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Neue jüdische Presse · 1910-03-24 · Heft 12 (24.3.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 12 (24.3.1910)
Date
1910-03-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Irartkfrtrker fl!-1—. — > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSprelS pro Btertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei tnS HauS. Bei der Post ' abonniert im In- und Ausland Mk. 1,03 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: I Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— > — 1^—— I I I. III I, . | I Srankfurt a. m.. VUbelerstraße 0, Lcke Lleichstratze V-r-f-« 10507. r- Insertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 35 Psg. Die Reklamezeile. um .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Neberrtnkunft. - ' 8. Jahrgang. Donnerstag, den 13. Adar sclieni 5670 (21. Inhalt des Hanptblattes. Artikel: Das Fest des Golus. — Auf dem richtigen Weg. — AusallerWelt. — Feuilleton: Auge um Auge.- — Bunte Chronik. — Altemeine Mitteilungen. — Wochenalender. — Familiennachrichten. Das Fest des Golns. Eine Purimbetrachtung. Von Ben David. Ein merkwürdiges Fest: Karnevalsstimmung nach dem Fasttag, die Erinnerung an eine bedeutsame historische Episode in drolligen Formen gefeiert. Ein ernstes Wort am Purim erscheint kurios. Da herrscht der Witz in all seinen Arten und Abarten, von der beißenden Satire bis zur verzerrenden Farce. Die Blätter halten es für chrc Pflicht, satirische Purimbeilagen herauszugcben, die Vereine, komische Festlichkeiten zu veranstalten, welche die primitiven „Purimspiele" ersetzen. ' Warum soll das alles gerade am Purim geschehen? Die eifrigen Festlichkeitsveranstaltcr, die sich die ernstlichste Mühe geben, ein recht komisches Programm zusammenzustellen, und die selbstlosen Verfasser der Zeitungsbeilagen legen sich diese Frage sicherlich nicht vor; es gilt ihnen als selbstverständlich, daß man am Purim lachen muß; sie würden eine solche Frage kaum recht begreifen. In der Art des Purimfeierns findet die unnatürliche Goluspsyche ihren natürlichsten Ausdruck. Sie beleuchtet grell die widerspruchsvolle jüdische Volksseele, die Tragikomik eines Volkes, dessen Lebensäußerungen formlos sind, das, mit sich selbst in stetem Zwiespalt, .dem Höchsten nahe und vom Tiefsten umklammert iit. * Von allen jüdischen Festen ist Purim das einzige, das an eine Begebenheit aus der Verbannung Israels anknüpft, — eine Begebenheit, die für das Judenschicksal im Exil bezeichnend ist. Das „Ereignis" bestand eigentlich darin, daß sich nichts ereignete. Haman wollte in Susan den ersten Judenpogrom inszenieren, es kam aber zu einem solchen nicht. Es ist das „Wunder" des Nichtgeschehens. Der Gott des Golus ist passiv, er beschränkt sich auf die Defensive. Aus dem kämpfenden Gott Israels, der sein Volk vormals von Sjeg zu Sieg geführt hatte, ist ein Retter geworden, der chm in Stunden der Gefahr beisteht. Und die Rettung entspricht der Gefahr. Diese geht nicht aus dem Zusammenstößen ungleicher Kräfte, aus dem konsequenten Ringen um die Existenz hervor; jene entbehrt der Heldengröße und der mutigen Begeisterung, die ungeahnte Kräfte auslöst. Beides hängt von unnatürlichen, durch den Gang der Ereignisse keineswegs bestimmten Wundern ab. Haman, der Emporkömmling, erzürnte darob, daß Mordechai sich -vor chmnicht bückte, — und er bedrohte die gesinnte Judenheit von Paras.mit Vernichtung. Die Juden vermochten nicht, sich zur Wehr zu setzen; sie fasteten, beteten, wehklagten, streuten Asche auf ihre Häupter, — das sind die einzigen Waffen des Golus, der Ohnmacht und der Ratlosigkeit. ' Da trat Esther vor Achaschwerosch, den närrischen König, verriet ihre Herkunft und flehte um chr Volk, — und die drohende Gefahr war abgewendet. Und dabei soll Esther „grünlich" gewesen sein. Nur ein Narr wie Achaschwerosch konnte sich von einer solchen Jüdin angezogen fühlen. Andere Fürsten hatten schon einen besseren Geschmack; sie hätten nur an einer schönen Esther Gefallen gefunden. Diese „schönen Esthers", die zuerst ihre 1* stammung verheimlichen und dann zu retteilden Engeln für chre Brüder werden, verkörpern die Tragikomik des Exiljudentums. Unnatürlich wie das „Wunder" selbst sind seine Begleitumstände. Waschti sollte vor dem betrunkenen König und seiner Korona nackt erscheinen und mußte ihre Weigerung mit dem Leben büßen. Das alles war