Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692665-2692680--05358-2700262- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ieüap z» Nr. 15 des fanfefnrtec IfmeKtifdieii Iflnutoötattes. Ein Kongreß. Lo ndon, 10. April 1910. In letzter Woche fand hier ein Kongreß zur Bekämpfung des jüdischen Mädcheichandels statt. Der Kongreß tagte unter Ausschluß der Qessentlichkeit, mit Ausnahme der Presse, die zugelassen war. Bereits viele Wochen vor der Zusammenkunft der Delegierten brachten die Tageszeitungen der englischen Metropole Berichte und Ankündigungen über einen bald stattfindenden geheimen jüdischen Kongreß zur 'Bekämpfung des Mädchenhandels unter den Juden, an dem die führenden Jllden aller Länder teilnehmen werden. Die nichtjüdischen Leser mußten von diesen „leisen" Ankündigungen den Eindruck gewinnen, daß 1. ein großer Teil der jüd. Töchter ein Objekt dieses schmutzigen Handels ist, 2. nur jüd. Töchter in diesen Sumpf hineingezerrt werden, 3. die vielgepriesene Solidität der jüdischen Familienreinheit ein Märchen ist und 4. der Mädchenhandel die einzige jüdische Frag? der Gegenwart ist, die allein die Aufmerksamkeit unserer Großen verdient. Nun trat endlich der „geheinie" Kongreß zusammen und pflegte Rat, wie der Mädchenhandel und dje Unsittlichkeit unter den russischpolnischen Juden zu bekämpfen seien. Israelitische Damen, die keine arme jüdische Schneiderin und Modistin aus Rußland über ihre Schwelle lassen, weil die Dienstboten nicht erfahren dürfen, daß die Herrschaften Juden sind, oder weil die Lady in der armen Schneiderin einen Menschen dritten Grades sieht, Herren vom grünen Tisch, die ein jüdisches Elend ä In Whitechapel nie gesehen, obwohl sie Londoner sind, Männer, die jeder Berührung mit russischeil Juden ausweichcn, maßten sich ein Urteil über die sittliche und moralische Integrität unserer östlichen Brüder an. Ich will schon gar nicht davon reden, ob es überhaupt zulässig ist, den Mädchenhandel,' an dem Juden wie Nichtjuden beteiligt sind (die Zahl der serbischen, ungarischen, böhmischen usw. Mädchenhändler hat noch keiner gezählt, sic ist aber Legion), als eine spezifisch jüdische Seuche hinzustellen, aber die Art und Weise, wie ernste Männer und Frauen diese traurige Frage behandelt haben, muß als verkehrt bezeichnet werden. Leute, die nicht die geringste Kenntnis von den elenden Lebensbcdingungen unserer Massen haben, Leute, die noch nie einen armen, ausgehungerten Judentrupp gesehen haben, Leute, die noch nie die Stube eines armen jüdischen Handwerkers ausgesucht haben, Leute, die nicht wissen, daß in Whitechapel tausende von jüdischen Mädchen von israelitischen Fabrikanten zehn Pence (80 Pfennig) Tagelohn für schwere zehnstündige Arbeit beziehen, tun sich zu einenr Kongreß zusammen, stellen sich als die Besorgten um die jüdische Sittlichkeit hin, lenken dadurch die Aufmerksamkeit von ganz Europa auf sich und beschließen, da s Elen deines Volkes, das sich in Erscheinungen wie Mädchenhandel, Massentaufe, Selbstmord u s w. äußert, mit Hilfe der Polizei und der Statistik zu lösen . . . Als man seinerzeit zum italienischenStaatsmann Crispi kam und ihn bat, ein Gesetz gegen die italienische Mafia einzubringen, antwortete er: „Bevor man ein solches Gesetz einbringt, muß man dem Volk billiges Brot und billiges Salz geben, sonst ist alles wertlos." So sprach ein europäischer Staatsmann und ein Patriot. Aber unsere Führer leihen der russischen und rumänischen Regierung Geld, ignorieren die ununsägliche Pein eines zu Tode und Verzweiflung gehetzten Volkes, beleidigen es, wenn sich das Elend grell äußert und glauben, die Wunden des Volkes, von welchen der