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Neue jüdische Presse · 1910-01-28 · Heft 4 (28.1.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ftiiilt. 4 des Icanfifnctec I|meltfi|iften jPamiCienßtattes. Liberales, Allzuliberales. In weitesten jüdischen Kreisen hat ein Artikel, in dem Herr Prof. Ludwig Geiger wieder einmal seinem liberalen Herzen Luft gemacht hat, das peinlichste und bercchtigstc Aufsehen erregt. Wir ergreifen die Gelegenheit, uns mit ihm auseinanderzusetzen, weil dieser 'Artikel, „Schulfeiern" betitelt, nicht der Ausfluß einer augenblicklichen Gemütsverfassung des Autors, sondern: symptomatisch für die ganze' Denkart und die Ausfassung des Judentums des Chefredakteurs der grünen Allgemeinen ist. Nicht etwa, als ob wir nun jede Aerrßernng Ludwig Geigers über das Jndentnm als eine höchst bemerkenswerte Tatsache sofort registrieren und eifrig diskutieren müßten — nein —, um dies zu tim, müßten wir die Auffassung extrem-liberal jüdischer Kreise teilen, daß Geiger tvirklich „die" Autorität im deutschen Judentuin sei, von deren Lippen nur Weisheitsworte flössen und zu deren Füßen man sitzen müsse, um zu erfahren, ivas Jude sein heißt. Wir teilen, wie gesagt diesen Standpunkt keineswegs, sondern geben .ganz offen zu, daß in unseren Augen Ludwig Geiger wegen seiner absoluten Berständnislosigkeit bewußt - jüdischen Strömungen gegenüber, wegen seiner geradezu naive» Polemik gegen die hebräische Sprache im Gottesdienst, wegen der vielen Blößen, die er sich bewußt und unbewußt schon so oft gegeben hat, nicht Anspruch darauf machen kann, daß man seiner Ansicht über Juden und Judentum ein allzu großes Geloicht beilege. Wenn wir trotzdem uns heute mit seinem bewußten Artikel befassen, so geschieht das, um denjenigen deutschen Inden die Augen zu öffnen, die noch in unerschütterlichem Autoritätsglauben blindlings Geiger'schen Aussprüchen zujubeln und meinen, daß er der berufene Mund wäre zum Verkiinden der Ansichten, die im Judentum herrschen. Entsprechend dem deutsch - christlichen Charakter unserer Schulen finden in ihnen am Sonnabend und Montag die sogenannten Schplandachten statt, in denen den Schülern die Weihe mitgcgeben werden soll für die kommenden Tage der 'Arbeit und in denen sie in eine sittlich und religiös gehobene Stimmung, die ihnen nur zum Besten gereichen kann, versetzt werden sollen. Eine gewiß sehr schöne Einrichtung, die jeder nur lobenswert und gut angebracht finden kann — — für die christlichen Schüler. — Aber die Jüdischen? Herr Professor Geiger wünscht recht sehr, daß sie zur Teilnahme an ihnen herangczogen wetden inögen, da so das Gefühl der Einigkeit und Zusammengehörigkeit unter den jungen Menschen gestärkt würde. Er vergißt dabei zlvcicrlei. Daß erstens es zweifellos eine Taktlosigkeit wäre, wollten jüdische Eltern — denen man es ausdrücklich- und feinfühlend freigestellt hat —, ihre Kinder zu diesen Feiern, die nun einmal konfessionellen Charakter tragen und für christliche Schüler der jeweils in Frage kommenden Konfession bestimmt sind, hinschicken. Man rutscht sich nicht unaufgefordert in die Angelegenheiten andrer, — und eine christliche Angelegenheit ist cs zweifellos, wenn offizielle und konfessionelle Schulfeiern veranstaltet werde». Die Behörden waren hier feinfühlender; sie hoben den Zwang zur Teilnahme auf, weil sie glaubten, daß es den jüdischen Eltern nicht immer angenehm sei, ihre Kinder die rein ch r i st l i ch c n Andachten rnitbegehen zu sehen. Herr Ludwig Geiger dagegen ist wieder einnral päpstlicher als der Papst selbst, bedauert, daß diese Verfügung erlassen sei und hofft, daß die jüdischen Eltern keinen Gebrauch von ihr machen Werden. Er wergißt auch zum zweiten, daß cs immerhin nicht ganz