Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Seite 3. Frankfurker AsraeMMS FcmülieMati. ihr tätig war, 'Samstags geschlossen hatte, und während zwei Jahrzehnten Präsident der von ihm mitbegründeten „Adath Jeschurun"-Gemeindc. — In Brooklyn ist S a l o m o n May, Vorstandsmitglied des Jnd. Waisenashl-Vereins, wenige Wochen nach seinem Bruder Moses gestorben. Er war ans Elsaß-Lothringen gebürtig und hat ein Alter von 75 Jahren erreicht. — In Chicago starb jüngst — 78 Jahre alt — Wolf Schur, der Herausgeber der ersten jüdischen Zeitung Amerikas. 0 leuüMon. 0 Auge um Auge. Roman von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pnlvermann. „Das tut mir aufrichtig leid, Baruch," erwiderte Niman, während seine Hand mit einer unbeschreiblich müden und traurigen Bewegung über die Stirn fuhr. „Ich weiß es Ivirklich nicht, warum ich es tat. Aber Du kannst mir glauben, Baruch, in den einsamen, langen Stunden habe ich mir diese Begegnung mit allen Freuden und Wonnen ansgemalt; doch jetzt, wenn ich daran denke. . ." Er brach ab und fuhr erst nach einer Weile fort: „Aber es ist doch auch ganz natürlich. Ein Mensch, dessen Aufgabe es ist, sein ganzes Leben gegen die Strudel und Wirbel des Stromes zu kämpfen, daß auch sein Denken und Fühlen aus der Ordnung kommt und in einen Wirbelsturn, hineingerät. — Ist cs nicht so, Baruch?" Bei dem abgrundtiefen Elend, bei der unendlichen Hoffnungslosigkeit, die sich mehr als in Nimans Worten in seinem Ton und Gebärde bekundete, war Baruch derartig erschüttert, daß er kein Wort hervorzubringen vermochte. „Ja, Baruch; es ist so," fuhr Niman fort, seine Frage selbst beantwortend. „Es ist der ewige Kampf mit diesem verdammten Strom, der mich so gemacht hat. Von den vielen Rätseln, die das Leben enthält und die mich fortwährend peinigen, ist dieses wenigstens das einzige, das ich gelöst: die Unruhe der Stromeswellen haben sich auch in mein Herz eingeschlichen." Er gab sich jetzt einen energischen Ruck und fuhr mit veränderter Stinime fort: „Nun aber werde ich den Spieß umdrehen und Dich schelten, Baruch. Warum hast Du mich nicht von Deiner Ankunft benachrichtigt?" „Es geschah absichtlich," erwiderte Baruch mit vor Wehmut bebender Stimme; „ich wollte Dich strafen, weil Du alle meine Briefe unbeantwortet gelassen hast." „Was? Mich strafen? Mich willst Du strafen! Oh, Baruch, sei gesegnet für dieses Wort!" rief Niman, am ganzen Leibe zitternd. „Gott sei Dank, daß mich noch jemand einer Strafe wert hält. Ich bin also doch noch Mensch und nicht bloß fühlende und atmende Maschine! — Jetzt, Baruch, hast Du wieder alles in mir ins rechte Geleis gebracht, jetzt können wir wieder zusammen plaudern. Also, fange an zu erzählen." „Wo?" fragte Baruch unbehaglich. „Wo Du willst. Oder, nein; ich will es Dir bequem machen und Dich fragen. Hast Du schon den Doktor gemacht?" „N—n—nein!" kam es zögernd hervor. „Was? Bist Du durchgefallen? Baruch, Du?" „Ich bin nicht durchgefallen, denn ich habe gar kein Examen gemacht. Bald nach Deiner Abreise habe ich meine Pläne geändert." „Bist Du Kaufmann geworden?" „Auch nicht; ich bin Staatsbeamter." „Etwa Vizekönig der Tartaren?" „Spotte nicht, Niman," wehrte Baruch barsch; „der Präfekt hat mich zu seinem Privatsekretär