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Neue jüdische Presse · 1910-03-18 · Heft 11 (18.3.1910) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 11. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Leits 11. dessen einzelne Schöpfungen, dabei Musterstücke vor. lesend, und faßte am Schlüsse sein Urteil dahin zusammen, daß Komperts Romane und Novellen sich durch die Wahrheitstreue, mit der er die Judengasse schildert, auszeichnen und deshalb lesenswert sind, trotzdem man vom jüd. Standpunkte aus mit der Tendenz häufig nicht einverstanden sein kann. Frankfurt a. M- Auch tm 13 Jahre seines Bestehens ist der „M ontefiore" - Verein weiter gewachsen, er zählte am Ende desselben 1368 Mitglieder (gegen 1312 im Vorjahre). Ueber seine vielseitige Tätigkeit, deren Segen in den weitesten Kreisen der Frankfurter jüd. Bevölkerung anerkannt und geschätzt wird, sei folgendes berichtet: Die Freitag-Ab end-Zusammenkünfte mit ihrem behaglich - familiären Charakter. vereinten oft 60 und mehr junge Leute in dem relativ engen Wirtschaftsraum des Vereins- Hauses, lodaß gerade an diesen Menden der Wunsch nach einem eigenen Hause nicht selten laut wurde. An den musikalisch-deklamatorischen Abenden wuchs der Zudrang derartig, daß für diese der große Saal der Frankfurt-Loge gemietet werden mußte. Die übrigen Vortragsabende fanden wieder im Saale der Adler-Loge statt und brachten belehrende, allgemeine und'jüdische Borträge. Die engl., sranzös. und stenograph. Lehrknrse, die Bibel- Vorträge, der literarische Lesezirkel, die Bibliothek funktionierten wie bisher; die Beteiligung am Turnen unterricht jedoch dürfte noch eine größere sein. Frankfurt a. M. Der Vortrag des Herrn Dr. med. W. Hanauer über das Thema „Umschau auf die Verwaltungstätigkeit der jüd. Gemeinden" im Zentralverein israel. Gemeinde Mitglieder erfreute sich eines guten Besuches. Der Redner bot eine Fülle von Material, dabei besonders Aktuelles berücksichtigend und Vergleiche zu den Frankfurter Verhältnissen ziehend. Auch, die Debatte, in der außer dem Referenten die Herren Dr. H e i n c m a n n, I. L. G o i t e i n und Eli Michael sprachen, war reich an Interessantem und Anregendem. Frankfurt a. M. Nächsten Montag veranstaltet der Verein für jüd. Geschichte und Lite*■ ratur einen Abend,. der Interessantes zu bieten verspricht, denn der sympathische Hamburger Dichter Dr. Löwenberg liest eigene Dichtungen. Auch Nichtmitglieder haben zu dieser Veranstaltung Zutritt, und zwar gegen Lösung einer Eintrittskarte zu 1 JL — erhältlich bei den hiesigen jüd. Buchhandlungen. Frankfurt a. M. Die Weibliche Fürsorge, Israel. Fraueuverein zur Förderung der G es amtint eressen der jüd. Frauenwelt (Vorsitzende: Bertha Pappcnheim) erläßt folgenden Aufruf: „Die Ausdehnung und das organische Wachstum unseres.Aufgabenkreises haben es notwendig gemacht, den' Verein Weibliche Fürsorge, soweit er selbständige Außenarbeit im Interesse der gesamten jüdischen Frauenarbeit betreibt, auch finanziell auf eigene Füße zu stellen. Der Verein bemüht sich neben den Aufgaben lokaler Fürsorgearbeit, die in den verschiedenen Kommissionen (der allgemeinen A r b c i t s k o m m i s s i o n, der Kinderschutzkommission, der Stellenvermittlung und der Wohnungs-Fürsorge)- differenziert werden, auch jene anderen zu betreiben, die eine tiefere Erfassung der gesamten jüdischen Frage in sich begreifen. Dazu bedarf cs einer gewissen Schulung, und wir erachten es deshalb bei aller Ausrechterhaltung der jüdischen Gemeinschaftsidee für wichtig, darauf hinzuwirken, daß die jüdische Frauenarbeit hineingezogen werde in den allgemeinen Strom der Bolksentwicklung und