Mädchenhandel nur eine ist, mit Polizei und Statistik zu heilen. Ich bin nicht der einzige, der diese Einsicht hat. Die zionistischen Teilnehmer an diesem Kongreß mit dem Haham Dr. Gast er an der Spitze haben ihre Meinung in unzweideutiger Weise gesagt, und ebenso Israel Zangwill, der nach allem doch die Leiden des Volkes fühlt und jüdisch einpfindet. Aber auf noch zwei andere " Seiten der Frage will ich Hinweisen. Es ist ein gefährliches Unternehmen, irgend ein Verbrechen als rein jüdisch zu stempeln und es als nur jüdische Sache zu betrachten. Abgesehen davon, daß dieses Verbrechen von Nichtjuden ebenso ausgeführt wird, wie von Juden, was schon nicht zuläßt, es als rein jüdische Erscheinung zu behandeln, werden wir, sollte mit dieser Art Wohltuerei fortgewurstelt werden, es bald erleben müssen, daß sich Nichtjuden zusammentun und den Wucher oder den betrügerischen Bankerott auch als nur jüd. Verbrechen behandeln werden, um damit dem Judenhaß neue Nahrung zu geben. Die Methode z» einer solchen Behandlungsweise der Dinge haben ja unsere israelitischen Wohltuer jetzt angezcigt. Wir schneiden uns also ins> eigene Fleisch, wenn wir den Mädchenhandel nur als rein jüdische Angelegenheit betrachten, oder vielmehr unsere Philanthropen schneiden uns ins Fleisch. Ich möchte noch ferner darauf aufmerksam machen, daß es eine niederträchtige Heuchelei ist, den arbeitenden jüdischen Mädchen einen Tagelohn von 80 Pfennigen zu geben und sich dann über ihre Unsittlichkeit zu beschweren, wie es jetzt auf dem Londoner Kongreß geschehen ist. Wer ist es, der den Mjetzins von Whitechapel in die Höhe treibt und die armen Insassen dieser feuchten, trostlosen Buden geradezu auspreßt, sodaß 70»/ealler Whitechapeler Juden nur für die Miete sich abrackern? Philanthropische, um die Sittlichkeit der „Schnorrer'" besorgte Weftend- Israeliten, die auf dem Kongreß das große Wort führten, sind es! Er st treibtmandie Frau durch schamlose Ausbeutung in die Prostitution, dann beschwert man sich über ihre Unsittlichkeit und spielt sich noch gar als Volksretter auf! Ich habe mich des öfteren mit dieser traurigen Frage beschäftigt, habe mit dem deutschen Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels korrespondiert, habe im Oktober 1902 einen Mädchenhändler verhaften und verurteilen lassen und bin durchaus nicht Laie in dieser Frage. Ich werde daher bald die Gelegenheit ergreifen, trotz der sakrosanten Beschlüsse der israelitischen Wohltuer auf dem Londoner Kongreß, die wahren Ursachen dieser traurigen Erscheinung darzutun, um zu beweisen, wie wenig diese sittlich Entrüsteten von der ganzen traurigen Angelegenheit verstehen.*) M. *) Mit einem grundlegenden Gedanken der vorstehenden Ausführungen stimmen wir nicht überein. 9« geschätzte Schreiber ist im Prinzip gegen die Einberufung des Kongresses selbst, wir jedoch stehen auf entgegengesetztem .Standpunkte. Ein liehet, wenn es auch ein eigenes ist, muß zu beseitigen gesucht werden, und wir halten es für eine falsche Scham, es vor der Oeffentlichkeit vertuschen zu wollen. Auch wir Juden sind nur Menschen, und auch bei uns können gewisse Schäden entstehen, besonders bei unserer abnormen Lage. Nach unserer Ansicht ist es gerade jüdische Pflicht, sich mit der Beseitigung der entstandenen Schäden zu befassen, da das jüd. Pulk stets' als Träger der Sittlichkeit unter den Völkern gegolten hat und noch gilt und gerade hie Einberufung des Kongresses beweist, daß es noch sein,altes Sittlichkeits'bewüßtsein bewahrt hat und zu bewahren gewillt ist. Mit Achselzucken über gewisse Nebel hinwegzugehen, überlassen wir anderen Völkern. Was bei dem Kongresse zu bemängeln