ungefährlich ist, die jüdischen Kinder dorthin zu schicken. Denn da sie meist zu Haus recht wenig Jüdisches zu hören bekommen und ihnen auch wohl der Religionsunterricht nicht allzuviel des Guten bietet, liegt die Möglichkeit nahe, daß .bei den Kindern, denen ein gleichwertiges Gegengewicht nicht geboten loird, Strömungen und Gefühle ansgelöst werden, von denen jedenfalls das Judentunr nicht profitieren wird. Auch können wir uns nicht versagen, die Frage airfzutverfcn, warurn denn, rvenn das Prinzip der Feier in der Schule so sympathisch ist, nicht solche für jüdische S ch ü l e r eingerichtet rverden könnten, in denen ihr Religionslehrer ihnen die Weihe für die Tage der Woche mitgäbc — nach jüdi scher Art. Kein vernünftiger Mensch würde glau den, daß eine solche Maßnahme geeignet seien könne, die Empfindungen anderer zu verletzen, oder die Einigkeit, die Ludwig Geiger so am Herzen liegt, zu zerstören. Aber an dieser Einigkeit scheint Herrn Professor Geiger ja außerordentlich viel zu liegen, wenn ersich sogar blutenden Herzens von der Menorah losreißl und dem W e i h n a ch t s b a u m sein tränendes Antlitz zuwendet. Wir haben ja stets Herrn Geiger die Fähigkeit abgesprochcn, jüdisch-historisch denken zu können, aber >vir hatterr doch etwas mehr jüdisches Selbstbewußtsein und — offen gestanden. — auch ein klein wenig mehr Klugheit bei dem Sohne Abraham Geigers vorarrsgesetzt. Ist das jüdisches Selbstbewußtsein, wenn ein Mann, der —: leider ■— an einer führenden Stelle im deutschen Juderrtum steht, sich mit der rvürdelosesten krassesten „Assimilation um jeden Preis" identifiiert? Bisher glaubten wir, nur der Typ des Juden, dessen sich die Witzblätter als dankbares Sujet schon so oft bemächtigt haben, die Parvenüs, die Tentobold Cohn und „Amtsgerichtsrat Markrrs" - Gestalten, eien in ihrem Pseudo - Liberalismus und in ihrer rührenden Vorurteilslosigkeit gegen alles Nichtüdischc so weit gegangen, daß sie die Selbstachtung als lästigen Ballast über Bord geworfen hätten, — und nun, — Ivas sehe» unsre Angen? — Auch Saul unter den Propheten? Bisher konnte man es vielleicht als Tragödie empfinden, wenn der Sohn eines Abraham Geiger, der Träger eines gut jüdischen Namens, langsam aber sicher ans dem Pfade fortschreitc, der über die Reform aus dem Judentum hinaus führt. Jetzt ist ans der Tragödie eine Tragikomödie geworden, dessen Haupt-Akteur gerade keine schmeichelhafte Rolle lpielt. * Mit aller Macht muß angesichts solcher Ansichten der Ruf erschalle»: Etwas mehr Würde und Selbstbewußtsein im Judentum! „Ein jeder zu seiner Fahne!"- Eins steht für jeden denkeiiden deutschen Juden fest: nach all diesem ist Ludwig Geiger gerichtet und als Jude für uns ein toter Mann. Niemand, der auf gesundes rmd logisches Denken Anspruch macht, kann fürder in jüdischen Dingen zu einem Manne Zutrauen haben, der den Christbaum anireist und das elementarste jüdische Selbstgefühl rermijsen läßt. Besonders in der Berliner Repräsentanz ist ein solcher Mann, der dem Bequemi ch k e i t s - I n d i f f c r e n t i s m n s gegenüber stets zu den weitgehendsten Konzessionen bereit ist und mit aller Gewalt uns die alte, geheiligte he - 'rätsche G e b e t s p r a ch e rauben will, direkt eine „Gefahr für die gedeihliche Entwickelung des Judentums". Möge die ganze, unliebsame Affaire wenigstens inen praktischen Nutzen zeitigen, und zwar in dem Moment, wo unsre Berliner Juden vor die Frage gestellt werden, { ob sie Herrn Professor Ludwig Geiger noch länger für geeignet und beähigt halten, in der Berliner Gemeinde eine führende Rolle zu spielen und das hauptstädtische.Judentum zu repräsentieren! Hans Goslar, Berlin. Zum IX. Zionistenkougreh. Bon Heinrich L o e w e. Einer der gemütvollsten