Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692665-2692676--05286-2700182- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mage M Jlr. 11 des itamftfnrfct IsmekWm Iftmitienfifoftes. Der neueste Spinozaroman. Bon Dr Marek Scherlag. Es mag sonderbar scheinen, daß ein Mann, der vielleicht nie, etwas, was man Roman nennt, erlebte, nun schon zum drittenmal zum Helden eines deutschen Romans ausersehen wird. Zieht man aber die Definition des Heldentums von Zchomas Carlyle heran, so findet man diese Erscheinung begreiflich. Er bezeichnet nämlich in seinem Buche „lieber Helden und Heldenverehrung" als Helden den, der in der inneren Sphäre der Dinge lebt, im Wahren, Göttlichen und Ewigen, das unter dem zeitweiligen Alltäglichen immer da ist, von den meisten ungesehen... In diesem Sinne war Spinoza ein Held. „Ein Held an sich kann Dichter, Prophet, König, Priester oder was Sie wollen sein . . ." Dieser Auffassung gemäß war Spinoza Dichter und Prophet, da er in das heilige Geheimnis des Weltalls eingedrnngen ist. Er dichtete klarste Weltanschauungspoesie und sah eine Zeit voraus, da die größten Geister und Meister Freiheit und Frieden finden würden in dem Gedanken der Einheit alles Seins. Als Dichter und Propheten faßt ihn auch der junge Wiener Schriftsteller E. G. Kolbenheyer aus, dessen bei Georg Müller in München erschienener Roman „Amor Dei" sich würdig an die früheren Spinozaromane von Berthold Auerbach und Otto Hauser anreiht. Bei Auerbach war Spinoza vornehmlich Denker, bei Hauser Mensch, bei Kolbenheyer ist er Träumer vor allem. Und wie war er in Wirklichkeit? — Der Spinoza-Biograph Freudenthal charakterisiert ihn, wie folgt: „In ihm ist eine außerordentliche Kraft des Denkens und eine eherne Festigkeit des Wollens mit kindlicher Herzensgüte verbunden, klares Bewußtsein eignen Wertes mit größter Bescheidenheit, Streben nach den höchsten Lebenszielen mit ungewöhnlicher Anspruchslosigkeit, unersättlicher Wissensdrang mit genialer Schaffenskraft . . ." Zu dem Ungewöhnlichen seiner Veranlagung gesellte sich ein Schicksal voll sanfter Entsagung und schlichter, herber Größe: Momente, die auf kongeniale Naturen anziehend wirken. ' Nun verfiel auch Kolbenheyer, ein edler, begabter Dichter, in den Bann dieses jüdischen Brillen- und Gedankenschleifers, den er in den Mittelpunkt seines groß angelegten historischen Romans „Amor Dei" stellt. Ein Beispiel ist er ihm für die höchste im Leben betätigte Menschenliebe zu Gott und zu allem, was göttlich ist. Und göttlich war für den stillen Weisen alles, was ist. Kolbenheyers Buch ist eigentlich eine Reihe von Kulturbildern aus Hollands großer Vergangenheit. Die Juden nehmen da nicht den breiten Platz ein wie in Hausers „Spinoza". Selbst der Philosoph wird in die wenigsten Erlebnisse verwebt. Leise nur wird seine geheime Schwärmerei für Klara Maria, die geistreiche Tochter des freigeistigen Ban der Enden, gestreift. Ohne tiesgrabenden Kampf gelangt er zur Entsagung, ein stiller Träumer. Schärfer Umrissen sind die Gestalten der Nichtjuden. Aber auch diese sehen wir nicht in der Entwicklung, sondern zumeist auf irgend einem Höhepunkt der Konflikte. Bon Handlung kann daher nicht die Rede sein.' Die Geschehnisse wickeln sich gleichsam automatisch von einer unsichtbaren, aber