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Neue jüdische Presse · 1910-04-08 · Heft 14 (8.4.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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Nr. 14 Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. . Personalien. Frankfurt a. M. Im Alter von 58 Jahren verschied Sigmund Schott, Prokurist der Deutschen Effekten- und Wechselbauk, der durch seine freundschaftlichen Beziehungen zu hervorragenden Männern der Politik und Literatur — wir nennen: Ludwig Walcsrode, Guido Weiß, Paul Heyse, Gottfried Keller und Wilhelm Raabc — und als Mitarbeiter angesehener Zeitungen bekannt >var, und im Alter von 67 Jahren Dr. med. Max Hirschberg, Chirurg am Israelit. Gemeindehospital und Verfasser verschiedener medizinischer Schriften. Berlin. Hugo Hanfs. Mitinhaber der Firma Wolfs u. Glaserfeld, wurde zum Handelsrichter, Bankier Jakob Wrcschner zum stellvertret. Handelsrichter ernannt. Andernach. Simon Kausmann ieierte sein 25jähriges Jubiläuni als Präsident der jüd. Gemeinde. Strehlen (Schles) Siegfried Proskauer, seit 20 Jahren 1. Vorsteher der jüd. Gemeinde, ist im 64. Lebensjahre verschieden. Hamburg. Dr. Georg Schöps, Sohn des Rentiers Louis Schaps in Breslau und Schwiegersohn des verstorbenen Geheimrats Fasse in Posen, wurde zum Oberlandesgerichtsrat ernannt. Es ist das in Hamburg der erste Fall, daß ein ungetaufter Jude diesen Rang erreichte. <b > Hohensalza. Die diamantene Hochzeit beging das Saul S a l o in o n s k i s ch e Ehepaar. Der Jubelbräutigam zählt 90, die Braut 30 Jahre. Beide erfreuen sich einer bewundernswerten körperlichen Rüstigkeit und geistigen Frische. Sonntag Vormittag fand in der Synagoge die religiöse Feier statt. Mittags erfolgte die Beglückwünschung des Jubelpaares in dessen Wohnung durch eine Deputation des Synagogcnvorstandes und der jüd. Vereine. Der jüd. Armcnverein überreichte ein prachtvolles Silbcrgeschenk. Der Israel. Frauenverein ließ ebenfalls ein Angebinde übermitteln. Der Agudath Achim-Verein überreichte eine Adresse, in welcher Herr S. zum Ehrenmitglied ernannt wird. Wien. Zwei Männer haben sich vom volitischen Leben zurückgezogen, die beide Rabbincrsföhne und getauft sind. Geh. Rat Scktionschef Dr. Sieghärdt wurde zum Gouverneur der Oesterr. Bodenkreditanstalt und Geh. Rat Staatssekretär a. D. Dr. Josef Sterenyi (Stern) zum Präsidenten der Ungar. Agrarbank ernannt. — Im hiesigen Oberlandcsgcrichtssprengel ist nunmehr der siebte Jude zum Obcrlandesgerichtsrat ernannt worden. Alle sitzen bei der 1. Instanz, sie bekommen die 6. Rangklasse, — aber beim Oberlandesgericht haben sie nichts zu suchen. — L az ar Kre st i n hat sich nach P a l ä st i n a begeben, um in der Kunstgewerbcschulc „Bczallel" für die Dauer eines Jahres als Lehrer tätig zu sein. Krestin ist nach Isidor .Kaufmann einer der befähigstcn Künstler der jüdischen Genremalerei. Czernowitz. Hielebt ein jüdisches Ehepaar — Josef und Lea Be r ko Witz —, von dem der Mann 1810 und die Frau 1808 geboren ist. Das Ehepaar, das längst die Diamantene Hochzeit gefeiert hat, hat 13 hochbetagtc Kinder. Amsterdam. Ein internal-anales Komitee von S t a a t s m ä n n c r n und Gelehrten unter Vorsitz des früheren Ministers de Beaufort beschloß, das Mitglied des Haager Schiedsgerichts, den bekannten Völkcrrcchtskchrcr Staatsrat A s s e r am 19. April zu seinem goldenen Doktorjubiläum durch die Stiftung einer Bibliothek des internationalen Privatrecht s zu ehren, die einen Teil der Bibliothek der Carnegiestiftung bilden soll. Paris. Edouard Colonne, der bedeutendste Musikdirigent Frankreichs, ist im 72. Lebensjahre verschieden. Es ist sein Verdienst, Berlioz (gleichfalls ein Jltdc) populär gemacht zu haben. Laudon. Die Universität Edinburgh ernannte Dr. Frederic Co wen zum Doktor der Musik „honoris causa.