Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M üt. 10 fe Icfliifefnttec IftaMWm lamilienfitattes. Zionismus ohne Volksbewntztsern. Eine Erwiderung von Dr. N. Jede große Idee, jede große Bewegung wird im Laufe ihrer geschichtlichen Entwicklung getrübt, entstellt und mißverstanden. Und zwar pflegt dieser Prozeß umso schneller einzutreffeu, je reiner und erhabener eine Idee ist. Der spätere Historiker wird aber sicherlich über die Schnelligkeit staunen, mit der dieser Prozeß in der zionistischen Bewegung vor sich gegangen ist, wenn er jene Ausführungen lesen wird, die von einem Manne geschrieben worden sind, der unstreitig zu den hervorragendsten Zionisten gehört. Ich meine: Dr. FranzOpPenheimer und seine n Artikel in der „Welt": „S tamm esb ewu ß tscin und Bolksbewußtsein". lieber diesen Artikel wird sicherlich viel geschrieben und gesprochen werden, und man wird versuchen, ihn bis M seine kleinsten Details hinein zu widerlegen. Bei den folgenden Ausführnngen sollen jedoch nur seine wichtigsten Thesen beleuchtet werden. Was behauptet Oppenheimer? — Es gibt, führt er aus, zwei Sorten von Zionismen: der eine auf jüd. Stammesbewußtsein beruhend, der andere auf jüd. Volksnnd Knlturbewnßtsein basierend. Gemäß den zwei Arten von Zionismen gibt es auch zweiLagervonZionisten:anf dereinen Seite die stammesbewußten Westler, ans der anderen Seite die Volks - und knltnrbewußtcn Oestler. * Schon die Ueberschrist des O.'schen Artikels ist falsch. Kann man denn überhaupt unterscheiden zwischenjüd. Stamm es-undVolksbewnßtsein? Gibt es denn einen jüd. Stamm, dem mehrere jüd. Völker angehören? Ist es nicht gerade charakteristisch für uns Juden, daß unser Volk und unser Stamm ganz und gar identisch sind? Kann 'man von einem jüd. Stamm in dem Sinne sprechen, wie man von einem germanischen Stamm und von einem deutschen Volke spricht? Es gibt keinen Unterschied zwischen jüdischemStammes-undVolksbewußts e i n. Vielmehr gibt es da nur ein Entweder — Oder. Entweder, man gibt zu, daß es ein jüd. Volk gibt, dann kann es auch nur ein jüd. Volksbewußtsein geben, oder man bestreitet es, wie. es unsere Assimilanten tun, dann gibt es aber auch kein jüd. Stammesbewußtsein. Und da nun O. von einem Bolksbewußtsein der Oestler spricht, gibt er also zu, daß es ein jüd. Volk gibt, dann kann er aber nicht behaupten, daß die Westler ein jüd. Stammesbewußtsein ohne jüd. Volksbewußtsein haben und haben können. Wie verhält es sich nun in Wirklichkeit? Haben die westeuropäischen Juden ein jüd. Volksbewußtsein, d. h. empfinden sie in ihrem Herzen Liebe zu ihren östlichen Volksgenossen? Gewiß; dies ist eine Tatsache, die niemand abstreitet. Die Westler haben oft unbewußt ein jüd. Volksbewußtsein in sich, nur daß sie eben aus Angst es nicht laut zu gestehen wagen und deshalb diese natürliche Hinneigung zu ihren Volksgenossen als eine Sympathie zn ihren K o n f e s s i o n s g e n o s s e n bezeichnen. Worin unterscheidet sich also der Standpunkt O.'s von dem der Assimilation? Fast in garnichts! Das ist ja die so oft ausposaunte Wahrheit der Assimilation: Wir Juden waren ein Volk und hatten ein Bolksbewußtsein, wir sind nur noch eine Konfession und haben also nur Konfessionsbewußtsein, was die Gegenwart betrifft, Stammesbewußtsein, was die