Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. im raff. Juden steckt mehr historische Ueberkieferung als in uns allen. Wir müssen das Judentum immer erst erwerben, das den russ. Brüdern mit der Mutterinilch gegeben ist. Man braucht ja auch nur die große hebräische Literatur, die Geschichte der Kolonisation und des Zionismus zu beachten, um die ganze große Bedeutung des russ. Judentums zu verstehen, wie sie Hcrzl schließlich sehr gut verstanden hat und wie sie dein russ. Juden Wolffsohn gewiß nicht unverständlich sein tann. Wir deutschen Juden verlangen nicht einmal eine Gegenanerkennung, ivcil wir bedingungslos die Kulturbedeutnng des russ. Jndentnms anerkennen ni ü s s e n. Aber das kann uns nicht hindern, fcstznstellen, daß auch russ. Inden eine irrtümliche Politik treiben können. Und aus falschen Bahnen bewegt sich eine Politik, die sich auf Einzelheiten sestlegt, über die sie nicht Herr ist, eine Politik, die mit gebundener Marschroute in Kleinigkeiten borgeht, die den persönlichen Kamps gegen eine starke Persönlichkeit mit der Sache zeitweise verwechselt. Auch unter den russ. Juden gibt es Assimilation und Gelüste nach ihr. Und meistens äußert sic sich viel schroffer als bei den deutschen Juden. Ich hatte auf dein Kongreß davon gesprochen, daß -man in Berlin unter Umständen gar zion. Weih« nachtsbämne erleben könnte, und obwohl ich auf der Landsmanuschaftssitznng unzweideutig mit Namensnennung gesagt habe, wen ich nicht meine, hat eine böswillige Zunge sich bemüht, dies äuf einen Mann auszudeuten, der so vornehin dastcht, das; auch kein Gegner ihn anzugreife» wagen dürfte. — und ich bin sein Bewunderer nicht sein ßlegner —, aber wir haben erst in dieser Woche etwas in Berlin erlebt, was ein grelles Schlaglicht darauf ivirft, daß auch assimiliertes Nationaljudentum nicht bloß bei deutschen Juden möglich ist. Ich meine die große russ. Ncujahrsfeier am 13. Januar in der Philharmonie, an der zmn allergrößten Teile Juden teilnahmen, als ob cs nie ein Kischinew oder Shitomir, als ob es keine Novcinbcrpogrome gegeben hätte. Aber das Schlimme ist, das; russ. Zionisten mitten im Gcwühlc sind — und auch deutsche Zionisten, Wer die nationale und religiöse Bedeutung des russ. Novy-God kennt, wer außerdem weiß, wie diese russ. Novy-God-Feicr als Kampfesfest gegen den entstehenden Zionismus in bewußten und ausgesprochenen Assiinilationsstreben zuerst zustande kam und auch heute noch als solche Kirnt, der versteht, daß diese zion. Teilnahme mn kein Haar besser ist, als zion. Weihnachtsbäume. Aber weil die russ. Judcnhcit in cinein Kampf auf Leben und Tod mir der Assimilation steht, weil in ihr noch die Richtung herrscht, in der sich unsere deutsche Judcnhcit vor 60 und 70 Jahren bewegte, um so mehr müssen wir mit unfern zion. Brüdern in Rußland zusamincnhalten, um ihnen im Kampfe den Rücken zu stärken. Wir kennen keinen anderen Gegensatz zwischen Ost und West, als den, daß wir in einem freien Lande wohnen» und daß unfern für uns und das Judentum so'wertvöllen Brüdern dieses Glück fehlt. Aber es ist vor allem darmn ein Glück für uns, iveil wir ohne den Druck von außen unbefangen unsere Politik betreiben können, mid ohne zu sprechen das tun können, was unsere Freunde in Rußland erst mit stürmischen und lauten Reden fordern zil müssen. glauben. Wenn die antizion. Presse triumphierend aus ,Led Hasman" nachdruckt, daß die russ. Zionisten von Köln keine Weisungen annehmen wollen, daß ihr Bestreben nur der Sturz von Wolffsohn sein soll, so frohlockt diese Presse zu f rii h. Auch in Rußland ißt man nicht so heiß, ivie man kocht, und am allerwenigsten, wenn man in der Erregmrg vergessen hat, nach dem