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Neue jüdische Presse · 1910-02-18 · Heft 7 (18.2.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 7 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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p Nr. 7 des Frankfurter ifmetitiftften FamilMklatks. Urtel Acosta?) Uriel dlcosta! — Das Wort tönt an unsre Ohren; eine flüchtige Erinnerung an Gntzkow's Schauspiel erfaßt uns, und der Gebildetere unter uns denkt vielleicht auch noch an Spinozas Lehrer. Und dann ist die Erinnerung verflogen, Gedanken ruft der Name in uns nicht hervor, denn nur wenig wissen wir von ihm. Und doch! Uriel Acosta verdient es, daß man weiß, wer er ist, daß man' sich seiner erinnert, wenn man von den Vorkämpfern für Gedankenfreiheit und Fortschritt spricht; er verdient es, daß man sich ein wenig in seine Persönlichkeit versenkt und etwas von seinem Geistesschatze kennen lernt. Dies zu veranlassen, den Namen dieses heldenhaften Märtyrers auf oem Altäre der Freiheit, dieser merkwürdigen Persönlichkeit mit dem naiven Menschenglauben und der Menschenliebe ans der einin Seite und seinem Heldenmut und Haß gegen seine Fanatiker auf der anderen Seite wieder in Erinnerung und Ehren zu bringen, dies ist die Aufgabe des Klaar'schen Buches. Klaar hat seine Aufgabe glänzend erfüllt, in doppelter Weise ersüllt. Bor allem, indem er uns eine erschöpfende, tiesdnrchdachte Darstellung der Persönlichkeit Arostas ans eigener Feder gibt und sodann durch den Abdruck jenes Lebensbekenntnisses, das Uriel Acosta wenige Stunden vor seinem f r e i Willi g e n T o d e i n f l a in m e n d e n W o r t e n nie - derge sch rieben hatte. , Die Klaar'sche Abhandlung zeigt, daß ihr Verfasser diesen Märtyrer voll und ganz erfaßt hat. Und das bedeutet nicht wenig! Denn Uriel Acosta ist nicht eine jener Naturen, die man durch logische Gedankengänge oder durch fleißiges Bücherstudieren erfaßt; nein! will man Uriel Acosta voll erfassen, dann mußman sich ganz in ihn versenken, muß seine Schmerzen mitfühlen und ihm auf seinen Gedankenflügen folgen; man muß in seiner Seele aufgehen, um sie zu verstehen. Und Klaar hat dies fertig gebracht in einer verhältnismäßig nur kurzen Studie! Aber nicht genug damit, hat Klaar seiner Abhandlung noch das Lebcnsbekenntnis Uriel Acostas in lateinischem Originale und deutscher Uebersetzung folgen lassen, das — mag man mit den Gedanken Acostas übereinstimmeu oder nicht — durch die Macht der Sprache, durch die Leidenschaft, die aus den Worten spricht, unwillkürlich initreißt. Die Majestät des Todes scheint schon ans den Zeilen zu ruhen, und das verleiht diesem Lebensbekenntnis jenen weihevollen Ernst, den es auch auf seinen Leser überträgt. Doch bei all dem Lobe, den ich dem Werke zollen muß, sei mir eine kleine, aber doch nicht unwichtige Kritik erlaubt. Klaar richtet nämlich V o r w n r f e gegen die A m st e r d a in c r Juden, erstmals, daß sie überhaupt Acosta dazu zwingen wollten, alle Riten und Vorschriften zu befolgen, sodann aber besonders gegen die häßliche Art, mit der sie ihn nachher verfolgten. Diesem letzteren stimme ich zu, dem ersteren muß widersprochen werden. Es ist dies ein Fehler, den die meisten Gelehrten, die nicht die innere Lage der Juden im Laufe ihrer Geschichte genau kennen, machen, daß sie das Judentum einfach mit den anderen Konfessionen vergleichen und ihre Betrachtungsweise danach richten. Wer aber nur ein wenig die jüd. Geschichte des Mittelalters kennt, wird es leicht verstehen können, wie die Ausschließung A c o st a s a u s d e r A m st e r d a m e r G c m e i n d e notwendig war. Man muß sich doch vor Augen halten, wie das Judentum