Vergangenheit anbetrifst. Und dies ist ja eben die hi st arische Bedeutung des Zionismus, daß er frei und offen erklärt hat: Wir Juden sind nicht nur eine Religionsgemeinschaft, sondern wir sind in erster und wichtigster Linie ein Volk! Hat denn O. beim Schreiben seiner Zeilen nicht empfunden, daß er die erste und unerläßliche Voraussetzung des Zionisnrus umstürzt, daß er aus der nationalen Volksbewegung eine philanthropische Vereinigung macht? Denn was er zeigt, ist kein Zionismus, war es nie gewesen. „Aber ich stehe ja ans dem Boden des Baseler Programms" erwidert O. Wie äußerlich, wie nichtssagend ist doch diese Bemerkung! Als ob das Baseler Programm, der innerste Kern des Zionismus wäre! Doch nie und nimmermehr! Me fundamentale Idee des Zionismus ist' die Ueberzeugung, daß wir Juden ein Volk bilden. Und aus der historisch begründeten Einsicht heraus, daß sich ein Volk für die Dauer ohne ein eigenes Land nicht normal entwickeln kann, .aus dieser Einsicht heraus ist der Zionismus zur .Erstrebung eines jüd. Gemeinwesens in Palästina.'gekommen. Mithin ist dasBaseler Programm nichts weiter und nichts anderes als der praktische Ausdruck für die innere Idee und die Mzeptiernng dieser Idee die notwendige Voraussetzung für die Anerkennung und richtige Erfassung des Baseler Programms. Wer aber diese Idee nicht ganz anerkennt, wie Dr. O., der erfaßt eben auch das Baseler Programm nicht als Ausdruck einer nationalen, sondern einer philanthropischen Bewegung. Denn trotz seines Einwandes, daß er für das ganze Volk arbeiten will, bleibt das Ziel mehr philanthropisch als national. Sein Einwand ist nicht stichhaltig, denn auch Baron Hirsch glaubte sicherlich für alle Juden etwas Großes zu leisten. Wenn er den O st j u d e n eine Heimat gab. * Und nun das Knlturbewnßtsein. Was O. in dieser Hinsicht konstatiert, ist sicher richtig. In der Tat. Den westeurop. Inden geht meist ein jüd. Ku! turb ew nßtsein ab. Aber warum ist es so? Nicht etwa, weil die Möglichkeit nicht »orliegt, sich die jüd. Kultur anzueignen; nein, der Grund ist einzig und allein der, daß man sich eben in Westeuropa nicht die Miihe nimnit, diese jüd. Kultur kennen zn lernen, teils infolge einer unverzeihlichen Nachlässigkeit, größtenteils aber infolge der bewußten Assimilierungssucht. Wenn die Westler es nur wollten, könnten sie die jüd. Kultur sich aneignen, — und das will ja grade der Zionismus erreichen. Es ist noch viel zu wenig betont worden, auch von den Leitern der zionistischen Bewegung, daß die Aneignung der jüd. Kultur eine unbedingte Pflicht jedes ehrlichen Zionisten ist, eine Pflicht, die unendlich viel höher steht, als sogar das Geldsammeln. Das ist gerade ein so großer Mangel vieler westeurop. Zionisten. Man glaubt ein guter Zionist sein zu können, ohne ein Wort Hebräisch zu verstehen, ohne eine Ahnung von der erhabenen Kultur des jüd. Volkes zn haben. Wenn also O. diesen vielfachen Mangel an jüd. Kultnrbewußtsein bei den Westlern konstatiert, so ist dies wohl mit den Tatsachen übereinstimmend. Der Fehler liegt nur in den Folgerungen des Autors. Anstatt nun aus diesem großen Mangel die Folgerung zn ziehen, daß man eben daran gehen muß, die jüd. Kultur kennen zu lernen, macht er es umgekehrt: Er heißt diesen Mangel gut. Das heißt