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Neue jüdische Presse · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1. Seite 5. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. gut für sich gebrauchen kann? — Freilich war er mit seinen stämmigen Armen besser ansgerüstet für den bevorstehenden Lebenskampf, besser geeignet, der traurigen Wirklichkeit entgegenzutreten. Allein war nicht sein eigenes Herz ebenso zartbesaitet, wie Baruchs? War nicht auch sein eigenes Seeleninstrument so sein abgestinnnt, pm bei den 'Schicksalsschlägen ebenfalls zu zittern? Gleich Baruch fühlte auch er sich berufen, die glorreiche Höhe zu ersteigen, von wo auch er, den Sternen gleich, Licht und Erkenntnis auf die Tieferstchenden niederstrahlen lassen wollte! — Baruch hat Recht, Furcht macht grausam, und da er für die Zukunft fürchtet, so will er kein Mitleid kennen, weder für sich noch für Baruch noch für irgend ein anderes Wesen! Wohllüstig will er jede Spalte und jeden Winkel seines geinartcrten Herzens mit Haß und Rache ausfüllen, und es wäre sinnlose Raum- Verschwendung, auch noch jenes wässerigwcibische Empfinden in sich aufzunehinen! Nein, nein! Eisenfest, stahlhart, soll sein Herz keinem andern Gefühl mehr zugänglich, sein! — Rache, unauslöschliche Rache, unversöhnlicher Haß den Machthabern, die eine Scelenmarter erfunden, gegen welche die körpertötende spanische Inquisition nur ein Kinderspiel gewesen. Seine Geisteskraft, seine Intelligenz, die bisher aller Not gespottet, allem Elend Trotz geboten, sie wird fortan noch riesenhaft wachsen, um seinen rächenden Arni zu stählen, um seine Vergeltung erfolgsicher zu gestalten. Wie ein ertappter Dieb sprang er jetzt vom Bette zurück, als er Baruchs weit geöffnete Augen aus sich gerichtet sah. „Steh auf!" rief er barsch, um seine galligen Empfindungen nicht zu verraten. „Der Tee jst warm, und wir haben nicht viel Zeit zu verlieren. Du weißt, hohe Herren warten nicht gern." Das ärmliche Frühstück, aus Tee und Schwarzbrot bestehend, war bald beendet, und nach wenigen Minuten schon waren sie bereit, den folgenschweren Gang zum Präfekten anzutreten. Dennoch zögerten sie und machten sich hier und da noch unnötig zu schaffen, als wollten sie die Entscheidung so lange als möglich hinausschieben. Sie empfanden den tiefen Ernst des Augenblickes. Baruchs.Gesicht war aschfahl, und ein heftiges Zittern erschütterte seinen Körper. Mit leiser Stiinme sprach er: „Niinan, was auch kommen mag, das eine ist sicher." „Daß man uns auch noch heute answeiscn wird," unterbrach ihn dieser rauh, während ein herzzerreißendes Lächeln seinen Mund verzerrte. „Niman, ich bitte Dich, laß Deine zynischen Scherze in dieser ersten Stunde. WaS ich sagen wollte." Niman unterbrach ihn abermals: „Was Du sagen tzvolltest, weiß ich ganz genau. Wir sollen jetzt ein bischen „Dämon und Pythias" spielen oder, dawir Juden sind, lieber „David und Jonathan"! Doch, das ist gerade, was ich vermeiden möchte. Sentimentale Freundschaften zu pflegen, werden wir noch später Zeit genug haben. Jetzt aber komm!" Als sie eine Stunde später ' das Regierungsgebäube betraten, waren die andern Leidensgefährten bereits anwesend, lebhaft und unbefangen miteinander plaudernd. Niinans düstere Prophczeihung schien für sie nicht vorhanden zu sein, und erst, als sie in das Vorzimmer geführt wurden, verstummte die Unterhaltung nach und nach und an ihre Stelle trat ein beängstigendes Schweigen. Und die ängstliche Stimmung steigerte sich noch mehr, als kurz