Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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M 31t. 3 fe fcftitfifnrfet UmMWeil ifamitieidftattes. Z«m IX. Zionistenkongretz. Eine Erwiderung. In Nr. 2 des Israel. Familienblattes befindet sich ein Artikel von Julius Simon, der die Ergebnisse des Kongresses in Hamburg vom Standpunkt der Minorität würdigt oder richtiger: nicht würdigt. Ob es gerade nötig war, die Kritik in diese Form zu kleiden und vor der Oeffentlichkeit von „sinnloser Selbstverblendung" der Landsmannschaft, „blindem Parteieifer der Deutschen" zu reden, oder von Geschmack zeugt, Herrn Wolffs-chn, der doch mit oder ohne das Vertrauen aller die Bewegung bis zum X. Kongreß repräsentiert, derartig öffentlich herabzusetzen, wie es in dem Artikel Simons geschieht, das bleibe der Beurteilung der Oeffentlichkeit Vorbehalten. Die Fortdauer der Kongreßerregung ist eine Teinperamentsfrage, und man muß dem Geschlagenen schon einiges zu Gute halten; aber: Sunt certi denigue fines. Wenn man das vergißt, schadet man der eigenen Sache, statt ihr zu nützen. Herr Simon wirft der Kongretzmehrheit vor, daß sie sich in Mehrheitssiegen gefalle, kein Verständnis für die Notwendigkeit neuer Impulse habe, die von Seiten der russischen Zionisten kommen sollten, daß Wolffsohn seine Person über die Sache gestellt und durch eine zweideutige Haltung sich selbst einen Triumph habe verschaffen wollen. Was ist an diesen Behauptungen richtig? Wir wollen sie etwas näher untersuchen. Die russische Opposition hat Herrn Wolffsohn nie geliebt. Sagen wir es klarer: die russischen Führer lieben Herrn Wolfssohn nicht. Er braucht sich dessen nicht zu schämen, er ist in guter Gesellschaft, in der Theooor Herzl's. Sie haben gegen erzl gearbeitet und gewühlt, wie gegen die jetzige eitung; also objektiv sind die russischen Führer kaum zu nennen. Sie sind gewohnt, Regierungen zu hassen und in der Kritik liegt ihre Stärke. Es ist aber sehr viel leichter zu stürzen, als aufzubauen, und deshalb möchten wir gerne einmal wissen, weshalb die Herren diesen Kongreß, auf den sie mit große» Forderungen kamen,nicht einmal so weit vo» bereiteten, daß sie eine erhebliche Schekelziffer und die entsprechende Anzahl von Delegierten aufbringen konnten. Sie sagen, man habe in Rußland wegen behördlicher Schwierigkeiten wenig tun können. Das mag wahr sein. Weshalb aber weist denn dann das Odessaer Komitee, das doch auch in Rußland domiziliert, immer steigende Einnahmen auf? Weshalb erklärt Ussischkin jetzt nach dem Kongreß öffentlich, er werde dafür sorgen, daß auf dem X. Kongreß die russischen Zionisten die Mehrheit besitzen? Haben die Schwierigkeiten plötzlich aufgehört? Die Schekelziffer der russischen Organisation ist ja mit 27 000 einfach beschämend. Die Deutschen mit 7000 Schekelzahlern gegen die „ganze russische Landsmannschaft" stechen gar nicht so schlecht ab, Herr Simon! Hatten also gerade die russischen Führer das Recht vernichtender Kritik? Und was ist von dieser Kritik auf dem Kongreß geblieben? Sagen wir es offen: formell war sie ungehörig, sachlich völlig haltlos. — Und gerade diese Einsicht, nicht eine gute Rede Wolffsohns, hat ihm das verstärkte Vertrauen der Mehrheit geschaffen, das er bei Beginn der Tagung nur in beschränktem Maße auch bei vielen Deutschen besaß. Man hat eben eingesehen, daß, so viele Schwächen die gegenwärtige Leitung haben mag, sie gegenüber den Kritikern doch recht gut bestehen kann. Diese Opposition ohne Progranim, ohne positive