Zionisten in Deutschland, Herr I. S i m o rr in Mannheim, schrieb in dieser Zeitschrift einen 'Artikel, der deshalb nicht ohne Widerspruch durchgehen darf, weil er diesen durch eine völlig falsche Auffassung der Dinge herausfordert. Weil ich mich nun sonst in Anschauungen und zionistischem Wollen stets Herrn S i - in o n sehr nahe fühlte, glaube ich am ehesten dazu verpflichtet zrr sei», Jrrtümern cntgegenzntreten, die er bedauern wird, rvenn er aus weiterem Verlauf der Dinge sehen wird, daß sic solche sind. Der Grundirrtum des Herrn Simon ist der, daß er bei seinen engeren 'Freunden nur ideale Beweggründe, bei dem bisherigen Präsidenten der zion. Partei nur Herrschgelüste zu sehen meint. Daß Wolffsohn die erste Grundlage jeder Arbeit gesunde Finanzen zu schaffen allein imstande ist. besagt aber keineswegs, daß sein Können darauf beschränkt ist. Wie oft hat man uns z. B. gesagt und wiederholt,' daß Wolffsohn nichts ist, und daß Sokolow allein alles schreibt, was schließlich Wolffsohn nur unterschreibt, daß er nicht würde sprechen können, wenn Sokolow ihm nicht die Reden vorher ausarbeiten würde! Wer seit Jahren die Art der Arbeit des Präsidenten kannte, und wer sein stetes Wachstrrm staunend mit airsah, der hatte nicht nötig, auf diesen Kongreß zu warten, um zu wissen, welche geistige Bedeutung und rvelche Kraft in dem Manne steckt, der alles, was er ist, aus sich selbst ist. Mer seine Gegner, die mit der festen Msicht zum Kongreß gekommen waren, Wolffsohn aus der Leitung zu entfernen — denn Berlin war ja doch nur ein sogar nachher offen eingestarrdener Vorwand —, haben noch nicht einmal aus seinen großen Kongreßreden begriffen, daß ihm Sokolow die Reden nicht ausarbeitet. Oder sind auch die von Sokolow, der dann wirklich mehr könnte, als andere? Man spricht mit Recht davon, daß der Zio nismns, wie früher das lebendige Herz des neuen Judentums, und der Mittelpunkt aller leben digen Kräfte im Jndentnm werden müßte, aber gleichzeitig ist rnarr dabei, ausschließlich die praktische Palästinaarbeit, welche gewiß die wichtigste aller Arbeiten.ist, zrrr alleinigen Richtung im Zionismus zu machen. Denn nichts anderes hätte es bedeutet, wen» inan eine» Mann zuin Präsidenten gemacht hätte, der erst in das Judentum hinein wachsen muß, um Präsident sein zu können. Man klagt ferner darüber, daß in 5köln zu sehr der Ver waltungsgeist anstelle lebendigen Lebens zur Geltung komnre, und man übersieht gleichzeitig, daß man durch die Verlegung nach Berlin eben jenem kleinlichen Verwaltungsgeist erst recht zu einer ausschlaggebenden Position verholfen hätte. Grade, was man in Köln bekämpfte, hätte man verstärkt in Berlin. In Deutschland hatten wir früher einmal eine zion. Bewegung, aber keine Organisation; jetzt haben wir eine Organisation, aber keine Bewegung. Daß die Bewegung in Deutschland doch wieder beginnt, liegt daran, daß der Berlinische Einfluß, der n n r zrr verwalten versteht, in Deutschland wenigstens wieder in dcrr Hintergrund tritt. Aber diesen Berlinischen Einfluß, der leider auch nach Köln reichte, hätte man zunr ausschlaggebenden Faktor gemacht, wenn die Beschlüsse zur Ausführung gekommen wären, die man in vollster Unkenntnis der Sachlage in Petersburg faßte. Daß Herr Simon die Rede des Herrn Pasmanik jetzt „die ungeschickte, taktlose Kritik ganz unverantwortlicher Redner" nennt, kann es doch nimmer aus der Welt schasse», daß kein einziger Oppositionsredner auf dem Kongreß zwischen sich und dieser unverantrvortlichen Kritik einen dicken, ja auch nur einen dünnen Strich gezogen hat. Und doch war er der erste Redner überhaupt gewesen, hatte namens der Opposition gesprochen und unter ihrem Beifall. Ich mache unsere russ. Landsmannschaft sür diese 'Angriffe