dann von allen Seiten verfolgt, gehaßt und bedrückt ward. Es scheint fast unbegreiflich, wieso die Juden aus dem Labyrinthe ihrer Leiden wenn nicht ganz gesund, so doch noch lebensfähig heransgekommen sind. Fragen wir wirklich nach der Ursache, so müssen wir sagen: Nur die innere Einheit, die innere Festigkeit, das unbedingte, zähe F e st h a lt e n an dem altüberlieferten Glauben, an der alten Tradition, das allein hat das Judentum erhalt e n. Mit dem Momente, da der innere Glaube geschwunden wäre, hätte das Judentum seinen Untergang besiegelt. Und darum war gerade ein Mann wie Acosta trotz seiner aufrichtigen Begeisterung für die Grundlehren des Judentums, trotz seiner reinen Natur eine große Gefahr für das Judentum. Den» bei all seinem innigen Gottesglanben war er doch Freidenker, stimmte er doch nicht,mit allen einzelnen Vorschriften überein und hätte diese seine freie Auffassung doch innerhalb seiner Gemeinde weiter verbreitet. Und gerade, weil er eine so schwärmerische, hinreißende Natur war, wurde die Gefahr noch größer. Er hätte die. Jugend mit sich fortgerissen, er hätte dieser das Recht der Kritik an den alten Traditionen gelehrt, und wenn er selbst auch nicht gegen die Grundlehren des Judentums anftrat, wer bürgte dafür, daß seine Jünger dann in ihrer.Kritik nicht noch weiter gingen und schließlich alles niederrissen? Ist dies nicht bei Spinoza *) Ursel Acosta. Lebe» und Bekenntnis eines Freidenkers vor 300 Jahren. Von Alfred Klaar. Berlins Verlag von Georg Reimer. 1909. 2,50 M. wirklich eingetroffen Und hat Spinoza auch für den Knlturfortschritt nur segensreich gewirkt und Gutes geschaffen, für das Judentum waren sowohl er als Uriel Acosta von der größten Gefahr, und es war Pflicht der Gemeindeleiter, diese Gefahr abzuwenden. Also, von dem Standpunkt des Judentums ans, von dem Standpunkt der Geschichte ans kann man die Amsterdamer Gemcindeleiter keineswegs beschuldigen, daß sie Uriel Acosta zur Unterwerfung unter das Gesetz zwingen wollten und ihn, als er sich dazu weigerte, aus der Gemeinde verbannten. Mußte ich soweit Klaar widersprechen, so kann ich ihm, was die Art der Verfolgung betrifft, nur beistimmen. Diese grausamen und entwürdigenden Mittel, die man gegen Acosta anwandte, waren sicherlich häßlich, waren auch nicht jüdisch, sondern erinnern, wie Klaar treffend bemerkt, tatsächlich an die Ing u i s i t i o n. Diese Kritik, die ich üben mußte, ändert aber nichts am Gesamtnrteil über das Werk, denn für die Beurteilung der Acosta'schen Persönlichkeit — und die Darstellung derselben ist doch der Zweck des Buches — ist dies nicht von Bedeutung. Dr. N. Aus der zionistische« Bewegung. Jerusalem, 6. Februar. Es ist schon des öfteren an dieser Stelle hcrvorgehoben worden, daß die Auswanderung — zumal in letzter Zeit — große Dimensionen angenommen hat. Gleichzeitig wurde aber auch betont, daß nur wohlbegründete Aussicht auf halbwegs lohnende Beschästigung imstande sei, dieser Massenflncht einigermaßen Einhalt zu tun. Ich bin nun heute in der Lage, Ihnen mitzuteilen, daß diese.Aussicht, allerdings vorerst nur für einige fünfzig Familien, gegeben ist. Es sind dies die Mitglieder der Vereine „Achusat Nachloh" und „Kehilloh Jaakob". Um sich eine menschen- Iwürdige Existenz zu gründen, haben dieselben beschlossen, sich auf dem Lande anzusiedeln, um sich vom Ackerbau zu ernähren. Zu diesem Zwecke haben die beiden Vereine ans Eigenem die Summe von 30 000 Frcs. aufgebracht, hoffend, daß sie das fehlende Geld leihweise erhalten werden. Und sie haben sich nicht getäuscht. Das haben sie aber hauptsächlich dem Misrachi zn verdanken. Ans des Letzteren Veranlassung hat sich vorige Woche Herr Dr. Rup