Vorschläge, ohne Führnng, ohne taktische Fähigkeiten ist eben ungeeignet, einen Mann zu ersetzen, der mit Selbstaufopferung das schwere Erbe Herzl's angetreten, die zerbröckelnde Partei erhalten, finanziell gestärkt und wieder aktionsfähig gemacht hat. Man wirft ihm Mangel an Ideen und praktischer Tätigkeit im Orient vor. An letzterem Vorwurf ist vielleicht ein Körnchen Wahrheit. Aber wer war es, der sich weigerte, für die Arbeit die nötigen Mittel zu geben? Wir oder die Minorität? Hat'sie denParteifonds gestärkt, oder hat es die Mehrheit getan? Hat sie auf dem Hamburger Kongreß die Finanzreform vereitelt o.der wir? Und wenn man wohl auch das eine oder andere Unternehmen trotz alledem hätte ausführen können und sollen, — war das ein Anlaß zu solchem Vorgehen? Und nun der Jdeenmangel! Also nur, wenn die beiden Antipoden Tschlenow und Ussischkin in der Leitung sitzen, hat sie Ideen. Nun, beide waren bis vor 2 Jahren Mitglieder des E. Ä. K. Wer hat etwas von Ideen gemerkt in dieser Zeit? Weshalb muß man überhaupt im E. A.-K. sitzen, um Gedanken zu haben? Alan gebe uns doch Ideen. Man sage uns doch, wie die Sache gemacht werden muß. Man zeige uns doch ein Programm, und jeder deutsche Zionist wird ernstlich st bestrebt sein, zu prüfen und danach zu handeln, wie es ihm das Gewissen vorschreibt. Aber wir hören nur Kritik und wieder Kritik. Mitten in diesem Zustand traf uns die Mahnung, das .A.-K. nach Berlin zu verlegen. Zwar erklärten die in Frage kommenden Berliner Herren, I daß persönliche wie sachliche Gründe sie an der lieber- I nähme der Verantwortung für ein neues z. Zt. | zweckloses Experiment hinderten, sie versprachen aber jede erdenkliche Unterstützung eines neuen A.-K. in Berlin, wenn der Kongreß dies beschließe. Trotzdem beschloß der Permanenzausschuß, in dem die Kongreß Minorität die Mehrheit hatte, die Berliner zu „zwingen". Er ersuchte sogar in großer Harmlosigkeit Herrn Wolffsohn, seinen Freunden die Annahme der Aemter „anzubefehlen". Das alles ohne vorherige Verständigung mit Berlin, ohne darauf zu hören, daß die türkischen Zionisten die Verlegung für einen schweren politischen Fehler erklärten. Die deutschen Führer hatten dringend um eine Verständigung im kleinen Kreise ersucht. Vergebens. Sie sollten eben gezwungen werden. Dabei hatte man nicht einmal davon sich überzeugt, ob man im Plenum die Mehrheit hatte. Und das nennt man Politik treiben! Und dann erhebt Herr Simon den Vorwurf, wir hätten die Russen majorisiert und von der Leitung ausgeschlossen. Gerade umgekehrt haben die Russen den Kongreß majorisieren, durch Verlegung des A.-K. Herrn Wolffsohn zur Ohnmacht verurteilen, ihre unbeschränkte Herrschaft aufrichten wollen, in der 1 oder 2 Deutsche die formalen Geschäfte hätten besorgen dürfen, während der Geist des Herrn Sokolow über den Wassern geschwebt hätte. Das ist ihnen mißlungen, Herr Wolffsohn hat das schwere Opfer gebracht, provisorisch und ohne das Vertrauen der Russen die Leitung zu behalten und nun klagen sie über die Torheit der Deutschen und Zweideutigkeit Wolfssohn's! Die Gracchen klagen über Aufruhr! Wir wollen Herrn Simon ein Geheimnis verraten. Nicht gegen die Beteiligung von russischen Zionisten an den Geschäfte» der Leitung sind wir. Sie sind uns gerade so lieb, wie jeder andere Zionist. Nicht mehr und nicht weniger. Wer sich für die Leitung eignet, das Volk liebt und versteht, den wollen wir wählen Aber nicht, weil er Russe, oder Engländer oder Deutscher, sondern weil er Zionist ist. Hütte die russische Landsmannschaft uns geeignete Herren vorgeschlagen, wir hätten ihr gerne zu - g e st i m m t. Aber ein A.