Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692665-2692674--05257-2700150- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mtttfle M Ilr. 9 des fcunftfttrtet lfmefitififten Iftmitiea61ftttes. RaffenstaNdhastigkett der Deutschen und der Juden. Jin „Tag" vom 19. Februar führt Herr G. Prosoroff in interessanter Weise ans, unter welchen Verhältnissen die Deutschen im Auslände und speziell in Rußland ihr Stammestum bewahren. Er stellt dabei fest, daß diejenigen Deutschen, die wirtschaftlich unabhängig, d. h. selbständige Bauern odergrößere Kauflentc sind, die treuesten und zähesten Bewohner und Erhalter ihres Stammestums sind. Unwillkürlich werde ich veranlaßt, Vergleiche anzustellcn zwischen der Assimilation der Deutschen und der Juden in eiircr stammesfreniden Umgebung. Während, wie Herr Prorosoff ausführt, der abhängige Deutsche (kleine Handwerker, Krämer, Angestellte) ans wirtschaftlichen Gründen seiner Umgebung sich anpassen muß und schließlich ganz darin verschwindet, hat der wirtschaftlich Unabhängige sein Stanlinestum meist treu bewahrt. Gerade das Gegenteil trifft bei den Inden zu. Hier sind es vorwiegend die ärmeren Schichten, welche die treuesten und zähesten Erhalter ihres Stammes und dessen ethischen und geistigen Güter sind. Die Mehrzahl der wirtschaftlich unabhängigen Inden (Bankiers, Großkausleute, Großindustrielle) stehen nur noch in losem Zusammenhänge mit ihrem jüdischen Volkstum. Letzteres oft auch nur unfreiwillig, weil der Antisemitismus die vollständige Assimilation verhindert. Wie erhebend dagegen ist z. B. die jüdische Treue eines Dorfjuden, dessen Vorfahren oft schon durch fünf und mehr Generationen hindurch als einzige oder fast einzige jüdische Familie in demselben Dorfe irgend eines abgelegenen Winkels des Westerwalds oder des Taunus oder sonst einer Gegend gewohnt haben. Fern ab von jedem jüdischen Zentrum lebt er nur seinem Berufe. Nichts oder nur weniges verbindet ihn mit seinen Stammes- und Glaubensgenossen, und doch gibt er sich Mühe, alles ihm vom elterlichen Hause tleberlieferte mit Gewissenhaftigkeit zu wahren. Und diese Treue unsrer jüdischen Masse ist cs, welche uns den Mut verleiht, für eine jüdische Zukunft zu arbeiten und zu — hoffen. Hamburg. L e o p. A b r a h a m. Aus de« Vereine«. Frankfurt a. M. Der vor etwa 3 Monaten gegründete „Verein selbständiger Israel. Handwerker" ersucht uns um Aufnahme folgender Zeilen: „Der „Verein s e l b st ä n d i g e r i s r a e l. Handwerker" bezweckt die Förderung des Handwerks unter den Israeliten: 1. Durch Austausch von Erfahrungen. 2. Durch Bekämpfung des bestehenden Vorurteils gegen Handwerk und jüdische Handwerker. 3. Durch Einwirkung an maßgebenden Stellen, bei Vergebung von Arbeiten und Lieferungen tunlichst jüdische Handwerker zum Mitbewerb heranzuziehen. 4. Durch Unterstützung der Mitglieder bei Vergebung von Arbeiten und Lieferungen. Durch rege Propaganda ist es uns gelungen, den Verein in der kurzen Zeit seines Bestehens auf ca. 60 Mitglieder zu bringen; doch hoffen wir in einigen Monaten den Besitz der doppelten Mitgliederzahl. Bedauerlicherweise haben es die älteren Meister und namentlich die, welche von der jüdischen Gemeinde und den zahlreich hier vertretenen jüdischen Institutionen mit Arbeiten bedacht werden, nicht für nötig gefunden, unserem Verein beizutreten. Dieser letztere Umstand hat wohl seine Ursache darin, daß bereits vor 25 