Töpfchen zu sehen. Noch ist die russ. Jndenheit gar nicht daran, aus diese Weise den Zionismus zu morden, und wird auch nie daran gehen, dieses Zcrstöriuigswerk zu leisten. Das Iväre so recht der Herzenswunsch unserer Feinde, daß jetzt eine große Minorität odc^r Majorität dem Zionismus durch das Nichiinitarbeitenioollen den Todesstoß versetze. Denn natürlich erwartet man bei einer anderen Znsaiilinensetznng der Leitung dann den gleichen Streik der Deutschen. Nein eure hämische Freude allein schon, ihr Herren, warnt uns davor, uns gegenseitig allzufallen. Wir wollen kein deutsches Judentum und kein russisches Judentum, keinen russischen Zionismus und keinen deutschen Zionismus, sondern einen ganzere Zionismus, ein g a n z c s Jiidcntiiin; wir kennen nur jüdischen 'Zionismus. Wolffioyn hatte ans diesem Kongresse die f r st c Absicht, vom Präsidium zurückzutreten und jedenfalls keine Wahl wieder an z nn e h ine n. Die Borgänge in der letzten »Nacht, die ans der falschen Parteitaktik unserer russ. Brüder beruhten, zwangen ihn, g c g e u s c i u e n Willen, das Präsidium noch einmal anzunehmen, damit der Kongreß nicht ohne Wahl des Aktionskomitees zu unserer aller Blamage auseinander lausen müsse. Es ist kaum anzunehmen, daß er ein weiteres Mal das Opfer bringt, das Präsidium anzunehmen, d. h. dem Zionismus s i ch 311111 Opfer bringt. Es ist also Sache der jetzt in der Minderheft gebliebenen Partei rechtzeitig d i c 1» i t t l c r e Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 4. Linie zu finden, die auf dem nächsten Kongreß die Möglichkeit eines arbeitsfähigen Präsidiums gibt. Aber sie darf sich nicht wieder durch Gehässigkeiten einzelner „unverantwortlicher Redner" beeinflussen lassen, sondern muß sich klar darüber sein, daß sie, unter Sicherstellung der Parteisinanzcn aller Art, wirklich solche Personen an die Spitze stellt, die so sehr zugleich die praktische Arbeit in Palästina leisten, und der kulturellen und nationalen Jnneuarbcit Direktiven zu geben iinstandc sind, die über den Parteien und Landsmannschaften so hoch stehen, das; es ausgeschlossen ist, das; bereits der elfte Kongreß die vom zehnten gewählte Parteileitung umwirft und mit überwältigender Mehrheit zum Präsidium des 8. und!i. Kongresses zurückkehrt. Man suche bei Zeiten die mittlere Linie, man mache keine künstlichen Parteigroßcn, und man lasse sich keine Gespenster vormalen vom Gegensätze der deutschen und russischen Zionisten. Und man rede nicht bloß über Hebräisch, man rede hebräisch, und man streite nicht über den Zionismus, sondern f ü r den Zionismus! Wer die meisten neuen Zionisten gewinnt und wer am besten die Gewonnenen in den Ideen des Zionismus vertieft, der wird ohnehin den größten '.iiimcrischen Einfluß haben. Also arbeiten wir für die Ausbreitung und Vertiefung des Zionismus als Vorbereitung znm Kongreß! Personalien. Frankfurt a. SR. Der Kaiser von Oesterreich verlieh Freiherrn H c i u r. v. Köuigswarter den Orten der eisernen Krone 3. Klasse und Kaufmann Jacob Gottlicb das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordcus. Lübeck. An der Babre Dr. Ephraim A d l c r' s s. A. sprachen: Rabb. Dr. C a r l c b a ch- Lübeck, Rabb. Dr. Carlebach-Köln Dr. H i rsch Hildesheimer- Berlin, Rabb. Dr. R o s c u a ck- Brenien, Dr. C a r I e b ach-Leipzig, Dr. C a rl cb a ch - Berlin, Dr. Kalmus- Hamburg (namens der Zion. Organisation) und H e rm oiniStt it ck- Bcrlin (für den Misrachi, der eine Dr. Ephraim Adler-Stiftung zu Gunsten der Tachkcmoiii-Schule in Jaffa begründet hat). Pose«. Wolfs Rosenthal, während 30 Jahre Schatzmeister des Vereins „Anschei Chessed," und Frt. N a n n y F u ch s, die l8 Jahre hindurch