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Neue jüdische Presse · 1910-03-11 · Heft 10 (11.3.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 10. Empfehlung für mich. Er mag ja schnell und sicher wirken, aber — nicht tief, nicht eindringend genug. Wo bliebe wohl die Wollust, die Süßigkeit der Rache, wenn er die Qualen gar nicht empfindet, wenn er nicht einmal weiß, daß und warum er bestraft wird! — Wenn ich Deinen Vorschlag ausführe, dann schwindet er dahin, ohne Ahnung, daß es überhaupt eine Strafe ist." „Du scheinst Deine Grübeleien von früher noch behalten zu haben", sagte Mman bitter. ,Mie Du Deine chemischen Kenntnisse", gab Baruch zurück. „Aber Du kannst versichert sein, diese werden mich eher und besser zum Ziele führen, als Dein Gewaltstreich." „Nur kann ich mir nicht denken, wie das geschehen soll." ,Dn hast eigentlich das Recht verwirkt, Offenheit von mir zu beanspruchen, aber ich bin kein solcher hartherziger Teufel wie Du; darum will ich Dir alles sagen, soweit ich mir selbst darüber , klar bin. Nur eines bitte ich Dich: mir zu glauben, daß ich keine Ausflüchte mache. Höre, so tmchr ich lebe, so wahr meine Eltern tot sind, es wird fortan meine heiligste und erste Aufgabe sein, ihren Tod nicht ungerächt zu lassen. Aber ich muß Zeit und Gelegenheit abWartcN, nm meine Rache peinigend, quälend und grausam zu gestallen. Sie soll ihren Höhepunkt erreichen nicht in seinem Wien Körper, sondern in' seiner lebendigen Seele! Da soll sie mit stahlharten, unbeugsamen Zähnen Nagen und fressen, bis sein Herz wie eine leere Honigscheibe durchlöchert ist, bis das Gift in alle seine Adern sich ergossen!" >,Das llingt nicht übel. Fahre fort, Baruch." ,D°s kann ich jetzt noch nicht. Darum frage nicht, wie ich es anstellen werde, denn ich weiß es selbst noch nicht Bis' jetzt ist es nur erst wie eine' Spukgestalt in meinem Geiste, aber noch kein fester Plan. Er hat ja eine Tochter, —ein einziges Kind —sein Liebling — sein Augapfel — sein ganzes Glück. Nein, Niman, laß mich einstwellen noch schweigen. Ich weiß ja gar nicht, ob mir mein Vorhaben gelingen wird." — „Es wird Dir gelingen", unterbrach ihn Niman. „Es muß Dir gelingen! Ja, Du hast recht. Mein Plan war plump, klotzig, stümperhaft. Du aber wirst wie ein Künstler arbeiten! Nicht wie ein grelloderndes Strohfeuer, sondern mit einer feinen, intensiven Stichflamme! Oh. Deine Rache wird gräßlich, sie wird schrecklich sein!" ,Hier hast Du meine Hand darauf. — Aber, ich bitte Dich nochmals, mir freie Bahn zu lassen. Störe mich nicht und verlange keine Rechenschaft über mein Tun." „Ich versprech es Dir, Baruch," rief Niman noch immer mit wilder Begeisterung. „Ich will . warten, geduldig warten, bis Du mir Deinen Erfolg verkünden kannst. Dann aber, Baruch, dann; mußt Du mich an Deinem Jauchzen teilnehmen' lassen. Denn vergiß es nicht, auch ich hasse ihn tätlich, abgrundtief, seit und wie er mich zum „akademischen" Fährknecht gemacht hat. Freilich War dieses kein todeswürdiaes Verbrechen, das nur durch seine Vernichtung hätte gesühnt werden können: aber, wenn Dine Rache Dich berechtigt ihn mit Keulenschlägen nieberzuschmettern, so darf ich für mich doch die Freude der quälenden "Nadelstiche beanspruchen. Willst Du mich also an Deiner Wollust teilnehmen lassen, Baruch?" Bei diesem Ausbruch ungerüaelten, leidenschaftlichen Hasses konnte Baruch. trok seiner finstern Rachepläne, ein Gefühl des Widerwillens nicht unterdrücken: er wendete sich weg und gab keine Antwort. Nach einer Weile fragte er unvermittelt: „Wo finde ich die Gräber meiner Eltern?" „Ja. ja; gehe zu Dinen Eltern", fuhr Mman in gleicher Extase fort; „Sic werden Dr helfen. Deinem Plane eine feste Form zu geben. Du wirst sie leicht finden; es sind die beiden lebten Gräber. Seit damals ist noch keiner gestorben, außer denen, die — schon beim Leben wt find." ' VIL ' Von tausenderlei , leidenschaftlichen Gedanken erreat. begab sich Bimaw' jekt nach d"m Friebbok« Es war gut, daß er den Weg dahin noch von früher kannte, denn auf dem einsamen, schlechten Feldwege hätte er bei der herrschenden- Finsternis kaum jemand - gefunden, der ihn zurechtweisen sollte. Weit und breit war weder Mensch noch -menschlich- R-hansuna vorhanden, eine ti-fc. acisterhafte Stille herrschte in der ganzen Umgebung, und derknirschende Sand unter seinen Füßen war als der einzige Laut vernehmbar. Dnnoch aber kam es ihm vor. als ob er doch nicht ganz allein sei; er batte das Gefühl, als folge ihm jemand nach. Er hatte sich darum schon öfter plöblich rnngewendet, um den Nachschleichenden?u überraschen, aber nur die Sträucher waren sichtbar,- die zu beiden Seiten des elenden Sandweacs enivv-wucherten. — und er lächelte daher über seine kindische Einbildung. . Jebt betrat er den Friedhof, der noch aenau so armselig, vernachlässigt und von Unkraut überwuchert war. wie wahrend seiner Kindheit; söaar derselbe verrostete Drahtzau» auf den halbver- - morfchten Hvlzpfählcn -'war noch--vorhanden. Er Frankfurter IfraelMcheS FamÜirnblati. erinnerte sich, daß schon damals die Absicht bestand, eine feste Ziegelmauer errichten zu lassen. Alle Gemeindemitglieder waren von der Notwendigkeit-durchdrungen; doch waren sie arm, von den Machthabern schon zu oft auSgepreßt worden, als daß sie die geringe Summe hätten aufbringen können, um die Gräber ihrer Angehörigen vor böswilliger Entweihung der Menschen und vor dem unabsichtlichen Zerwühlen der Bestien zu schützen. Pietät ist eine hervorragende Eigenschaft des jüdischen Volkes; doch sie muß in den Hintergrund treten, wenn die Lebenden de» eiserne» Druck des Schickals /so schwer empfinden. Volkmann wollte diesen zerfallenen Drahtzaun in Erinnerung behalten; das Gefühl der Pietät war noch nicht tot in ihm. (Fortsetzung folgt.) Bunte Chronik. Aus Pani Heyse's Jugend-Erinnerungen. Anläßlich Paul Heyse's 80. Geburtstags sei daran erinnert, daß seine Mutter als die Tochter eines jüdischen Ehepaares, des Berliner Hofjuweliers Salomon Jakob Salomon und dessen Ehefrau Helene geb. Meyer, geboren wurde. Sie und ihre stnf Geschwister traten zum Christentum über und nahmen den Namen Saaling an. Wir lesen über diese Geschwisters in Paul Heyse's Jugend-Erinnerungen: „Der älteste Bruder starb, noch ehe ich geboren wurde. Der zweite, Louis Saaling, brachte es in kaufmännischen Stellungen zu einem etwas ansehnlicheren Vermögen, das er sorgfältig durch eine wunderliche Sparsamkeit zu vermehren suchte. Während er eine offene Hand hatte, wo es -galt, seinen Schwestern oder guten Freunden Liebes zu erweisen, kehrte er u. a. die Kuverts empfangener Briefe um, sie zu Antworten zu benutzen, kaufte ans einmal mehrere Dutzend Ausschuß-Handschuhe und rauchte Zigarren, die ,sein nicht eben verwöhnter Neffe standhaft verschmähte. Dabei war er ein weichherziger, heiterer, allgemein beliebter Mann, der es zu hohen Jahren brachte und bis zuletzt die drei steilen Treppen seiner Wohnung an der Schönen Aussicht in Frankfurt a. M. nachts' hinanfstieg, nachdem er in der Ressource stundenlang dem Kartenspiel der anderen zngesehen