war, ist das Wie, die Art und Weise der Einberufung. Der Kongreß hätte nicht nur von Philanthropen ausgehen und besucht wer - den sollen, sondern auch von Männern des Volkes, die das Vertrauen der Massen genießen. V. Red. Bruchstücke zweier Predigte» des verehrte» Herr» Rabb. Dr. Horovitz s. A. MitgetM nach Auszeichnungen aus dankbarem Hörerkreis- II. Ken ossoh Hillel bisman schebes Hamikdosch kajom. Gar vielerlei sind die Deutungen, die unsere Weisen der Mazzah und dem Moror gegeben. Eine derselben lautet: die Mazzah bedeutet die Glaubenstreue, der Moror den Zweifel. Die Mazzah ist jene Glaubensinnigkeit, in deren Herzen niemals Zweifel aufgestiegen, die unbedingt auf Gott vertraut, möge über sie ergehen, was da wolle, die keine Irrwege kennt, die geradeaus den Weg des Rechtes und der Tugend wandelt. Der strikte Gegensatz dazu ist der Chomez; der Mensch, der nur seinen Verstand walten läßt, der von Religion und Gesetz abgefallen ist, der seinen Gott verleugnet. Aber von der Mazzah zum Chomez ist ein weiter Weg, es liegt noch dazwischen der Moror. Und hütet euch wohl, alle diejenigen, die nicht ganz fest im Glauben sind, gleich zum Chomez zu tun! Hütet euch wohl, alle diejenigen, in deren Herzen einmal Zweifel aufgestiegen sind, sofort als Gotteslästerer, als Gottesleugner zu betrachten! Wohl können solche niemals die Stufe 8er Reinheit und Unschuld des Herzens erlangen, wie jene, die stets treu waren. Aber vielleicht ist ihre Freude, ihr Genuß ein noch viel größerer, wenn sie erst den Zweifel überwunden, wenn sie sich zur Glaubensinnigkeit emporgeschwungen. Im Anschluß an die bekannte Erzählung von dem Heiden, der die Tradition nicht annehmen wollte, heißt es: Gar vieles im Leben läßt sich nicht beweisen und nicht immer können wir nach dem Warum und Wieso fragen. Aber glauben müssen wir, was uns überliefert ist, und alle Gesetze üben! Eine andere Erklärung der Mazzah ist die Demut, die Bescheidenheit, und auch deren Vertreter ist Hillel. Im Gegensatz dazu ist der Chomez der Stolz, der Hochmut. Aber zwischen beiden ist ein großer Wstand, es liegt noch etwas dazwischen, und das ist der Mut, den sowohl der Hochmütige wie der Demütige haben muß, wenn er etwas erreichen will. Auch zur Ausübung unserer Religion gehört Mut, und dies wollte wohl Hillel auch jenem Heiden verständlich machen, der das Judentum kennen lernen wollte in der kurzen Zeitspanne, während er auf einem Fuße stehen könne. Hillel meinte, daß es chm wohl an Mut fehle, so viele Vorschriften beobachten zu können, wie es das Judentum verlange. Doch betrachte sie alle von dem Gesichtspunkt der Liebe zu Deinem Nächsten aus, und cs wird dir gelingen, sie zu verstehen und sie auszuüben. Und Mut zeigte Hillel auch, trotz seiner ja sprichwörtlich gewordenen Geduld, als es galt, zwei oberflächliche Gelehrte, die sich alle Kenntnis anmaßten und sich allein für berechtigt hielten, in den Vordergrund zu treten, ohne andern Platz zu gönnen, als es galt, diese zu enllarven, da ruhte Hlllel nicht, bis er sein Ziel erreicht und seinen Zweck durchgesetzt hatte. Und faffen wir die Mazzah als Israel auf, das treu an seiner Aufgabe festhäll, welche Stellung es auch immer einnehme, und den Moror als die Leiden, die Israel trafen, als die Völker, die es umgeben und chm so oft schaden wollen, so müssen wir eben immer wieder das Verfahren Hillels einschlagen — wir essen Mazzah und Moror zusammen — wir schließen uns nicht aS von den Völkern, sondern treten in freundlichem Verkehr mit chnen zusammen, und dann wird die Zeit kommen Schebes Hamikdosch kajom, wo man den Moror nicht mehr sehen wird, wo chn die Mazzah von allen Seiten umgibt.