-K. einzusetzen ohne innere Homogenität, mit Herren, die sich seit Jahren in ihrer eigenen Organisation erbittert befehden, mit Männern, von denen der eine nach links, der andere nach rechts zieht, und das nur, >veil es Russen sind und weil Herr Wolffsohn beseitigt werden soll, — nein, dazu haben wir denn doch zu viel Verantwortlichkeitsgefühl. Ein Kabinett muß regieren können, und es ist unzulänglich, wenn jeder darin seinen eigenen Pfad geht. Lieber ein Komitee von Dreien, das neben großen Vorzügen auch Schwächen hat, aber sein bestes tut, in Köln, als eins von 7, die nicht stärker sind und noch dazu uneins in Berlin. Herr Simon mag das für „sinnlose Selbstverblendung" halten, er wird uns nicht davon überzeugen können, daß wir um einer romantischen Ideologie willen die Bewegung ruinieren helfen. Merkwürdig, daß in Deutschland ein paar Männer leben, die blind tun möchten, was die russischen Führer fordern und verzweifeln, wenn deren Willen nicht geschieht, während die Delegierten der Juden des Londoner und Chicagoer Ghettos sich gegen diese russischen Wünsche wenden. Das sind doch auch russische Juden, Männer aus Kowno und Berdytschew! Und sic leben doch auch in kompakter Masse zusammen! Haben sie so schnell aufgehört, mit dem Volke zu empfinden, so schnell das Denken der engen Gasse verloren, aus der sie hervorgegangcn sind? Doch Wohl kaum. Da bleibt denn doch nur die Annahme, daß die andauernde Opposition nicht so sehr den Willen der russischen Juden zum Ausdruck bringt, als den der Führer. Und man wird einmal genauer zusehen müssen, ob es denn wirklich nicht angeht, daß wir uns mit dem Willen des Volkes in Rußland direkt bekannt machen. In dieser Form gehts nicht weiter. Kritik soll sein, und das Bestehende darf nie als das einzig mögliche gelten. Kann man unseren Brüdern aus dem Osten entgegenkommen und sie am E. A.-K. ohne Schädigung des Ganzen und ohne Vernichtung der Autorität der Leitung beteiligen, so ist das die für uns alle erstrebenswerteste Lösung der Frage. Wir werden unser möglichstes an Entgegenkommen leisten. Wer wir fordern ein klares Programm, Männer, die ohne Voreingenommenheit und unsachliche Kritik Mitarbeiten und endlich, daß man uns nicht als Zionisten minderer Art betrachtet. Was Herr Ussischkin z. B. jetzt im „Hasman" an Feindseligkeit leistet, sollte auch Herrn Simon davon überzeugen, daß er sich bedenklich auf dem falschen Wege befindet. A. F. Auf den Simon'scheu Artikel sind noch eine Anzahl Erwiderungen eingelaufen — u. a. von den Herren Dr. Dr. H. Abrahamsohn und Heinrich Löwe —, die wir in der nächsten Nummer zum Abdruck bringen. D. Redakt. Praeceptor Judaeorum. Der „Israelit" hat sich in seiner letzten Nummer eingehend mit den Ergebnissen des IX. Zionistenkongresses beschäftigt. Aus jeder Zeile des betr. Artikels, der die Leser im großen und ganzen zutreffend unterrichtet, geht unverkennbar die innere Anteilnahme hervor, mit der er die großen und kleinen Sorgen der Bewegung verfolgt. Namentlich werden die Erfolge der Palästinaarbeit sympathisch begrüßt, die bei ähnlichen Unternehmungen außerhalb der zion. Bewegung nicht so zu gelingen scheinen. Der Enthusiasmus der Zionisten ist immer noch groß genug, um die nötigen Mittel reichlich fließen zu lassen. Da möchte der „Israelit" gern mittun, eine Polemik gegen diese Art zionistischer Tätigkeit wäre nicht berechtigt. Wer er kann