Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 48 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1Ö. gefeierten unb allbeliebten Konzertsänger, mit seinem wohltönenden Baßbariton, zunächst 2 Arien aus den Oratorien „Judas Makkabäus" und „Josua" von Händel und später die Balladen „Salomo" von Hermann und „Tom der Reimer" von Löwe. Mit Anerkennung sei auf die der Bedeutung des Abends entsprechende Auswahl der Gesänge hingewiesen. Frau Grete Ilm, die geschätzte Charakterdarstellerin vom Schauspielhause, die zuerst aus „Buch Simson" und 'hernach einige deliziöse Sächelchen aus „Des Knaben Wunderhorn" rezitierte, mutz unter einer seelischen Indisposition gelitten haben; denn sie vermochte nicht zu erwärmen und war eigentlich die schwächste -Stelle im Programme. Eine herzliche Freude konnte man dagegen an dem' „kleinen Gernegroß" — pardon, dem 8jährigen Violinisten Max Ponch aus Ossenbach erleben. Er ist kein Wunderknabe, der phänomenale Darbietungen brachte, wie dies bei Veesay oder Micha Elman der Fall war. Nein, das ist . ein gesundes, liebes Kind mit klugem Blicke, das eine ausgeprägt musikalische Begabung und ein bei seinem Alter beachtenswertes, doch nicht gerade wunderbares technisches Können besitzt. Der Vortrag eines „Conzertier" von Huber und des „Perpetuum mobile" von Böhm, sowie die Dreingabe der „Träumerei" von Schumann gelang sehr gut und fand stürmischen Beifall, ja sogar Blumen- und Lorbeerspende! Im Interesse einer gesunden musikalischen und rein menschlichen Entwickelung muß man jedoch den Eltern des Knaben raten, ihn nunmehr für längere Zeit der großen Oesfentlichkeit vorzuenthalten, die leicht verwirrend auf solch' ein kindliches Hirn einwirken könnte. Wir sind dann sicher, daß später aus ihm ein großer Violinist werden wird. Den Beschluß der Aufführungen hildete, nach einer kleinen Pause, die Wiedergabe von Jacques Offenbachs reizender Operette „Die Verlobung bei der Laterne" mit ihren einschmeichelnden Weisen und ihrem anspruchslosen, aber doch wirksamen Humor. Einstudiert und am Abend begleitet (am Flügel) ward das Stück durch Herrn Siegfr. Würzburger, der darum von dem starken Erfolge einen guten Teil für sich in Anspruch nehmen darf. Geradezu glänzend und gesanglich in nichts hinter Berufssängern zurückstehend waren aber auch die mimenden Damen und Herren (Frau Alma K. Larsing als Annemarie, Frl. Friedel Geiger als Katharine, Frl. A n n i Stern, als Life unb der prächtige Tenor des Herrn W i l h. Roland als Peter); hervorheben wollen wir nur den herrlichen Zusammenklang der Stimmen in den Terzetten und Quartetten. Nach den Aufführungen, die kurz nach Mitternacht ihr Ende erreichten, kam auch der Tanz zu seinem Rechte. Wieder müssen wir mit Freude konstatieren, daß sich die Jugend aller gesellschaftlichen Sphären daran beteiligte, fast zu zahlreich, sodaß man selbst die Bühne noch als Tanzpodium verwenden mußte. Und in den Nebensälen tauschten indes die Ballmütter und Herren Väter ihre Eindrücke über den Festabend aus. Was wir da erlauschen konnten, war eitel Lob und Zufriedenheit. Ein „Glückauf" dem strebsamen Vereine für die weitere Zukunft! x. Frankfurt a, M Die Chanukafeier des Vereins „Nachlaß Zwi" bestand wie gewöhnlich in der Hauptsache aus einer groß angelegten Festrede. Diesmal sprach der als geistreicher Redner geschätzte Herr Professor A. Weyl. Sein Thema lautete: „Die Götter Griechenlands". Wir können im Nahmen eines Berichts nur das Wesentlichste der eine Fülle wertvoller Einzelheiten enthaltenen Ausführungen wiedergeben. Wie Jakob auch im Kampfe mit geistigen Wesen siegte, so hat auch der jüd. Genius mit dem griechischen gerungen und gesiegt. Und dieser Kampf war notwendig. Man hat von den Griechen