Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 47 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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tzeite 16. Aus den Vereinen. Frankfurt a.M. Verein «Ti f er es Bachurim" In seinem Bortrage „Die Festgesetze nach Hoffmann's Leviticus" zeigte Herr Dr. B. May, wie in diesem Buche des bekannten Berliner Gelehrten Stellen der Bibel, die die Bibelkritik für ihre Zwecke benutzt, ihre sachgemäße Erklärung im Sinne der Tradition finden. Die interessanten . Ausführungen erfüllten ihren Zweck, der da war, in den Zuhörern das Verlangen zu erwecken, selbst nach Hoffmann's Levitiucs zu greifen. Fraukfuet a. M. Die ,O>rsgruvve der -Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" und der „Freis. Verein für jüd. Gemeindeleben" hatten auf -Dienstag Abend zu einem Vortrage des hier bereits als geistvollen Denkers und glänzenden Redners ■ geschätzten Herrn Professor Dr. G o l d st e i n - Darm» . stabt über das Thema „Die geistige Lage der Gegenwart und des Judentum" cinge- loben, und die zahlreichen Herren und Damen, die dem Rufe Folge geleistet hatten, folgten mit atemloser Spannung den Ausführungen des Redners. Auch die anwesenden orthodox gesinnten Zuhörer ständen unter dem Banne des Redners und erkannten an, daß die Liberalen, wenn sie im Sinne des Redners zu arbeiten beginnen, dann ihre Massen wieder dem Judentume nähern werden. Der Redner führte aus: Das liberale Judentum ist Ende der 40er Jahre unter einem materialistischen Zeitgeist entstanden. Damals galt Feuerbach's Wort in religiösen Dingen; nach ihm ist Religion nur eine Art Illusion des Menschen. Die Epoche des Materialismus, der u. a. in Häckel, Vogt, Straus' seine hervorragendsten Vertreter fand, währte etwa bis 1890 und richtete auf dem Gebiete - der Religion eine ungeheuere Verwirrung an. Dieser Zeitgeist beherrschte grade gebildete Inden. Es wuchsen Menschen auf mit durchaus stumpfem Sinn für das, was die Religion im menschlichen Leben und in der Kultur bedeutet-hat. ■ Dazu kam der Antisemitismus, der den Kampf vom religiösen Glauben aus die Rasse verlegte. Die Reaktion brachte wohl den Zusammenschluß der sozialen und politischen Kräfte der Juden und damit eine gewisse passive Religiosität, bei der das Erwachen des Pietätsgefühls mitspielt. Auch der Zionismus entstand, der Rassenjuden ermöglicht, für die das Judentum als Religion keinerlei überragende : Bedeutung hat. < Der Liberalismus hat sich festgelegt in einer geistigen Situation, die heute von den führenden Geistern nicht mehr geteilt wird; die gebildeten Juden stehen noch in dem Banne von Weltanschauungen, über die mau glücklicherweise längst hinaus ist. Heute wird Religion als das anerkannt, was in die tiefsten Tiefen des menschlichen Daseins führt. Die Naturwissenschaft ist aufs Antimaterialistische gestimmt, denn jeder Fortschritt hat nur neue Rätseltiefen gebracht, hat ' gezeigt, daß das Weltganze sich nicht aus sich heraus erklären läßt. Auch die Philosophie steht in ihren hervorragendsten Vertretern (Bergson, Eucken) heute freundlich zur Religion. Literatur und Kunst /"weisen überall religiöse Probleme auf. Es gibt keine Bevölkerungsschicht, die so selbstverständlrch atheistisch ist, wie das Gros der gebildeten Juden Deutschlands, — und doch glauben sie, auf der Höhe der.Zeit zu stehen. Auch ist ihnen die Bibel fremd, dieses Buch, das die Weltkultur in einer Weise befruchtet hat wie kein anderes Werk, das den größten Persönlichkeiten . der Weltgeschichte inneres Erlebnis war. Die Bibel bedeutet dem