nicht mittun. Er steckt noch tief in den alten Vorurteilen, und ein Wort Nordaus belebt sie von neuem. „Warten ist ein Kummer, ist keine Schande." Dies Wort ist geprägt, nicht als eine Verhöhnung der unsäglichen Leidensgeschichte des jüdischen Volkes, nicht als eine Leugnung seiner heiligsten Hoffnmrgen und Wünsche. Kein Zionist hegt den törichden Gedanken, Zionismus mit Messianismus zu identifizieren, am wenigsten der Misrachist. Er akzeptiert in der Tat das Wort Nordaus: „Untätig werden ist eine Schande." So war es gemeint. Das ist es, was den Misrachi auszeichnet, daß er dazu beitragen teilt, das Ende des Goluth herbeiführen zu helfen. Der „Israelit" hätte keine Veranlassung gehabt, diesen alten Ladenhüter der Polemik wieder an den Mann bringen zu wollen. Die Kulturfrage ist zurückgedrängt. Sie wird wiederkommen und mit ihr der Kampf. Wer wir Misrachisten rüsten uns zu diesem Kampfe. Gewiß, dem zionistischen Beispiel der Organisation, Disziplinierung der jüdischen Volksschichten, der zielbewußten Arbeit in Palästina ist man auch im anderen Lager gefolgt. Wer der Platz der Jereim ist im Zionismus. Die Separatisten unter den Orthodoxen müssen mit der Tatsache rechnen, daß der Zionismus lebt, kräftig lebt und nicht untergehen wird. Da heißt es Stellung nehmen, aber nicht in der Weise, daß man beobachtet, kritisiert und Zensuren erteilt. Der Misrachi steht auf einem „exponierten Posten", wir wissen es nur zu genau. Die Pflicht aller Gleichgesinnten auf religiösem Boden besteht darin, uns auf diesem Posten zu stärken. Nicht mit Munition allein, mit guten Worten und Ratschlägen, sondern mit Mannschaften, lebendem, kraftvollen Material zur Verteidigung unserer Bastionen. Ihr ladet Blutschuld auf Euch. Und wenn wir ohne Entsatz im Kampfe unterliegen müßten, der Israelit" wird uns eine zu Herzen gehende Leichenrede halten. Er wird unsere Verdienste anerkennen sicherlich mit dem fatalen Nebengedanken, daß uns eigentlich recht geschieht. Wir verzichten gern auf jegliches Lob, denn wir dienen der Sache um ihrer selbst willen. Wir wollen auch keine Leichenrede, denn wir gedenken nicht zu sterben. Kämpft gegen uns mit offenem Visier, wenn Ihr den Mut findet. Nur lobt uns nicht. Wir können es nicht ertragen. 0. R. Personalien. Frankfurt a. M. Geheimrat Prozessor Dr. Ehrl ich erhielt den Kronenorden 2. Klasse. Berlin. Den Roten Adlerorden 2. Klasse erhielt Dr. Walther Rathenau-Berlin, den Roten Adlerorden 4. Klasse Justizrat Dr. Fr. Meyer-Frankfurt a. M., Dr. Louis P e i s e r, Chefarzt des Deutschen Hospitals in N e wyork und Leo Ephraim, Ziegeleibesitzer in Posen. Berlin. Landgerichtsrat Lachmann. Jllstizrat Dr. Landau, Amtsgerichtsrat Dr. lat» cuse - Berlin und Rechtsanwalt Dr. Heckscher- Hamburg erhielten den Roten Adlerorden 4. Klasse, Hofcellist Prof. Heinr. Grünfeld, Prof. Dr. Darmstädter -Berlin und Geh. Kommerzienrat Gumpert den Kronenorden 3. Klasse. München. Kommeitzienrat Heinr. Landauer- Augsburg, Staatsanwalt Eduard Silbermann-München und Regierungsrat Gottl. Gumprich erhielten den Michaelorden 4. Klasse. Stratzbnrg. In Niederbronn feierten Hermann Dreyfuß und Frau Eugenie, die Eltern Rabbiners Dreyfuß in Saargemünd, die goldene Hochzeit. Elmshorn. Hier verschied im 83. Lebensjahre der Privatier Selig Nathan Oppenheim, der in der Schlacht bei Friedrichstadt am 4. Oktober 1850 bei der Erstürmung der Borkmühlenfchanze die Regimentssahne ans der Schanze aufpflanzte und dafür mit der goldenen Medaille ausgezeichnet wurde. 4785