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Neue jüdische Presse · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mtflflg p Nr. 8 des Frankfurter IsraeliMm lamiMtattes. , Zum IX. Zionistenkongretz.?l» dieAdresse des Herrn Julius Simon-Mannheim. — ©tutoh und Levi sind Brüder. Ge- »oalttätiges Werkzeug ist ihre Waffe. In ihren Rat komme nicht meine Seele; in ihre Gemeinde vereinige sich nicht meine Ehre. In ihrem Grimm, sie töteten den Mann; im Mutwillen sie entwurzeln den Stier. Verflucht sei ihr Zorn, weil mächtig; verflucht ihr Grimm, der hart. Ich will sie verteilen in Jakob; sie zerstreuen in Israel. 1. B. M. 49, 6—7. .Als Misrachist, der das Golusprinzip der Landsmannschaften überwunden hat, der nur kraft der Idee mit seinen Gejiunuugsgenossen vereinigt ist, bin ich frei . von Verdacht, ntich beiin Llbgeben meiner. Meinung von persönlichen Neigungen bcftimmenl zu lassen. Wolffsohn, llssischkin und. wenn sie wollen Syrkin komnten für mich als Kraftatome in der Bewegung nur so weit in Betracht, als sich in ihnen der Geist, den ich vertrete, wiedcrjpiegelt. Mir ist, als Misrachist, jede Form von PersoucnkultuS fremd, und darum glaube ich mich berechtigt, dort, wo ich das bewußte, oder unbewußte Verrücken des Maßes erblicke, sine ira et Studio, mit einer Trockenheit, die durch, kein Pathos gefälscht ist, auf Tatsachen hinzuweisen, die das schwankende Gleichgewicht wieder Herstellen können. Herr Simon! Sie stellen die Prämissen falsch auf, und darum hinken ihre Schlüsse konsequent bis zum Erbarmen. Es entspricht nicht den historischen Tatsachen, >,daß Wolffsohn zum Haager 8. Kongreß mit der festen Absicht gekommen ist, um Rußland zu verdrängen." Das Gegenteil ist wahr. Das Geschrei der Herren aus der „russischen geschlossenen Landsmannschaft" — ein Begriff, gegen den sich unsere zionistische Logik bäunit — war seit Herzls Tod: Wolffsohn muß weg! Um nun die Kontinuität des Systems zu sichern mtd unsere Bewegung vor exzentrisch genialischen Tvtensprüngcn zurückzuhalten, hat der vorletzte Kongreß durch Majoritätsbeschluß — der, immer mehr Geltung beansprucht, als die ansehnlichste Minorität, — das Präsiditnn Wolffsohn stabilisiert. Die Majorität des Kongresses hat sich von den überspannten Kesseltreibcrn nicht terrorisieren lassen. Die große Debatte zwischen Marmore! und Weizmann endete damals mit dem moralischen Sieg des Pariser Bakteriologen. Die vivisektionistische Experimentaltaktik Weizmanns, wobei unsere Institutionen, die Bank, der Nationalfonds und an allererster Stelle das blutig geschundene Volk auf den Seziertisch zerfasert und zur Gewinnung vor: neuen Dogmen benutzt werden sollte — Ideen, die mit glühendem Atem gepredigt und brausendem Applaus durch Rußland honoriert wurden —, sie scheiterten an dein gesunden Menschenverstand der nüchteriten Kongreßmajorität. Die Westler im Zionismus hatten genug voit der Bankprozeßhctze, in die sie durch die dogmatisch verknöcherten Scharfbrenner gestrttdelt wurden. Wolfssohn hat sich uns nicht aufgezwnngen. Der Kongreß hat ihn — und das auf Grund seiner überragenden Individualität — emporgehoben. Und dafür sei dem Schicksalslenkcr unseres Volkes gedankt! Denn hätten die Drauflosgänger mit der überreizten Phantasie gesiegt, der 9. Kongreß wäre ein 9. Aw von dimensionaler Bedeutung. Ihre Zirkel wurden vom brausenden Wellenschlag, der das Reich Osmans hn tiefsten Grunde aufwühlt, nicht berührt. Diese Planeten mit den fixen Ideen wurden von der auf- und untergehendcn Sonne am