Jahren hier ein gleicher Verein bestanden hat, der aber unter dem Drucke der verschiedenen israel. Institutionen — durch Entziehung von Arbeiten — wieder eingegangen ist. Unser Verein besteht aus jungen tüchtigen und völlig unabhängigen Meistern. Auch ist der heutige Zeitgeist ein ganz anderer, als vor 25 Jahren. Wir haben bereits unsere Propaganda eröffnet, Zirkulare mit Mtgliederverzeichnissen versandt. Wir haben den Vorstand der jüd. Gemeinde und die Vorstände der gemeinnützigen Anstalten auf unseren Verein aufmerksam gemacht, erfreulicherweise wurde uns vielerseits das größte Entgegenkommen gezeigt. Am 17. Januar d. Js. hielten wir unsere erste ordentliche Generalversammlung ab. Es wurden folgende Herren in den Vorstand gewählt: Leopold Schloß, Adolf Jacobsohn, Karl Rosenthal, Leopold Schewach, Leopold Stern, Herrn. Rosenthal, Selniar Gaus, Eugen Weiß, Max Schlesinger. Bor einigen Wochen sprach Herr Eduard Berlin aus Hamburg innerhalb unseres Vereins über die Entwicklung und das Vorgehen unseres Brudervercins in Harnburg und gab uns einige Winke für unseren Verein. Wir setzen die größten Hoffnungen irr die Zukunft, denir keine Stadt ist geeigneter, als gerade Frankfurt a. M., den jüd. Handwerkerstand zu heben und dem jüd. Handwerker Ansehen und Wohlstand zu verleihen. Auch in keiner anderen Stadt herrscht mehr Vorurteil gegen den jüd. Handwerker, als hier. Das mag wohl darauf zurückzuführen sein, daß es früher hier Handwerker gab, die das Handwerk gar nicht gelernt hatten oder wenigstens nicht die genügende Ausbildung besaßen. Doch heute wird das Handwerk fast ausnahmsweise von nur tüchtigen, intelligenten und genügend geschulten Meistern ausgeübt. Dies dein Frankfurter jüd. Publikum klarziclegen und zu beweisen, haben wir uns zur Aufgabe gemacht." Frankfurt a. M. Der Vortrag, den Rabbiner Dr. I. H o r o v i tz über „Joseph Hahn" im Verein für jüd. Geschichte und Literatur hielt, durste grade hier in Frankfurt lebhaftes Interesse beanspruchen, denn Joseph Hahn hat in Frankfurt gelebt und gewirkt. Joseph Hahn war, so entnehmen wir dem Bortrage, erster Rabbinatsassessor der Franks, jüd. Gemeinde bis zu seinem 1637 erfolgten Tode und ist besonders durch sein Werk „Joseph Omez" bekannt, das eine Fundgrube für die Geschichte des Ritus ujtb Kultus und im bibliographischen Sinne bedeutsam durch die Aufschlüsse ist, die es über Hahn's weitverzweigte religiöse, pädagogische und sozialorganisatorische Tätigkeit gibt, sowie über die Schicksale der Judengemeinde während des Fettmilchschen Aufstandes und des dreißigjährigen Krieges. Die Einwirkung der Kabbala, die damals überhaupt in Deutschland und besonders unter den Frankfurter Gelehrten viele Verehrer hatte, ist nicht zu verkennen, doch hielt sich Joseph Hahn von ihren Verirrungen -fern und benutzte sie wesentlich nach der ethisch-religiösen Seite. Ein in Oxford befindliches Manuskript, unter dessen Zugrundelegung der Redner eine Reuausgabc dieses Buches vorbereitet, gibt wertvolle Ergänzungen, «o hören wir, daß die Juden in Worms und danach aucki hier gezwungen wurden, christliche Predigten anzuhören. Von großer Wichtigkeit sind die ethischen Partien, durch viele Auszüge aus dem Talmud und der reichen ethischen Literatur des Mittelalters ein getreues Spiegelbild der Ethik des Judentuins, aber nicht ininder lehrreich durch die Aussprache der eigenen Ansicht und Erfahrung. Der Verfasser ist