“ Chicago. Professor Albert S. Michelson, der Empfänger des Slobelpreises, ist zum Präsidenten der American Association for the Advanccment vf Science gewählt worden. Auge nm Auge. Roman von Sam. Gordou. Frei übersetzt von M. Pulvermann. Fortsetzung). „Jetzt haben Sie den besten Beweis, wie meine Phantasie manchmal mit mir durchgeht. Deßhalb dürfte es am geratensten sein, eine andere Unterhaltung zu beginnen." „Noch nicht!" seine Worte klangen hart und scharf, als wollte er jedes einzelne mit besonderer Wucht in ihr Herz einkeilen. „Komtesse, nachdem Sie mein Benehmen Ihrem Herrn Vater gegenüber einer Kritik unterzogen, — wollen Sie nicht dasselbe auch bezüglich Ihrer eigenen Person tim?" „Sie haben recht, mich von meiner Torheit nicht sobald freizugeben," war ihre naive Antwort, die sie mit einem erzwungenen Lächeln gab, um die eingetretene Spannung nicht noch zu vertiefen. „Nächstens werden Sie vielleicht auch noch ein Gutachten von mir verlangen über Ihr Benehmen gegen unfern ganzen. Haushalt, von meiner Mama angefangen, abwärts bis zu unserem peitschen Kater." „Fräulein Koratow, ich bestehe auf Ihre Antwort." „Ich sollte eigentlich Ihren Eigensinn nicht nock mehr bestärken," sie suchte noch immer die Sache chcrzhast zu betreiben; „aber da es Ihnen Vergnügen zu bereiten scheint, so will ich keine Spielverderbcrin sein. Also, passen Sie aus: wenn Ihre Stellung gegen meinen. Vater so ist, als wollten Sie ihn mit Haut und Haaren verschlingen, — so verbietet Ihnen doch der Anstand, ein Gleiches mit mir zu tun, und Sie können mit sich noch nicht ins Reine koinmen, wie viele Bisse» Sie aus mir machen sollen." „Ich danke Ihnen, Komtesse," sprach er mit demselben metallischen Klang in Wort und Blick. „Und nun, wollen wir wirklich eine andere Unterhaltung beginnen." „Gemach, Herr Volkmann, diesmal erhebe ich Widerspruch. Da wir einmal angefangen, so wollen wir die Sache bis zum bittcrn Ende durchkosten: zumal wir wohl diesen Gegenstand nie mehr berühren werden. Was ich Ihnen noch zu sagen habe, ist zwar ganz nebensächlich, dennoch möchte ich cs nicht nnerörtcrt lassen." Er fragte sie nicht, auf was sie anspiele, ob auch seine Neugierde sehr groß war; denn viel größer war die Vorsicht, die er sich auferlegt. „Sehen Sie, Herr Volkmann," die Worte kamen schüchtern über ihre Lippen; „Sic sind unser Gast, und cs ist unsere heiligste Pflicht, Ihnen den Aufenthalt hier so angenehm als möglich zu mache». Für meinen Vater freilich kann ich keine Verantwortung übernehmen; bei seinem heftigen Temperament ist er etwas schwer zu behandeln, und manche Menschen haben nicht die Geduld, sich a« seine Eigenart zu gewöhnen; darum möchte ich als seine Tochter alles tun, um Ihr Vorurteil zu beseitigen." „Gnädiges Fräulein, ich versichere Sie. . ." „Es wäre mir lieber, Ihre Versicherung erst zu erhalten, wenn Sie mich bis zu Ende angehört haben," unterbrach sic ihn mit bebenden Lippen. „Herr Volkmann, ich weiß es, daß ich Ihnen Ursache gegeben habe, schlecht von mir zu denken. Erinnern Sie sich noch, als Sie mir das Mittel gegen Langweile angeboten haben? Meine Antwort muß Ihnen schlecht, grausam und unweiblich erschienen