruchtend und fördernd zu wirken." Nun, ich stimme in dieser. Forderung ganz und gar mit Herrn Speier überein. Mer —und das ist der Schwerpunkt — was versteht Herr Speier unter „sittlich"? Setzt er etwa auch die vorkommcnden nichtjndischen Sitten und Anschauungen der Chassidim — Perez behandelt vorwiegend diese — mit Sittlichkeit identisch? Betrachtet er also jeden Vorstoß gegen auch zu Unrecht bestehende religiöse Anschauungen für unsittlich? Nach seinem Artitel über Perez zu urteilen, steht er auf diesem Standpunkt. Ist dies aber in der Tat der Fall, dann müßte er alle modernen Dichter von Lessing und Goethe bis Hquptmann und Hofmannstal fittenl o s- und verwerflich hinstellen. Nun, es wird auch nie Herrn Max Speier einfallen, Goethe als unsittlich zu bezeichnen und ihn abzulehnen. Was aber Herr Max Speier bei einem Goethe nicht wagt, dürfte er bei einem Perez auch nicht tun. Gerade darin aber liegt des Pudels Kern. Urteile, die m an beifremdenenropätfchen Dichtern nie abzngeben wagen würde, Ansichten, die bei einer moderne nLiteratur ausgesprochen, verlacht worden wären, — bei unserer eigenen Literatur werden sie ruhig ausgesprochen. Diese merkwürdige Tatsache ist aber nicht etwas Vereinzeltes; vielmehr ist sie nur ein Glied einer unter den westeuropäischen Juden weitverbreiteten Erscheinung. Sie besteht darin, daß Leute, die sonst klar und logisch denken, diese ihre Fähigkeit sofort verlieren, sobald esst ch n meine njüdischenGegen st andhandelt. Was früher richtig war, ist jetzt falsch, und 48

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