ein scharfer Gegner des Hausbettels, seine Forderungen über die Behandlung der Dienstboten zeigen .ihn auf einer Höhe, die noch heute nicht erreicht ist, auch seine methodischen und pädagogischen Grundsätze sind größter Beachtung wert. Charakteristisch ist, daß Joseph Hahn gelegentlich ethische Sentenzen durch deutsche Sprichwörter belegt, über Kalenderbcrechnung, sowie über christliche Feiertage schreibt, wobei er ein lateinisch geschriebenes Buch benutzt, und für notwendig hält, daß der Jude mit dem Neuen Testament vertrant ist, damit er im Gespräch mit Nichtjuden jedem Angriff auf seine Religion begegnen kann. Redner wurde auch dem persönlichen Wirken Joseph Hahn's im vollen Umfange gerecht. Ihm war es zu verdanken, daß die Frankfurter Judenheit die dancaligen schweren Zeiten leichter ertrug. Redner würdigte hierbei besonders den von Hahn gegründeten Tugendbund. Mannheim. Im Verein für jüd. Geschichte und Literatur hielt Reichstagsabg. Dr. Ludwig Frank einen Vortrag über „L u d - w i g B ö r n e". Berlin. Den 8. Rechenschaftsbericht des Vereins „Jüd. Arbeiterkolonie in Weißens e e" entnehmen wir, daß die Anstalt im letzten Jahre mit 727 Man» die bisher höchste Ziffer erreicht hat. Die Gesamtlöhne der Kolonisten in den Fabrikbetrieben betrugen Jk. 27 205 (pro Mann und Tag J£. 1,15), wovon den Kolonisten JL 15,828 für Menagegeld in Anrechnung gebracht wurden. Der Verein bedarf dringend des Beitritts weiterer Mitglieder, wenn er seinen Aufgaben in der bisherigen Weise auch weiterhin gerecht werden soll. Pretzburg. Der Israel. Waisenmädchen- Wohltätigkeit s-Verein verausgabte im Jahre 1909 2880 Kr. sür die Verpflegung von sechs Waisenmädchen, 130 Kr. als Erziehungsbeitrag für' zwei externe Waisenmädchen, 398 Kr. für Kleider und Wäsche, 115 Kr. für Lehrmittel, 361 Kr. für Heizung und Beleuchtung usw. — Der Israel. Volksküchen- Verein verausgabte im Jahre 1909 11 175 Kr. für Viktualien und 4944 für Regie. Der Verein gibt Gencüse, Suppe und Brot zu je 4 Hellern die Portion ab. Personalien. Berlin. Professor Alexis Hollaender, der bekannte Musikpädagoge, Dirigent und Komponist, vollendete am 25. Februar sein siebzigstes Lebensjahr. Wien. Ludwig H e v e s i. der berühmte Fenilletonist des „Wiener Fremdenblattes" und des „Pester Lloyd", hat sich in einem Anfall hochgradiger Nervosität erschossen. Ludwig Hevesi wurde am 20. Dezember 1843 geboren, stand also im 68. Lebensjahre. Ans der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Der vor kurzem neu konstituierte Gruppenverband kann bereits auf einen Erfolg blicken. Vorigen Sonntag wurde in Q f f e n - b a ch. nach einem Vortrage des Herrn Leopold Perlmutter eine Ortsgruppe gegründet, der sofort 33 Herren üeitraten. . Berlin. Am 27. und 28. März findet hier eine Plenarsitzung des Zentralkomitees statt. Den einzigen Gegenstand der Tagesordnung bildet dieAusspracheüberdieaugenblickliche Lage im Zionismus. Laut Beschlutz des geschäftsführenden Ausschusses werden zu der Sitzung die Vorstände aller Ortsgruppen und Gruppenverbände eingeladen werden. Im übrigen sind die Sitzungen nicht öffentlich. Der Delcgiertentag der Zionistischen Bereinigung für Deutschland wird im Spätsommer in Frankfurt a. M. stattfinden. Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben werden. Mainz. Am 28. Februar fand die Generalversammlung unserer Ortsgruppe statt. Nach Erstattung des beifällig aufgenommenen Jahres-Berichts, der aus einen in der letzten Zeit erfolgten Mitgliederzuwachs Hinweisen konnte, wurde dem Vorstande Entlastung erteilt. Die Neuwahl des Vorstandes hatte folgendes Ergebnis: H. Bloch (1. Vors.), L. Lazarus (2. Bors.), H. Mayer (Schriftführer), S. Guggenheim (Kassierer), L. Friedmann, PH. Weil und Is. Berney. Alsdann erstattete Herr Bender ein Referat über den Zionismus vor und nach Herzl. Die darauffoglende Diskussion führte nach lebhaften Erörterungen zur einstimmigen Annahme folgender zwei Resolutionen: 1. Die am 28. Februar tagende Generalversammlung der Mainzer Ortsgruppe verurteilt aufs schärfste den in den letzten Tagen von einer Anzahl deutscher Zionisten veröffentlichten Aufruf und spricht dem Präsidenten, Herrn David Wolsfsohn, und der Gesamtleitung ihr volles unerschütterliches Vertrauen aus. 8. Die am 28. Februar tagende General-Bersammlung der Mainzer Ortsgruppe mißbilligt ent-, schieden den in der „Jüdischen Rundschau" erschienenen Artikel „Salonzionismus" und erwartet, daß fernerhin derartige Veröffentlichungen, die «ine Verhöhnung der deutschen Zionisten bedeuten, unterbleiben. Leipzig. Zur Förderung der Tachkemonischule in Jaffa hat sich hier infolge der Bemühungen des Herrn Jakob Blumenfeld ein Lokalkomitee gebildet, dem außer dem Genannten die Herren Blümlein, Ettlinger, Liebes, R o senfelder und Rechtsanwalt Dr. Wohrizek angehören. Der über Erwarten gute Erfolg eines Ausrufs zeigte, daß in allen jüdischen Kreisen reges und gabenfreudiges Interesse für ideale Bestrebungen herrscht, wenn es mm durch rührige und sich der Sache mit Hingebung widmende Männer geweckt wird. Ans der Lehrerwett. Breslau. Dem Jahresbericht des biessgen Rabbinerseminars entnehmen wir: Anläßlich der Feier zum Gedächtnis des Stifters, des Kommerzienrats Jonas Fränckel, wurden am 27. Januar 1910 die Kandidaten vrs. de Haas, Lewkowitz und Obstler als Rabbiner entlassen. Im abgelaufenen Studienjahr wurde das Seminar von 27 Hörern besucht. Den Vorsitz im Lehrerkollegieum führte Dr. Brann bis zum 29. September 1909, sodann aber Dr. Horovitz. Die Seminar-Bibliothek umfaßt 18012 Druckwerke in 24 051 Bänden und 212 Handschriften in 248 Bänden. Dem Bericht voran geht die Fortsetzung der von Dr. M. Brann verfaßten „Geschichte der Juden in Schlesien." Kabel. Unter Dmsitz des Provinzialichul-ats Leist fand am hiesigen israel. Lehrerseminar die Entlassungsprüfung statt, die sämtliche 5 Kandidaten (Kaiser-Mardorf, Katzenstein und Stern-Jesberg, Strauß-Sterbfritz und Weinberg- Frankfurt) bestanden. Freiburg. Bezirks- und Konferenzrabbiner Dr. Adolf Lewin ist seinem schweren Herzleiden erlegen. Bor wenigen Monaten hat er sein umfassendstes Werk „Geschichte der badischen Inden seit der Regierung Karl Friedrichs" vollendet. Er war Rabbiner der Bezirke Freibnrg und Sulzburg und zugleich geistliches Mitglied des badischen Oberrats der Israeliten. lb) Posen. Auch in diesem Jabre werden in betreff der jüdischen Lehrer unserer Provinz merkliche Veränderungen eintreten. Lehrer Brzez i n s k i - Miloslaw tritt in den hiesigen städtischen Schuldienst ein und wird die Stelle des verstorbenen Lehrers Bernstein übernehmen. Me verlautet, soll Lehrer Isaak aus Tirschtiegel zu seinem Nachfolger ernannt worden sein. In Samter tritt Lehrer Borchardt in den Ruhestand. Zu seinem Nachfolger ist Lehrer K atz-Bore! bestimmt worden. Für di« durch den Tod des Lehrers Gold-