gewöhnlich eine falsche Vorstellung. Dieses Volk, das so hervorragend auf dem Gebiete der Philosophie und Kunst war, ist überhaupt kein freudiges Volk gewesen. Homer ist ein wunderbarer Dolmetsch der griechischen Volksseele bis zur christlichen Zeit. Und betrachten wir uns die Götter im Homer, so lernen wir in diesen Göttern des griechischen Volkes die Verüber von Sittenlosigkeiten, Lug und Trug, Grausamkeiten usw. kennen; sie schonen nicht die Helligkeit der Ehe, sie achten nicht die Heiligkeit des gegebenen Wortes. So waren denn Sittenreinheit und Menschenliebe den Griechen fremd. Ein Sokrates, ein Plato, ein Aristoteles sehen in der Frau ein inferiores Geschöpf und in der Sklaverei etwas Selbstverständliches. Den krassesten Ausdruck findet dieses Denken der Griechen in der Kindesaussetzmig. Ihnen fehlte eben der Begriff der göttlichen Ebenbildlichkeit des Menschen. Lebhaftester Beifall lohnte den Redner. Seinem Vortrage gingen voraus und folgten musikalische und deklamatorische Darbietungen, um die sich Fräulein Oppenheimer, Fräulein Else Me her und Herr Kantor Neumann verdient machten. Frankfurt a M. In der Frankiurt-Loge sprachen letzten Donnerstag Abend Herr Dr. C o h n - Berlin über das Blindenwesen und Herr Julius Sommer über den Arbeitsnachweis der Frankfurt-Loge. Israelitisches Aamilienölati. Herr Dr. Coh», der seit seinem 7. Lebensjahr erblindet ist, gab ein anschauliches Blld über die heute gewaltigen Leistungen auf dem Gebiete der Blindenerziehung. Während früher der Blinde gleich einem Toten war, denn ihm fehlten die einfachsten Begriffe, wird er jetzt zu einem vollwertigen Menschen erzogen. Er lernt, sich im Hause sicher zu bewegen und nützlich zu machen; er schreibt und liest mit Schnelligkeit in seiner Schrift, bekommt durch geographischen und naturwissenschaftlichen Unterricht von der Welt, von Tieren und Pflanzen Anschauung usw. Redner zeigt die Unterrichtsmittel, sowie von Blinden ängefertigte Handarbeiten. Er geht sodann zu der jüdischen Blindenfrage über. Es gibt in Deutschland etwa 120 jüdische blinde Kinder im Alter von 5—15 Jahre, von denen nur 12 in Blindenanstalten untergebracht sind. Der Grund hierfür ist der, daß eine jüd. Blindenanstalt bisher fehlte. Nunmehr ist ein Verein zur Errichtung einer jüd. Blindenanstalt in Berlin gegründet worden, dessen Einnahmen bereits 16 000 Jk betragen, ein Betrag, der noch viel zu gering ist. Redner verlangt, daß jeder Jude zu dieser notwendigen Institution sein Scherflein beitrage. Herr Julius Sommer ergriff sodann das Wort. Er führte aus: Wir Juden haben von der Wohltätigkeit stets einen hohen Begriff gehabt; heißt doch das hebräische Wort für Wohltätigkeit „Zedokoh" auch gleichzeitig Gerechtigkeit. Früher wurde die Wohltätigkeit bei uns ganz systemlos betätigt und dadurch häufig ihr Zweck verfehlt; heute wird sie jedoch meist sozial geübt. — Der „Jüd. Arbeitsnachweis der Frankfurt-Loge" wurde als der erste seiner Art vor etwa 20 Jahren von Meier Schwarzschild s. A. gegründet. Wenn man fragt, warum wir Juden einen besonderen Arbeitsnachweis benötigen, so ist zu erwidern: Es besteht eben die Eigentümlichkeit, daß dem Juden nur durch den Juden geholfen werden kann. Der stellenlose Jude findet nur selten bei einem Christen Unterkommen, ja sogar manche große jüdische Arbeitgeber stellen keine Juden an. Die Tätigkeit des „JA». Arbeitsnachweises" ist eine sehr mühevolle, besonders deshalb, weil ihn: nur in seltenen Fällen Vakanzen aufgegeben werden und er daher für seine Stellensuchenden die Arbeitgeber persönlich aufsuchen muß. In seinem letzten Geschäftsjahre hat der „Jüd. Arbeitsnachweis" in 94 Sitzungen 5 21/» Stunden ca. 700 Petenten bei sich gesehen — manche mehrere Male —, jedoch trotz größter Anstrengung kaum'23 o/o derselben eine Existenz verschafft. Redner verlangt mehr Interesse für den „Jüd. Arbeitsnachweis", ebenso, daß die Jüd. Gemeinde jüd. Handwerker und jüd. Arbeiter bei der Vergebung ihrer Arbeiten in erster Reihe berücksichtige. Frankfurt a. M. Die peiirig«* Mitgliederversammlung des Zentralvereins Israel. Gemeindemitglieder hatte eine reiche Tagesordnung zu erledigen. Zunächst berichtete Herr Hugo Fränkel über das mll dem „Freisinnigen Verein für jüd. Gemeindelebeu" abgeschlossenes Wahlkompromiß. Man hätte von Seiten des Zentralvereins auf die beiden ihm zukommenden Kandidaten für drei Jahre bestanden und erst, als die Freisinnigen mit einem Wahlkampf drohten, nachgegeben und den einen Kandidaten für ein Jahr akzeptiert. Die Freisinnigen verpflichteten sich jedoch dagegen, auch im Falle eines Wahlkampfes im nächsten Jahre einen vom Zentralverein zu präsentierenden Kandidaten aufzustellen. Ueber die Breslauer Tagung des Verbandes derdeutscheu Juden berichtete ebenfalls Herr Fränkel, und er sprach sich über den Verlaus derselben sehr befriedigt aus. Ueber den Stand der Reform des Gemeinderegulativs referierte Herr Dr. W. Hanauer. Der „Freisinnige Verein für jüdisches Gemeindeleben" hat unser Anerbieten, mit ihm gemeinsam die Sache weiter zu betreiben, gerne akzeptiert und es ist eine zehngliedrige Kommission, zu welcher jeder Verein 5 Delegierte entsendet, eingesetzt worden, um an die Ausarbeitung des Resormentwurfes heranzutreten. Anschließend berichtete der Referent über den Stand der vom Gemeindebund betriebenen Reform der preußisch. Judengesetzgebung. Er ist der Ansicht, daß sich der Gemeindebund durch alle bisherigen Mißerfolge nicht abschrecken lassen werde, vielmehr bald mit einer dritten Lesung seines Gesetzentwurfes an die Oeffentlichkeit treten werbe. Da müsse man aber an den Gemeindebund das Verlangen stellen, er möge wenigstens in Zukunft die vielen Fehler vermeiden, die er bei der parlamentarischen Behandlung des zweiten Entwurfes gemacht habe, ohne daß man sich in die materielle Seite und Frage einlasse, und ttotzdem man von der Aussichtslosigkeit eines jeden weiteren gesetzgeberischen Vorgehens überzeugt sein könne. In der Diskussion wurde letzteres jedoch nicht für opportun gehalten, es wurde vielmehr der Wunsch ausgesprochen, der Verein möge zu der durch die Annahme der Friedmann'schen Resolution geschaffenen Situation Stellung nehmen. Es wird darauf hingewiesen, daß im Januar Herr Rabbiner Unna- Mannheim einen Vorttag über die Stellung der Rabbiner zu der Gemeinde halten wird. Nr. 4ß. Endlich berichtete Herr Dr. Hein.emann über die Gründung der „N e n e Freie Vereinigung", ihre Ziele und Motive. Es schloß sich daran eine sehr lebhafte Diskussion, in welcher diese Gründung allseitig mit Freuden begrüßt wurde. Der Verein versagte sich jedoch, Stellung zu der neuen Gründung zu nehmen, ehe Näheres über das Programm bekannt sei. Frankfurt a. M. Der Verein für jüd. Geschichte u. Literatur hatte am Montag seine Mitglieder zu einem Rezitativ nsabend von Frl. Marie H o l g e r s aus Berlin eingeladen. Frl. Holgers hatte eine herrliche Blütenlese aus der jüd. Gesamtliteratur zusaminengestellt. Mit Abschnitten aus der Bibel, die in einem herrlichen lyrischen Abschnitt ans dem „Hohen Lied" gipfelten, wußte sie die Hörer zu interessieren. Es folgten sodann die wuchtig gehaltene „Offenbarung" von Elisa ben Kalier, das tränenreiche „Kannst Du Herr, kannst Du's ertragen" von Rabbi Meir, solvie Salomo Gabirol's visionäres „Er naht." Unter den sich hieran reihenden Zionsliedern von Jehuda Halevi lvirkte der „Seesturm" durch seine Wandlungen in Form und Lebhaftigkeit der Sprache am meisten. Daß der