nötig, — damit Esther an den Hof komme. Und dann die verbrecherische Absicht der Türwächter Bigsan und Teresch und die Vereitelung ihres Vorhabens durch Mordechai; die schlaflose Nacht des Ächaschwerosch; das Hinsinken Hamans auf das Polster, worauf Esther saß. — All dies gibt dem Bilde einen wunderlichen Rahmen. Welche seltsamen Mittel doch die Vorsehung anwendet, um ihr verbanntes Judenvolk zu retten! * ' Wir feiern Purim mit Witz und Satire, — mit jenem jüd. Witz, der Selbstironie ist und aus der tragischen Erkenntnis des eigenen unnatürlichen Seins hervorquillt, mit der beißenden Satire der Selbstzerknirschung, die aus entnervendem Ohnmachtsbewußtsein kommt. Aus dieser Ohnmacht und Unnatürlichkeit der Golusexistenz ist das .„Neß von Purim" hervorgegangen. Ist bei den anderen Festen Simchah, Freude, vorgeschrieben, die erhebt und verklärt, so ist am Purim. Bessuma, Berauschung, geboten, die des Lebens Not und Pein vergessen macht. Die anderen jüdischen Feste tragen die Volksseele aus dem Golus hinaus, Purim widerspiegelt das Golus und beleuchtet seinen inneren Widerspruch. Die Kritik des Purimfeierns ist der Ausdruck unserer nationalen Tragödie. Wir lachen da, — weil wir nicht mehr zu weinen vermögen. Ans dem richtigen Weg. Hier vierzig Familien bereits ausgewiesen, dort ganze 1000 Famllien in wenigen Tagen den Wanderstäb, ohne zu wissen wohin, ergreifend, in dem einen Ort eine jüdische Lesehalle aufgehobenin dem zweiten wiederum eine jüdische März 1010). Rr. 12. Schule geschlossen, — und so geht's tagaus, tagein, so geschieht's im Lande der Pogrome. Die Lage unserer 6 Millionen Brüder wird von Tag zu Tagschlimmer; sie war schon längst unerträglich, jetzt aber ist sie unhaltbar geworden! Stolypin — hieß es immer — wird nach und nach konstitutionell werden, er wird früher oder später Reformen einführen müssen, — und siehe! Stolypin wird immer mehr antikonstitutionell, die Willkür kennt keine Grenzen mehr. Viel schlimmer als in den finstersten Tagen des absolutistischen Regimes! Damals setzte die Furcht vor einer etwaigen Revolution der Willkür gewisse Schranken, heute ist diese Furcht dahin, — vor einer gewesenen Revolution, die dazu noch mißlang, fürchtet man sich nicht mehr; heute ist an Stelle der Furcht die Rache ob der eirrst igen Furcht getreten. Diese Rache ist zur Staatsraison und zur einzigen Regierungspolitik, geworden, und in der zynischsten Weise wird sie betrieben. Es waren Zeiten — noch vor kurzem —, da Pflegte Stolypin aus Scheu vor dem Auslande sich in konstitutionellen Phrasen zu ergehen. Phrasen kosten ja nichts, und wenn die Naiven und sich naiv Stellerchen des Aus -und Inlands sich mit diesen billigen Phrasen abspeisen lassen, — warum sollte man da mit nichtssagenden und zu nichts verpflichtenden Worten sparen? Und wahrsich, das Spiel war überaus einträgsich! Während die geflügelten Worte von Freiheit und Recht fielen, sauste die Knute und arbeitete der Galgen unaufhörlich. Tausende und Abertausende, die Klügsten und Redlichsten der Bevölkerung, wurden verbannt, gefoltert, gehängt,,— und all das war selbstverständlich streng gesetzlich, denn in Rußland geschah und geschieht — wie bekannt — nichts Ungesetzliches . . . das muß eben verstanden sein! . . . Doch siehe! bei all der berühmten Passivität und Leichtgläubigkeit des russischen Volkes begann man nach und nach, den Stolypin'schen Phrasen zu mißtrauen, sodaß sogar das reaktionäre Zentrum der Duma Miene machte, Stolypin die Gefolgschaft zu verweigern. Der große Dekorateur Stolypin sah sich genötigt, Farbe zu bekennen, was er auch in seinem Organ „Rossia", nachdem er den oktrobristischen Präsidenten zum Rücktritt veranlaßt hatte, tat. „Wir haben," sagt bie „Rossia", .das Sprachrohr Stolypins, „keinen Parlamentarismus, er existiert bei uns weder in offener noch in versteckter Form, und die Forderungen der Mehrheit, daß die Regierung sich diesen oder jenen ihrer Wünsche unterzuordnen habe, ist als ungesetzlich zu betrachten." Das sind llare, unzweideutige Worte; schon der bloße Wunsch nach irgendwelchen Verbesserungen sin morschen, bis zum Erstickenfaulen Lande ist für einen russisch en Premier ungesetzlich. . . . Also die Duma mag beschließen,was sie wolle, — dochJwan bleibt beim alten! ... Beim alten? Für die angestammten Russen wohl ja, für unsere Brüder Rußlands fedoch

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