Bosporus gar nicht durchstrahlt. Mit dem -notorischen Stumpfsinn eines visionären Manioken gehen sie über rote Kalenderdatcn hinweg. Sie haben ihren Plait abgesteckt; türmen ihr luftiges Gebilde in den blauen Dunst, und wenn der Wüstensand das Fundament in die Winde trügt, es tut nichts: es wird vollbracht. So wills ihre geradlinige politische Konsequenz. Das macht sie in der Leitung so gefährlich; darum mußte der Kongreß diese Hitzköpfe kaltstellen. Während Nordau vom 1. Januar 1909 bis zum Neujahrstag 1910 eine ganze Umwälzung in feiner Anschauung über, die Türkei — ich verweise auf die zwei historischen Jahresbetrachtungen in der Wiener Freien Presse — vorgenommen und danach seine Taktik in der Politik des Zionismus eingerichtet', hat,- haben .die Petersburger Politikaster vor wie nach nur das eine Dogma, die eine Taktik. .. Und zwischen Petersburg und dem Kongreßschluß, zu dessen Präsidenten man Wolfslohn — das weiß ich als Mitglied des Permanenzausschusses so gut wie Sie — g e z wu n g e tt hat, liegt die geschichtsphilosophische Rede Nordaus, die uits erschüttert hat — nicht, weil sie deprimierend war, sondern, weil sie Wahrheiten verkündete! Was er sagte, war der blutige Kommentar ' zur -Amtstätigkeit Wolffsohns. Wer für die lapidaren Sätze Nordaus noch Verständnis hatte — 'und das bewies der Kongreß und mit ihm der Permanenzansschuß, der die Wahl Nordaus ins Kongreß- Präsidium nicht von der Zustimmung Wolffsohns, sondern vom Eindruck seiner Enthüllungen abhängig sein ließ —, der mußte für Wolffsohn konsequent eintreten. Was uns von diesen Herren, die ihre zionistisch - politische Marschroute fein verpackt in der Brieftasche »nitbringen, scheidet, ist die ominiöse Fragestellung, tnit der sie alle Logik über den Hansen stoßen: Was hat Wolffsohn getan? — Wie ganz anders klingt cs, wenn tnan betont: Was hat Wolffsohn tun können? Und darin liegt die abgrundtiefe Scheidung, die unsere Logik von ihrer Pathologik trennt! Für uns bedeuten die klapperird baumelnden Eunuchcngerippe an den Brückenköpfen des goldenen Horns ebensoviele Me - m e n t i, daß wir den Draht von unserem Programm zum Bosporus nie so straff spannen dürfen, daß erbei jederWindr i ch t u n g platzt! Und da wir hinter dieser Anschauung den offiziellen „Welt"politiker Sokolow und nicht den vom Permanenzattsschuß vermuteten, stimmten wir für den energischen, bedächtigen Wolfsohn, der die Kraft hat, den Wagen unserer Bewegung, wenn er in die Tiefe zu sausen droht, mit Macht in seinem Niedergang zu hemmen. Sie schreiben, Herr Sinron, über den mangelnden Einfluß Rußlands auf die Gestaltung unserer Bewegung. Und da stimme ich mit ihren Prämissen überein. Sie habeit recht: „Der Zionismus muß von jüdischem Geiste durchflutet werden, wie er im russ. Judentum lebendig ist. Wir müssen ihre Arbeit höher bewerten, als jene, die wir im Zionismus leisten." „Und daraus ergibt sich — ich unterstreiche dick — mit Recht: der Zionismus kann der Mitarbeit der russischen Juden nicht cntraten." Nun kommt aber meine Folgerung, die sich von der Ihrigen himmelweit entfernt. Die russische Leit u.u g m u ß anders oder eine andere werden! Ich sehe nämlich in der russischen Leitung — wohlgeuterkt in der Führung ans dem Kongresse und im Landsmannschaftsraum, — alles, nur nicht jenes unerschöpfliche Reservoir an Geist, Willen, Kraft, Energie, Rassenstolz und Phantasie, der ich das Judentum auf Gnade tmd Ungnade auskiefern wollte. Das russische Judentum, von dem die Sänger singen, die Propheten