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Neue jüdische Presse · 1910-02-11 · Heft 6 (11.2.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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äeikp p llr. 6 des JtauMurtei: IMitifdien «famUieiiblattfö. Die nächste Nummer bringen wir wieder als literarische SpeMlnnmmer. Warum kritisierte ich Herrn Wolfsohn'k (Z u r K l ä r u n g.) Der IX. Kongreß ist längst beendet. Ich ineinte: der Kongreß ist der Ort der offenen Kritik. 'Hach dem Kongresse — Parteidisziplin und stille Arbeit. Ich habe dementsprechend gehandelt: ich schrieb kein Wort gegen die von mir auf dem Kongresse scharf kritisierte Leitung. Vielmehr: ich schrieb an Herrn Wolffsohn, daß und wie ein frisches Zusammenarbeiten aller möglich ist. Ich schrieb nicht von Personen, sondern von Sachen: von Land-Development - Company, von Agrarfond, von Privatinitiative in Palästina usw. Leider bin ich gezwungen, aus meiner Reserve herauszutreten. Einerseits wird vielerorts gegen die ,ches Kongresses unwürdige Kritik" protestiert, wobei Herr Löwe unterstreicht, daß wenn Herr Simon von „der ungeschickten, taktlosen Kritik ganz unverantwortlicher Redner" schreibt, er darunter die Rede des Herrn Pasmanik meint. Andererseits — und das ist viel wichtiger: wenn man die nach dem Kongresse entstandene Polemik übersieht, so möchte man säst zum Schlüsse gelangen, als ob der ganze Streit sich darum dreht, ob ein paar russische Zionisten in der Zentralleitung sein sollen oder nicht. Dieser Schluß ist nicht bloß falsch, sondern er kann sür unsre Bewegung verhängnisvoll werden, wenn er Wurzeln faßt. Ich für meine Person kann versichern, daß ich wegen dieser kleinlichen Frage nicht das Odium „der taktlosen Kritik" auf mich geladen haben würde. Noch mehr: auch die überwältigende Majorität der russischen Zionisten denkt ebenso. Man kämpfte nicht für Personen, sondern für ein gewisses, ganz bestimmtes S Y st e m der zionistischen Arbeit. Der Beweis, was mich anbetrisft, ist sehr leicht zu führen: auf dem Haager Kongreß kämpfte ich mit allen Kräften f ü r Herrn Wolffsohn, und zwar in dem Sinne, daß man allen seinen Wünschen entgegenkommen soll. Denn Herr Wolffsohn sagte damals: „Gebt mir die Leute, die ich mir selbst erwählen werde, und Ihr werdet sehen, daß wir gute Arbeit leisten werden." Zwciunbeinhalb Jahre sind vergangen, — und da mußte ich die „taktlose Rede" halten. Warum? Aber vor allem eine formale Berichtigung: ich sprach nicht im Namen der russischen Zionisten. Ich verständigte mich mit niemanden, denn ich liebe überhaupt nicht, Meinungen anderer zu vertreten. Ich sprach als einfacher Delegierter und als nur vor meinem eigenen Gewissen verantwortlicher Redner. Das genügte mir. Ob die anderen mit mir einverstanden sind oder nicht, das ist mir gleichgültig. Zur Beruhigung des Herrn Löwe kann ich mitteilen, daß alle russischen Zionisten mit der Form meine Rede unzufrieden waren. Aber Form hin, Forin her, es handelt sich um den Inhalt. Und da muß Klarheit geschaffen werden. Im Zionismus sind zwei Elemente enthalten: das national-politische und das sozialkolonisatorische. Herzl hat immer das erste betont. Er meinte: dadurch bekommen wir die maßgebenden Faktoren im Judentum, und dann wird sich das Sozial-kolonisatorische leicht realisieren lassen, etwa wie es von ihm in seinem Roman „Alt-Neuland" skizziert ist. Auf demselben Standpunkte verharrt noch heute : Herr Nord au und . . , Herr Wolffsohn. „Organisiert das Judentum, sammelt Schkolim, und wenn wir mal recht stark sein werden, dann ... die plötzliche Umwälzung." Das Leben hat bewiesen, daß dieser Standpunkt falsch ist. Die meisten Juden