ernannt." Niman sprang wie elektrisiert ans. „Und das bedeutet natürlich' den üblichen „Wasser"-Gang," sprach er langsam, Baruch einen durchdringenden Blick zuwerfend. „Ja; es bedeutet den üblichen Vorgang. Doch es hat gar keinen Zweck, die Sache jetzt zu erörtern. Die Aussicht war zu glänzend, und ich hatte nicht die Kraft, der Versuchung zu widerstehen; es war ein gewaltiger Schritt vorwärts, um meine ehrgeizigen Pläne zu verwirklichen. Du siehst, ich bin wenigstens kein Heuchler, um diesen Schritt durch unwahre Phrasen zu entschuldigen. Ich gestehe Dir frei und offen, meine weltlichen Motive ein. Meinem Chef habe ich diese nicht verheimlicht, und er hat sie stillschweigend gutgeheißen. — Dennoch aber, Niman, kannst Du mir ehrlich glauben, daß ich auch noch einen andern Beweggrund für mein Tun hatte. In meinem Gehirn spuckt irgendwo der Gedanke herum, daß ich, im feindlichen Lager, eher imstande sein werde, den Angehörigen meines Stammes bessere Dienste leisten zu können. Die Schreckenstage unserer Ausweisung lebten noch zu frisch in meiner Erinnerung, daß ich nicht manches unternehmen sollte, um ein Gleiches von meinen Glaubensgenossen abzuwenden. Freilich bis jetzt habe ich noch keine Gelegenheit gefunden, um meine Absichten in Taten umzusetzen; doch höre ich nicht auf, nach einer solchen zu suchen. Jetzt, Niman, weißt Du alles, und Du hast begründete Ursache, mich als Fremden, als Abtrünnigen zu behandeln. — Soll ich gehen; Niman?" Dieser schwieg, während sein grober Stiesel irgend eine» Takt zu schlagen versuchte; vielleicht zu der Melodie, die er erst vor einigen Tagen in der Synagoge bei dem Gottesdienste gehört. — Endlich aber sprach er doch, und eine grimmige Wut war in seinen Worten unverkennbar: „Meinetwegen! Meine Aufgabe ist es, Ruder- 'tangen zu führen, nicht aber, Moral- und Sittenpredigten zu halten. Wenn die Vorsehung es so bestimmt hat, daß alle Gesetzgeber dieses Landes ihre Fähigkeit dazu erst erlangen, wenn sie vom Tauswasser bespült werden, dann ist es Sache der Vorsehung und nicht meine. Ebenso mußt Du Deine Taten mit Dir selbst ansmachen. Ich enthalte mich jedes Urteils." „Dann können wir ja weiter plaudern," sprach Baruch mit einer gewissen Erleichterung. Er wollte die Erbitterung in Ninians Worten nicht heranshören. „Was willst Du also noch mehr wissen?" „Die Ursache Deines Herkommens?" „Der Präsekt ist bei Koratow zu Besuch, uud ich befinde mich in seiner Begleitung." „Du — Du — wohnst bei — bei — Koratow?" scharf und schneidend stieß Niman diese Frage hervor. „Natürlich! Als Begleiter des Präfekten, wo sollte ich sonst wohnen?" „Du bist Koratows Gast und sitzest an seinem Tische?" „Baruch preßte die Lippe» zusammen und fragte mit scheinbarer Gleichgültigkeit: „Was ist denn eigentlich Befremdliches dabei?" „Nun," erwiderte NMian allsweichend, „kommt cs Dir nicht selbst fremd vor? Als Du aus Ditomsk weggingest, hast Du wohl eher an alles andere gedacht, als daran, daß Du eines Tages Koratows Gast sein wirst. Ist es nicht so, Baruch?" »Ja, ja; es ist so. Aber, Niman, dennoch wirst Du mich nicht täuschen. Ich kenne Dich ja zu genau, daß Du eine Frage nicht zlveirnal wiederholen wirst, liur uin einen Gegensatz zwischen einst und jetzt festzustellen. Also, bitte, sage