nach elf Uhr der erste Student, dessen Namen mit A anfing, ins Heiligtum des Präfekten gerufen wurde und nach einer Minute schon der zweite, nach einer weitern der dritte und so fort in mechanischer, alphabetischer Reihenfolge. Allerdings war es schon vorher bestimmt worden, baß jeder einzeln dort erscheinen — russische Präsektcn lieben es nicht, studentische Massenabordnungen zu empfangen — und sein Ilnliegen vortragen sollte: allein die Geschwindigkeit, mit welcher jeder einzelne abgefertigt wurde, befremdete die Zurückbleibenden nicht unerheblich, und dieses Gefühl erfuhr noch eine Steigerung, als keiner von den Gernfencn nach dem Vorzimmer zurückkehrte, sondern sicherlich durch eine andere Tür entlassen ivurde. Dieses . geheimnisvolle und vorsichtige Gebühren war durchaus nicht hoffnungerweckend, und einer sah den andern bekümmert an und bemühte sich herauszufinben, wieviel von seiner.eigenen Ilengstlichkeit - im Gesichte des andern sich widerspiegelte. Als Nimans Namen aufgerufen wurde, trat auch Baruch Unwillkürlich einen Schritt vor. Diese ' - impulsive Bewegung machte cs Baruch klar, wie sehr der andere sein zweites Ich geworden. Er wollte diesen Gedanken noch weiter ausspinnen, als er durch den Eintritt einer stattlichen, weißhaarigen Dame unterbrochen wurde, die nach einem stolzen Blick auf die Bittsteller ohne vorherige Anmeldung in das Zimmer des Präsekten bineinsegte. Ohne zu wissen warum, .starrte ihr Varuch nach, wie wenn .sie eine überirdische Erscheinung wäre. „Es ist die Baronin," flüsterten sie einander zu, und jeder hatte die Frage auf den . Lippen, was ihr Erscheinen wohl zu bedeuten haben möge. Sicherlich nichts, was die Studenten interessieren konnte! In jedem Falle verlor ihre Audienz durch die Anwesenheit einer Dame einen Teil des starren, offiziellen Charakters. Baruch war es beschieden, die Ursache ihrer Anlvcsenheit zu erfahren. Bei seinem Eintritt hörte er, wie sie zu dem Präfekten noch sagte: „Lieber Sergi, Du weißt doch, wie ungehalten sie ist, wenn die Gäste ans sich warten lassen, und hei Deiner Übeln Gewohnheit, über Deine Geschäfte die gesellschaftlichen Pflichten zu vergessen, hielt ich es für geraten. Dich lieber selbst zu erinnern. Habe ich recht getan, Sergi?" „Gewiß, meine Liebe, wie immer," lächelte er ihr freundlich zu. „Doch heute hättest Du nicht nötig gehabt, Dich zu bemühen; ich bin gleich fertig. Es sind nur noch drei „Z" außer diesem zu erledigen, dann bin ich fertig." Geschäftsmäßig kramte er jetzt unter den Papieren, die vor ihm.lagen. „Bolkmann — Volkmann — ach ja. Das sind wohl Ihre Zeugnisse; sehr nett, sehr schön. Nur tut es mir leid, daß ich der Entscheidung der akademischen Behörde nicht entgegentreten darf. Innerhalb vierundzwanzig Stunden müssen Sie Odessa verlassen!" Er war gerade im Begriff, nach dem Klingclzuge zu greifen, um auch diesen Bittsteller, wie alle andern, hinansgeleiteu zu lassen, als die Baronin mit einer schnellen Bewegung seinen Arm festhielt. „Aber, Sergi," flüsterte sic ihrem Gatten zu; „Haft Du denn ihn Dir auch angesehen?" Jetzt erst hielt cs der hohe Beamte für nötig, den Bittsteller wenigstens auznsehen. „Armer Kerl!" erwiderte er ebenso leise. „Er ist kreidebleich geworden. 