Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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9%*n&fixttex ftnrlilifdirs familirulilatt — Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Ml. I.— frei ins HauS. Bei der Poil abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mt. 1.50. - sonstige Länder Ml. 2.— 4 i KedaLtio» und cheschäfts^ell-: SranKturt s. M.. vilbelerstraße 0, Lcke Lleichstraße %tZtXon 10507. Herausgeber: $atg Hei». , Jnfertionspreise: Die viergespatlene Petitzeile. WPsg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereinkunft. ' ' 8. Jahrgang. Freitag, den 18. Schwat 5670 (28. Januar 1910). Nr. 4. ' Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Lehren des Falls Geiger. — Brief aus Ungarn. — Zur Frage der Aenderung der Hoher. Judengesetze. — Austritte aus dem Judentum h» Frankiurt a.Dl. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Auge um Auge. — Aus den Vereinen. — Wochen-Kalender. — Kamiliennachrichten. Die Lehren des Falls Geiger.*) Ein merkwürdiger Neujahrsartikel des Geh. Regierungsrates Dr. L u d w i g G e i g e r in der vö» ihm seit denl Tode Dr. Gustav Karpeles' geleiteten „Allg. Ztg. des Judent.", der in den ersten Tagen des Januars — nicht des Tischri! — erschien, hat selbst farblose jüdische Blätter in Aufruhr gebracht. Es ist auch wahrlich ein starkes Stück, wenn der Leiter einer jüdischen Zeitung und Repräsentant der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands, also eine führende Persönlichkeit der deutschen Juden, verlangt, daß „deutsche Kinder jüdischer Eltern" — dieser neue Ausdruck ist Geiger'sche Erfindung! — an den Schulfeiern zu Ehren des Reformationstages und zu Ehren des Weihnachtsfestes teilnchmen. Und doch ist die Aufregung, als wenn da plötzlich etwas Undenkbares, etwas Unerhörtes geschehen sei, nicht berechtigt. Es handelt sich keineswegs um einen vereinzelten Fall; Hunderte von Führern jüdischer Gemeinde,« und Vereine denken so wie Dr. Geiger; dieser hat nur, pochend aufseine hervorragende Stellung in der deutschen Judenheit, sich die Freiheit genommen, rrun auch für seine Anschauungen öffentlich Propaganda zu machen. Wie mit einem grellen Lichtstrahle hat Dr. Geigers Vorgehen Zustände beleuchtet, die einfach unerhört sind und nur bei der vernunftwidrigen Entwicklung möglich waren, wie sie die Assimilation zur Folge haben mußte. Wären in einer christlichen Kirchenvorsteherschaft Leute ohne einen Funken christlichen Interesses denkbar; ist da nicht gerade das Gegenteil selbstverständliche Voraussetzung? Freilich, — wer in der Christenheit sich öffentlich betätigen will, hat genug Wege, diesen Trieb zu befriedigen, und für den eine öffentliche Betätigung suchenden Juden bleibt meist nur die jüdische Ehrenstelle, auch wenn er noch so assimiliert ist, wenn er noch so wenig jüdisches Interesse hat,' ja wenn er sogar bereits den Weihnachtsbauin statt der Chanukalichtlein anzündet. Es ist ja auch so leicht, in der Leitung einer Wischen Gemeinde oder eines jüdischen Vereins, welch letztere meistens philantropischer oder sozialer Natur sind, zu raten und zu taten! man hat nur die Bilanz zwischen den Einnahmen und Ausgaben zu wahren, und gilt es wirklich einmal eine jüdische Rede, so helfen ein paar Phrasen von jüdischer Ehre u. dergl. bequem aus. Im übrigen *) Siehe hierzu den Artikel „Liberales — Allzuliberales" in der Beilage. werden selbst die bescheidensten Forderungen an eine Betätigung im positiven jüdischen Sinne nicht erfüllt. Jüdische Vorträge dürfen fünfzig im Jahre sein, — man fühlt nicht ein einziges Mal die Verpflichtung, sie zu besuchen oder Frau und Kinder zu deren Besuch zu veranlassen, es müßte denn gerade schon ein christlicher Professor sprechen. Und bei fünfzig Gelegenheiten zum Schenken wird nicht ein Mal der Gedanke auftauchen, daß es auch eine jüdische Literatur gibt, die gelesen sein will, wenn man Verständnis und Liebe fürs Judentum bekommen soll, und die gefördert sein will, wenn ihre Vertreter nicht in ihrem Schaffen gelähmt werden sollen. Und wenn dann die so erzogenen Kinder eines Tages Mischehen eingehcn oder sich gar taufen lassen, auch dann bleibt man noch ein Vertreter der Judenheit, ein Lenker ihrer Angelegenheiten und demissioniert nicht — und wird nicht aufgefordert, zu demissionieren. An solchen Zuständen würde das jüdische Publikum nicht gleichgültig vorübergehen, wenn