wahrhaft den Zionismus sich leicht gemacht. Ich zahle den Schekel — und bin vollwertiger Zionist. So bescheiden ist der Zionismus in seinen Forderungen doch nicht. Im Gegenteil! Der Zionismus ist eine jener Bewegungen, die ihre Anhänger ganz für sich in Anspruch nehmen, die Leib und Seele ihrer Jünger fordern. Insofern also kann der Artikel O.'s Nutzen bringen: wenn nämlich die westeurop. Zionisten daraus die Lehre ziehen, sich ihre Volkskultur anzneignen. Dann wird man auch nicht von der jüd. Kultur als von einer tiefstehenden, mittelalterlichen, heiligen Kultur sprechen. So aber, wie O. es will, ist es kein richtiger Zionismus. Ohne jüd. Volksbewußtsein, ohne jüd. Kul - tur bewußt sein kein wahrer, reiner Zionismus!; ■ 1> Ergo? wird mau aus meinen Ausführungen folgern, ergo ist Dr. Oppenheimer kein Zionist und darf nicht der zionistischeu Bewegung als einer ihrer Führer angehören. — Die so sprechen würden, vergessen, daß der Zionisnrus nicht jemanden zurückstoßen darf, >veil er sich noch nicht zum vollkomm ne n Zionisten durchgerungen hat. Gerade, weil der Zionismus solche große Forderungen an seine Anhänger stellt, rnuß er sie auch freudig empfangen, wenn sie den ehrlichen Willen zeigen, vollwertige, gute Juden werden zu wollen. Der ehrliche Wille zum Zionismus öffnet den Weg 'zu ihm. Dies aber auch muß er fordern, der gute Wille muß vorhanden sein. Und diesen guten Willen bei £>: setze ich auch voraus. Man muß wissen, daß ihm, dem Manne, der durch alle Wege deutscher Kultur gegangen ist, diese Rückkehr zum Judentum besonders schwer fällt. Und darum: Als endgültige und nnwiderruflicheAnschauungDr. O.'s müßten wir seinen Artikel sehr beklagen. Als die Ansicht eines Mannes aber, der sich auf dem guten Wege derDurchringung zum Judentum befindet, ist es unsere Pflicht, diese Ausführungen zurückzuweisen, ihren Autor eines Besseren zn belehren und ihm die Bruderhand zur Erreichung seines großen Zieles zn reichen. Personalien. Berlin. Dr. Walter Sobernheim, Generaldirektor der Aktienbrauerei Friedrichshöhe, erhielt den Charakter als Kommerzienrat. Berlin. Lilien. der berühmte jüdische Künstler, hat mit seiner Frau, die eine Tochter Justizrats Magnus-Braunschweig und selbst Malerin ist, eine dreimonatliche Studienreise nach Paläst tna angetreten. Stratzvurg. Dr. Ern st Markwald, Bibliothekar der Universitäts- und Landcsbibliother, erhielt den Titel Professor. Heidelberg. Dr. H erm. 8 e v h. Privotdozent für Nationalökonomie, wurde zum nichtetatsmüßigen außerordentl. Professor ernannt. (L) Liga. E>ne Lissaer Jüdin, die in drei Jahrhunderten gelebt hat, ist dieser Tage in Newyork gestorben. Pauline Brooks wurde am 19. April 1797 in Lissa geboren, stand also bei ihrem Tode im 113. Lebensjahre. Von ihr kann man wirklich sagen, daß sie an Altersschwäche verschied. Sie war niemals ernstlich krank und brauchte auch, nachdem sie die Hundert überschritten hatte, keine Augengläser. Kurz bevor sie starb, rief Mrs. Brooks ihre Tochter, Mrs. Fanny Stream, bei der sie.in der 109. Straße wohnte, zu sich und klagte über Müdigkeit. Kaunr hatte sie die Hände gefaltet, als sie den Kopf sinken ließ, die 'Augen schloß und sanft verschied. Vier Generationen, neun Kinder, vierzig Enkel, 20 Urenkel und drei Ururenkel, überleben