reichhaltigen Spule ab. Dieser impressionistischen Darstellungsart ist auch die Sprache angepaßt: schwungvoll, lyrisch, stellenweise sogar pathetisch. Schon die Art, wie ec sich Spinozas Wesen und Werden aus dessen Abstammung, aus den Charakteren seiner schwärmerischen, still duldenden Mutter und seines praktischer veranlagten ernsten Vaters, aus den Einwirkungen seiner Lehrer und seiner Umgebung, aus seinem ganzen Umgang zu erklären such?, beweist Kolbenheyers künstlerische Begabung. Und danU die Feinheit der Seelenschilderung: das Denken, in Poesie aufgelöst. Und alles von Liebe verklärt! - - In der Zeichnung der übrigen Judengestalten — Spinozas Vater ausgenommen — und des jüdischen Hebens russt Kolbenheyer zuweilen den Eindruck eines. Fernstehenden hervor, obwohl er sein Werk auf sorgfältige Studien gegründet hat. Abgesehen davon, daß er nicht, wie Hauser es getan, vertraut .und anschaulich die Synagoge, die Feiertage und dH Familienfeste vorführt, verrät er an einigen her spärlichen Stellen, wo er jüdische Gebräuche andeutet, daß er hierüber nicht richtig informiert ist. Dem jüdischen Volkscharakter Rechnung tragend, läßt Hauser den Attentäter auf Spinoza — Manasse — von einem nichtjüdischen Matrosen abstammen und motiviert noch den Anschlag.mit Sinnlichkeit und Eifersucht; Kolbenheyer dagegen schildert Spinozas Widerpart, der bei ihm Zacuto heißt, als jüdischen Jüngling, der aus Fanatismus und Neid schier zum Mörder wird. Am besten ist dem Autor die Schilderung per ,Ludenbuurt" gelungen. Aus Portugal waren jüdische Flüchtlinge nach Amsterdam gekommen mid hatten den Rat um Aufnahme gebeten. Der pflog keine lange Erwägung und verkaufte den Einwanderern Häuser zu hohen Preisen. Mit dem wachsenden Zuzug hielt man es aber für ratsam, den Judenbezirk scharf zu umgrenzen: die Judenbuurt, die von den vornehmen Kreisen Amsterdams gemieden ward wie das Pesthaus vor den Wällen. Stur vorurteilsfreie Männer kommen in die Judenbuurt, in erster Linie Rcmbrandt, der hier nach Modellen sucht. Und die Bewohner der Judenbuurt? „Euer Volk trägt den Zug geheimer Schönheit, der meiner Kunst unentbehrlich ist," sagt Rcmbrandt zu Rabbi Leon, einem Freidenker, der die Kunst des Schweigens beherrscht. Einem vertriebenen Patriarchen gleicht besonders Michael Spinoza. Sein Sohn Baruch hingegen ist schon ein Aufrechter, ein Freier, ein allzu Freier: er, der als Kind über den reuigen Uriel Acosta zu treten hat, — wie alle, die aus dem Tempel kamen, vor dem der Büßer lag, — es aber nicht tat, sondern sich zu ihm voll Mitleid beugte: er, der als Mann nur Milde kannte und viele Freunde unter den Fremden fand. Freilich manche, die seine Gedanken ins Leben umsetzen wollten, mußten schlimmeres von den christlichen Ketzergerichten erdulden, als Uriel Acosta und ihm seitens der Rabbinen widerfuhr. Zwar fiel er nicht offiziell vom Judentum ab! Ihn beengten nicht nur die Vorschriften der väterlichen, sondern die Dogmatik jeglicher Religion. Und zahlreiche Fäden verbanden ihn/ der nie seinen inneren Menschen verleugnete, noch mit dem Judentum. So läßt ihn auch Kolbenheyer nach dem scheinbaren Abfall an einem Sabbatabend in die Judenbuurt schleichen. Was zieht ihn hin? Diese Sgene war bei Hauser von besonderer Tiefe und Schönheit. Bei Kolbenheyer