'Aber ich kann ihm doch nicht helfen. Du weißt doch, Adele . . . ." Er zuckte bezeichnend 'mit den Achseln. „Sergi," war ihre Gegenrede, „hast Du jemals ein solch getreues Wbild des „Apollo von Belvedere" in Fleisch und Blut gesehen?" „Du hast recht. Er ist wirklich ein bildhübscher Mensch. Wer — — aber — — Dir weißt doch, ineine Jnstrukt. . . ." „Dieser junge Mann würde eine Zierde für jeden Salon sein," fuhr sie unbeirrt fort, während sic Baruch kritisch aber doch teilnehmend musterte. „Sergi, dieser verdient wohl eine gewisse Berücksichtigung." „Was soll ich mm machen?" „Eine Ausnahme," war ihre lakonische Antwort. Der Baron sann eine Weile nach und sprach dann: „Meinetlvegcn; tveil Du es ivünschest, Adele. Ich glaube sogar, daß die Angelegenheit dadurch einen bessern Anstrich bekommt. Wir beweisen dadurch, daß wir nicht prinzipiell die Juden ausweisen." Sich lvieder zu Bolkmann wendend fuhr er dann fort: „Herr Bolkmann, Sie haben einen liebenswürdigen Anwalt für Ihre Sache bekommen, und da auch noch verschiedene andere Tatsachen zu Tage getreten sind, die ,zu Ihrem Gunsten sprechen, so will ich für Ihre Person eine Ausnahme machen und den Beschluß des Senats anfheben." Die fahle Blässe auf Baruchs Gesicht machte einer glühenden Röte Platz. Er richtete sich zu seiner ganzen stattlichen Höhe auf, und in seinen Worten lag keine Spur von Freude ober Dankbarkeit. „Exzellenz verzeihen, daß ich nicht umhin konnte, die Erörterung der neuen „Tatsachen" mitanzuhören." Beide Gatten sahen sich au und lächelten leise. „Es ist wahr," sprach der Baron gut gelaunt; „wir haben unsere Ansichten etwas lairt geflüstert." „Und — — und — — ineine — guten Leistungen." Baruch war so erregt, daß er den Satz kaum zusammenhängend herausbringcn konnte, „und meine gute Führung, mein Fleiß, kommt dieses gar gar nicht in Betracht?" Der Baron runzelte die Stirn. „Junger Manu, Sie sind ein wenig keck! Sie haben doch ein Gesuch cingcreicht; ich fühle mich veranlaßt, es Ihnen zu gewahren; damit ist die Sache für mich erledigt." „Herr Bolkmann," richtete die Baronin jetzt das Wort an ihn, „nehmen Sie die Gaben dankbar hin, die die Götter Ihnen gespendet, ohne erst lange darüber nachzugrübeln." Baruch fuhr zusammen. War es möglich, daß diese stolze Frau eine solche Freundlichkeit in ihre Worte legen, daß ihr herrisches Gesicht eine solche Teilnahme bekunden konnte? Ein warmes Gefühl der Dankbarkeit stieg in seiner Brust auf, das aber vor seinem gerechten Stolz nicht lange standhalten konnte. Was sollte er pun machen? Würde es sich nur um feine eigene Existenz handeln, so würde er beide Augen zudrücken und sich mit der Tatsache zufrieden geben; schlimmstenfalls müßte man die Sophistik zu Hilfe nehmen und den Verstand so weit anstrengen, bis man den ganzen Vorgang aus dem Zufälligen herausgedeutelt und in eine gesetzmäßige Handlung hineingeklügelt, um des hohen Zieles-wegen, das Beschämende mit in den Kauf zu nehmen. — Allein hier war ja auch noch Niman zu berücksichtigen. Niman, seine zweite Hälfte, nein, diese darf nicht vergessen werden. „Herr Baron," sprach er, während sein Blick auch die Baronin umfaßt; „ich bin Ihnen aufrichtig dankbar und auch bereit, von Ihrer Güte Gebrauch zu machen." Der Baron lächelte spöttisch, ohne etwas zu erwidern. „Allein," fuhr Baruch fort, ohne Pas spöttische Lächeln des Barons, noch den warnenden Blick der Baronin zu beachten, „ich möchte mir untertänigst zu bemerken erlauben, daß mein Geschick mit dem eines treuen Freundes eng verbunden ist, und nur wenn sich Ihre Gnade auch auf diesen erstreckt, wäre ich bereit, auch für mich . . . ." „Herr Bolkmann," unterbrach ihn der Präfekt streng, „erlauben Sie mir zu bemerken, daß es nicht meine Gewohnheit ist, mit Leuten Ihres Alters lange zu unterhandeln; am wenigsten