sind keine Zionisten nicht deshalb, weil sie die Größe und Schönheit des zionistischen Ideals nicht kennen oder unterschätzen, sondern, weil sie an seine Realisierung nicht glauben. Durch keine Reden und mögen sie so formvollendet wie die des Herrn Löwe und so inhaltsvoll wie die der Herren Nordau und Wolffsohn sein — werden wir diese Skeptiker zu gläubigen Zionisten machen. Durch die Betonung bloß des nationalpolitischen Elements werden wir keine Brücke zwischen uns und dem übrigen Judentum schlagen. Nur durch das Konkrete wird der Glaube der Masse und die Tätigkeit des Einzelnen gestärkt. Ein Beispiel gerade aus der Polemik: da weist ein Herr darauf hin, daß man in Rußland sehr wenig Schkolim, aber viel für das Odessaer Komitee gesammelt hat. Jawohl! Weil der Glaube an die Schekelwirkung gesunken ist, wogegen das Odessaer Komitee sür ganz konkrete Dinge sammelt: für die Schulen in Erez- Jsrael, deren Bedeutung man unmittelbar erfassen kann. Man vergleiche auch die Sammlung in Rußland für die Land-Development-Company mit derjenigen in den anderen Ländern! Diese theoretische Ueberlegung mußte aber vor allem in Rußland und Galizien reifen, weil das Judentum dieser zwei Länder im wirklichen und. potentiellem Emigrantentum steht und vor allem die Schaffung eines neuen Jmmigrationszentrums benötigt. Dieses Judentum sucht nicht im Zionismus das Nationale, das es so wie so besitzt, sondern das Soziale, das Wirtschaftliche. Wollen Sie dieses Judentum zionistisch machen, so müssen Sie ihm ein neues Jmmigrationszentrum schaffen und wenn auch nur im Kleinen. Denn die Masse weiß, daß aus kleinen Anfängen große Resultate kommen können. Nebenbei bemerkt, nur vollständige Ignoranz in kolonisatorischen Fragen kann meinen, daß von Anfang an eine Massenkolonisation möglich ist. Wer einen Begriff von der Kolonisation Amerikas und Australiens hat, weiß, daß im Beginne nur Kleinkolonisation möglich ist. Und auch die jüdische Kolonisation Palästinas wird nicht anders möglich sein. Nur muß die Kleinkolonisation systematisch sein, worauf schon vielmals hingewiesen worden ist. Durch die Betonung des sozial-kolonisatorischen Moments können wir den Zionismus in der breiten Massfe stärken und eine Annäherung an andere jüdische Organisationen zu Stande bringen. Und ich sage ganz offen: wenn heute im Judentum eine neue Organisation entstehen würde, die nur kolonisatorische Zwecke in Palästina verfolgen würde und dabei auf demokratischer Basis aufgebaut wäre, so würde die zionistische Organisation auf eine kleine Gruppe von Ideologen zusammenschmelzen. Der beste Beweis: der Hilfsverein und die Zionisten in Deutschland, obwohl der Hilfsverein nur die kulturelle Arbeit im Orient verfolgt. Und noch etwas will ich offen heraussagen: Herzl wurde von der Masse vergöttert, weil man von ihm die baldige Schaffung eines neuen Jmmigrationszentrums erwartete. Und Herzl wußte es genau: deshalb hat er den Chartergedanken geschaffen, deshalb ist er mit dem Ugandah - Projekt gekommen. Demgegenüber kam man jetzt mit einer Phrase: „Warten ist keine Schande". Aber dann, wenn schon warten, so brauche ich keinen Zionismus, sondern kehre lieber zurück zum hehren Messiasglauben, der unsere Vorfahren solange gestützt hat. Oder aber — die Verzweifelung diktiert die tragischen Worte, mit denen Herr Zollschan sein Buch über das Rassenproblem schließt: das Judentum mutz verschwinden. Als ich auf dein IX. Kongreß unserer Leitung vorwarf, daß sie' keinen schöpferischen Gedanken hatte, meinte ich eben dies: sie verharrt beim Warten, und dadurch wird der Zionismus untergraben. Sie hat nichts unternommen, um die Kolonisation in Palästina zu ermöglichen. Herr