fehlt dieser seelisch tiefe nationale Untergrund. Er setzt an die Stelle des nationalen das religiöse Moment und erzielt ganz andere Wirkungen, die aber .auch künstlerische sind. — Lueger. Nach mehrwöchentlichem Todeskampfe ist kurz vor dem Jahrestage des Todes seines Urvaters Haman ein würdiger Enkel gestorben. Und doch welch' Unterschied! Der Tod des ersten Haman wurde in ganz Israel als eine Erlösung aus schwerer Gefahr empfunden und wirkte befreiend und läuternd; — der Tod des modernen Haman, der Tod Bürgermeisters Lueger in Wien aber ändert nichts an dem Hamanssysteme und was noch schlimmer: er zeigt Israel in seiner ganzen Schmach. Den» wahrlich niedriger kann das jüdische Ehrgefühl nicht mehr sinken als bei der Vertretung der 180 000 Juden Wiens. Ein Beileidsschreiben haben diese Edlen, die „in it allen ihren Mitbürgern tiefbewegt an der Bahre Luegers stehe n", an das Gemeinderatspräsidium gerichtet, ein Beileidsschreiben bei dem Tode des Mannes, der noch vor vier Jahren den Juden seiner Stadt mit einem Pogrom nach russischem Muster drohte und der von den Juden gesagt hat, sie hätten die Pest nach Wien gebracht. Ratlos sinnt man nach einer Erklärung» denn diese Tat ist mehr als Mangel an jüdischem Ehrgefühl. Nur eine Antwort ist möglich, — und diese Antwort gibt die Frankfurter Zeitung, indem sie sagt: der alteingesessene Wiener Jude ist selber Antisemit. Ja, er ist selber Antisemit. Er betrachtet die Zehntausende seiner Glaubensgenossen, die vom Osten her nach Wien zugezogen, als die Ursache für die Umwandlung der von ihm vergötterten Wiener Gemütlichkeit in den Wiener Antisemitismus und sieht sich schmerzerfüllt in der Rolle des unschuldig Mitleidenden. Daß er sich stets geschämt hat, Jude zu sein und daß er sich darum von seinen zugezogenen Brüdern wohl hat wählen lassen, aber sonst von ihnen fern hielt, das kommt ihm nicht zum Bewußtsein. Ebensowenig, wie es ihm je llar werden wird, daß er als einer der eifrigsten Kämpfer des politischen Freisinns selber den Boden für den reaktionären Antisemitismus gepflügt hat. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Danzig. Der traurige Fall des Mühlhausen« Einjährigen Bloch, der wegen antisemitischer Quä- Ein ostafrikanisches Semitenvolk. Die Abbildungen in der heutigen Nummer sind der soeben bei Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) Berlin 8. IV. 48 erschienenen 2.Auflage des glänzend ausgestatteten Buches „Die Masai", EthnographischeMonographie eines ostaftikanischen Semitenpolles von weiland Hauptmann u. Kompagnie-Chef M. Merker (456 Seiten, Lg Figuren, 6 Tafeln, 62 Mbildungen und 1 Uebersichtskarte; Preis Mk. 12.—) mit gütiger Erlaubnis des Verlags entnommen. ' Die im Norden Deutsch- Ost-Afrikas wohnenden Masai haben eine streng monotheistische Religion und in ihrer Tradition Parallelen mit der Bibel bis zur Epoche der Gesetzgebung (Paradies und Sündenfall, Sintflut, Arche und Regenbogen, als Zeichen, daß Gottes Zorn vorüber; die Affaire des Erstgeburtsrechts; Zehn Gebote durch Gott am Berge rc.j. Merker behändest die gesamten Lebensverhältnisse dieses interessanten Dolles mit einer Gründlichkest, die Bewunderung aufzwingt. Selbstredend stimmen wir mit seinen bibelkritischen Hypothesen im 4. Abschnitt nicht überein. Junger Masaikrieger.