Fühlung bekomme mit den Strömungen und Bestrebungen, die die gesamte deutsche Frauenwelt bewegen und beschäftigen. Gerade uns jüdischen Frauen obliegt die Aufgabe, uns als Kulturträger zu erweisen. Daraus leiten wir aber die Pflicht ab, auch jener Arbeit unsere Aufmerksamkkeit znznwenden, die darauf abzielt, das Los unserer östlichen Stammesgenossen zu erleichtern und sie wirtschaftlich, geistig und sittlich einem höheren Kulturstand entgegenzuführen. Der vorliegende Aufruf soll werbend und bittend an alle und neue Freunde und Förderer der jüdischen, sozialen Frauenarbeit in die Welt hinausgehen:- Des " leichteren Verständnisses wegen ist es darum nötig, in kurzen Umrissen anzudeuten, was unter den „Gesamtinteressen der jüdischen Frauenwelt" zu verstehen ist: Fragen der Jugendfürsorge und des Jugendschutzes, Verbreitung von Verständnis für alle Faktoren der Frauenbewegung,Verständnis für die Behandlung der Auslände rnnd Audwandererfragc, Bekämpfung des Mädchenhandels, der Prostitution und der Tuberkulose; Einrichtung von Kindergärten und Verbesserung von Spitälern, Einführung von Erwerbsmöglichkeiten in den östlichen Ländern usw. usw. Unsere Jahresberichte geben Rechenschaft über unsere bisherigen Leistungen und über die Wege und Ziele unserer.Arbeit, sie geben aber auch den Beweis, daß imsere Arbeit stillstehen, d. h. zurückgehen müßte, wenn wir dem vorandrängenden Geist der Zeit nicht zu folgen vermöchten, weil uns die Geldmittel fehlen für Drucksachen, Annoncen, Flugblätter, Warnungen, Gehälter für Hilfskräfte, Anteil an der Anstellung einer Bahnhofsmission, Borträge, Delegationen usw. Wir haben 'den Mindest - Jahresbeitrag, der uns den finanziellen Rückhalt für unsere mannigfaltigen Aufgaben geben soll, auf JL 2.— festgesetzt. Mit vollem Bedacht normierten wir ihn so niedrig, um allen, die guten Willens sind, an unserem Werke teilzunehmen, den Beitritt zu ermöglichen. Ein höherer Beitrag ist willkommen, ebenso werden wir es mit Freuden begrüßen, wenn man uns bei feierlichen Anlässen des Familienlebens bedenkt." Frankfurt a. M. Eine der Theatergesellschaften, die anfangen, nun auch bei den westlichen Juden populärer zu werden, führte am Sonntag im Rechneisaale „Die Hochzeit per Spaß" von Rak o w auf. Dies Stück, eine mit Gefühlseffekten und bewegten Dialogen mehr als mit dramatischer Handlung arbeitende Dichtung, führt hinreißend in die komplizierten Verhältnisse der russischen Judenheit der Gegenwart ein, zeigt ein Menge bühnenwirksamer, bodenständiger Charaktere und ist in der Hauptsache ein Gemälde — zum Teil vortrefflich geschilderter — psychologischer Entwicklungen. Die einzelnen Rollen lagen in besten Händen. Die Darsteller, besonders die HerrenSchidlower,Rosenzweig, Zucker usw. unterscheiden sich von den bisher hier gesehenen 'Jargongesellschaften vorteilhaft dadurch, daß sie über Bühnentechnik und schauspielerisches Können verfügen. Sonntag, den 20. Wärz wird „Der wilde M a n n" von A. G o r d r n anfgeführt. Montag nach Purim die Purimkomödie „Der jiddische König Lear". Ein Besuch ist zu empfehlen; ganz besonders dürfte er bei dem Purimstücke angemessen sein, wo man echte Purimfreude erwarten darf. Perl. . . Frankfurt a. M. „Montefiore-Berein". Die Purim-Feier findet am nächsten Dienstag, abends 9 Uhr, iu der Frankfurt-Loge statt. Das ausgezeichnete Festprogramm weist in seinem ersten Teile musikalische und deklamatorische Vorträge, meist heiteren Genres, dem Charakter des Festes entsprechend, auf. Den Beschluß bildet alsdann Grillparzcr's „Esther"-Fragment. Eintrittskarten zum Preise von 50 Pfg. und 1 JL sind für Mitglieder am Sonntag-Vormittag von 