sein. — — Und doch habe ich schon lange nach einer Gelegenheit gesucht, um es Ihnen zu sagen, baß ich danrals nur aus '. prahlerischem, eigensinnigen Trotz so zu Ihnen sprach. Ich war es gewöhnt, von allen verhätschelt, von allen in den Himmel gehoben zu werden, — und darum bäumte sich alles in mir auf, gerade von Ihnen so abgekanzclt zu werden." „Es war aber auch unverzeihlich von mir, so etwas von Ihnen zu verlangen," warf er leicht hin. „Nein, das war es nicht, und cs macht Ihrem Herzen alle Ehre. Glauben Sie mir, ich stimme ganz mit Ihnen überein, denn auch ich bin nicht fühllos gegen Arme und Notleidende. Aber ich vermag nicht gegen de» Strom zu schwimmen. Ueberdies wird mir, wie jcdcni unseres Standes, gerade von denen ein unüberwindliches Mißtrauen, cntgcgengcbracht, denen ich so gern helfen möchte. Wie oft schon ist meine gute Absicht dadurch vereitelt worden! Glauben.Sic es mir, cs hat mir nie am Willen gefehlt, zu helfen und beizustchen. Ich weiß mich noch zu erinnern, es ivar im vorige» Winter, als zwei alte Leute, Mauu und Frau, die im Walde erfroren waren, nach der Stadt gebracht wurden, — wie mir da das Herz vor Mitleid geblutet, wie ich selbst gegen den ausdrücklichen Willen meines Vaters hingceilt war, um, wenn irgend möglich, -noch Hilfe zu bringen. Aber cs war leider zu spät, und ich konnte weiter nichts tun, als mich in meinem Zimmer einzuschlietzen und sattzuweinen. — Sagten Sie etwas, Herr Volkmann?" „Nein!" Die kurze Silbe klang ivic ein Kculenschlag. „Ich glaubte nämlich, lvieder den bewussten Tigerblick in Ihren Augen zu sehen," sprach sie mit ernstem Lächeln. „Halten Sic es etwa für ergötzlich, von zwei alten Leuten zu hören, die elend im Walde umgekommen sind?" „Und noch viel weniger ergötzlich ist es, solches Elend fortwährend mit eigenen Angen ansehen zu müssen. — Doch, mein Gott!" unterbrach sie sich, die Uhr hervorziehend. „Wie spät es schon ist! Ich muß schnell Mama wecken, oder wir können unsere Einkäufe heute nicht mehr besorgen." Aber trotz ihrer Eile zögerte sie doch noch ein wenig und machte sich hier und da unnötig zu schaffen, als wartete sie noch auf irgend etwas. Aber cs geschah nichts, und bewegungslos hielt Volkmann die Tür für sie.geöffnet. Und so bewegungslos blieb er auch noch stehen, als sie bereits das andere Ende des Gartens erreicht hatte. Er stand nachdenkend da und wußte nicht einmal, ob er ihren freundlichen Gruß, den sie ihm noch von dort zugewinkt, auch gebührend erwidert hatte. Mit einem heiser», trockenen Lachen schickte er sich endlich an, den Präfekten aufzusuchen. Aber er verlangsamte seine Schritte, jemehr er sich dem Hause näherte; er mußte Zeit gewinnen, um seine aufrührerischen Gedanken zu ordnen. Aus der eben stattgehabten Unterhaltung konnte er verschiedene Lehren für sich entnehmen; die wichtigste aber war zweifellos die, daß er unüberlegt, leichtfertig und unvorsichtig gehandelt hatte. Er glaubte, seine Pläne vor Entdeckung gesichert zu haben, wenn er sie in seinem Herzensschrein bewahrte, — aber er hatte sich getäuscht. Schon die wenigen Zusammenkünfte genügten, uni wenigstens ein Familienglied etwas von seiner wahren Empfindung erraten zu lassen. — Ein weiterer, nicht minder wichtiger Punkt war der, was er eigentlich von diesem Mädchen halten sollte, das ungeachtet der zur Schau getragenen Oberflächlichkeit solche ernste Betrachtungen anstellen und solche Entdeckungen machen konnte? Er fing an, alle ihre Worte, alle ihre Bewegungen zu zergliedern und zu