modernen Juden nicht einmal, was ihm Faust bedeutet, jene Bibel, deren Worte sich ein Kant, ein Goethe in ihren geweihtesten Momenten erinnerten. Änd solange der moderne Judeuicht die Bibel kennt, fehlt ihm der ResounanzbodfeMfürMklE-tiefes '.GeisteslebWL besitzt er vuch ikeiWr^Sinn'Mr«das-Große, däS'iW der modernen Kultur geschaffen wordewist. Ein Teil des geistigen Antisemitismus hat nür .in diesem Manko des modernen Juden seine Ursache. Sehr richtig sagt Go e t h e in seinem ,Mestöstl. Diwan"- über den Glauben und Unglauben: „Alle Epochen, in welchen : der Glaube herrscht, unter welcher Gestalt, er auch wolle, sind glänzend, herzerhebend und fruchtbar für Mitwelt und Nachwelt. Alle Epochen dagegen, in welchen der Unglaube, in welcher Form es sei, einen kümmerlichen Sieg behauptet, und wenn sie auch einen Augenblick mit einem Scheinglanze prahle» sollten, verschwinden vor der Nachwelt, weil sich niemand gern mit Erkenntnis des Unfruchtbaren abquäleu nräg." Israel war zu allen Zeiten der religiöse Führer der Völker, und wenn es seine Führerschaft erhalten will, muß es zu seiner Religion zurückkehren. Eine Bemerkung: Wenn das Judentum mit dem Zeitgeiste stets im Einklang stehen soll, dann .muß' es mft dessen jedesmaligen Wandel in eine Krisis geraten. Die Frage lautet: Ist die Religion das Dominierende oder der Zeitgeist? Bei den Liberalen ist es aber der Zeitgeist, Aranksurker Israelitisches KamilieMatt. — und deshalb die Verheerung in der Epoche des Materialismus. Es ist erfreulich, daß die Liberalen,sich endlich zu besinnen beginnen und auf die Bibel zurückgreifen. Die Bibel ohne den Talmud ist aber etwas halbes. Und die Bibel hat nicht nur religiöse, sonder» in demselben Maße nationale Werte. Wollen die Liberalen auf einem positiven Wege fortsahren, so müssen sic auch den Mut haben, nationale Konsequenzen zu ziehen, damit der Assimilation Einhalt geboten werde. Frankfurt a. M. ..Monteiiore'-Verein. Die Vereinsleitung giebt hierdurch bekannt, daß die Chanuka-Feier am Samstag, den 11. er. präcisc 83/i Uhr abends beginnt. Die Festtcilnehmcr werden gebeten, ihre Plätze rechtzeitig einzunehmen, da die Saaltüren während der einzelnen Programm - Nummern unbedingt geschlossen bleiben. Frankfurt a. M. Der Verein für jüd G e s ch i ch t e u n d L i t er a t u r veranstaltet nächsten Montag einen Rezitativnsabcnd, für den er Fräulein Maria Holgcrs, eine der hervorragendsten und beliebtesten Künstlerinnen der Reichs- Hauptstadt, gewonnen hat. Das Programm ist aufs sorgfältigste zusammengestellt. Aus der Bibel kommen Psalm 90 und 42 und Stelle» ans dem Buche Ruth und aus dem Hohen Liede und von den Schöpfungen des Mittelalters Gedichte von Salomo Gabirol, Jehuda Halevi usw. zum Vortrag; die Neuzeit ist mit Gustav Jacobsohn, I. Cornelius, Max Hirschcl und Martin Buber (Drei Geschichten aus der Legende des Baalschem) vertreten. Nichtmitglieder müssen besondere Eintrittskarten ä 1.— JL am Saaleingang lösen. Frankfurt a. M. Zu einer verzerhebenden Feier vereinigte der Verein „M ekor Chaji m" Sonntag Abend seine Mitglieder und Freunde, herzerhebend deshalb, weil die Feier zeigte, wie zahlreich noch ernstes Thorastudium in Frankfurt getrieben wird. Ztvci Masechtaus des Talmuds ivaren im Verein „Mekor Chajim" beendet worden, die eine unter der Leitung des Herrn Nabbinatsassessors G. Posen, die andere unter der Leitung des Herrn Dr. Joseph Breuer, und diese Tatsache galt cs bei frohem Festmahle zu feiern. Selbstredend würzten geistvolle Worte der Thora das Mahl, ein Toast im eckst jüdischen Sinne folgte dem anderen, bis das Tischgebet den Beschluß machte. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M Mit voller Befriedigung kann die „Zion. Verein igung" auf ihre diesjährige Makkabacrfcier zurückblicken. Das Vorstandsmitglied Herr A. Lewisohn, der Arrangeur des Festes, hatte einen Abend geschaffen, der von jüdischen und künstlerischen Gesichtspunkten aus ein Vollwertiges gab und den Teilnehmern — cs waren über 1000 — noch lange in froher Erinnerung bleiben wird. Mit einem von dem Schüler S c m i Rosenblum in hebräischer und dein Schüler Herma n n K r o m i s in deutscher Sprache gesprochenen Prologe setzte die Feier ein. Herr Lewisohn begrüßte in kernigen Worten die Erschienenen und stellte Herrn Aork -Steiner aus Wien, den langjährigen Mitarbeiter Theodor Herzls, als den Festredner vor. Herr Nork-Steiner -schilderte in dem ersten Teile seiner Rede die 14 Jahre Zionismus in ihren wesentlichsten Momenten, dabei stets hervorhcbend, wie Herzl alles im zion. Bau selbst erdacht und wie er, der von seiner Hände Arbeit leben mußte, sein ganzes Vermögen, jede Minute der ihm häufig so nötigen Ruhe dem Zionismus opferte. Nachdem Redner dann die Vorteile behandelt hatte, die der Zionismus dem jüdischen Volke gebracht hat, ging ec zu den Vorwürfen über, die dem Zionismus gemacht werden. Man sage, er wolle ein neues Ghetto schaffen. Eine solche Ansicht eiftspringt aber nur der Verkenpnng der wirklichen Zim des Zionismus. Wie unsere..Väter im Ghetto am Freitag Abend die Fenster verhängten, um im Kreise der Familie Kraft für den Kampf der Woche zu sammeln, so will auch der Zionismus erst alle Kräfte vereinigen für den Sabbat in Palästina. Ebenso aber wie unsere Väter am „8tägigen Sabbat", am Chanu» kah, die Fenster geöffnet hatten, so wollen auch wir nach unserer Regcnierung das Licht unserer Kultur in die Welt Hinausströmen lassen. Diese Regenerierung zu vollbringen, müssen alle Hand anlegen, und mit flammenden Versen Herzls fordert Redner begeistert alle - zur Mitarbeit auf. Dem Vortrage folgten Gesangsvortäge des Fräulein Clara Lewisohn, die, über hervorragendes Stimmenmaterial verfügend, die Arien gefühlvoll und glänzend vortrug; ferner Rezitationen von Herrn Alfted Auerbach» der seine Stücke höchst treffend ausgewählt und vorgetragen hat und stimmungsvoll gespielte Musikstücke des Tandlerquartettes. Den Schluß bildete die Ausführung eines kurzen, aber poesievollen Einakters, der durch seine gute Aufführung und geschmackvolle Ausstattung — wir erwähnen besonders das glänzende Schlußbild — die Zuhörer fortriß. Die Regie lag in den bewährten Händen des Fräulein A. Carsch. So Nr. 47. schloß das Fest in ebenso glänzender Weise, svie es begonnen hatte. Hamburg. Mitteilung des Bureaus des IX. Z i o n i st e n- K o n g r e s s e s. In den - Tagen. vor dem Kongreß findet ein ständiger Bahnhofsdienst auf dein H a u p t b a h n h o f Hamburg statt. Die Herren dieses Bahnhofsdienstes, die zu allen Schnellzügen au der Bahn sein werden, tragen blau-weiße Armbinden am linken Arnu Ferner ist während der angegebenen Zeit iu der Nische des Wartesaals ll. Klasse ein ständiges Äuskunsts - Bureau eingerichtet. Wir ersuchen die Delegierten und Gäste nochmals dringend, möglichst umgehend ihre Wohnungsbestcllungen unter Benutzung der wiederholt veröffentlichten Formulare und genauer Sl«p6c. desTages der An kn n st an uns gelangen zu lassen. Bestellungen, die diese Angaben nicht enthalten, können nicht berücksichtigt werden. Allen auswärtigen Kongreßteilnehmern, deren Wohnungsmeldungen bis zum 12. Dezember in