Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mage zu ilt. 1 fe Frankfurter IsmekMm FamümKlMs. Bezirlstonsercuz der süd- und westß deutschen Jugendvereiue. Schluß. Nach der Frühstückspause, die .dem Vereine .Hkontefiore" - Gelegenheit gab, den liebenswürdigen Gastgeber zit spielen, hielt der rührige Vorsitzende des „Montcsvire" Herr Felix Meyer, sein Referat über de n'h ie s igen jüd. Jngendverein. In kicrzen, klaren Sätzen unterstrich er das Wesentliche der unseren Lesern ' jagenügsam und von der vorteilhaften Seite bekannten Einrichtungen des Vereins „Montefiore." Als einen prinzipiellen Unterschied gegenüber dein „Gabriel Rieser"-Verein (Köln) hob er hervor, daß man im hiesigen Vereine freie Meinungsäußerungen über die verschiedensten religiösen, nationalen, politischen Fragen und Diskussionen darüber nicht z »lasse, da § 3 der Statuten dies verbiete, tzind man schon bei den leisesten Verstößen gegen diese Anordnung die unangenehmsten Folgen (heftiges Anfeinanderprallen, persönliche Differenzen) wahrnehmen konnte. Hernach sprach Herr Alf r. F i s ch c r aus Hannover kurz über „D i e R e d n e r s r a g e", die bei den Jugendvereinen, besonders an kleineren Plätzen, ein schwieriges Problem darstelle. Der „Verband der jüd. Jugendvereine" habe unlängst eine Liste von Rednern, die zu Vortrags - Tournees bereit seien, ausgestellt und an die Vereine versandt. Herr- Fischer riet jedoch,. davon so wenig >uie möglich Gebrauch zu machen. Es sei richtiger, junge Leute ans den Reihen der Vereinsmitglieder mit Referaten zu betrauen und allmählich zu tüchtigen Rednern heranzubilden. Auch sollten die benachbarten Verbandsvereine einen Redner-Ausschuß in's Auge fassen. Parade-Vorträge, die ja nicht ganz zu vermeiden seien, aber mehr in das Tätigkeits- Bereich der Literatur-Vereine fielen, sollten nur die Ausnahmen bilden. . V Es folgte das Referat des Herrn Ignatz .Berger vom „Montefiore" Frankfurt a. Main -über „Das Bibliothekwesen." Herr Berger - Wußte das an sich trockene Thema bei aller Sachlichkeit fesselnd auszugestalten. Er beklagte den -Mangel an Sammlungen guter Erzählungen aus dem jüd. Leben, wie sie die vorzügliche Lehmann'schc Bibliothek darstellt. Welche Durchschlagskraft und -selbst das jüd. Gemütsleben propagierende Wirk- Mig gute jüd. Belletristik besitze, das dokumentiere He außerordentlich starke Nachfrage nach Werken wie „Die Killebacher" und „Onkel Jonas" mit ihrem köstlichen, echt jüd. Humor. Herr Berger sprach dann von dem Vorhandensein einer Anzahl von Doubletten ,in jeder größeren jüd. Vereinsbibliothek und riet zum Austausche solcher unter den Berbandsvereinen, bzw. zur Schenkung on junge Vereine, die eine Bibliothek einrichten tvollten. Ms leitende Tendenz bei der Schaffung solcher Büchersämmlungen bezeichnete er den Gedanken, in 1. Reihe Bücher von Juden und über Judentum und Judenheit anzukaufen, daneben belehrende Werke ans Kunst und Wissenschaft. Aus hygienischen Gründen sei ein gleichfarbiger, Heller Papier- Umschlag um jedes Buch der Bibliothek zu verlangen. Wichtig für die Vergrößerung der Bibliotheken sei die Gönnerschaft von Bücherfreunden und Bibliotheken, die der „Montefiore" zu besitzen in der glücklichen Lage sei. Schließlich hob Referent die Wichtigkeit eines guteir Bücherkatalogs hervor und klagte darüber, daß alljährlich manche Werke infolge Säumigkeit oder mangelnden Ordnungssinn der Mitglieder verloren wurden; erlegte die vorbeugenden Maßnahmen