zerfasern. ..Zunächst ivar da der tiefernste Ton, den sie vorhin angeschlagen, tiefer und ernster, als er cs je für möglich gehalten; dabei kam ihm erst jetzt das volle Erstaunen darüber zum vollen Bewußtsein, das er vorhin gewaltsam unterdrücken mußte. Anfänglich klang ihm alles so gemacht, so erkünstelt; doch jetzt mußte er sie. mit andern Augen betrachten. Es war eine leise Spur der Wahrheit, ein schwacher'Dust der Aufrichtigkeit, den sie zurückgelassen, der ihn zwang, den Gedanken an Scheinheiligkeit zu verwerfen und menschliche Empfindungen ihr zuzugestehen. Und, wunderbar, er war bei diesem Gedankengang ganz froh geworden. — Er suchte sich einzurcden, daß alles nur im Interesse seines Planes geschah, daß seine Aufgabe es erforderlich macht, ihre Gesellschaft zu pflegen und so viel als angängig mit ihr zusammen zu sein, uni irgend welche Berührungspunkte ausfindig zu machen, die den Abscheu verringerten, den sie ihm eingeflößt. — Allerdings nicht 'mit ihrer Person, wie er sich dieses schon früher eingestanden, sondern als Tochter des Mannes, den er mit seinem unversöhnlichen Haß zu Staub zermalmen wollte. Er haßte ihren Vater bis in den Tod, sie aber — oh, Ironie des Schicksals! —, sie hat um seine ermordeten Eltern geweint! Seine Eltern sind ins Grab gesunken, beweint von der Tochter ihres Mörders! Er nahm sich vor, ihr dieses gelegentlich als Verdienst anzurechnen und ihr dafür so vjel Schonung zu erweisen, als es sich mit seinem Plane vereinen ließ. X. Als Volkmann das Haus betrat, kamen ihm die Damen entgegen, die sich zur Fähre begeben wollten. Karol, dje .Hände in den Hosentaschen vergraben, schleuderte mürrisch und verdrossen nebenher. Volkmann grüßte die Damen und wollte wcitergchen, als Frau Koratow ihn ansprach. „Der Herr Präsekt ruht noch in Morpheus Armen," sagte sic lächelnd, „und Ihnen bleibt daher noch Zeit genug, um uns zur Fähre zu begleiten." Volkmann konnte diese liebenswürdige Aufforderung nicht ablehncn, obwohl es ihm sehr peinlich war, sich mit dieser Gesellschaft vor Niman zu zeigen. Es war ihm. peinlich, dem Freunde Veranlassung zu geben, Vergleiche über ihre beiderseitigen Lebcnsschicksale anzustellen. Volkmann wußte, daß Rimän trotz der eisernen Fesseln, die er seiner Seele angelegt, dennoch bei der leisesten Berührung zu vibrieren begann. Niman war doch auch nichts weiter als Mensch. — — Volkmann fühlte sich sehr unbehaglich, und nur das Bewußtsein, daß er wieder Gelegenheit haben wird, .sich mit Alma zu unterhalten, vermochte ihn ein wenig zu trösten. Wer auch dieses sollte vereitelt, auch darin sollte er enttäuscht werden. „Herr Volkmann, haben Sie Erbarmen mit zwei alten Frauen und stützen Sie uns mit Ihren starken Armen." Es war die Baronin, die diese Worte ihm zurief, als sie seine Absicht merkte, sich Alma anzuschließen. Die Worte klangen heiterneckisch, aber cs war auch.eine gewisse Unruhe herauszuhören. Sie erachtete es als ihre Pflicht, . ihren Freunden Kummer zu ersparen, der durch Volkmanns Anwesenheit entstehen Konnte. Sie war fest entschlossen, jedes Beisammensein dieser beiden jungen Leute zu verhindern. Allerdings hatte sie nicht den geringsten Zweifel, daß Karol Mannes genug sei, sich seiner Haut zu wehren; allein ein gelegentlicher hilfreicher Stoß konnte ihm durchaus nicht schaden. Jetzt war ihr Vorhaben gelungen, und ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lipppen, als Karol und Alma sich znsammenfandcn.

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