Pin-Jaffa vom Palästina- Amte nach Jerusalem begeben, um das nähere mit den beiden Vereinen zn verhandeln. Was beschlossen wurde, soll später mitgeteilt werden. Vorläufig sei bloß so viel betont, daß die Gründung der Kolonie gesichert scheint. Die Vereine zählen 55 Mitglieder, lauter jugendliche, kräftige, arbeitswillige und arbeitsfähige Leute. Außerdem ist eine Reihe von unterstützenden Mitgliedern angemeldet. Eingezahlt haben bereits: Direktor N. Schlesinger-Jaffa fünf Dunam auf den Namen seiner Eltern; derselbe 6 Dnnam auf seinen eigenen und seiner Tante Name»; zu je fünf Dunam: G. Cohn, L. Hagenau, Jakob Kaiser, Joses Flörsheim (auf den Namen seiner Eltern) und I. Jakobsohn, sämtlich in Hamburg. Dr. Erlanger hier hat gezeichnet und bezahlt für 25 Dunam (5 Dunam auf den Namen des Herrn Dr. Müller-Berlin geschrieben) und ebenso Dr. Rabbin 25 Dnnam. Das Dunam wird wahrscheinlich Frcs. 20 kosten. Laut Vernehmen übernimmt die Kolonie der Misrachi. Somit wäre das die zweite Großtat des Misrachi. Mit der Gründung der Tochkemonischnle — unstreitig nicht allein eine Großtat, sondern auch eine Wohltat von eminenter Tragweite — hat er sich um Jaffa verdient gemacht, init der Kolonie aber dürfte eine neue Aera für unsere armen Brüder im heiligen Lande beginnen. II. Aus de« Vereine«. Frankfurt a. M.» 17., Februar Der gestrige musikalisch-deklamatorische Abend des „M o n t e f i o r e" - B e r e i n s brachte wieder mancherlei Interessantes. Ueber dem Ganzen lag ein Hauch von orientalischer Träumerei, Glut und Hingebung. Diese Stimmungen kamen insbesondere in Rezitationen älteren und modernen Stils zum Ausdruck, einer Parabel von Mich. Sachs, einer Tierfabel von Jos. Labara, Gedichten von Clara Berg, Rud. Bäumbach und den farbenprächtig schildernden Dehmel. Von gleichem Gepräge war auch eine dramatische Szene aus „Apries, König von Egypten," einer fesselnden, poetischen Schöpfung aus der Feder eines jungen Frankfurters (Rob. Bauer), die sich vor allem durch eigenartige, kernige Sprache; und reichen Stimmungsgehalt auszcichnet. Um den Bortrag der genannten Werke machten sich Fräulein Betty B i r k e n st e i n und Herr F r i tz S t r a u ß in rühnilicher Weise verdient. Auch ans gesanglichem Gebiete war der orientalische Stil gewahrt, indenr das Programnr Arien aus den Oratorien „Israel in Egypten", „Elias", der Oper „Joseph und seine Brüder" und zwei herrliche Mirza Schaffy - Lieder von Rubinstein brachte, von denen das letztere durch, seine spezifisch jüdjsche Melodik bei den Hörern sichtliche Freude und impulsiven Beifall weckte. Fräulein Martha Heß und Her Oskar Eisenberg hatten sich der Gesangs - Vorträge mit viel Liebe angenommen und trugen mit warmem Empfinden und schöner Stimme vor. Die Instrumental-Musik brachte diesmal zwei Klavier-Quartette von Grieg und Mascagni, in sauberem Zusanimenspiele vorgetragen von den Herren P. Moltke, F. Rödelheimer, R. Trautretter und C. Bock, außerdem zwei Solostücke für Violine, in denen Herr Paul Moltke durch technisch bravouröses Spiel und zn Herzen gehenden, blendenden Ton begeisterten Beifall anslöste. Frankfurt a. M. In der am 12. Februar stattgefnndenen Generalversammlung des Zen - tral-Vereins israel. Gemeindemitglieder erstattete der Vorsitzende, Dr. med. W. Hanauer, den Bericht über das abgelanfene Jahr, welches eine lebhafte Tätigkeit des Vereins zeitigte. Es wurden 8 Mitgliederversammlungen, meist verbunden mit Bortrügen hiesiger und auswärtiger Redner, abgehalten. Der Mitgliederbestand weist eine weitere Zunahme von 60—70 Mitgliedern auf, die Kassenverhältnisse schließen mit einem für die laufende Arbeitstätigkeit des Vereins genügenden Fonds ab. Der