Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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zn Nr. 2 ckk8 FrailMrler IsmliWm FaMmklattes. « Die nächste Nummer bringen wir alZ literarische Spezialnummer. Wir erwähnen aus ihrem Inhalte: Literaturbrief von Max Speicr. Nachtleben auf den Pariser Bonletz ards von 8. 8., Paris. Chanucka in Petach -T ikwah. (Aus dem Briefe einer ehemaligen Franlsnrtcrin.) -t- A b o n n e m c n t s b e st c l l u n g e n für das erste Vierteljahr nehmen noch sämtliche P o st a n st a l t c n des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle entgegen. Ans der zionistischen Bewegung. Hamburg. Einen schweren Verlust bat unsere zionistische Ortsgruppe durch das Hinscheiden ihres Schatzmeisters Samuel Cohen erlitten. Er erkrankte plötzlich kurz vor dem Kongreß inmitten der Vorbereitungsarbeiteii, denen er sich als Leiter des Finanzkomitces mit voller Hingebung bis zuletzt gewidmet hatte. Er starb am 22. Dezember im 63. Lebensjahre, mit den Worten auf den Lippen, daß jedem auf bcm Kongresse sein Recht werden in ö st e. Mit diesem bedeutungsvollen Ausspruch ist das Wese» des trefflichen Mannes charakterisiert. Die zionistische Idee stand seit 12 Jahren im Mittelpunkte seiner Interessen; er war von strengster Rechtlichkeit und Pflichttreue, ein stiller, fleißiger Arbeiter, der keine äußeren Ehren suchte. Er war der Senior des Vorstandes; seine kaufmännische Erfahrung und sein Rat galt uns Jüngeren viel. Sechs Jahre lang führte er in mustergültiger Weise die Geschäfte des Schatzmeisters der Ortsgruppe, zu deren Gründern er gehörte. Die Todesnachricht traf uns, als die deutsche Landsmannschaft am Freitag, den 2-1. Dezember, morgens znm ersten Mal versammelt war. Die Sitzung wurde unterbrochen, und der Vorsitzende widmete dem treuen Freunde schmcrzerfüllt Worte des Dankes und der Verehrung, die von der Landsmannschaft stehend . angehört wurden. Die Bestattung erfolgte unter großer Beteiligung am Sonntag Mittag, unmittelbar Nach der feierlichen Kongrcßcröffnnng. Namens des Vorstandes sprach Rechtsanwalt D a - v i d tiefempfundene Abschiedsworte. A«S den Beoeinen. Frankfurt a. M. Wie man uns aus dem Büro des „M ontefio re"- Verein mittcilt, sollen an dem Mittwoch 19. dss. in der Frankfurt-Loge stattfindenden musikalisch - deklamatorischen Abende ausschließlich poetische und musikalische Produkte hiesiger jüd Autoren zu Gehör kommen. Der Abend verspricht demnach, höchst eigenartig und interessant zu werden.« Da das Programm ein sehr reichhaltiges sein wird, ist der Beginn der Veranstaltung ausnahmsweise schon ans 8% Uhr angesetzt worden. Frankfurt a. M. Auch an dieser Stelle sei auf den Vortrag hingewiesen, den Frau Dr. Eschelb a ch e r - Berlin im Aufträge der Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger j ü d. Glaubens Montag abend im großen Saale des BörsenrcstaurantS halten wird (Näheres siehe Inserat.) Frankfurt a. M., n. Januar. Verein für jüd. Geschichte und Literatu r. — In seinem gestrigen Vortrage „Nietzsche und das I u d e n t u nt" unterzog sich Rabbiner Dr. Kaatz- Z ab rz e vor allen Dingen der Aufgabe, das widerspruchsvolle Verhalten Nietzschc's dem Judentum gegenüber zu erklären. Denn widerspruchsvoll war Nietzschc's Stellung zum