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Neue jüdische Presse · 1910-02-25 · Heft 8 (25.2.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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&xau&futtet frirlitifdire fomilirnblatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. ALonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. IM (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, j sonstige Länder Ml. 2.— M-daLlio« und Srrmltturt 2. m.. vULelerßraße 4/6, Lcke Lleichstraße 10507. Herausg-Ver: Kalg $et*. , Jnsertionspreis«: Die viergespaltene Petitzelle. 35 Pfg. Die Reklamezeile. m „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkrit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. - Freitag, den 16. Adar 5670 (25. Februar 1910). Nr. 8. 8. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Im Irrenhaus! — Brief aus Rußland. — Der russische Mendelssohn. — Aus aller Welt. —Personalien. — Aus der zionist. Bewegung. — Feuilleton: Auge um Auge. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. Allgemeine Mitteilungen. — Woch en» Kalend er. — Spenden. — Briefkasten. — Familien-Nachrichten. Im Irrenhaus'. Nicht nach dcni Frankfurter Afsenstein und nicht nach einer seiner Schwesternaiistcilten will ich den 'Leser führen. 'Auch keine statistische oder sonstige Untersuchung über die Inden in den Irrenhäusern soll es sein. Sondern . . . Doch ich muß Dir, lieber Leser, vorerst ein Geschichtchen erzählen. Irgendwo, ich glaube in Schilda, blüht eine christliche Kirchcngemeinde gar besonderer Art. Wer in den würdigen Kirchenrat gewählt werden will, der muß »achiveisen, daß sein Geldbeutel schwer mit Goldstücken gefüllt ist — denn nur eine gespickte Geldkatze bürgt sür den nötigen Verstand ihres Besitzers! —, sowie ferner, daß er mindestens einen Inden als Schwiegersohn hat und seine lveltumspannende Toleranz auch noch erweist, indeur er mit den Juden die geniütvolle Palmzweig- und Paradiesapfel-Zeremonie ihres Laubhüttenfcsles feiert. Ich hatte nun kürzlich das seltene Glück, hinter einer spanischen Wand einer Sitzung dieses Kirchenratcs beizuwohnen. Es ging sehr lebhaft zu. Ein Kollege halte beantragt, den Sonntag auf den Montag zu verlegen, denn der Sonntag anl Sonntag verletze als religiöse Einrichtung das Gewissen der Atheisten und es gebe nun einmal in der Gemeinde auch zahlreiche Atheisten.- Einige reaktionäre Fanatiker meinten darauf, man müsse in einer christlichen Gemeinde den christlichen Sonntag wahren. Sie stießen aber auf den heftigsten Widerstand der Mehrheit, die höhnisch fragte, ob nicht die Religion vor allen Dingen aus die Unreligiösen Rücksicht nehmen müsse, der Religiösen sei sie ja doch sicher. Beschämt schwieg die Minorität. Noch anderes Lehrreiche brachte die Sitzung. Mer . . Aber ich sehe den Leser unwillkürlich das Haupt schütteln. So etwas könne ja garnicht bei Christen Vorkommen! Das wäre ja der reine Wahnsinn! Stimmt. Bei Christen kommt so etwas wirklich nicht vor, und Wahnsinn ist es auch; doch bei uns Juden ist dieser Wahnsinn leider nicht selten selbstverständliche Wirklichkeit. Stelle Dich, lieber Leser, nur einmal hinter die Tür des Beratungszimmers manch' einer jüdischen Gemeinde, und Du wirst Ansichten hören, die den soeben von Schilda berichteten ans ein Haar gleichen. Es ist ja erst vor wenigen Tagen gewesen, als in der würdigen Vertretung der 20,000 Juden Breslaus einer dieser Vertreter mit der Begründung den Weiterbestand der einzigen ' jüdischen Gemeindeschule Breslaus bekämpfte, „daß der Unterricht am Sonntag statt am Sonnabend einen Eingriff in die Gewissensfreiheit der Eltern bedeute, die nicht gewohnt sind, den Sabbat , zu halten," — und die Vertretung der 20,000 Inden Breslaus schwieg, statt ihrem Mitgliede einen Tritt zu geben, der es in der nächsten Minute auf die Straße gesetzt hätte. Und in eben diesem Breslau starb dieser Tage ein Mann, der seiner Zeit mit dem Austritt aus der jüdischen Gemeinde gedroht hatte, wenn der Rabbinatsstcllvcrtreter, zum Rabbiner gewählt würde, da er die Kühnheit gehabt habe, im Religionsunterricht gegen die Weihnachtsbäumc jüdischer Familien zu sprechen; der kühne Rabbinatsstellvertreter fiel trotz seiner vorher gesicherten Wahl'durch,, und der Gemeinde blieb ein stcncrzahlcndes Mitglied erhalten. Doch Breslau steht nicht, allein. Soll ich, um ans der Blutenlese andere Blüten deutschen Judentums herauszugreifen, eine Liste all' derer geben, sür die der Sessel eines jüdischen Gemeindevorstehers unerreichbar blieb, weil man sie wegen ihrer Wahrung eines jüdischen Lebens nicht für würdig hielt, oder vielleicht mit einer Liste all' jener Vertreter der Judenheit in Stadt und Staat aufwarten, deren Kinder öffentlich