des hiesigen Vereins dar. Auch dieses Referat wurde mit sichtlicher Befriedigung und beifällig ausgenommen. Es wird nun in die Diskussion über die vorhergegangenen Referate eingetreten. Deutsch-Freibnrg warnt davor, das religiöse Moment zu sehr hervorzuheben, da es auch Pereine gebe, die nicht religiös sind. Zahnarzt Nathansen spricht zur Bibliotheksfrage. Er empfiehlt besonders in Vereinen, Denen viele Ausländer ängehören, die Anschasf- Mng von hebräischen Büchern und auch solche im ^Jargon, wobei er auf den hebräischen Verlag ...Tuschijah" in Warschau hinweist. Was die Redncr- .' stage betrifft, jo warnt er davor, Redner ihr -Heferat sehr oft halten zu lassen, da ihnen dann .. hie innere Wärme fehlt. -.jjf Deutsch-Freiburg betont, daß auf die >«ge Diskussion mehr Gewicht zu legen sei, als -auf das Referat selbst. L Dr. Simon-Mainz:- Die Vereine sollen We religiöse Erkenntnis pflegen, nicht religiöse Betätigung. Die Kenntnis.) dev jüd.. Geschichte und Literatur muß erstrebt werdpn,' damit nicht das.Judentum;u einem nichtssagenden Schlagwort herabsinkt. ' jD Dr. Löffler weist gegenüber den, 30tä* uhrungen. der Kölner Redner darauf hip;ayß .jjf Montefioreverein Debatten über religiöseiFrasten -unmöglich^stjen, da es leicht zu persönlichen MMNNtzK Äwme. Betreffs der SluswahlDD 30) ' W Themen bemerkt der Redner, daß die Jugend- Vereine auch literarische Vorträge veranstalten müssen und dies nicht lediglich den Literaturvcrchien überlassen. Resereudar K a hn - Köln: Die Reduer müsscn, soweit es geht, aus dem Vereine selbst genommen werde». Auch er spricht sich gegen eine religiöse Betätigung der Vereine aus, ihre Aufgabe sei cs nur, die große jüd. Gemcinschaftsidce, die durch die Zersplitterung und Parteipolitik verloren gegangen sei, wieder aufzurichten. E i s e u k r ä m e r legt das Hauptgewicht auf die gute Zusammensetzung des Vorstandes; in religiöser Hinsicht will er die Vereine auf st r e» g traditioneller Basis haben; er weist auf den Widerstand m a n ch c r orthodoxer Kreise gegen die Jugendbewegung hin. Rabb. Dr. I. H o r o v i tz: Der Zweck der Vereine muß der sein, alle seine Mitglieder in ihrer ideellen Gesinnung zu befestigen, da wo sie vorhanden ist, und sie zu wecken, da wo sie nicht vorhanden ist, darum darf nichts von den ideellen Interessen des Judentums in irgend einem seiner Mitglieder verloren gehen. Hüten Sic sich, auch nur einem jungen- Manu in Ihrer Mitte irgend eines seiner Heiligtümer anzutasten oder gar zu rauben. Der Verlust trifft nicht nur ihn, sondern alle. Wünschen einige Mitglieder die Errichtung von hebräischen Kursen, so muß ihrem Verlangen jvfort entsprochen werden. Auf die religiöse Betätigung möchte der Redner nicht ganz ausgeschlossen wisse»; z. B. sollen, wie bereits hervorgehoben wurde, Sederabende und Freitag- Abende eingerichtet werden. Ein Zwang dürste natürlich in keiner Weise ausgeübt werden. Jcder jüdische Jüngling, der sich durch sei» Verhalten nicht selbst ausschließe, müsse willkommen sein. Was das Verhältnis der Jugendvereine zu anderen jüdischen Vereinen betrifft, so dürfen die Jugendvereiue keineswegs andere schädigen. Sonst würde der Zweck der Komentration nur einseitig erreicht werden und die Zersvittcrung befördert, der man entgegenarbeiten will. Um sie zu verhindern, kann mit gewisse» Vereinen — wie z. B. in Frankfurt mit dem Literaturvereiu — eine Verständigung getroffen werden. Herr F i s ch e r - Hanovcr spricht nun über „W e i