Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1910-03-11 · Heft 10 (11.3.1910) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692665-2692675--05271-2700165
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Leite 10. Ar. 10. Frankfurter Jfra'eGifches FumitirMatt. Organe deswegen selbst in den Orten der stärksten Ausnahmezustände irgend welche Unannehmlichkeiten auszustehen hätten. „Rufs. Korresp." Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Lehrer I. Jülich begeht am 1. April sein 25 j ä h'r i g e s Jubiläum als Lehrer der hiesigen Israel. Volksschule. Köln a. Rh. Die Judenheit hat einen ihrer Besten verloren! Sabbat-Ausgang ist plötzlich Rabbiner Dr. Hirsch Plato, dessen Leben durch die Lauterkeit seines Charakters und die Selbstlosigkeit seines den höchsten Zielen zugewandten wahrhaft jüdischen Denkens vorbildlich wirkte, v e r - s ch ied en. 1822 geboren, wirkte Dr. Plato zuerst als Leiter des Lehrerseminars in Weinhcim und Karlsruhe, wohin das Seminar von Weinheim verlegt .wurde. Er nahm dann eine Stelle als Lehrer an der Realschule der Israel. Religionsgesellschaft an und wurde dann von Rabbiner Dr. Fcilchenfeldjetzt in Posen, als Leiter des von diesem ins Leben gerufenen Seminars nach Düsseldorf berufen. Das Seminar wurde später nach Ehrenfeld und darauf nach Köln verlegt. Als die Israel. Religionsgemeinde „Adaß Jeschurun" in Köln gegründet wurde, nahm er das Rabbinat derselben an, besuchte jedoch längere Zeit nicht die Synagoge, weil der Vorstand aus ökonomischen Rücksichten kein Gitter an der Frauenabteilung machen ließ. Er nahm nicht allein kein Gehalt für die Ausübung des Rabbinats und keine Sporteln für Trauungen usw., sondern zahlte sogar noch 60 Jk Steuer jährlich an seine Gemeinde. Er begnügte sich mit dem Gehalt als Seminardirektor. In seiner Frau, die eine Tochter Rabbiners Samson Itaphael Hirsch s. A. ist, hatte er eine gleichgesinnte Lebensgefährtin. Lberdorf-Bopfingen (Wünr.) In körperlicher und geistiger Frische konnte der verdiente, vor ca. 4 Jahren in den Ruhestand getretene Lehrer Marx, der nahezu 40 Jahre lang in hiesiger Gemeinde gewirkt hatte, am vorletzten Sabbat seinen 70. Geburtstag feiern. Breslau. Dr. Sali Levi, Schüler des hiesigen Rabbinerseminars, wurde zum zweiten Rabbiner an der hiesigen neuen Synagoge gewählt. Allenftein. Anna Karo, Tochter des hiesigen Kantors Karo, wurde als ordentliche Lehrerin an der hiesigen höheren Mädchenschule angestellt. Petersburg. Zum Vorsitzenden der Rabbinerkonferenz wird voraussichtlich Baron David Ginsburg von der Regierung ernannt werden. Zloczow (Galiziens. Im Alter von 52 Jahren starb hier Rabbiner Feiwel Rohatyn, eine Zierde der jüd. Orthodoxie Galiziens. Mit 16 Jahren erhielt er von bedeutenden Gaonim das Rabbinatsdiplom, und als junger Rabbiner eignete er sich innerhalb eines Jahres das gesamte Gymnasialpensum an und machte das Abiturium. Aus -eu Vereinen. Frauksurt a. M. Der Kindergarten für Israeliten (Vorsitzender: Prof. Dr. A. Sulzbach) vereinnahmte an Jahresbeiträgen 1908 6350 Jk, 1909 6733 Jk und an Geschenken 1908 10 731 Jk, 1909 8298 Jk; dagegen wurden u. a. verausgabt 8590,46 bezw. 8236 Jk für die Haushaltung und 4871 Jk, bezw. 4543 für Gehälter. Wegen Mangel an Mitteln mußten zahlreiche Kinder zurückgcwiesen werden. Berli«. Dem letzten Jahresberichte des „Vereins selbständiger Handwerker jüd. Glaubens" entnehmen wir: Die Mitgliederzahl stieg auf 229. Der Gesundheitszustand