träumen, die Denker sinnen, vor dem tvir die Knie in Ehrfurcht verbeugen; ich sage: Seine Majestät, das russischjüdische Volk hat noch nicht seine verantwortlichen Minister zum zionist i s ch e n Kongreß geschickt! Was wir als Repräsentanten dieses heiligen Volkes bekommen, ist eine unvollkoinmene Mischung von Ostutib Westjudentnm, die sich noch zu keiner höheren einheitlich individuellen edlen Synthese durchgcrungcn hat. Es ist, wenn ich der Empfindlichkeit der Herren vott der Partei nahe treten darf, ein Sammelsurium von nationaljüdischer Assimilation, das bis jetzt, die große Masse unserer Brüder im Osten iit die wildeste Offensive gegen uns gedrängt hat, aus der sie erst nach Jahrzehnten von uns durch positiv kulturpolitische Arbeit erobert werden niüssen. Die Lüge von der Masse des russisch-jüdischen Volkes, die hinter der russischen Führung steht, muß ilts Herz geltoffen werden. Die Masse, das ist eine traurige Tatsache, ist gegen uns. Dafür ist nicht nur der Rückgang in der Schekel» zahl das schreiendste Beispiel. Dieses Zusammcnschrumpsen ist keine Reaktion auf die Untätigkeit des unrussischen E. A.-K.! Wäre es russifiziert, cs wäre, bei dem gewaltigen Debatte, mit dem diese Mythonzaniaken nicht rechnen, mit samt dem Weltzionismus, dieser Schöpfung der urewigen jüdischen Lebenskraft, in die Lust gesprengt. Die Herren wandeln wie Mondsüchtige über starrende Abgründe; kehren sie nicht beizeiten um, werden die zerschmetterten Volksglieder die blutige Wahrheit verkünden, vor <d>er wir so eindringlich gewarnt haben. Und darum, Herr Simon, sind uns die übertünchtcn Gorgonenhänpter, mit der sie das erwachte Golus zurück in den Starrkrampf bannen wollen, gar nicht so schreckhaft. Und fragen Sie dann noch, >vas ist der Zionismus ohne die russischen Zionisten, dann verlange ich erst darauf Antwort: Was sind denn die russischen Führer ohne Zionismus? Seifenblasen ohne Luft, die im großen Apeiron spurlos zerplatzen. Wir, die wir zuni Bewußtsein unserer Kraft erwacht sind, die wir das Zauberwort enträselt haben, das zum Herzen des russisch-jüdischen, zu unserem Volksherzen führt, wir zittern nicht vor ihren Drohungen. Die Zeit des geistigen Nihilismus, dem sie die Bahnen brechen wollten, ist vorbei. Und nun zum Schluß.. Sie sind Zionist und müßten das Grundprinzip unserer -Organisation: die Disziplin vor einem gefaßten Kongreßbeschluß kennen; Sie müßten wissen, wie man mit Sätzen, die wie Dolche blitzen, hantiert. Sie erheben das Messer und zeigen die Linien, durch die der Riß unserer Organisation gehen soll, gehen muß — meinen Sie —, wenn die Geulajnden der Welt, die noch immer in Majorität sind, und an Lebenskraft zunehmen, sich nicht den dogmatischen Beschlüssen der zusammenschrumpfenden russischen Leitung fügen., Herr Simon! Mit „fiat justitia pereat Judäus" auf den Lippen stirbt man nicht den Märtyrertod fürs Judentum. Was Sie wollen, wird ein Herost ratenwerk, groß genug, um feinen Meister durch die grandioseZerstörung in die historische Unsterblichkeit zu s chleifen! Dr. H. Abrahamsohn. Aus de« Vereine«. Frankfurt a. M., 26. Jan. Verein „Nachlaß Z w i". Bor sehr zahlreicher Zuhörerschaft sprach Herr Provinzialrabbiner Dr. Bamberger - Hanau, über „Die Strafe im jüdischen Recht". Nicht den in sich vollkommenen Engeln, so ungefähr führte der Redner aus, sondern dem Menschen mit seinen widerstrebenden Trieben ist die Tauroh gegeben worden, die ihn durch Lohnverheißung und Strafandrohung zur hohen Stufe der Erkenntnis des absolut Guten