b l. I u g e u d v e r e i n e." Die weibl. Jugciidvereiue sind ebenso notwendig wie die männlichen. Die Zwecke müssen auch die gleichen sein, mit dem einen Unterschied, daß die weibl. Vereine den Schwerpunkt auf das Soziale legen müssen. Im Gegensatz zu den männlichen Vereinen müssen die weibliche» suchen, möglichst viel ältere Mitglieder zu gewinnen, die sic durch Rat und Tat unterstützen können, da die Mädchen undisziplinierter sind. Selbstverständlich muß auf die Erforschung des Judentums viel Gewicht gelegt werden, da ja die Mitgliederinnen berufen .sind, die neue Generation zu erziehen. Ferner ivüicscht Redner gesonderte weibl. Jugcndvcreine, und er lvendet sich auch dagegen, daß Mitglieder der männl. Jugendvcreine nun daran gehen, Schwester- Vereine zu gründen, da dadurch nur die Kräfte zersplittert werden. Die Gründung der weibl. Vereine sei Sache der Organisation und der Damen, während die männl. Vereine sic nur unterstützen können. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, von der wir der Kürze wegen nur das Wichtigste wiedergeben. Scheuer- Trier empfiehlt für kleinere Städte gemischte Vereine. Dr. Löffler betont nochmals energisch die von allen Rednern anerkannte Forderung des sozialen Ausgleiches gegenüber den in letzter Zeit mancherorts aufgekommenen Versuchen, soziale Sondervereine zu gründen, die nur dazu dienen werden, ein gesellschaftliches Protzentum .aufzuziehen. Frl. Nenmüller weist auf die Schwierigkeit für die weibl. Vereine hin, die darin besteht, daß es zwei große Klassen von Frauen gibt, die arbeitenden und arbeitslosen. Auch sei die Gewinnung eines dauernden Stammes von Mitgliedern in weibl. Vereinen unmöglich, da die Frau mit ihrer Verheiratung jede soziale Tätigkeit gewöhnlich aufzugeben pflegt. Frau Fromberg betont demgegenüber, daß 'cs überhaupt keine arbeitslose Frauen gibt, daß viemehr die Hausfrauen ebensoviel arbeiten wie die im Leben stehenden Frauen. Die Rednerin bemerkt, daß in weibl. Jugendvereinen die Abhaltung von Freitagabenden unmöglich sei. da die Frauen ja keinen Kiddusch machen infolge ihrer Minorennität im Judentum. ■~xt Referendar Kahn wendet sich lebhaft gegen Mi-Porrednerin. Gegenüber ihrer Bemerkung, daß 'MI keine arbeitslosen Frauen gebe, weist er auf die große Anzahl der Haustöchter hin, die gar k'e-ineu eigentlichen Beruf haben. Diesen Mädchen. sollen• die weibl. Jugcndvcreine Gclegenhest zu sozialer. Bekätigung geben. Auch weist er dHvBcmerkung-^tzer. Frau Fromberg energisch zwmictz daß -die Fra« im Judentum eine inferiore Stellung. jeinnehme. Rabb. Dr. I. H o r o v i tz betont ebenfalls die hohe Stellung, die die Frau im Judentum cinnimmt. Was die Bemerkung der Frau Fromberg über die Unmöglichkeit der Abhaltung von Freitagabende» betrifft, so sei dies ja in diesem Falle gar nicht zutreffend, da, wie schon bemerkt wurde, die Frau wohl Kiddusch machen könne, außerdem könne man ja einen Familienvater hinzuziche», da dadurch der familiäre Eharakter der Abende noch erhöht würde. Betreffs der Art der ivcibl. Jugeudvereine tritt Redner für Gründung von Sondervereinen ein. an kleinere» Orten jedoch, wo die Trennung in zwei Vereine der kleinen .Zahl der Mitglieder wegen unmöglich sei, könnten ja beide Vereine viele Veranstaltungen gemeinsam machen. Rach kurzer weiterer Diskussioitcheschließt man die Verschiebung der Debatte über dick Stellung der Vereine zu den religiösen Fragen auf die nächste Tagung und Herr M euer ergreift