Judentum; einerseits ist er begeistert von den Juden als Volk und Rasse und steht ihnen auch persönlich sympathisch gegenüber, andererseits aber findet er in seinen Schriften häufig nicht genug scharfe Ausdrücke gegen das Judentum, dessen Einfluß für ihn ein dekadenter, ein unheilvoller ist. — Bei Nietzsche ist es weniger das, was er sagt, als das, wie er es sagt, was ihm seine Bedeutung verleiht; sein glänzender Styl, die Gewalt seiner Worte reißen hin und täuschen über die Schwächen seiner Behauptungen. Mit seinem „Jenseits von Gut und Böse", seiner „Herrenmoral", seinem „Uebermenschen", seiner „ewigen Widerkehr alles Gleichen" hat er Durchaus nichts Neues gesagt/ hat er vielmehr nur Gedanken wiederholt, die sich schon in der alten griechischen Philosophie vorfinden. Mer Nietzsche sah sich als einen Propheten, als einen Umwerter aller Werte, — und da eben die bestehenden Werte durch die jüd., Bibel ähre Wertbemessung erhalten haben, so, richtete sich sein Haß gegen die Bibel, gegen das Judentum, das mit seinem Schutz der Schwachen und Kranken, mit seinen sozialen Forderungen ihm als Vertreter einer Sklavenmoral gegenüber seiner Herrenmoral galt. — Im Grunde wollte auch Nietzsche nur eine Veredeltmg der Menschen und trieb ihn, den Atheisten, die Sehnsucht nach Gott, doch da er ein pathologisches Genie war, so gingen die Pfade seines Denkens andere Wege als sein Sehnen. Der Vortrag bot inhaltlich eine hervorragende Leistung; hierzu kommt, daß der Redner stylistisch und rhetorisch ein Ateister des Wortes ist, — und so war es eine Stunde reich an Genuß, die der Literaturvcreiit seinen .Mitgliedern gegeben hatte. Leipzig. Hier hat sich durch die Bemühungen des Vorstandsmitgliedes Frau Bertha Levy eine Ortsgruppe des I ii d i s ch e n F r a u e n - b und es konstituiert. Sic besteht aus 70 Mitglied der«. Den Vorstand bilden: Fr. Dr. Porges (1. Vors.), Fr. Mathilde G 0 l d s ch m i d t (2. Vors.), Fr. Bertha Levy (Schatzmeisterin), Fr. A n n a Nelke, Fr. 91 lt n n Schwarz, Fr. Anna N e n - m an», Fr. H a n s i K a h n. Es ist dieses die 3. Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes, dem 130 Vereine angeschlosscn sind. Nürnberg. James Simon, der Vorsitzende und Dr. Paul Nathan, der stellvertretende Vorsitzende des Hilfsvereins der Deutschen Inden, sprachen hier vor einer stattlichen Gesellschaft über die Tätigkeit des Hilfsvercins. Ans der Lehrerwett. Heidelberg. Kantor S. S ch e u e r m a n n ist als Oberkantor an die Hanvtsynagoge der jüd. Gemeinde in Franks n r t a. M. berufen worden. Er wird sein neues Amt am 1. Juli antretcn. Burgpreppach. Die hiesige Israel Präpar a n d e n - S ch u l e schloß ihr Schuljahr mit einem Bestände von 11 Schülern. Die Unterrichtsstunden des zu Beginn des Berichtsjahres verstorbenen Herrn Reumann übernahm zum Teil Dr. 9llfred Kahn aus Baisingen als interimistischer Nachfolger: außerdem trat Herr Arthur Berlinger aus Würzburg in das Lehrerkollegium ein. Der Schule sind durch das vorzeitige Hinscheiden von 1 Lehrern große finanzielle Lasten erwachsen, da ihre Pcnsionskasse nur über 20 000 Mark verfügt. Kolberg. Rabbiner Dr. G 0 l d s ch m t d t. der verdienstvolle Leiter des jüd. Knrhospitals, muß ans Mtersrücksichten .von diesem Posten zurücktreten; sein