konfessionslos wurden, nachdem das Elternhaus im Innern konfessionslos gewesen war, oder deren Kinder als Erwachsene das Lob des Weihnachtsbaumes in der Kirche hören wollten, nachdem sie sich gemäß dem Rezepte des bekannten Geheimen Regierungsrats und Redakteurs einer jüdischen Zeitung, der auch heute noch unbehindert als Repräsentant der jüdischen Großgemeindc Berlin für der Judenheit Wohl ratet und tatet, in ihrer Kindheit alljährlich an dem Lichte des elterlichen Weihnachtsbaumcs erfreut hatten? Wahrlich, wer mit klaren Augen in das Getriebe der deutschen Judenheit hineinülickt, glaubt sich häufig in einem Tollhause. In der Verrücktheit steckt aber Methode, und zwar die Methode einer bewußten 'Assimilation, vor ihren letzten Konsequenzen nur gehindert durch die Bande der Familie und ein schüchternes Klopsen des Gewissens. Die sogenannte liberale Richtung der deutschen Judenheit ist durch und durch von diesem 'Assimilierungsstreben durchsetzt; ihrer Führer Aufgabe ist es, dagegen anzukämpfen, denn nur dann, wenn der Liberalismus eine Scheidewand zwischen Judentum und Assimilation zu machen versteht, vermag er über sich selber Klarheit zu gewinnen und positive Erfolge zu erzielen. Brief aus Rrchlaud. Die Abschaffung des Ansiedlungsrahons. — Die Petersburger Rabbinerkommission. Den Lesern des „Familienblattes" ist bekannt, welche Erwartungen auf die Kownoer Konferenz gesetzt wurden, wie aber diese keine der Hoffnungen erfüllte, teils wegen der Unmöglichkeit, über alles frei beraten zu können, hauptsächlich aber wegen der Haltung Winawers und seiner Partei. Eine der Fragen nun, die die Konferenz vor allem lösen sollte, war, die Neukonstitnierung des sogenannten Petersburg er Büros. Dieses Büro hat eine ungemein wichtige Ausgabe. Unsere beiden jüdischen Dumadeputierten müssen nämlich Männer zur Seite haben, welche sie in ihrer 'Arbeit betreffs der Judenfrage unterstützen. Die Leitung der jüdischen Politik in der Duma ist bei den jetzigen Verhältnissen sehr schwierig. Gerade in dieser Duma ist die Anzahl der judenseindlichen Deputierten sehr groß. Die eine der großen Parteien, die Rechten, erklären sich offen gegen die Juden, und die Nationalisten sind zwar offiziell keine 'Antisemiten, gehen aber bei der Judcnfrage mit der Rechten und unterstützen die Regierung auf Schritt und Tritt. Wie diese aber den Juden gegenübersteht, davon zeugen die andauernden Erlasse und Zirkulare, deren jedes den Juden einen neuen 'Nadelstich zufügen soll. Unter, diesen Umständen ist es klar, daß die Taktik der der jüdischen Deputierten in erster Linie eine Bcrteidigungstaktik sein muß. In dieser Taktik aber müssen sie unbedingt von anderen leitenden Persönlichkeiten unterstützt werden, denn jeder unvorsichtige Schritt kann der russischen Judenheit zu großem 'Nachteile werden. Diesem Zwecke nun soll das Petersburger Büro dienen. Ein solches Büro existiert nun schon seit einigen Jahren. W i n a w e r aber war mit ihm nicht zufrieden, und so eröffnete er auf der Kownoer Konferenz einen Kamps wegen der Personen, die in das neue Büro eintreten sollten. Und so ist es so >oeit gekommen, daß jetzt — drei Monate nach der Konferenz — das Büro noch nicht an seine Arbeit hat herantreten können, da die Deputierten es nicht anerkennen wollen. Und gerade jetzt märe seine Tätigkeit sehr iwtwendig, iveil es sich um eine wichtige Frage handelt: um das Einbringen eines Gesetzes zur Aufhebung des Ansiedlungsrahons. Dieser Frage wegen ist es zu einer Spaltung in den leitenden Kreisen der Judenheit gekommen. Die kadettisch-jüdische Intelligenz mit W i n a w e r an der Spitze ist der Ansicht, daß ein solches Gesetzesprojekt überflüssig und sogar schädlich sei, da es keine Hoffnung hat, in der Duma dnrchzugchcn, und seine Ablehnung einer direkten Bestätigung der jüdischen Rechtlosigkeit gleichkommen würde. Entgegen dieser Ansicht behaupten aber die jüdischen Deputierten Friedmann und Nisselowitz, Warten helfe bei der verzweifelten Lage der russischen Judenheit nichts, die jüdische Frage müsse in ihrer ganzen Furchtbarkeit ansgerollt werden, möge kommen, was da wolle. Sollte das Gesetz jetzt durchfallen, dann könne nian es ja später wieder einbringen. In Wirklichkeit aber ist es wohl möglich, daß die Mehrheit der Duma für die Abschaffung des Ansiedelungsrayons eintritt. Viele Oktobristen neigen dazu, den Rayon abzuschaffen, weil cs den Russen nur Nutzen bringen kann. Unter diesen Oktobristen befindet sich auch der Dumapräsident Chomjakow. Die Meinungsverschiedenheit betreffs dieser Frage hat bis jetzt die Mischen Deputierten davon abgehalten, den ernsten Schritt zu umernehmen. Doch verlautet, daß sich die Mitglis-

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