Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692665-2692674--05249-2700146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IsrarrkfirrLer ftllklitisches fmiiilimlilntt. mit ■■ "" "1 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. * Hedakti-« ««d Hefchäfrsstelle: ' r.—1 1 Jnsertionspreise: —! AbonnementSpreiS pro Bierteljahr: In Frankfurt a. M. MI. 1.— frei ins HauS. Bet der Post 1 abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (eintrankfurt a. nr.. vUdelerKraße 4/6, Lcke Lleichstraße Die viergespaltene Petitzeile. Die Reklamezeile. 25 Pfg. 100 .. schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Yeteftn 10507. Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. ' Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, Beilagen: j sonstige Länder Mk. 2.— ----- > Heranrgevep: Kalx ( Preis nach llederrtnkunst. ' 8. Jahrgang. Freitag, den 23. Mar 5670 (4. März 1910). Nr. 9. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Der' Niedergang der spaniolischen Sprache. — AuS den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Personalien. — — Feuilleton: Auge um Auge. — Spenden. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Der Niedergang der spaniolischen Sprache. Von Dr. Israel Nuerbach-Konstantinopcl. Die Geschichte der Juden in allen Ländern der Erde ist nicht nur durch eine Deroute gekennzeichnet, die größere Pansen des Friedens und der Behaglichkeit kaum kennt, sondern vor allem auch durch eine Ungleichmäßigkeit, Sprunghaftigkeit und Zickzackrichtung, die bei normalen Völkern nicht zu treffen find. Kaum sind sie an einem Endpunkte angelangt, haben sich an ihm festgesetzt, haben chre ökonomische und kulturelle Entwicklung begonnen und ihre Selbstentfaltung einem gewissen Höhepunkt entgegengeführt, — als sie plötzlich gezwungen werden, ihre Zelte abzubrccheu und eine neue Heimat mit neuen Entwicklungsanfängen aufzusuchen oder auch an' Ort und Stelle durch den Wechsel der äußeren Umstände so aus chrer inneren Bahn geworfen werden, daß sie sich auf einmal geirötigt sehen, an sich selbst eine völlige Transformation vorzunehmen und etwas ganz anderes aus sich zu machen, als sie bis dahin im Sinne gehabt hatten. Sie' sind in Wahrheit der Spielball der Vorsehung, die cs ihnen nicht erlaubt, sich ihre politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Daseinsformcn nach ihrem eigenen Willen zu gestalten, sondern chnen im ewigen Wechsel bald diese bald jene Entwicklung aufdrängt, die durch ganz außerhalb chrer liegende, von ihnen absolut nicht mitbestimmte Ereignisse verursacht werden. Sc erging es den Juden in Spanien. Soeben hatten sie unter der Herrschaft der Mauren eine glänzende Bahn durchlaufen und strebten immer höher, als sie plötzlich niedergedrückt wurden, weil — die Christen die Anhänger des Halbmonds verdrängten; und sie mußten schließlich die gastliche Pyrenäenhalbinsel verlassen, weil die Kirche inr Streben, dem Königtum die Gewalt zu entreißen, die Inquisition geschaffen hatte. Sie nahmen. Sprache und Kultur mit in die Türkei, mußten die letztere aber gegen ihren Willen langsam verlieren, Iveil das Land, das sie beherbergte, ein kulturloses war und blieb; und sie sind nun auch daran, die erstere, ihre Sprache, einzubüßen, weil — das Volk, unter dem sie leben, eine politische Wandlung mit kulturellen Folgen durchgemacht hat. Von dieser letzteren Erscheinung sei hier im besonderen die Rede: Die sephardischen Juden des ottomanischen Reiches verlieren ihre von den Väter ererbte spaniolische Sprache, weil die Türken am 24. Juli 1908 chre große Revolution gehabt haben. Die Verbindung zwischen dieser Ursache und jener Folge ist ganz einfach. Solange das Osmanenreich selbst innerlich tot war, unter der Tyrannei des despotischen Hauptes alle Glieder zum Starrkranipf verurteilt waren, das Blut in seinem ökonomischen Organismus nicht zirkulierte, der kulturelle Stoffwechsel zwischen seinen Elementen nicht vor sich ging, blieb jeder Teil des Ganzen in sich abgeschlossen, unberührt und unbeeinflußt von dem anderen, mehr oder Iveniger sich selber und seinem historischen Trägheitsgesetze überlassen. Die türkischen Juden lebten in sich selber versunken dahin als eigenes „Millet", ohne Interesse daran, sich nach dem Dasein der anderen umzusehen, und ohne Zwang, sich etwa gar ihrer Art, ihren Lebensformen oder chrer Sprache anzupassen. So war es ihnen möglich, die Sprache, die sie aus den sonnigen Gefilden Kastiliens mit herübergenommen, nur mit leichten Veränderungen, die zum Teil aus ihrem eigenen Erbe, deni Hebräischen, stammten, in ihrer Mitte zu konservieren. Da kam auf einmal die Revolution, das Reichsinnere wurde erschüttert, das Blut begann, hin und zurück zu strömen, die ethnischen Elemente stießen aneinander und schlossen sich zusammen, und das politisch dominierende Element begann seine Einwirkung