Nachfolger wird Rabbiner Dr. Bäron-Hoppstädten. Cincinnati. Dr. Sigmund Mannheimer, Professor für deutsch: Sprache am Hebrew Union College, ist infolge eines Herzschlages plötzlich verschieden. Er wurde 1819 in Darmstadt geboren. Personalien. Frankfurt a. M. Bor kurzer Zeit verschied hier Frau Debora Messerer, geb. Silbcrgleit, tief betrauert von ihrer Familie und von allen, die sie kannten. Sie war eine wahrhafte Esches chajil gewesen, eine Frau, die viel zu leiden und zu kämpfen hatte und die trotz ihrer vielen Leiden ihre sittliche Reinheit und eine vorbildliche Frömmigkeit bewahrt hatte. Ihr ganzes Leben ging in ihrer aufopfernden Sorge für ihre Familie auf, aber nicht nur ihren Kindern war sie eine treue Mutter, sie umfaßte mit ihrer Liebe auch die anderen Mitmenschen und half ihiren, wo sic nur konnte. So bedeutet ihr Hinscheiden einen großen Verlust für all ihre Bekannten, einen dovpelten Verlust aber für ihre trauernde Familie. Berlin. Das I. D 0 m p' sche Ehepaar — Herr Domv ist der Begründer der Synagoge in der Kl. Änguststraße — feierte die .goldene Hochzeit. Darmstadt. Einen schmerzlichen Verlust erlitt die hiesige Israel. Religionsgesellschast durch das Hinscheiden ihres alten und würdigen Mitgliedes Samuel Strauß. Obgleich der Verblichene seit Monaten durch schweres Leiden ans Lager gefesselt war, traf der Heimgang des braven, für alles Heilige, Edle und Wahre allezeit wacker eintretenden Mannes den Kreis seiner ihn innigst liebenden Familie, sowie der ihm in Freundschaft und Verehrung ergebenen Personett mit wehmutsvollem Empfinden. Die Prinzipien unerschütterlicher Gesetzestreue in Wort und Tat, das Gefühl aufrichtiger Menschenliebe und die belebende, zartsinnig geübte Wohltätigkeit beseelten sein treues, von Fleiß getragenes und mit Erfolg gekröntes Wirken. Darum war auch in vollem Maße die Liebe der Liebe Preis, und die mustergiltig Hingehende Verehrung, welche ihm seine Angehörigen entgeeenbrachten,' sowie die Wertschätzung aller derjenigen, welchen sich sein reiches, opferbereites Herz jemals offenbarte, sind beredte Zeugen für die Ideale, die ihn erfüllten, wozu er seine Kinder erzog und auch Fernstehende anzuregen verstand. Ein unabsehbarer Trauerzug geleitete seine sterblichen Reste auf die Stätte des Friedens, wo Herrn Rabbiner Dr. Marx in markigen, trefjenden 1 Worten ein Bild des edlen Wirkens unseres Heimgegangenen Freundes zeichnete. Möge der Allgütige der ihm gleichgestimmten Gattin, sowie den in seinem Sinne lebenden und fühlenden Kindern reichen Trost spenden und auch der Gemeinde fernerhin gleich zielbewußte, treu mitstrebende Männer erstehen lassen! Mainz. Sackh Richard erhielt den Titel Kommerzienrat. Saarwellingen jRhld.) Am 2. Januar starb das älteste Mitglied unserer Gemeinde, Herr Llbraham Jakob, geb. am 15. März 1315, also fast in einem 9llter von 95 Jahren. Noch bis vor einem Jahre erfreute sich der Greis körperlicher und geistiger Rüstigkeit. Er war stolz darauf, einer der ältesten Kriegsveteranen zu sein und ließ cs sich s. Zt. nicht nehmen, seinen Enkel in die Garnison Saalouis zu begleiten, woselbst er vor fast 70 Jahren einst ebenfalls treu gedient hatte. Mit dem Verstorbenen geht ein Stück K'hillohgeschichte ins Grab. —U.