der Ritsche Flatow'schen Waisen Erziehungs-Anstalt für Mädchen Vorstand, sind verschieden. — In Obcrsitzk0 wurde Kausmann Julius S ch l i 11t in er zum Stadtverordn etcuvorft e h e r gewählt. Lohr a. SR. Für de» ziirückgetreteucii Leon Straus; ist Bernhard H i r s ck) zum Kult 11 s- Vorstand gewählt lvordeu. Aus der zionistische« Bewegung. Frankfurt a. SR., 26. Jan. Lehrreich und inessant war der gestrige Vereinsabend der „Fr kf. Zion. B crein i g 11 u g". Herr Brun 0 Bendo r f, ein junger Mann, der zu Fuß Palästina durchwanderte, sprach über das Thema - „S iedluugs g eu 0s se usch af te 11 in Palästina" auf Grund des Dr. Franz Oppeuheinier'scheu Projektes. Er zergliederte die Begriffe „Palästina", „Genossenschaft" und „Siedlung". Palästina.müsse mit den Augen des Nationalökonomeii und des modern gebildeten Landwirtes angesehen werden; daun zeige cs sich, daß kein Land der Erde so zahlreiche Möglichkeiten habe, als Palästina, in dem die Flora und die Fauna sowohl der heißen, als auch die der gemäßigten Zone gedeihen. Das Wort „Genossenschaft" sage, daß eine „Vereinigung zur Förderung gemeinschaftlicher wirtschaftlicher Zwecke" gebildet werden solle, während das Wort „Siedlung" aus den Kleinbauer hindcntc. Bereits Herzl habe die Bedeutung des Oppeiihcimer'schen Prinzipes eingesehen, denn auch er wußte, daß die Entlohnung sämtlicher Arbeiter des Staates abhängig ' ist von den Erträgnissen des kleiustcu landwirtschaftlichen Arbeiters. Redner zeigt, wie die Bedenken gegen die Sicdluiigsgciiosseiischaft nicht stichhaltig sind und zeichnet die glänzenden Zu-! kiinftsmöglichkcitcn des jüd. Volkes in Palästina auf Grund des Sjedluiigsgeiiosscnschafts-Prinzips. Die gesiiiidcsteii sozialen Verhältnisse, eine - wirkliche Demokratie, ein Blühen des Geisteslebens werden die Folgen sein. Dein Referat schloß sich eine anregende Debatte an, in der Dr. Sch wa rz sch i ld, der Vorsitzende, Lcvigard, G e i S und der Referent sprachen. Wiesbaden. Am Sonntag veranstaltete die hiesige Ortsgruppe ihre erste diesjährige Versammlnng, die'' für Wiesbadener Verhältnisse sehr gut besucht war. Herr Bertram Stern referierte über den 0. Z i 011 i st e n - K 011 g r e ß. Alsdann sprach Herr B. K a r p i 11 über „M 0 d c r u e s I n d c n l e i b!" Berlin. Neues Handbuch über Palästina. Völlig neu bearbeitet und in mehr als dem doppelten Umfang der früheren Ausgabe ist soeben Trietsch's Palästina-Handbuch erschienen. Es umfaßt außer den allgemeinen Landesverhälinisscv speziell die jüdischen Interessen in ihrem weitesten Sinne, und zwar sowohl die gegenwärtigen Zustände wie auch die Möglichkeiten der nächsten Zukunft. Das informative und anregend geschriebene Buch ist vorzüglich ausgestattet und mit einem guten Kartenanhang versehen. Der Preis von 3 Jk ist bei der Fülle des Gebotenen außerordentlich niedrig zu nennen. Bestellungen sind an das Zionistische Zentralbureau, Charlottenbnrg, Bleibtrcustraßc kg, zu richte». Zur Vermeidung der Nachnahmespesen .ist Voreinseijdiing des Betrages erbeten, bei Eiiizelbcstellungeu sind 20 Pfg. für Porto beizufügen. Pusen. Nack Anhörung der Referate ihres Delegierten Dr. Kolleuscher, Lehrer Auerbach und Moritz Krause, nahm die Zion. Ortsgruppe einstimmig folgende Resolution an: „Die zahlreich besuchte Versannnlung der Zion. Ortsgruppe Posen spricht nach Anhörung der Kongreß - Referenten ihren Delegierten, dem Zentralkomitee und feinem Präsidenten, David Wolffsohn, ihr unbegrenztes Vertrauen und ihre unerschütterliche Treue aus und gelobt ständige Mitarbeit au allen zionistischen Arbeiten." Hamburg. Die Zion. Ortsgruppe Hamburg - A l t 011 a hielt am 13. d. Mts. eine M i t g l i c d e r v e r