mit solchen, die eine Gefälligkeit von mir erbitten, und erst recht nicht, mir Bedingungen vorfchreiben zu lassen. Ihr Gesuch habe ich berücksichtigt, Ihren Wunsch habe fch erfüllt; meine Beweggründe brauche ich Ihnen nicht mitzuteilen. Mit Ihrem Freunde aber hocke ich nichts zu schaffen. Wer," durch eine Gebärde seiner Frau fuhr er etwas milder fort, „ich will Ihre Jugend in Betracht ziehen, indem ich Ihnen noch vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit gebe, ob Sie „geneigt" sein werden, das anzunehmen, um was Sie mich gebeten. — Bitte, hier durch diese Tür." „Und vergessen Sie auch nicht, daß jeder sich selbst der nächste ist." Es war die Baronin, die die letzten Worte gesprochen. Mit einer kurzen Verbeugung verließ Baruch das Zimmer. Er hatte cs absichtlich vermieden, die grauhaarige Dame anzublicken, um nicht den Eindruck auskommen zu lassen, als fühle er sich auch ihr gegenüber für etwas verpflichtet, was sicherlich nur durch eine Weiberlaune entstanden tvar. Als er wieder die gemeinsame Bodenkammer betrat, sand er Niman über ein altes Kleidungsstück gekauert, das er mit seinen plumpen Fingern auszubessern versuchte, während zwei zerschlissene Reisetaschen neben ihm lagen. _Fortsetzung folgt.)_ Kaiser Friedrich Quelle ■ ■ — Offenbach a. M. — ■ Gegen Gicht and Rheumatismus bewährt. J. EMMEL & SOHN Schillerstrasse 26. Spezial-Gesehift für Hain. Zeiehen-Utensilien. Holzbrand-,Kerbschnitt-,Tarson. Batik-Artikel. Wocheir-Salerlder. (Zeitangaben nach dem Luacb.) Samstag, den 8. Januar (== 27. Tewes): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 15 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 35 Min. in Berlin 5 Uhr — Min. Wochenabschnitt: Woöro. — Verheißung Gottes, das Volk Israel erlösen zu wollen. Der Stammbaum Moses und Ahrons wird aufgeführt. Moses und Ahron sollen gemeinschaftlich zu Pharao gehen. Sie verrichten dort das Wunderzeichen mit dem Stabe, der sich zur Schlange verwandelt. Alsdann ahmen es die Zauberkünstler Pharaos nach. Der König verstockt sein Herz. Die 10 Plagen beginnen. Zuerst verwandelt sich alles Wasser in Blut. Die Eghpter graben nach gesundem Wasser, jedoch vergeblich. 'Als die Plage vorüber war, entließ der König doch nicht das Volk. Es kommen bann Frösche in ungeheurer Zahl aus dem Flusse. Auf Pharaos Bitte fleht Moses unr die göttliche Gnade; die Plage weicht. Pharao verstockt sein Herz, es kommt die dritte Plage: Ungeziefer, aus dem Staub der Erde entstehend. Pharao erkennt darin den „Finger Gottes". Die vierte Plage bringt G e w i l d. Wiederum fleht Moses auf des Königs Wunsch zu Gott, das Gewild verschwindet. Alsdann entstehen an Mensche» und Tieren Geschwüre. Pharao aber verstockt aufs neue sein Herz. Die nächste Plage ist P e st oder Viehseuche. Von Israels Vieh aber stirbt kein Stück, so daß Pharao wiederum das Volk nicht entläßt. Als siebte Plage wird Hagelschlag angekündigt, der mit nie gesehener Heftigkeit eintreten soll. Es wurde viel Vieh erschlagen, auch Menschen getötet, Bäume und alles Grüne vernichtet, nur einiges ausgenommen. Moses bittet um Wwendung der Plage, Pharaos Herz verstockt sich von neuem. — Dienstag ist Rausch-Chaudesch S ch w a t. Offenbacber Druckluft*Anlage Telefon 123. OHaobach a» M. Telefon 123. (Jnflbertioffene bewährteste TappIchrslnl0UIlff. KemUieimachrichte*. Scharten. Einen Sohn, Herrn Leo Levi (Katz), Heidelberg. Einen Sohn, Herrn Julius Baer (Maier), Frankfurt, Böhmerftr. 8.

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