10—12 Uhr im Vereinslokale, sowie an der Abendkasse zu haben. Frankfnrt a. M. Der Verein zur Bekleidung bedürftiger israel. Knaben (Vorsitzender: Raphael M. Kirchheim) versah im abgelaufenen Jahre 239 Schulkinder und 102 junge Leute mit Kleidung und Schuhwerk und verausgabte dafür 8887 JL Die Zahl seiner Mitglieder ist von 670 auf 707 gestiegen, und die Jahresbeiträge haben sich um 350 JL erhöht. Frankfurt a. M. Der soeben erschienene 10. Bericht der Jüd. Haushaltungsschule (Vorsitzender: Isaak C. Weilt) umfaßt infolge Aenderung des Geschäftsjahres 2(4 Jahre. Während dieses Zeitraumes wurden in der Kochschule 54 Mädchen ausgebildet. Das Mädchenheim war stets mit Pensionärinnen vollbesetzt. Bon den Einnahmen seien erwähnt: 5861 JL Jahresbeiträge, 13 388 JL Geschenke, 6607 JL Honorar der Schülerinnen, 28 905 JL Honorar der Pensionärinnen, 2410 JL Honorar für Mittags- und Abendtisch, von den Ausgaben: 37 652 JL Lebensmittel. Marburg lLahnl, 2. März. Mit dem heutigen Tage beschließt die Bereinigung jüd. Akademiker das sechste Semester ihres Bestehens. Der Verein zählte 10 ordentliche und 11 auswärtige Mitglieder. Die Haupttätigkeit des Vereins galt der Pflege jüdischer Wissenschaft. Vorträge hielten folgende Bundesbrüder: Dr. Schlesinger: „Ueber verschiedene Erklärungsarten von Tenach (in 2 Teilen), cand. Phil. Adler: „Ueber Willensfreiheit", cand. med. Frank: „Das jüdische Weib", sind. med. dent. Flörsheim: „Reuchlin und der Kamps um das jüdische Schrifttum", sind. Phil. Nothmann: „Die Berufe bei den alten Juden". An alle Vorträge schloß sich eine rege Diskussion. Ferner fanden 4 Lese- und Diskussionsabende über „Hirsch's Grundlagen zur jüdischen Symbolik" statt. Allwöchentlich wurden folgende Schiurim abgehalten: ein zweistündiger Gemoroh-Schiur, ein einstündiger Tenach-Schiur und 2, je einstündige, Mischnah-Schiurim. Außer der wissenschaftlichen Arbeit kam jedoch auch die Geselligkeit zur Geltung, die in gemütlichen Kneipen gepflegt wurde. Für das nächste Semester wurde cand. Phil. Levy Wolfs zum Vorsitzenden gewählt. (Während der akademischen Ferien sind Zuschriften zu senden an Herr Dr. Schlesinger, Marburg a. L., SchwanaUee.) Brünn (Mähren). In unserer Stadt, einer der bedeutensten Handels- und Fabriksstädte, hat sich ein orthodoxer Verein mit dem Namen „Machstke H a d a s" gebildet, welchem sich auch schon eine bedeutende Anzahl von Mitgliedern angeschlossen haben. Dieser Verein „Machsike Hadas" hat die Absicht, alle nötigen Institutionen des gesetzestreuen Judentums wie koschere Fleischbank, Mikwa, Bethaus, Toraittib Talmud-Unterricht und dergleichen einzurichten und besonders auch, für die Sabatheiligung zu wirken. Eine koschere Fleischbank ist bereits ins Leben gerufen, und auch ein von den bedeutendsten Rabbinern autorisierter Schlächter und Vorbeter ist bereits angestellt; die Errichtung weiterer Institutionen ist im. Zuge. Es ist dies aus diesem Grunde sehr beachtenswert, weil Brünn seit vielen Jahrzehnten eine der vorgeschrittendsten Gemeinden ist, wo bis nun ein orthodoxer Jude mangels der erforderlichen rituellen Einrichtungen beinahe nicht wohnen konnte. Knust und Literatur. Jsraelitennnd andereAntisemiten von Beda. Umschlag-Zeichnung von Karl Josef. Kr. 1,20. Wien, Huber u. Lahme Nachflg. „Wer meint, daß ich ihn mein', den mein' ich" könnte man den gereimten Wahrheiten Beda's voransetzen. Obwohl eine echt österrrreichische Pflanze und für österreichische Glaubensgenossen bestimmt, sind die Beda'schen Satyren auch für zahlreiche Glaubensgenossen anderer Länder eine gesunde Lektion. In unserer Zeit der Assimilation verdient das Büchlein die weiteste Verbreitung. Palästina-Handbuch von Davis Trietsch. Orient-Verlag. Berlin-Schmargendorf. 