der Mitglieder war nicht sehr günstig; der Vereinsarzt wurde sehr in Anspruch genommen, und die Kasse mußte für Medizin, .die kostenfrei gewährt wird/ fast 500 Jk aufwenden. Die Spar- und Darlehenskasse, deren Vermögensstand gegen 4000 Jk beträgt, gewährte 1500 Jk Darlehen. Frankfurt a. M. Der vor einigen Monaten gegründete „Verein selbständiger israel. Handwerker" trat Samstag zum ersten Male mit einem Vortragsabend an die Oeffentlichkeit. Zahntechniker Schloß, der Vorsitzende, verbreitete sich einleitend über die Zwecke des Vereins. Sodann sprach Dr. I. He ine mann in bekannter rednerischer und inhaltreicher Vorzüglichkeit über „Altjüd. Handwerkerleben". Er zeigte, wie das jüd. Volk das einzige des Altertums war, das die Arbeit als Segen ansah, gab einen Ueberblick über das Handwerk im jüd. Volke in biblischer Zeit und machte dann mit seinen Zuhörern einen Spaziergang durch Jerusalem zur Zeit des Herodes. Köln a. Rh. Die Jüd. Lesehalle wurde seit Eröffnung ihres neuen Lokals Agrippastr. 19, -vom 21. März 1909 bis 31. Januar 1910 von 7529 Personen besucht. Die Lesezeit ist an Wochentagen von 7-ht abends und an Samstagen und Sonntagen von 1 Uhr nachmittags bis 10 Uhr abends. Sonntags wird ein bildender Vortrag gehalten. Am 1. Mar wurde ein Unterrichtskursus in deutscher Sprache und Rechnen errichtet, der 4 Stunden in der Woche umfaßte und von 37 Ausländern besucht wurde. Mannheim. Der Jüd. Kulturverein, der im Oktober 1908 von den russischen Studierenden und Arbeitern gegründet wurde, veranstaltete Donnerstag im Goldsaale des Apollotheaters einen Unterhaltungsabend, der recht harmonisch verlief. Das Programm enthielt musikalische und deklamatorische Darbietungen und das dreiaktige Theaterstück „Zuseit inr Zuspreit" von Scholcm Aleichem. Den ersten Teil fiihrten Konzertsängeriu Frl. Thilde Lazarus und die Herren I. Kuperwasser und M. Rosenkranz ans. Das Theaterstück wurde von folgenden Danien und Herren ausgeführt: Frl. Klionska, Frl. Blum, Fräulein Ziehrer, Fr. Bermanu, Fr. Stolinski und die Herren Kanel, Wulfowitz, Fehgin, Rosenkranz, Horowitz, Sarko und Silberberg. Das Publikum folgte sämtlichen Darbietungen mit Interesse und dankte mit lebhaftem Beifall. ' Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.^ Zur Frage der Aenderung der bayer. Judengesetze. Zu dieser Frage haben in Ihrem Blatte bis jetzt nur Freunde der Aenderung das Wort genommen. In einer der letzten Nrn. Ihres Blattes bringen Sie die Rede des bayer. Kultusministers, um den Parteien zu zeigen, wie sie sich zu verhalten haben. Die Veröffentlichung der Rede in diesem Sinne veranlaßt mich, einige Worte zu sagen vom Standpunkte des Gegners einer Aenderung. Meines Erachtens darf' es in dieser, wie überhaupt in allen jüdischen Fragen, nicht darauf ankommen, was ein Nichtjude sagt — und wenn er auch die höchste Stelle im Staate einnimmt —, sondern, was die Juden selb st ald das Richtige für sich erachten. Es ist nicht zu leugnen, daß eine hundertjährige Gesetzgebung durch den Wandel der Zeiten und der Menschen überholt und faktisch außer Kraft gesetzt wird und daß man mit jenen Bestimmungen heute nicht mehr auskommen kann. Ebenso wahr ist, daß die gesetzestreue Richtung, nicht durch das gellende Recht — denn dieses kennt nur ein und zwar das gesetzestreue Juden tum —, aber durch die der Assimilation zuneigende Richtung zu leiden hat. Durchaus anerkennenswert ist es, daß Lehrer und Kantoren usw. ihre materielle