Wolfssohn hat mit allen Kräften gegen die sofortige Schasfung eines Agrarsonds gekämpft, hat zusammen mit den anderen Direktoren der Bank alles unterlassen, um die Erwerbung von wirtschaftlichen Konzessionen in Palästina anzubahnen und hat sich sehr lau gegenüber der Konsolidierung der Land-Development - Company verhalten. Ja, welchen schöpferischen Gedanken sonst gab uns der Herr Präsident? Weiter. Jeder Schekelzahler spricht bei uns vom „politischen" Zionismus. Was er darunter versteht, ist ein Gemisch ton konfusen Ideen über geheime Diplomatie und Großthuerei. Aber unsere Leiter sollen doch wissen, daß der politische Charakter des Zionismus vor allem darin besteht, daß er die Masse zum Träger der Idee machen will. Nun, bevor eine Idee in die Masse eindringt, muß sie vor allem ihre Aposteln haben. Jede gesellschaftliche Bewegung beginnt mit dem Stadium des Apostolats, d. i. am Anfänge ist es eine auserwählte Elite, die unter Qualen und Leiden die neue Idee zu verwirklichen sucht und dadurch den Weg für die große Masse ebnet. Eine gesellschaftliche Bewegung entsteht nicht plötzlich, sondern wächst heraus — aus den objektiven Notwendigkeiten und aus der hingebenden Aufopferung der ersten Verfechter der neuen Idee. Und auch der Zionismus wird nicht anders verwirklicht werden. Die bewußten Zionisten müssen auch das Beispiel der zionistischen Praxis im vollen Umfange liefern, d. i. sie müssen darnach trachten, ihre materiellen und moralischen Kräfte sofort nach Palästina hinüber zu tragen, denn nur das ist Zionismus. Weder über Hebräisch, noch selbst hebräisch reden, ist Zionismus, sondern im hebräischen Land hebräisch leben und schaffen. Ich persönlich hätte nichts dagegen, daß unsere Leitung mit Sack und Pack nach Palästina übersiedelt und sich an der Spitze des Palästinenser Judentums stellen würde. Diese Tatsache hätte mehr für die Ausbreitung des Zionismus gewirkt, als Hunderte von gut eingerichteten Büros in Köln. Denn der echte Zionismus wird nie vom Golut, sondern nur von Palästina kommen. Diese Tatsache würde zündend auf das ganze Judentum wirken. Und unsere Leitung würde ungeahnte Energien'im Judentum wecken und hätte ganz andere Kräfte hervorgerufen. Aber solveit ging meine Forderung nicht, obwohl ich im „Haschiloach" und aus dem Kongresse die Idee verteidigt habe, daß alle bewußten Zionisten moralisch verpflichtet sind, innerhalb der nächsten 10 Jahre nach Palästina auszuwandern. Es wird eine Zeit kommen, wo dieser Gedanke allen einleuchteu wird, aber vorläufig verlangte ich von der Leitung etwas viel Bescheideneres: man spricht so viel von Anregung der Privatinitiative in der Palästinaarbeit; da sollte die Leitung mit dem Beispiel vorausgehen. Sie hat es nicht getan, rmd deshalb warf ich ihr Mangel an aufopferungsvollem Gefühl vor. Wenn man das für persönliche Kritik erklärt, s» beweist man nur dadurch, daß man die Rolle des Apostolats im ersten Stadium der zionistischen Verwirklichung nicht begreift.' Selbstverständlich bezieht sich dieser Vorwurf auf alle Zionisten, aber ich habe eine sehr hohe Vorstellung von einer Leitung: sie mutz in allen Beziehungen ein leuchtendes Beispiel für alle sein. Und je höher meine Vorstellung von einer Leitung ' ist, desto strenger sind meine Forderungen, desto schärfer mußte meine Kritik sein, als ich sah, daß die Leitung dieser hohen Vorstellung nicht entspricht. Im Judaismus aber ist die hohe, die allerhöchste Vorstellung von einer jüdischen Leitung begründet. Nur spießbürgerliche Genügsamkeit kann sich mit der „kaufmännischen Ordnung" in der zionistischen Leitung begnügen. Unsere Leitermüssen großeoderheiligeMenschen sein, denn sie leiten