1910. 313 Seiten und 2 Karten. 3 JL geb. Wenn man jetzt das stattliche Bändchen vor sich sieht, in seinem zierlichen Einband, mit dem vertraut klingenden Titel, dann wundert man sich einerseits, wieso man bisher, in der ganzen Zeit seit dem Entstehen des Zionismus, ohne ein solches Buch ausgekommen ist, und man freut sich andererseits, daß nun doch Palästina von seinem langen Schlafe schon so sehr erwacht ist, daß man sogar schon eine Art „Bädeker" für das Land kaufen ktznn. Der Rahmen des Buches ist aber viel weiter gefaßt, als der eines gewöhnlichen Touristenführers irgend eines Landes. Es durfte nicht vergessen werden, daß Palästina nicht nur ein Land für Touristen, sondern vielmehr ein Land für Ansiedler sein soll. Das hat auch der Verfasser in Betracht gezogen und hat den Text des Buches danach geschaffen. So findet man in diesem Buche nicht nur die Auszählung der historisch denkwürdigen Orte, sondern auch — und darauf hat Trietsch das Hauptgewicht gelegt — vor allem genaue Angaben über die Kolonisationsmöglichkeiten in Palästina, über die Landverhältnisse, sei es in wirtschaftlicher oder kultureller Beziehung, und all diese Angaben sind zuverlässig und überaus klar. Ueberhaupt ist die sehr übersichtliche Anordnung des Buches sehr zu loben. Die Ausstattung des Werkes läßt nichts zu wünschen übrig, und der Preis ist für den Umfang des Buches sehr niedrig. So kann man Davis Trietsch und dem Berlage nur dankbar sein, daß sie uns endlich dieses, für jeden Juden, der Interesse für Palästina hat, unentbehrliche Buch geschenkt haben. Dr. X. G r o ß st a d t j u d e n. Roman von Adolf Dessauer. 461 S. Preis 3 JL brosch., 4,50 JL geb. Wien und Leipzig, Wilhelm Braunmüller. Großstadtsiiden! — Kennt ihr sie, diese krankhaften Erzeugnisse eines ungesunden Milieus, diese Zwittergeschöpfe der Großstadt, diese Juden, die anders scheinen wollen, als sie sind, diese Juden, die Bewunderung erregen wollen und nur Abneigung Hervorrufen, kennt ihr sie nicht, diese Großstadtjuden in des Wortes häßlichster Bedeutung? — nein, dann greift zu diesem Buche, lest es, erfaßt diese Gestalten, — und ihr werdet sie kennen. Sind sie aber euch schon bekannt, dann lest dennoch den Roman, damit diese Juden die Wneigung, die sie euch im Getriebe des Lebens vielleicht nicht einflößen, nun bei der ruhigen Lektüre des Romans in euch auslösen. Denn diese Juden zu schildern, das ist die Aufgabe, die sich Dessauer gestellt hat. Eine alte> aber darum keineswegs leichte Aufgabe. Nicht alle Juden der Großstadt wollte Dessauer schildern —. ich will damit einen Vorwurf unmöglich machen, den ihm sicher mancher machen wird, warum er nämlich nicht alle Juden der Großstadt geschlldert hat, also auch die sympathischen —, er hat nur einen Ausschnitt aus dem jüdischen Leben der Großstadt gemacht und diesen führt er uns vor. Man wird leicht geneigt sein, diesen Roman mit Schnitzlers: „Der Weg ins Freie" zu vergleichen, und der Vergleich ist berechtigt. Und ich glaube, die Entscheidung wird zu Gunsten Dessauers ausfallen müssen. Ist „Der Weg ins Freie" auch großzügiger, hat auch Schnitzler seine Aufgabe weiter gefaßt, so ist dafür die Milieu- und Charakterschilderung bei Dessauer weitaus besser. Darin liegt die Stärke des Buches. Eine unübertroffene Charakterschilderung. Jede Gestalt ist ein Typus, ein bleibender, lebender Typus. Und mit welch' einfachen Mitteln Dessauer das erreicht. Was Schnitzler mit Hilfe der feinsten psychologischen Zergliederung, der modernsten Kunstgriffe

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