— (L) Posen. Justizrat Placzek wurde zum Stadtverordnetenvorsteher wiederge - wählt. — Amtsgerichtsrat I. H 0 lzmann erhielt den Roten A d l e r 0 r d e n 1. Klasse. — Jir Krankenhausinspektor Isidor Schwarz und Kaufmann Nathan Znckermann - verlor die jüd. Gemeinde zwei treue und angesehene Mitglieder durch den Tod. Wie«. Hofrat Dr. Benjamin Ravpaport. ein Mann, der vor zwei Jahren seine Tochter an einen Christen verheiratete, wurde voit seinen Vorstandskvllegen zum 2. Bizepräsidenteit der Israel. Kultusgemeinde gewählt. So etwas ist wirklich nur bei uns Juden möglich! Wien. RechnungSrevidenten Samuel Wulkan und Leopold Kohn sind zu Rechnungsr ä t e n im Eisenbahnministerium ernannt worden. Budapest. In Satoralja-Ujhely. einer Stadt von 17 000 Einwohner», wurde der jüd. 9ldvokat Dr. Salomon Reichard zum Bürgermeister gewühlt, trotzdem Pfarrer Bessenegey vor Beginn der Wahlhandlung erklärte, daß sich durch Reichard's Wahl 8000 Katholiken verletzt fühlen würden. Zürich. Sigmund Guggenheim. Sohn des Herrn Josef Guggenheim, wurde zum Oberleutnant befördert. Paris. Oberst Mayer wvrde zum Oberstleutnant und die Lerttnants Levy, Lajounesse und Didisheim zu Hauptleutcn befördert. Paris. Oberst Maurice Dennery wurde znm Generalmajor befördert. Kunst und Literatur. Theorie, Ursprung und Geschichte der Friedensidee. Kulturphilosophische Wanderungen von Dr. S. M. Melamed. 8.— Mark. Stuttgart, Verlag von Ferdinand Enke. 1910. (Schluß). Nach der Behandlung der Friedensidee in Judäa folgt naturgemäß Hellas. Auch bei diesem Abschnitt hat der Leser reichliche Gelegenheit, mit der geschichtsphitosophischen Konzeption des Verfassers bekannt zu werden. (Eine genauere Darstellung gaben wir in der Nummer 37.) Im Gegensatz zn Judäa, wo er alles allgemeiner und großzügiger betrachtete, verfolgt er in Hellas, den anderen Verhältnissen entsprechend, die Friedensidee bei jedem einzelnen Philosophen, wobei er aber den großen Zusammenhang doch keineswegs verliert. Während in Hellas die Friedensidee bei mehreren Denkern, besonders bei solchen der späteren Zeit, doch schon Wurzel, gefaßt hatte, ist sie bei eigentlich römischen Philosophen kaum zu finden. Und wo wir sie erkennen, da ist es eben nur eine Folge des griechischen Einflusses. Diese urrömische Abneigung gegen den Frieden war nicht nur maßgebend .für die römische Geschichte, sie hat eine viel größere, eine weltgeschichtliche Bedeutung erhalten durch den Einfluß, den sie au, das Christentum ausübte. Denn, so lautet die interessante Theorie des Verfassers, im Christentünt, das ursprünglich keineswegs einheitlich war, vielmehr eine unnatürliche Mischung von jüdischen Elementen auf der einen Seite und von griechisch-römischen auf der anderen Seite war, in diesem Christentum hat dann Rom mit seiner Kricgsbegeisternng den endgültigen Sieg über das friedensliebende Judäa davongetragen. Und so sehen wir denn wirllich, daß die Kirchenväter sich größtenteils zur Friedensidee ablehnend verhalten, und daß sogar der heil. Augustin zu beweisen sucht, daß der Krieg im Geist d^s Christentums begründet ist. Durch diese Stellung Augustins, der für die Kirche Autorität war, hat der Krieg vom Christentum seine Sanktion erhalten, und die Friedensidee hat während des ganzen Mittelalters nur in jenen Bewegungen 4785