Hamburg eingetroffen sind, wird die Adresse der für sie reservierten Zimmer nach ihrem Wohnort bekannt gegeben werden. Wer n ach diesem Termin bestellt, kann auf schriftliche Erledigung nicht mehr rechnen. Zimmer zum Preise von 2,75 JL sind nur noch in der Nähe des Hauptbahnhofes, nicht mehr in der Nähe des Kongreß-Gebäudes zu haben. Der Gottesdienst in der Gemeinde-Synagoge des Deutsch- Israelitischen Synagogenverbandes am Bornplatz beginnt Freitag, den 24. Dezember 4 Uhr, Sonnabend, 25. Dezember.morgens 8% Uhr. Am Freitag, 24. Dezember, findet im Anschluß au den Abendgottesdienst, sowie am Sonnabend, 25. Dezember mittags lVs Uhr eine gemeinsame Tafel im Logenheim (Hartungstt. 9/11 in nächster Nähe der Synagoge) statt. Preis für das Couvert 3.— JL Anmeldungen dazu an Herrn Dr. L. Frank, Altona. (Elbe), Blücherstr. 17 erbeten. Karten für den Bortrag von Max Nordau am Mittwoch, 29. Dezember sind zum Preise von 4.—, 2.— und 1.— Mark gegen Einsendung des Betrages und des Rückportos zu haben beim Bureau des IX. Zionistcn-Kongresscs, Gr. Bleichen 65. K««st und Literatur. Klostermaun, Schulwesen im alten Js. tact; 1908. Leipzig. A. Deichert'sche Verlagsbuchhandlung Nachf. (Georg Böhme). Nach einleitenden Bemerkungen über die Erziehung der Kinder durch 'den Vater (von der Mutter, vgl. Deut. 21,18^ und Sprüche, ist nicht die Rede!) bekennt sich der Verfasser zu der überraschenden Behauptung, daß es im biblischen Israel ein geordnetes Elementarschulwesen gegeben habe; ja, er versucht über die Art des Unterrichts recht eingehende Angaben zu machen. Leider ist alles, was er vorbringt, haltlos und nur durch gezwungene Auslegung bezw. Emendation schwieriger Bibelstcllen gewonnen. Nicht eine Stelle ist beigebracht, an der unzweideutig von Lehrern und Volksschulen die Rede wäre. Denn wenn Jesaja 8, 16 ff. von seinen Jüngern spricht, so folgt daraus keineswegs die „allgemeine Sitte", die eigenen Kinder fremden Erziehern anzuvertrauen. Noch weniger ist Jes. 50, 4 gesagt, daß Gott seinem Knechte eine Zunge von „Musterschülern" gegeben habe, um den „im Sprechen von Wörtern oder Sätzen Steckenbleibenden" zu helfen: der Verfasser folgert freilich aus dieser Stelle (S. 21), daß cs eine Kleinkinderschule mit Helfersystem gegeben habe. Noch geschäftiger ist seine Phantasie bei der Auslegung von Jes. 28, 9: zaw und kaw sind für ihn Kindernamen für die Buchstaben zade und kos; „ans der Tafel" (S. 26) hat der Lehrer je cinen Musterbuchstaben angeschrieben und verlangt von dem Schüler, daß er weitere hinzumalt! Von der einzigen an unseren Lehrerstand ein wcnig crinnernden Einrichtung, der des omen (Erziehers), ist bei Klostermann mit keinem Worte die Rede; er bringt nichts-.als Hypothesen, die bei einem'Manne, der ftch iin' Gegensatz/ zu-der Wellhausenschcn Schule einen selbständigen Standpunkt bewahrt hat, ' vielleicht noch peinlicher "berühren. Hn. Theorie, Ursprung und -Geschichte der Friedensidee. Kulturphilosophische Wanderungen von Dr. Samuel Max M e l a m e d. Preisgekrönt» vom Internationalen Friedensbureau in Bern. 262 Seiten. 8 JL Stuttgart, Ferdinand Enke. Vereins-Kalender. Samstag. „Montefiore"-Verein, 11 Uhr, Seilerstr. 22: Vorlesung über Kedauschim (Dr. B. May).—Verein „Mekor Chajim" 3Vr Uhr. Schützenstr. 2: Mikro-Vortrag (I. Bender). Montag. Verein „Nachlaß Ztoi", 8% Uhr, Langestr. 26: Chanuka - Festvortrag „Die Götter Griechenlands (Prof. A. Wehl), musikal. und deklamator. Darbietungen. — Vereinatchij oh": Der Vortrag fällt wegen des Chanukasestes aus. — Verein für jüd. Geschichte n. Literatur,