Posllion bessern und sicherstellen wollen, ein Bestreben, das jeder einsichtsvolle Mensch nur fördern kann. Aber sind denn die Verhältnisse wirklich schon so schlimm, daß nur eine neue gesetzliche Regelung die befriedigende Lösung der bestehenden Schwierigkeiten bringen kann? Ernste Männer und nicht die schlechtesten des gesetzestreuen Judentums erblicken in der Revision eine ernste Gefahr, so groß, daß sie hiergegen eine regelrechte Agitation mit Versammlungen einlellen und alle ihre häßlichen Begleiterscheinungen in Kauf nehmen. Welches sind u. a. die Gründe, die gegen die Aenderung ins Feldgeführt werben? Zunächst wird bei einer Neuregelung einex Materie die Definition des zu behandelnden Gegen standes erforderlich sein. Es wird also unbedingt die Frage auftauchen: „Was ist das Judentum?" Und diese Frage wird sicher nicht, gestellt wer den vom Standpunkt der Juden, sondern . von dem der Staatsraison und die Antwort wird gefordert werden im Sinne des Staatsinteresses^ Denkende Juden werden sofort klar sehen, wie schwer es bei der heutigen Zersplitterung der Juden ist, eine richtige Antwort zu geben. Gegenwärtig befindet sich innerhalb der jüdischen Kreise alles in Fluß und Bewegung, was noch Interesse am Judentum hat. Man sucht sich selbst Klarheit zu verschaffen hinsichtlich der eigenen Stellung zum Judentum. Es jst also ohne weiteres ersichtlich, daß eine einhellliche Antwort auf die Frage: „Was ist das Judentum?" noch Nicht gegeben werden kann. Mit der beliebten Differenzierung in „orthodoxes" und „neologes" Judentum, oder „beharrende "und „fortschreitende" Richtung, ist der heutige Zustand nicht mehr richtig wiedergegeben, angesicht der Tatsache, daß es JNden gibt, die beiden Richtungen Nicht angehören können oder wollen, und dennoch Juden sich nennen: „Nationaljuden". Ferner kann kein gesetzestreuer Jude, auch kein Zionist, zugeben/ daß jene liberale Richtung, die in der „liberalen Vereinigung" ihre Ausdrucksform findet, noch Anspruch machen kann, das Judentum darstellen zu wollen. Diese mögen wohl religiöse Menschen sein, JNden aber in positiver Beziehung sind sie nicht. Hierzu kommt noch, daß selbst. orthodox sich nennende Juden das nationale Moment weit von sich weisen und auch -nur „Religionsjuden" sein wollen. Selbst ein bekannter Führer der „Revisio nisten" wird auch nicht zugeben wollen, daß noch ein anderes Band als die Religion die Juden eint. Die Schwierigkeit der Antwort ist also jede»: nüchtern und klar blickenden Inden ersichtlich. Jst es also nicht besser, erst in den eigenen Reihen eine Einigung herbeizuführen, ehe sich an die Regierung zu wenden und ihr ein Schauspiel innerer Zerrissenheit zu bieten? Die Revision, wie sie durch Trennung gefordert wird, kann im Interesse des Judentums, insbesondere des gcsetzcstreuen Judentums nicht nur nicht begrüßt, sondern muß bekämpft werden. Eine Spaltung der jüdischen Einheit ist ein Verbrechen gegen die nationale Einheit in der Diaspora, nebenbei aber auch insofern ein gefahrvoller Schritt ür die positive Richtung, als diese aller Wahrchcinlichkeit nach numerisch und finanziell zu schwach ist, um alle Lasten tragen zu können. Viel richtiger wäre es, innerhalb der Gemeinden eine Aufklärung über Assimilation und '»genanntes „liberales" Judentum einznlciien und fierzu alle noch jüdisch d e n k e u d e u u n d ühlenden Kreise heran zuziehcn, dann str das positive Judentum zu kämpfen, aber nicht austretcn, °d. h. davonlaufen