die Greisin. Ihr Mann starb vor 24 Jahren. Die Verstorbene schrieb ihr langes Leben folgenden Regeln zu: Sorge dich nicht, iß drei kräftige Mahlzeiten am Tage, gehe früh zn Bett und stehe früh auf; lebe mäßig. Kattowitz. Stadtältester Salomon Wiener konnte am 24. Februar sein 25 jähriges Jubiläum als Präsident der jüdischen Gemeinde feiern. Wien. Siegsr. Schweinburg. Kanzleidirektor des Niederösterreichischen Gewerbevereins, erhielt den Titel „Kaiser!. Rat". Zürich. Die Generalversammlung der Israel. Kultusgemeinde wählte Jakob Abraham zum Präsidenten und Karl Straus und B. R u b i n st e i n neu in den Vorstand; wiedergewählt wurden S. Brandenburger, H. Schmeklerski, Guggenheim-Ris und S. Bloch-Wyler. Rew-Nork. Reuben Brainin, der beüräische Dichter, ist nach mehrmonatlichem Aufenthalt wieder nach Europa abgefahren. Ans der zionistische« Bewegung. Köln. Im Februar betrugen die Spenden für den Jüd. Nationalfonds (einschließl. Oelbaumspenden, verkaufter Nationalfondsmarken u. Telegrammblankette) 33 650 Jk Wien. In einer vom „Jüd. Nationalverein für Oe st erreich" einberufenen Volksversammlung referierte Abg. Dr. Straucher über die politische und parlamentarische Situation, die politische Lage der Juden und die Tätigkeit des jüdischen Klubs. Die Ausführungen des Redners wurden von der überaus zahlreich besuchten Versammlung, an-der Juden aller Parteischattierungen und nationale Studenten teilnahmen, mit großem Beifall ausgenommen. Während und nach der Versammlung war Dr. Straucher Gegenstand überaus herzlicher Ovationen. Lemberg. Am 27. Februar hat sich in stark besuchter Versammlung der Jüdischnationale F-rauenverband für Galizien und die Bukowina konstituiert. Es wurde u. a. beschlossen, die Errichtring von Mädchenghmnasien und -Mittelschulen in die Hand zu nehmen und die Kulturarbeit in Palästina energisch zu pflegen. Der Verband beschloß nach heftiger Debatte den offiziellen Anschluß an die zionistische Organisation. Petersburg. Obwodl sich die zionistische Organisation in Rußland von jeder revolutionären Betätigung fernhält, gilt der Zionismus unter dem konstitutionellen Regime als illegal. Was er auch unternehmen mag, ist offiziell verpönt. Neulich trat die Regierungsanschauung in einer Senatsentjcheidung unverhohlen zutage. In Warschau hatte sich nämlich eine jüd. Kolonisations- und Answanderungsgefellschaft „Palästina" gegründet. Vom Gouvernementsamt war bereits die Registrierung zugelassen worden, aber die Polizei erhob dagegen Einspruch. Nun hatte sich mit der Materie der Senat zu befassen, und er gab der Polizei recht. In Sin er Motivierung verwies er darauf, daß die esellschaft „Palästina" gemäß den Informationen des Ministeriums des Innern ähnliche Ziele wie die zionistischen Organisationen verfolge; die Tätigkeit dieser Organisationen führe aber zu nationaler Absonderung der jüdischen Massen und zur Verschärfung der feindlichen Gefühle gegen die russische Bevölkerung und habe deshalb als verboten zu gelten. Also wird gegen den Zionismus verfahren, währeno die russische nationalistische Presse Tag für Tag mit Emphase den edlen Standpunkt verficht, daß ein jüdischer Exodus aus Rußland für dieses das größte Glück wäre. Es ist aber noch nicht bekannt geworden, daß die nationalistischen 4785