das Schlußwort, darin besonders die schöne Harmonie, dick aus der Tagung geherrscht hat, hervorhcbend. Diesen Worten, sowie denen des Herrn Rabb. Dr. H o r o v i tz schließt sich auch Herr Fischer- Hannöver inr Raulen des Gesamtverbandes an und hebt noch besonders hervor, daß im Müdcheuheini zu Hannover sehr schöne Freitagabeiidfeieru bereits abgchalten werde». UmVeö Uhr wurde die Konferenz geschlossen. Aus aller Webt. Deutsches Reich. Kiel. Sonntag fand unter lebhafter Beteiligung die E i n w e i h u n g der neuen Synagoge am Hohenzollern-Park statt. An der glänzenden Feier nahmen n. a. Oberbürgermeister Dr.' A u ß und Justizrat Döring, der stellvertretende Stadt- Verordentcnvorstehcr, teil. Die Festrede hielt Rabbiner Dr. E m i t E o h n. Ju dreiteiliger Rede führte er aus: Das neue Gotteshaus enthalte cigeiltlich drei Häuser, ein Schulhaus, ein Bolkshaus und über ~ beiden sich erhebend das Gotteshaus. Das sei ein tiefes Symbol für das Wesen der jüdischen Religion, in der das Menschliche uicd Göttliche stets innig mit einander verwachsen sei. Leben und Lehre seien „das untere Stockwerk" dieser Religion. Jetzt sei der Ban fertig. 3lber rin schöneres Symbol als der fertige Bausei der nnsertige, der wachsende emporstrebende Ban gewesen. Und wen» er jetzt auch abgeschlossen wäre, so mußte doch ein neues Bauen beginnen, das ideale, sittliche Bauen des neuen Gotteshauses. Jeder hätte die Pflicht, seine Liebe und Begeisterung in die Wände des neuen Gotteshauses hineinzumaueru. Dann würden die kalten steine lebendig werden. Dann würde man auch dahin kommen, de» Bau in höherem Sinne zu besitzen, weil man ihn erworben hat. Schließlich ^Niemals dürfe dieses Bauen aufhören. Denn das JMNWr serjw'nnhr» als ein unendliches Baue». ,L«ilkM fi»llt>iM»erden> den» heilig bi» ich, der Herr!" Das fei' sebt oberster Grundsatz. Die ewige Erneuerung. - des Menschen lehre seine Geschichte, seine Religiös uni» sie fordere auch 'der neue Bau-"'. Die Synagoge, die in weniger" als Jahresfrist erbaut wurde, ist gewiß einer der eigenartigsten Tempelbauten, die wir haben. Ihre innere Ausschmückung stammt von demselben Künstler, der die Frankfurter Religionsgesellschafts-Synägoge ausgestattet hat. Zwei sich schneidende Tonnengewölbe werden von einer mächtigen Kuppel von 10 Meter Dnrchinesfer überdacht, aus der in slimmerndem Blau der goldene Davidsstern, von einem Kranz stilisierter Adler umgeben, herabblickt. In den Wölbungen die Wappen der 12 Stämme nach dem Midrasch. Der heilige Schrein ein mächtig vorspringender Klinkerbau mit schwerer goldener Kuppel und ebensolchen Türmen. Davor ein kostbarer über 3 Meter hoher Vorhang mit schwerer Goldstickerei, von den Frauen der Gemeinde gestiftet. Die Farbenwirkung des Ganzen, die unten dunkel, nach oben hin immer heller wird, ist geradezu berückend schön, vor allem, wenn durch die gelben Fenster der Kccppel die Sonne bricht. Die Besucher Kiels sollten nicht verfehlen, dijüe nach dem einstimmigen Urteil der. Fachleute einzigartige Sehenswürdigkeit in Augenschein zu nehmen. Es ist ein gutes Zeichen für die kleine Kieler Gemeinde, daß sie die gesamten Koste» des Baus, abgesehen von. einer kleinen Stiftung des bekannten Zionisten Jacob Moser -Bradford, aus eigene» Mitteln errichtet hat. Von sonstigen Stiftungen sind noch zu erwähnen das Zionsfenster der Kieler zionistischen Ortsgruppe und die Vorhänge, die ein ehemaliges Gemeindemitglied, Herr Tannenwald-Stettin geschenkt hat.