eine große und heilige Sache. Sie dürfen sicherlich keinen Assessoren - Zionismus treiben, der sich in der Lebenspraxis mit der plattesten Assimilation gut verträgt. Ja, nur der Spießbürger, der weder volle Liebe, noch tiefen Haß kennt, konnte in meiner Kritik Persönliches finden. Weil ich in unserem Präsidenten den großen Juden, den mächtigen Lenker, das leuchtende Beispiel finden möchte, deshalb war meine Kritik^ so erbittert, als ich mich überzeugte, daß er nur auf seine „Kaufmännischkeit" pocht. Wenn er wüßte, was für einen tiefen Schmerz er mir verlirjachte jedesmal, wo er das Wort „Kaufmann" vorbrachte! Ich hatte Lust, ihm zuzurufen: „Wer Sie verleumden sich selbst! Waren Sie Kaufmann im Geiste, würden Sie nicht Zionist sein!" Und nun kommen die Verteidiger und Friedensmacher, und man reduziert den ganzen Kampf darauf, ob ein paar Russen in der Leitung sein werden oder nicht! Es ist ja einfach zum verzweiseln! Aber nein, nicht um Personen handelt es sich! Es handelt sich darum, daß in der Leitung solche Zionisten sein sollen, die sich mit Leib und Seele der Bewegung hingeben, die sofort alles unternehmen werden, um eine systematische Kolonisation in Palästina entsprechend unsren momentanen Kräften zu ermöglichen, die durch ihr aufopferungsvolles Handeln den anderen Zionisten und allen Juden als Beispiel dienen können, die mit einem Worte nicht warten, sondern handeln. Ob diese Leute Ussischkin - Tschlenoff oder Wolffsohn - Kann heißen, ob sie ihr Golusdasein in Rußland oder Deutschland führen, ist mir absolut gleichgültig. Nur weil ich von Marburg und Ussischkin erwartete/ daß sie den Zionismus eben in dieser Richtung leiten werden, wollte ich sie in die Leitung hmeinbekommen, ebenso wie ich aus dem Haager Kongreß; für Wolffsohn - Kann war, als ich damals voraussetzte, sie werden das schaffende Element im Zionismus sein. Der Streit dreht sich nicht um Wolffsohn - Ussischkin, sondern um zwei entgegengesetzte Prinzipien: Warten oder Arbeiten. Und jetzt — genug mit der Polemik. Entweder — oder: entweder volle Gehorsamkeit gegenüber dem tätigen, schaffenden und vorwärtsbewegenden Chef/ oder aber stille Organisation aller lebendigen zionistischen Kräfte für den entscheidenden und letzte» Kampf gegenüber dem Leiter eines nach alle» kaufmännischen Regeln eingerichteten Büros. Das kann nur die Zeit entscheiden. Zuerst — gehorchen. Eben deshalb will ich die anderen Punkte meiner Kritik hier nicht berühren. Aber lasse man mich in Ruhe mit meiner „taktlosen Rede".. Den» sonst werde ich verlangen, man soll mir doch, vorweisen, wo, in welchem Punkte meine Kritik inhaltlich unrichtig ist, resp. ich werde den Wahrheitsbeweis für alle Punkte meiner Kritik öffentlich liefern müssen. Uebrigens, weder Herr Wolsfsohn, noch seine Verteidiger haben das Meritorische meiner Kritik berührt. Man begnügte sich mit Phrase» in Bezug auf die Schärfe der Form. Hier aber wollte ich zur Klärung den Kernpunkt des -Streites hervorkehren. Ich glaube de» Nachweis geliefert zu haben, daß der Streit nicht um Personen, sondern um Prinzipien und Sache» sich dreht. Das ist für mich das Wichtige. Des-! halb reagiere ich nicht auf die persönlichen Ausfälle des Herrn Löwe. Wie wenig die Zionisten daran denken, mich „abzuschütteln", möge ihm folgende Tatsache beweisen: nach dem Kongresse erhielt ich Einladungen für eine Propagandatour aus England, Frankreich, Galizien und aus Rußland — vom Zentralkomitee der russischen Zionisten. Und sobald meine Gesundheit es mir erlaubt, werde ich diesem Verlangen entsprechen. Aber das Ziel meiner Propaganda wird es sein — für die Prin-

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