mir, welche Absichten verfolgst Du mit Deiner wiederholten Fragestellung?" Statt zu antworten, bedeckte Ninian sein Gesicht mit beiden Händen, und Baruch mußte niit Befremden wahrnehmen, daß dessen ganzer Körper vor unterdrücktem Lachen sich schüttelte. „Willst Du mir nicht wenigstens die Ursache Deiner Lustigkeit sagen, damit ich mich auch daran beteiligen kann?" rief Baruch ernstlich böse. „Die Sache läßt sich näinlich nach zwei Seiten ausfasscn: sie birgt sowohl die höchste Komik, als auch den tiefsten Ernst in sich," erwiderte Niman, bei dem das Lachen schon wieder verflogen war. „Du freilich wirst diesem Humor keinen Geschmack abgewinncn." — Rach diesen Worten ging eine merkliche Veränderung in seinem Wesen vor, und mit kaum bezähmbarer Wut rief er laut: „Höre, Baruch, wenn Du bei Koratow als Gast weilst, dann bist Du der Gast des Mannes, der den Tod Deiner alten Eltern auf seinem Gewissen hat!" Baruch sprang entsetzt auf, und Nimans Schulter mit eisernem Griff erfassend, stieß er ihm mit heiserer Stimme das eine Wort entgegen: „Erzähle!" Mit einer kaum wiederzugebenden verächtlichen Gebärde schüttelte Niman den Arm von sich und begann: „Kurz vor Weihnachten bemerkten wir Inden, daß wieder irgend ein Teufel in die Mnschiks gefahren war. Finster und verbissen gingen sie umher, und es mehrten sich allerlei Anzeichen, daß sie abermals etwas Böses gegen uns im Schilde führten. Aber auch wir trafen diesmal unsere Vorkehrungen, um nicht, wie schon so oft, unvermutet überrumpelt und wie die Ratten im Loche ersäuft zu werden. Außerdem reichten wir Koratow eine „gewichtige" Eingabe ein und baten um seinen Schutz. Er schmunzelte vergnügt beim Anblick der Rubelscheine, und als er diese eingesteckt hatte, speiste er uns mit leeren Redensarten 'ab: wir hätten keinerlei Grund zu Befürchtungen, wir sähen Gespenster, und er werde schon für unsere Sicherheit Sorge tragen. Wir konnten also nichts weiter tun und mußten uns mu dem Versprechen begnügen. Wir paßten aber weiter gut auf — eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen, — bis wir vor Aufregung müde und matt wurden und schließlich ganz froh waren, durch die scheinbar herrschende Ruhe unsere Besorgnis einschlüfern zu können. — Aber auch die Hunde hatten gut aufgepaßt, und in einer bitterkalten Winternacht, als sie merkten, daß unsere Wachsamkeit nachgelassen, da brach der Sturm über uns herein. Nur wenige Juden konnten sich zur Wehr setzen, die meisten, und mit ihnen Deine Eltern, flohen aus der Stadt, von der schwachen Hoffnung beseelt, draußen irgendwo ein Unterkommen zu finden. Jeder hoffte, Koratow werde, seines Versprechens eingedenk, sofort das Militär aufbieten, um die Ruhe wieder herzustellen. Und wirklich stürmten bald ein paar hundert Kosaken nach dem Städtchen, die die Juden — mit ihrer Knute bearbeiteten» weil sie durch ihre Flucht einen panischen Schrecken unter den Christen verbreitet hätten. Den wilden asiatischen Horden war es nicht schwer, viele von uns nach der Stadt wieder zurückzupeitschen, wo sie von dem rasenden Pöbel halbtot mißhandelt wurden; vielen aber war es doch gelungen, der Knute zu entgehen, indem sic tiefer in den Wald sich verbargen. Deine Eltern befanden sich unter ihnen. Nach drei Tagen, als