ausscheidende Vorstand wurde mit Ausnahme des Herrn I. Hamburger, an dessen Stelle Herr A. L e v i gewählt wurde, wiedergewählt und um zwei Mitglieder — Hermann Schwab und Beruh. Reiß — verstärkt. Dem wiederholt dringend ausgesprochenen En suchen der Mitglieder, eine Wänderung des so reformbedürftigen Gemeinde-Regulatives bei den betreffenden Behörden veranlassen zu wollen, versprach der Vorstand (möglichst im Zusammenarbeiten mit denr Freisinnigen Vereine für jüd. Gcmeindeleben) seine vollste Aufmerksamkeit zu widmen. Berlin, 15. Febr. Die gestrige öffentliche Versammlung der Ortsgruppe der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" sah einen überfüllten Saal. Dr. Meier Hildesheimer erstattete den Jahresbericht, dem folgendes entnommen sei: Im Vordergründe der Arbeiten stand die Information der Staatsbehörden und Gesetzesvorbereitungsstellen über eine große Reihe von vitalen Fragen des jüdischen Lebens. Die beim Kriegsministerium und im Ministerium des Innern erlangten Zusagen werden ihre segensreichen Folgen bald erkennen lassen. Ausbau der Organisation, Herausgabe der Volksbücherei, Versendung des periodisch erscheinenden Bolksboten an die ländliche Bevölkerung, Aufklärungsarbeit in den Landgemeinden, Unterstützung von Gesinnungsgenossen und Organisationen in Kämpfen für die Erhaltung des traditionellen Judentums, Tätigkeit für Schulen und kulturelle Stätten in Palästina neben den vielen anderen Gebieten der Wirksamkeit boten ein reiches Arbeitsfeld und verlangen fortgesetzt die äußerste Anspanmmg aller geistigen und materiellen Mittel. In reinsachlicher Diktion, von hoher Begeisterung getragen, zeigte sodann Dr. med. Max C a l v a r y, der Redner des Abends, an Hand von Tatsachenmaterial, wie in den soeben beendeten! Posener Wahlkämpfen vor den Augen der einheimischen Bevölkerung durch die „liberale" Wahlgruppe der wahre liberale Gedanke in sein Gegenteil verkehrt worden sei, indem diese Kreise vor den terroristischsten Wahlmanövern nicht zurückschreckten, um der neologen Wählerschaft zunr Siege zu verhelfen. Freilich sei die Disziplinlosigkeit in den eigenen Reihen mitschuldig an dem für den positiven Block negativ ausgefallenen Wahlausgänge. Immerhin sei aber die Niederlage nur mit einer ganz minimalen Stimmenzahl erfolgt, und es beweise genügsam für das nunmehr in der Gemeinde erwachte Leben, wenn 90°/» aller Wahlberechtigten SU der Wahlurne erschienen seien. Diesen Erfolg, der höher einzuschätzen sei als das Wahlergebnis selbst, habe die Anfeindung der Gesetzestreuen durch die neologe Partei gezeitigt, deshalb bleibe die von dem positiven Block ergriffene Taktik auch vorbildlich für alle ähnlichen Kämpfe in anderen Gemeinden, die nach aller Voraussicht nirgends ausbleiben würden. Im Anschlüsse an das Referat zeichnete Jakob Rosen heim - Frankfurt a. M. in bekannter zündender Rhetorik die Richtungslinien, auf denen sich jegliches Eintreten für die heiligen Güter unserer Religion bewegen müsse. Es gälte immer und bei jeder Gelegenheit auf die ungeschmälerte, durch keine Zeitströmung geschwächte Vollkraft und Verbindlichkeit des Gesetzes der Väter für die Geschlechter der Gegenwart hinzuweisen. Unter dieser alten jüdischen Devise der „Treue im Gesetz" sei ungeachtet aller Stimmen aus Feindeslager, die mit „Minorität" und „Majorität der Bekenner des Judentums * in ihren Schlagworten operieren, der Sieg ein gewisser, wenngleich der Kampf oft ein schwerer sei. Darum sei auch jeder einzelne Gleichdenkende verpflichtet, seine geistigen und materiellen Güter für die Bestrebungen des orthodoxen Judentums voll und ganz einzusetzen. 48

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