Künstlerin hierbei die großen Vorzüge ihrer tiefen Auffassungsgabe, ihres an Wohllaut reichen, äußerst modulationsfähigen Organs, sowie ihre glänzende Sprachtechnik doch zu keinem allzu spontanen Beifall verhalfen, das — müssen wir freiwillig zugestehen — lag gewiß nicht au ihr selbst; sondern in diesen Chanukatagen wollte unser Publikum Dichtungen hören, die in irgend welchem näheren Zusammenhang mit dem genannten Feste stehen. Das mußte die Künstlerin aus dem freudigen Applaus ersehen, der ihr nach dem Jaeobsohnschen „Draußen Nebel trüb und feindlich," sowie nach dem „Willkommen Du liebliches Chanukafest" von Cormelius. gespendet wurde; am deutlichsten jedoch nach dem lieblichen: Moaus zur Jeschuosi von Max Herschel. Sie mußte sich hierauf zu einer Zugabe.. verstehen — Der Frau Menorah —, die dann auch den Höhepunkt des Abends bildete. Den Schluß Machten die künstlerisch eigenartigen Geschichten aus der Legende des Baulichem von Martin Buber, die von der Rezitatorin mit liebevollem Verständnis vorgetragen wurden, leider war aber das Publikum von der Fülle des Gebotene schon zu ermüdet, um die Feinheiten der Legenden zu genießen. Frankfurt a. M. Der Vorstand des G umpertz'schen Siechen Hauses Minka von Goldschmidt -Rothschild -Stiftung veranstaltete Samstag Abend in den Hellen lichten Räumen der Anstalt für seine Pfleglinge eine Chanukafeier, die in jeder Hinsicht als überaus wohlgelungen zn rühmen ist. Nachdem der älteste Insasse das Chanukalicht entzündet hatte, .hielt der Präses der Verwaltung Herr Julius G o l d s ch m i d t eine Ansprache, in welcher er in trefflicher Weise hervorhob, wie das heute als Musteranstalt einzig in seiner Art dastehende Siechenhaus aus kleinen Anfängen, dank der hochherzigen Munifizenz hervorragend edler Gönner, zu solch segensreich gedeihlicher Wirksamkeit sich entfalten konnte, gleich dem Chanukawuuder, welches durch die Begeisterung und Aufopferung edler Menschen das kleine Lichtlein zum Strahlenglanze entwickelte. In überaus liebevoller Weise wurden hieraus die Patienten reichlich beschenkt, welches durch eine der anwesenden Ehrendamen geschah, die in sinniger und herzlicher Form für jeden ein bezügliches selbstverfaßtes Poem zur Hand hatte. Mit welch aufrichtiger Dankbarkeit die Patienten die ihnen gewordene herzliche Fürsorge aufnahmen, zeigte der poetische Dank eines Pfleglings, der namens der Kranken den: opferfreudigen Vorstande, dem Chefärzte und der Schwester Oberin, sowie allen, die ihnen ihr Leid mildern helfen, seine Verehrung aus vollem Herzen aussprach. Frankfurt a. M. Der 27. Jahresbericht des „Israel. H i l f s v e r ein" (Vorsitzender: Lueien Picard) gibt ein anschauliches Bild über die Leistungen dieses Vereins. Es nahmen 3945 Durchreisende (im Vorjahre: 4238) den Verein in Anspruch, von denen 3732 mit 11380 M unterstützt wurden. Aus dem Spezialfonds (Unterstützungen, Beihülse zur Miete, zur Kur, zur Ausbildung re.) wurden 35 868 Jk verausgabt (im Vorjahre 25143 Mark); auch wurden für den „Rosch Chodesch-Verein" die Verteilungen besorgt. Im Hinblick auf die Zwecke des Vereins ist die Zahl seiner Mitglieder, die 703 beträgt, sehr gering. Frankfurt a. M. Im „Montefiore-Verein" sprach, wie wir bereits berichteten, an zwei Vereinsabenden Herr Rabbiner Dr. Arnold Lazarus über die Geschichte der Judenemanzipation. Wir geben heute den Inhalt des Vortrages wieder. Redner betrachtete, in sein Thema einführend, diejenigen historischen Tatsachen, die überhaupt die Notwendigkeit einer Judenemanzipation bedingt haben. Er fand sie in dem Bestreben der seit 325 zur Macht gelangten christlichen Kirche, zur Hebung der eigenen Würde die Angehörigen der Mutterreligion durch völlige Entrechtung, zumal auf oe-