wollen. Nicht eine noch so wohlmeinende nichtjüdische Gesetzgebung kann dem Judentum helfen, sondern hier wie überall „die Selb st hilf e". Noch ist in Bayern in dieser Richtung nicht alles geschehen. Bunte Chronik. Die Internationale H y g i c n i e-A nstellung zu Dresden im Jahre 1911 — und die jüdische Abteilung auf dersclb en. Bon Dr. mcd. Rainer, Wiesbaden. Ein Wettstreit aller Kulturvölker auf dem so wichtigen Gebiete der Hygiene soll in Dresden stattsinden, eine Revue altes dessen, was sie in Bezug auf Gesundheitcrhaltung geleistet! In der historischen Abteilung sollen auch die Juden selbstständig vertreten sein.. Es gilt also, der Gelehrtenwelt zu zeigen, was das Judentum für das Wohl seiner Bekenner im Laufe von Jahrtausenden unternommen. Wahrlich eine schöne Aufgabe, die wohl der Mühe wert ist. Sehen lassen können sich mit S t 0 l z die Juden, wenn sie nur alles herbeitragen wollten. Alte Schriften, Abbildungen von Bädern, Synagogen, Friedhofsanlagen, Geräten, gelehrte Abhandlungen sind sehr, sehr willkommen und zwar je eher, desto -lieber. Rabbiner Dr. Max Grünwald-Wien (Mariahilfstraße 16) hat auf sich in uneigennütziger Weise die große Atühe genommen, der jüdischen Abteilung auf der Ausstellung vorzustehen. Derselbe nimmt auch Gegenstände flir die Ausstellung unter G ar aut i e für unversehrte Zurückstellung in Empfang. Alle Rabbiner, Vorsteher, Verweser usw. der jüdischen Gemeinden haben daher die Pflicht, demselben zu Hilfe zu kommen, damit die jüd. Abteilung ein „Kiddusch Haschem" werde. Kunst «ud Literatur. I. Zangwill: Komödien des Ghetto. Ins Deutsche übertragen von Dr. Hanns Heinz Ewers. 450 Seiten. 5.— Jk Berlin 1910. Verlag Siegfried Cronbach. Ich habe an dieser Stelle schon einmal ausgeführt, daß in der Dichtung, die aus dem Ghetto heraus entstanden ist, immerhin leicht durch den Einfluß dieses Milieus ein guter Teil jüdischen Geistes stecken kann. Wenigstens vermeiden die Dichter des Ghetto einen Fehler, den die Westjuden meist begehen; sic stellen nicht Personen dar, die eben so gut einer andern Nation als den Juden angehören könnten; diese Menschen sind Inden und können nur Juden sein. Wenn uns die Dichtung echte Judengestalten zeichnet, so ist damit selbstverständlich noch nicht gesagt, daß sie auch jüdisch sei. Objektiv, die Personen wie eine photographische Mattscheibe schildern, kann auch jemand, der deni Judentum völlig ferir steht; aber jüdische Dichtung schaffen kann nur ein bewußter Volljude. Daß Zangwill's Personen Juden sind, kann niemand bestreiten. Einen Philanthropen Sir Aacher Aaronsberg oder einen Maler Bartstein hat Wohl schon ein jeder von uns getroffen. Sehen wir uns die Mitglieder unserer Keinen Landgemeinden an, gleichen sie nicht auf ein Haar jenen von Sudminster? Sehen Unsere jüdischen Spießbürgerfamilieu anders aus' als die Familie S. Cohn? Der Schmerzensmann Israel Quarriar oder der Luftmenfch Nehemiah Silvermann kommen jeden Tag in unser Haus. All diese Typen, die uns Zangwill in seiner knappen Sprache, wie aus Stein gemeißelt hingestellt hat, treffen wir täglich. Komödien muß man — um mit Shakespeare zu reden — mit . einem feuchten und einem freudigen Auge lesen. Meine Augen sind bei Zangwill's Komödien des Ghetto trocken geblieben. Darin liegt der große Fehler dieses Buches, daß es den Leser völlig kalt läßt. Zangwill wollte mit seinem Buche Tendenz, — und zwar eine Ten-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.