es nicht selber gleichgültig geworden wäre. Wohl gibt es besonders unter den minderbemittelten Klassen noch gesundes jüdisches Empfinden; doch diese minderbemittelten Klassen können infolge vorsintflutlicher Wahlsysteme, die die Vorherrschaft der Vermögenden sichern, nicht zur Geltung kommen. Wer daher die geschilderten Verhältnisse, die heute leider häufig traurige Tatsache sind, unmöglich machen will, wer es gut. meint mit der Zukunft der deutschen Judenheil, der setze sich für ein Proportionalwahlsystem ein, das allein alle in unseren Gemeinden noch vorhandenen jüdischen Lebenstrieb.e zur Entwicklung bringt. Brief aus Ungar«. Allmählich dämmert es auch im Kreise des ungarischen Judentums auf. Statistische Ausweise und Zahlen, die mit lapidarer Schrift den Verfall kündeten, rüttelten die wachhabenden Führer aus ihren: Starrkrampf empor. Mit Negationen und schöngezirkelten Salbadereien werden die in erschreckender Zunahme wachsenden Mischehen nicht herabgemindert. Im November 1909 waren es in Budapest allein 59 (gleich 28 pro 100). Und dabei ist bei den geborenen Demokraten mit der Knopflochsehnsucht das Erlaufen der Aristokratie zur krankhaften Mode geworden. Nach Baron Hatwany die Abkömmlinge der baronisicrten Familie Herzog von C s e k. Soll es nicht noch ärger werden, so sagte man sich, muß mit allen Mitteln der modernen Reklame das Interesse der breiten jüdischen Masse für die angestammte Konfession — Nation das macht nervös — wachgerufen werden. Und das erste war: „der ungarisch - jüdische Patronage-Verein" hatte seine konstituierende Versammlung. Die 2300 bis jetzt von nichtjüdischen Eltern erzogenen Kinder erhalten — Dank der energischen Arbeit Dr. Schnitzers und Kalman Fried's — ein jüdisches Heim. Sie werden jüdischem Leben zugeführt. Der „Verein zur Förderung des Ackerbaus und Handwerks bei den ungarischen Juden" hat zu diesem Zwecke eine Stiftung von 800 000 Kronen gemacht, und ein schwarzer Fleck verschwindet von unserer Geschichte. Ein weiteres Symptom für die Gesundung unserer Verhältnisse bedeudet die Gründung des „Ung. jüdischen Ferienkolonie-Verein s". Bis jetzt mußten die jüdischen Proletarierkinder, wenn sie auf die Grundprinzipien ihrer Religion nicht verzichten wollten, im Sommer in der Stickluft der ungarischen Metropole chre Ferien verkrüppeln. Die unermüdliche, opferbereite, organisatorische Tätigkeit des Philantropen Josef Blücher- Budapest, dem sich der Kultusvorstand» Dr. Grauer und noch einige Rabbiner beigesellten, hat auch da Wandel geschaffen. 1200 koscher verpflegte, in freier Sommerfrische atmende jüdische Kinder werden alljährlich wissen, daß die große jüdische Gemeinschaft, deren Glieder sie sind, für sie gesorgt hat. Damit nun auch die großen Kinder nicht ganz leer ausgehen, hat der Ung.-jüdische Literaturverein, der bis jetzt nur durch einige vom jüdischen Standpunkt nicht ganz einwandfreie Jahrbücher von seiner Existenz Zeugnis äblegte, in einer Sektion die Gründung des „U n gjüdischen Museums" beschlossen. Man sammelt Schätze, stoppelt Gelder zusammen, wählt Ehrenpräsidenten, Schutzpatrone, Ausschüsse und lustige Räume und verkündet mit großem Applomb die Renaissance des ungarischen Israel. Daß diese nicht kommen kann, solange die Renommierhofräte, die ihre Kinder in geregelte konfessionelle Verhältnisse hineinbetten, die Kahalstube durch ihr Gold und ihren Einfluß beherrschen, ist klar. Das Bewußtsein, daß von außen nichts für und alles gegen uns getan wird, hat die jüdischen Instinkte zur Aktion getrieben. Merkwürdig ist der Ausweis des von gewissen Kreisen verhimmelten Kultusministers Apponyi. Von der staatlichen Zulage erhalten die Juden» die das anerkannt loyalste und staatserhaltende Element sind, alles in allem 11500 Gulden pro anno, während die bedeutend minderzähligeren ffnitarier 9 6 9000 Kronen und die direkt staatsfeindlichen, nach Rumänien gravitierenden Griechischorientalischen sogar 117 5000 Kronen jährlich erhalten. Mit steigender Energie und zielbewußtem Plan gehen die ungarischen Gesetzestreuen daran, ihr Haus auszubauen. Nach der Gründung d«S „Vereins für Sabbathaltende Privatbeamte" vor zwei Jahren, der heute das Land mit einem Netz von Zweigvereinen umspannt, geht die Budapester Zentrale, von der aus in letzter Zeit ein Geist der Initiative ausstrahlt, daran, die Organisation der Gesetzestreuen des ganzen Landes in eine