nicht verantwortlich, aber sie handelte ungeschickt, daß sie den Mann zuerst reden ließ; und wenrr er kein Mandat hatte, in ihrem Namen und für sie zu reden, war es nicht minder politisch falsch, ihn als solchen gelten zu lassen, indem man ihn nicht rechtzeitig abschüttelte. Daß Wolffsohn den Kongreß durch die Macht seiner Persönlichkeit beherrschte, sollte ihn als Parteiführer nicht herabsetzen. Aber daß er „aus dem prickelnden Gefühl heraus", dies zu tun, den blinden Parteieifer gewisser Delegierter, statt zu zügeln, anstachelte, kann nur jemand schreiben, der sich in einer Erregung befindet, die durch die Liebe zu Judentum und Zionismus reichlich entschuldigt wird, die aber nicht geeignet ist, Personen rmd Sachen zu sehen, wie sie wirklich sind. Als „Parteigänger Wolffsohns" auf diesem Kongresse muß ich dabei Herrn Simons Bemerkung, „daß seine Parteigänger die Frage zu einem Kampfruf hie Wolffsohn — hie russische Landsmannschaft, verfälschten" wohl auch auf mich beziehen. Herr Simon hätte, ehe er Leute, die seit mehr als zwei Jahrzehnten im Zionismus tätig arbeiten, zrr Verfälschern machte, sich überlegen sollen, was er damit sagt. Auch das ist ja nur in der Erregung geschehen. 'Aber in der Erregung Bolkspolitik zu machen, ist nicht nützlich für das Volk. Wenn Herr Sin'on dazu komme» sollte, nach einem halben' Jahre seinen Artikel noch einmal zur Hand zu nehmen, so würde er sich nur; wundern über das, was er geschrieben hat. Daß aber die Verlegung des Zentralbüros nach Berlin nichts anderes war, als der Wille, Wolfssohn aus der Leitung zu entfernen, geht klar datraus hervor, daß man bereits jetzt im „Hed Hasman" die Parole ausgegeben hat, erst einmal von Köln überhaupt keine Weifungen mehr anzunehmen, dann aber die Leitung unter 'Ausschaltung Wolffsohns nach Wien zu verlegen. Es ist auch nicht richtig, daß wir, die Mehrheit des Kongresses, die Bedeutung l>'er russ. Landsmannschaft irgendwie im Zionismus verkannt oder rrnterschätzt hätten. Aber daß man nur darum nr der Leitung sein soll, weil man der Nuss. Landsmannschaft angehört, ist aus jüdischnationalen Gründen für uns unbegreiflich, für mich grade deshalb, weil ich unfern russischen Brüdern in jüdischer Arbeit und zionistischer Anschauung stets näher stand, als der „deutschen Landsmannschaft". Aber weder ist die russ. Landsmannschaft einhellig mit Tschlenow und Ussischkin, ganz abgesehen von der polnischen Landsmannschaft, die sich eben wegen der Prüsidialsrage auf dem Kongresse von der russischen loslöste, noch hat die russ. Landsmannschaft - auf ein gedeihliches Zusammenarbeiten dieser beiden Parteihäupter dauernd zu rechnen, es sei denn, daß Tschlenow noch nrehr wie bisher seine eigene Anschauung zurücktreten läßt. Aber überhaupt haben wir gar keinen Grund, Unterschiede zwischen russischen und deutschen Juden zu machen. Genau das entgegengesetzte Interesse hat die jüd. Nation. Unser Bestreben muß es sein, die duirch historische Entwickelung entstandenen Differenzen zwischen den beiden Judenschaften zu mindern, nicht zu mehren. Wir müssen einander verstehen lernen, nicht einander bekämpfen. Dadurch, daß man von der Gegensätzlichkeit russischer und deutscher Juden viel redet, vermindert man diese aber am aller-* wenigsten, vergrößert sie vielmehr. Und das ist das Gegenteil des jüd. Nationalismus. Wir haben doch wahrlich genug durchgemacht, haben doch wirklich genug Feinde, als daß wir uns gegenseitig zerfleischen sollten. Wir deutschen Juden erkennPl die Bedeutung der rrrssischen Juden heit mt das Judentum uneingeschränkt an, die nicht bloß eine numerische ist. Ja diese ist sogar für uns trotz aller Bedeutung das wenigst rvichtige. Demi 4785

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