hatte . . . -Mir, der ich oft in .seinem Hause dort zu Gast war, bewies er das herzlichste Wohlwollen, bis ich die Tochter Kuglers heimführte, während er selbst mir eine reiche Erbin zugedacht hatte. Er vergoß Tränen über die törichte Verbindung, als er zu meiner Hochzeit nach Berlin kam, und seitdem erhielt ich auf alle Briefe, in denen ich die Geburt meiner Kinder oder andere wichtige Neuigkeiten anzeigte, nur eine Bescheinigung des Empfanges mit ein paar kühlen Zeilen — in einem nmgewendcten Kuvert. Und doch hatte auch er, da er sich zu heiraten entschloß — in schon etwas vorgerückten Jahren, doch immer noch ein ansehnlicher Freier —, bei seiner Erwählten nicht auf goldene. Schätze gesehen, sondern die Tochter eines armen Landarztes zu seiner Frau gemacht, die bei seiner ältesten Schwester Marianne als Zofe im Dienst gestanden hatte. Sie war weder schön, noch sonderlich gebildet, er aber folgte seinem Herzen, das ihn auch nicht betrog, und hatte es dieser Heirat wegen auf ein langes Zerwürfnis mit zwei anderen seiner Schwestern ankommen lassen, die ihm eine „ebenbürtige" Gattin gewünscht hatten und sich weigerten, diese ehemalige „Dienstmagd" als Glied ihrer Familie zu betrachten. Erst als die Frankfurter Schwester, verwitwet und einsam geworden, von langem Siechtum heiingesucht wurde, kam eine Versöhnung zustande: denn Tante Emilie widmete sich der früheren Gegnerin mit so aufopfernder Treue, daß diese ihr tausendmal alles Unholde, was sie ihr angetan, abbat. Daß dies so spät geschah, war: begreiflich, wenn auch - nicht verzeihlich. Diese Frankfurter Schwester meiner -Mütter, Tante Klärchen, ihrer Mutter Wohl won" allen Geschwistern die Aehnlichste, da sie dieselben großen, schwarzen Augen und den üppigen Wuchs hatte, Ivar an einen reichen Frankfurter Bankier, Herz, verheiratet, einen großen, stattlichen, jovialen Mann, an den sich meine früheste Kindererinnerung knüpft. Ich war in meinem dritten Jahr mit . den Eltern nach Frankfurt gekommen, wo der Onkel sich nicht zu gut hielt, meinen Spielkameraden zu machen. Er trug mich auf seinem breiten Nacken im Galopp den langen Korridor hinauf und hinab, und wir rasteten von dem Ritt gewöhnlich in einer Speisekaminer, wo allerlei süße Vorräte aufgespeichert, waren., Ich durfte aber von einer gewissen Himbeermarmelade erst naschen, wenn ich „Esel asinus" gesagt hatte, vielleicht das einzige Latein, über das der Onkel gebot, jedenfalls das erste, das über meine Zunge kamnnd sich mir mit Hilfe des süßen mnemotechnischen Mittels tief einprägte. In diesem vornehmen jüdischen Hause aber verkehrte nicht nur die Frankfurter Geldaristokratie, sondern auch die Blüten der Bundestagsgesellschaft, durch den Glanz der- Empfaugsabende, Bälle.-und Diners, die Liebenswürdigkeit der Hausfrau und die Schönheit der Töchter angezogen! Die Aelteste, Adelheid, heiratete einen Rothschild, die zweite und schönste, Helene, einen Attaches der französischen Gesandtschaft, Gras Salignac de Fönclon, die dritte, Marianne, einen Baron Haber. Es war kein Wunder, daß Frau Clara Herz die Vermählung ihres Bruders mit einer armen, zum Dienen genötigten Landarzttochter für eine Mesalliance hielt, zu der sie ihre Zustimmung nicht geben könne. Sie hatte vergessen, daß sie von einem Vater abstammte, den der Hofmarschall, wenn er ihm schriftlich eine Bestellung zu machen hatte, mit „Lieber Jude!" anzureden pflegte." Sprechsaal. (Ohne Berantworllichkeü der Redaktion.