auf alle übrigen auszuüben. Von diesen! Momente an hörte die Isolierung der jüdischen Gruppe auf, die Epoche der „Juden in der Türkei" erreichte ihr Ende, und die Epoche der „ottomanischen Juden" oder der „jüdischen Ottomanen" nahm ihren Anfang. Und nun beginnt für sie dieselbe Entwicklung wie in Rußland, nämlich daß sie die Reste ihrer althergebrachten, einst auf demselben Wege ihnen aufoktroyicrten Sprache aufgeben iniissen, um sich mehr oder minder eifrig der Sprache ihres Staates zu bedienen. In Rußland sehen wir diesen Prozeß in vollem Gange, in der, Türkei seine erste, interessante Etappe. Während aber im Moskowiterreiche der Kampf der beiden Sprachen ein sehr zäher ist und das „Jiddisch" nur langsam dem Russischen Platz macht, weil das „Jiddisch" eine ziemliche Kultur in sich verbirgt, eine neue eigene Literatur sich schuf und überzeugte Anhängerscharen organisierte, wird zweifellos der Fall des Jüdisch-Spanischen ein rapider sein; denn keine innere Kraft hat es dem Türkischen entgegenzusetzen, eine spaniolische nennenswerte und existenzwürdige Kultur ist nicht vorhanden. Mehr aber noch als diese Differenz der beiden „Jargone" wird der politische Gegensatz an den beiden Zentren entgegengesetzt wirken. Der Russe, der den Juden russisizieren will, tut es mit Gewalt und Haß und erntet dafür Haß und Widerstand; der Türke ottomanisiert mit Brüderlichkeit und Freiheit, und der Jude wirft sich ihm an den Hals. Es wäre aber verfehlt zu glauben, daß diese Metamorphose an einem einzigen Tage begann. Sie tat es ebensowenig, als die türkische Revolution an einem Tage stattfand. Vielmehr sind, ebenso' wie die Revolution schon jahrzehntelang, ja fast drciviertel Jahrhunderte, vorbereitet wurde, schon seit Jahrzehnten Anfänge zu diesem Sprachwechsel zu beobachten. Bereits in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts sind literarische Versuche auf diesem Gebiete zu verzeichnen, wovon die im Jahre 1867 gegründete jüdisch - türkische Zeitung „Scharkis" (der Orient) Zeugnis ablegt. Dieser Schritt schien aber freilich so sehr gewagt, daß der Herausgeber es vorzog, anonym zu bleiben. Gleichwohl wurden die Versuche fortgesetzt: 1872 erschien in Konstantinopel der „Zenion" (die Zeit); 1876, von Nissim Niego herausgegeben, in derselben Stadt der „Geridis-Tergums" (die Uebersetzungszeitung) und her „Ustad" im Jahre 1889 in Smyrna, herausgegeben von Moses Fresco. Schon 1869 war sogar ein besonders auffallendes Experiment gemacht worden mit dem „Saloniki (Salonik), der gar in vier Sprachen auf einmal, in Spaniolisch, Türkisch, Griechisch und Bulgarisch, herauskam. Allein alle diese Versuche mußten scheftern, keine einzige dieser Zeitungen hatte Bestand, die Zeit, aus der eigenen Sprachgrenze herauszubrechen, war noch nicht gekommen, die politischen und ökonomischen Vorbedingungen fehlten noch. Wem es aber auffallend erscheinen mag, daß diese Beispiele seit der türkischen Revolution (mit einer einzigen, sofort verschwundenen Ausnahme) keine Nachahmung fanden, der möge sich vor Augen halten, daß eine kulturelle Revolution nie so schnell ihr Ziel erreicht wie eine politische, daß hier erst eine neue Generation den neuen Typus schafft. (Schluß folgt.) Ans den Geschehniffen des Tages. Das offizielle Organ der Deutschen Konferenz - Genieinschast der Alliance Jsraölite Universelle „Ost und West" bringt in der Märzuummer folgende Bekanntmachung: ,Wir haben den deutschen Mitgliedern der Alliance die erfreuliche Mitteilung zu machen, daß es dem seitherigen Präsidenten Herrn Geheimrat Goldberger gelungen ist, die Neukonstituiernng des Vorstands der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft vorzubereiten. Nach seinem Vorschlag wurde bereits, wie aus dem Bericht über die siebente Tagung vom 8. Februar ersichtlich, Herr Justizrat Max Fuchs- Berlin einmütig zum Mitglied des Präsidiums gewählt. Jetzt ist es Herrn Goldbergers herzlichem Bemühen geglückt, in Herrn Jnstizrat Berthold Timendorfer - Berlin einen hervorragenden Kandidaten für die Präsidentschaft der D. K.-G. zu gewinnen. Von den zwanzig stimmberechtigten Mitgliedern der D. K.-G. haben achtzehn sofort telegraphisch freudig zugestinimt. Der Kooptierungs» vorschlag in das Zentralkomitee ist zur Beschlußfassung für die nächste Sitzung nach Paris geleitet worden. Herr Timendorfer ist Mitglied des Vorstands der Jüdischen Gemeinde Berlin, Großpräsident der 11. O. B. B.-Logen, einer der stellvertretenden Vorsitzenden des Hilfsvereins der Deutschen Juden und war schon immer ein Mitglied und treuer Freund der Alliance. Sem ausgezeichneter Charakter, seine volle Sachkenntnis, seine große Klugheit und Arbeitskraft haben ihm allseitige Anerkennung und Liebe gebracht. In der neuen Stellung, die das öffentliche Vertrauen der Glaubensgenossen ihm zuweist, wird er, wie in den anderen von ihm verwalteten