als Selbstzweck zu erziehen helfen soll. Dadurch hat auch die Tauroh ein Strafrecht. Dies ist, wie die ganze jüdische Lehre, einzigartig und unvergleichlich. Die von den verschiedenen Philosophen als Zweck der Strafe an sich aufgestellten Theorien bis auf absolute Wiedervergeltung der Tat, dagegen relative Vergeltung in Bezug auf die Zukunft des Verbrechers, dann als Abschreckung für die Gesamtheit oder für den Ilebeltäter, schließlich als Bessernngsmittel, all diese Theorien mehr oder minder, als Ganzes harmonisch vereinigt, lassen sich an unserem jüdischen Strafrecht definieren. Abschreckung durch Bekanntntachung bei dem anläßlich der Wanderfeste versammelten Volke, Strafverfolgung als Vorbeugung gegen weitere Untaten finden wir bei sehr schweren Verbrechen nur und auch, wie an Aussprüchen der Weisen gezeigt werden kann, da nur als Schulbeispiele, die praktisch kaum ausgeführt wurden. Besserung dagegen soll die Strafe im jüd. Recht immer bewirken, was der Referent an mehreren Beispielen bewies. Das zeigen auch evident jene ethisch auf der Höhe stehenden Gesetzesbestimmungen,' wonach unter gewissen selbstverständlichen Voraussetzungen reuevolles Geständnis straffrei macht und bei mehreren Strafen nur eine, die höchste, in Anwendung kommen kann. Eine Fülle von Beweismaterial führte der Redner aus den Quellen an gegen die von Nichtjuden und Juden beliebte grundfalsche Auffassung der jüd. Gesetzesbestimmungen, die das Wort der Tauroh: Auge um Auge . . . usw. erfahren hat. Die betr. Bestimmungen fallen nicht einmal unter Straf gesetze. sondern werden unter den Verordnungen bezügl. Wiedervergütung von geraubten Gegenständen angeführt. Nicht nur die Strafgesetze selbst, auch die Art und Weise der Verurteilung zeigt die unvergleichliche Höhe göttlicher Anordnung. Das bekannte Zeugenverhör von zwei Augenzeugen, die peinlichste Vorsicht ihren Aussagen gegenüber, ja die Unmöglichkeit einer Verurteilung ohne Mahnung' vor der Tat usw. läßt den Ausspruch leicht erklärlich erscheinen, daß ein Gerichtshof, der innerhalb 70 Jahre ein Todesurteil vollstreckte, ein mörderischer genannt wurde. Auch die Vollstreckung des Urteils war die denkbar huntanste. Malkusstrafe wurde nur an körperlich starken, Todesurteile nur nach vorhergegangener Betäubung vollzogen, abgesehen von all den vielen Milderungen bei solchen Anlässen. Da Indizien nicht galten, Scheinbeweise ausgeschlossen waren, so schloß der Redner, konnte es im jüd. Strafrecht Justizirrtümer kaunt geben. Ein einheitlicher, humaner Geist durchzieht diese Gesetze der Tauroh, die mit gutem Vorbedacht nicht den Engeln, sondern den Menschen gegeben worden ist. Diese Menschen zu erziehen, soll das jüd. Strafrecht halten, bis das Prophetenwort sich bewahrheiten wird, daß niemand mehr Uebles und Unrecht tun werde und voll die Erde sei von Gottes Herrlichkeit. Perl (. . Frankfurt a. M. Eine intereffante Veranstaltung, über die wir aus äußeren Gründen erst nachträglich berichten, hatte der „Monte fiore"- B er ein mit seinem letzten musikalisch-deklamatorischem Abend am 19. Januar getroffen. Man brachte an diesem Abend ausschließlich dichterische tmd tonkünstlerische Schöpfungen von Frankfurter j ü d. A n t o r e n. Der Hauptzweck des eigenartigen Arrangements war, wie Herr Dr. Löffler einleitend bemerkte, einmal zu prüfen, ob dem Schaffen hiesiger jüd. Autoren etwas Gemeinsames, vielleicht eine Note eignet, die sich aus der Zugehörigkeit zum Judentum

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