der Pöbel ausgetobt hatte, kehrten die meisten wieder zurück; doch Deine Eltern waren nicht dabei. In einer solchen Bedrängnis, wo jeder für das eigene Leben zittert, da hört jedes Mitleid, jedes Erbarmen auf. Keiner hatte sich um die zwei allen Menschen gelliminert. Sicherlich waren sie plan- und ziellos im Walde herumgewandert, bis sie vor Angst, Hunger und Kälte ihren Geist aufgaben. Nach mehrtägigem Suchen fanden wir sie, starr und steif, als Leichen, noch im Tode sich fest umschlungen haltend. So, Baruch, starben Deine Ellern. Koratows niederträchtige Heuchelei, ja, wie es sich später herausgestellt, durch sein direktes Anstiften,; hat er sie in den Tod getrieben." (Fortsetzung folgt.) Spenden. Für die Dr. Oppenheimer'sche Siedlungsgenossenschaft in Palästina sind außer den bereits ansgewiesenen 437.— noch eingegangen: Herrn. Salomo» 5,— A. Jchenhäuser 5,— Dr. Cäsar Heckscher und Frau anläßlich ihrer Vermählung 50,— 7, i. Sa.: 497,— M Außerdem gingen für den Jüd. Nationalfonds ein: Cons. Z. B. 0,60 M Büchse Wolf, Börnestr. 3,89 „ Vortrag Dr. Gottlieb 4,55 „ _9,04 M. »TiMrlch - Offenbach a. M. —— Gegen Gicht und Khemnatiamns bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. M., Stallbnrg3tr. 9. Tel. 259 n. 71. Wochen-Kaleuder. (Zeuanguvrn cuiaj ocm i.uach.l Samstag, den 5 März (— 24. Adar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 45 Min, Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr — Min., in Berlin 6 Uhr 30 Min. Wochenabschnitt: Wajakhel. — Inhaltlich erinnert Wajakhel an die Sidra Terumoh. Wiederholt hören wir, wie Moses das Volk zum Spenden von Rohstoffen für die Stiftshütte aufforderte und wie reichlich die Gaben flössen. Man mußte ausrufen, es sei mehr als genügend gesammelt. Es werden in der wiederholten Zusammenfassung die Künstlerhandwerker Bezalel und Oholiab genannt und von den Teppichen, Brettern, von der goldnen Lade, dem goldnen Tisch für die Schaubrote, dem llmstvoll getriebenen Leuchter, dem Räucher- und Ganzopferaltar erzählt. Den Schluß des Wochenabschnittes bildet die Beschreibung des „Umhofes", auch dies als Wiederholung. Bemerkenswert ist die Einleitung der Sidra mit dem Gebot der Sabbatheiligung mitten in der Geschichte des Stistshüttenbaues. Die Tradition leitet daraus die Lehre ab, daß am Sabbat eben jene Arbellen verboten sind» die beim Ban der Stiftshütte vorkamen. — Freitag und Samstag (11. und 12. März) ist Ran sch-ch au d c sch Adar scheni. FaMiUeuvalyrichte«. «eburten. Einen Sohn, Herrn Georg Frühling (Lewin), Glogau. Einen Sohn, Herrn Max Cosman (Wehl), Elberfeld. Einen Sohn, Herrn Albert Flörsheim (Fath), Frankfurt. Einen Sohn, Herrn Hugo Nathan, Regensbnrg. Eine Tochter, Herrn Martin Weilheimer (Seidenberger), Nürnberg. Eine Tochter, Herrn Leopold Feibel (Stamm), Frankfurt. Eine Tochter, Herrn Siegfried Rothschild(Simon), Friedberg. Eine Tochter, Herrn Otto Grünsfelder (Heimann), Frankfurt. , Einen Sohn, Herrn Alfons Vogel (Schuster), Aschaffenburg. Verlobte. Rosa Pinkus, Templin — Joseph Borchardt, Berlin. Erna Pfefferkorn, Frankfurt, Hansa-Allee 7 — Alfred Faller, Zürich. Tilla Spangenthal, Frankfurt, Friedrichstr. 15 — Paul Pfefferkorn, Frankfurt, Hansa-Allee 7. Hedda Salomün, Neuwied — Herrn. Arensberg, Zürich.