s a m in l u 11 g ab. Bor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende, des am 23. Dez. verstorbenen langjährigen Vorstandsmitgliedes Samuel Cohen und .teilte sodann mit. das; die „Zion. Vereinigung' für Deutschland" in einem Schreiben ihrer Anerkennung und ' ihrem Dank für die Vorbereitung des Kongresses Ausdruck gegeben habe. Bei dieser Gelegenheit dankte der Vorsitzende auch namens des Vorstandes allen denen, die sich an den umfangreichen Vorarbeiten zum Kongreß so bereitwillig und opferfreudig beteiligt habe». Der Vorsitzende gibt ferner bekannt, das; die zionistische Vereinigung für Deutschland den Deutsch-Israelitischen Synagogenverband in Anerkennung seines gelegentlich des Kongresses bewiesenen liebenswürdigen Entgegenkommens in's goldene Buch habe eintragen lassen. Schließlich berichtet der Vorsitzende, daß seit dein Kongreß etwa 100 neu c Mitglieder der Ortsgruppe bcigetretcn sind, und daß der Reinerlös aus dem R 0 r d a u v 0 r t r a g e die stattliche Summe von ca. 1900 M beträgt, die nach dem Wunsche von Herrn Dr. Rordau dem zu Ehren des Kongresses gestifteten Stipeiidienfouds zusließen soll. In der hieran sich anschließenden Diskussion sprachen Dr. Kalmus, Dr. Victor, E st ermann, Michael, Heinrich Mayer, Referendar Möller, Referendar H i r s ch v Referendar Dr. Oscar Nathan'und Dr. Ha Ipern. Ans de« Vereinen. Frankfurt« M., 27. Jan. B-m jüdischen Theater hat unser jüb. Publikum in den letzten Jahre» so manches in den Zeitungen gelesen, mancher hat wohl auch den Vorführungen einer auf der Durchreise von Rußland nach Amerika oder von Amerika nach Rußland hier für einige Tage Halt niachendeii jüd. Schauspielertruppe beigewohnt, — und so ließ denn der „Verein für jüd. Geschichte und Literatur" gestern einen Kenner des jüd. Theaters and seiner Geschichte, Dr. R a - th a n B i rn b a um-Czer»owitz, sprechen. Redner beschäftigte sich eingangs mit der Tatsache, daß das jüd. Volk tue Altertum und int Mittelalter weder ein Drama noch eine Bühne hatte, während doch die Neuzeit zeigt, daß unendlich viel schauspielerische Begabung unter uns Juden ist, und ging dann zu seinem Thema über. Das jüd. Theater ist ein Produkt der Ostjuden. Unter den Ostjudeii, die :i/i der Gesamtiudenheit ausmachen, ist der Typus zu verstehen, der sich im Osten Europas ausgebildet hat und dessen besonderes Merkmal — ob wir ihn nun in Ost- oder in Westeuropa oder in Amerika vorfinden — die jüdische Sprache ist. Das jüd. Theater stand bis vor wenigen. Jahren künstlerisch noch sehr niedrig; der Hanswurst war noch seine beliebteste Figur, Lustspiel und Trauerspiel, Lachen und Weinen waren iii seinen Stücke», die Musik- und Sprachstücke zugleich waren, in einander vermengt. Es verlangte das - Unmögliche, daß die Darsteller Schauspieler und Sänger zugleich seien. Aus dem Respekt des Ostjiiden zu dein Westjnden heraus wurde überdies noch die Einheit der Sprache gestört, indem man die sozial hochstehenden 'Figuren der Stücke deutsch sprechen ließ. Sv wenig Befriedigendes die Stücke des jüd. Theaters bis vor kurzem boten, so Glänzendes bot es stets in seinen Darstellern; ein Jakob Adler in Ncwyork steht Sounenthal nicht nach und gegen eine Liptin ist Sarah Bernhard klein. In den letzten Jahren hat sich das jüd. Theater auch in seinen Stücken so bedeutend gehoben, daß z. B. die 4 großen jüd. Theater Newhorks darin kaum noch den anderen Theatern dieser Stadt nachstehen; wir verdanken das den Bühnenschriststellcrn Pcrez, Asch und besonders Pinski, voii dem demnächst das Reinhardt - Theater in Berlin zwei Ltücke aiissiihrcn wird. Frankfurt a. SR. Wir machen auch an dieser Stelle darauf aufmerksam, daß' die für Soiinm