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich bitte Sie höflichst um Abdruck der folgenden Erklärung in nächster Nummer Ihres geschätzten Blattes: Gegenüber der in verschiedenen Zeitungen von Herrn Rabbiner Dr. Breuer veröffentlichten Erllärung stelle ich namens des Vorstandes der Zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altona fest, daß die in der Hamburger Versammlung von Herrn Dr. Klee abgegebene Erklärung nicht in jener Form erfolgt ist. Wahrheitsgemäß hat Herr Dr. Klee entsprechend seiner eignen am 27. Februar im „Hamburger Fremdenblatt" veröffentlichten Zuschrift der Versammlung .mitgeteilt, daß die Gründer der „Moria" ohne Borwissen der organisierten Orthodoxie vorgegangen seien. Diese Mitteilung war Herrn Dr. Klee von einem Vorstandsmitgliede der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" durch Vermittlung eines Parteigenossen unmittelbar vor der Versammlung zugegangen. Die Richtigkeit dieser Darstellung dürste von keiner Seite bezweifelt werden. Hochachtungsvoll! mit Zionsgruß Sr; Kalmus. ftkalser Friedrich Quelle Offenbach a. M* —■ Gegen Gicht und RhenmatlsmuB bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl) Frankfurt a. M., Stallburgstr. 9. Tel. 259 n. 71. Deutsches Beobachtungen pr. 8t. 1 Mk. ErmitptppflVtelongen, Recherchen n. Auskünfte vlvVUi v. 5 Mk. an. Gewissenhafte Ausführung n. strengste Diskretion als mehrjähriger Polizeiu. Kriminalbeamte gesichert. ■ Frankfurt a. M. Neue Zell 68.1. -Tel. 11391.- Wocherr-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luaeb.) Samstag, dm 12. März (--- 1. Adar scheut): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. L Uhr — Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 10 Min., in Berlin 6 Uhr 45 Min. Wochenabschnitt Pekudei. — Wir hören von der Summe der eingehobenen Silberschekel,. von den Priestergewändern, dem Esodmantel, Brustschild, Oberrock, Gürtel und Stirnschild, von der inneren Einrichtung der Strftshütte, von deren Einweihung und der Priesterweihe. — Die Aufstellung der Stiftshüttc fand im Monat Nissan statt, vom Rausch Chaudesch an beginnend. Die Priester wurden jedoch schon zuvor — in den letzten Tagen des Monats Adar — geweiht. Lehre daraus: das Heiligtum ist an; sich nicht - Hauptsache, erst die Priester geben ihm Wert und Weihe, wie auch der prunkvollste Synagogenbau wertlos -erscheint ohne die frommen andächtigen.Beter. Schabbos „P a r s ch a s 'S che ko bi m". Es wird in einer 2. Thorarolle der Abschnitt von den Silberschekeln verlesen, die jeder Männliche vom 20. Lebensjahre an bringen sollte. Die Steuer, war eine gleichheitliche für Arm und Reich. . Die Silberschekel dienten zur Anfertigung der. Füße für die Bretter der Stiftshütte. Lehre daraus: Die Wohnung Gottes basiert auf dem Grundprinzip der Gleichheit aller vor Gott, das ist ihre feste Grundlage; — Als später keine Steuern-zum Baue mehr nötig waren, verwendete man die eingehobenen Steuern zu Gemeindeopfern, an ' denen auch alle durchaus gleichmäßig partizipierensollten. Das Borlesen der Pärschas - Schekolim vor dem Neumond War hatte dann den Sinn einer Mahnung, die Opfcrsteuer zu bringen, damit am 1. Nissan schon die „neue. Hebe" Verwendung finden kann.; Gleichzeitig ist diesmal Schabbos Rausch- Chandesch. Es tvird Halb-Halle! gesagt und eine 3. Thorarolle ausgehoben. Im Schacharis und Mussav.die Einschaltungen des „Schabbos Rausch- Chaudesch" und des „Schabbos Parschas' Schekolim". Sigmund Singer, Bsmeplatz 23 empfiehlt Stoffe für Hemn-Anzfige ungl Paletots zt» billigsten Preisen.

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